Online-MegazineInterview

KNEIPENTERRORISTEN

Party, Rebellion und die Endlichkeit des Seins

KNEIPENTERRORISTEN

2013 feierten die KNEIPENTERRORISTEN das 15-jährige Bandjubiläum, dieses Jahr steht die neue Platte „Lebenslang“ in den Läden – im KNEIPENTERRORISTEN-Lager ist momentan einiges los. Wir sprachen mit Sänger Jörn Rüter darüber, warum er sich weder über Themen für zukünftige Alben noch über Langeweile Sorgen machen muss, und wie ihn die letzten Jahre verändert haben.

Hallo Jörn! Erstmal – mittlerweile nachträglich – alles Gute zum 15-jährigen Bandbestehen! Wie ist dein Fazit nach anderthalb Dekaden KNEIPENTERRORISTEN?

»Vielen Dank! Es ist schon erstaunlich, dass es auch nach all den Jahren immer wieder Steigerungen gibt. Von unserem ersten Auftritt beim Grünental Open Air, über den Lausitzring und das erste mal die Hamburger Markthalle als Headliner ausverkauft bis zum aktuellen Album, das es sogar bis auf Platz 54 in die Media Control Charts geschafft hat. Und das nicht in einem veröffentlichungsarmen Monat, sondern im Wonnemonat Mai, ohne Majorlabel oder fetter Promo-Maschinerie im Rücken. Dafür möchten wir allen danken, die uns über die letzten 16 Jahre unterstützt haben!«

Letzten Monat habt ihr euer sechstes Studioalbum „Lebenslang“ veröffentlicht. Hat der Titel eine besondere Bedeutung?

»Für uns beinhaltet der Titel nicht nur den Hinweis auf den Song, sondern auch unsere Einstellung. Das, was wir mit dieser Band erlebt haben, ist etwas, was uns unser Leben lang begleiten wird. Und so lange wir noch auf einer Bühne stehen können, werden wir auch weitermachen. Um das Ganze noch zu unterstreichen, sind unsere Arme inzwischen mit Tätowierungen von KNEIPENTERRORISTEN-Motiven übersät, „Lebenslang“ halt.«

Der Titeltrack behandelt eure Wut auf Kinderschänder und Vergewaltiger. Dort heißt es: „Das Vertrauen in den Rechtsstaat haben wir schon lang verloren“ Seht ihr das Rechtssystem in Deutschland als ungerecht an?

»Gerade bei diesem speziellen Thema ist es ja echt so, dass die Täter besser geschützt sind als die Opfer. Die sind dann im Knast als Betrüger oder Steuerhinterzieher getarnt, weil es sonst zu gefährlich für sie ist und bekommen da Therapien usw., während die Opfer draußen damit Leben lernen müssen, was ihnen angetan worden ist und sich ggf. mit Krankenkassen wegen der Kosten streiten müssen. Bestimmt geht es vielen Opfern und deren Familien/Hinterbliebenen so, dass sie nicht fassen können, was da passiert ist und der Täter womöglich milder bestraft wird als ein Steuerhinterzieher, nur weil der gegen das Hoheitsrecht des Staates verstoßen hat. Der Song soll kein Aufruf zu Selbstjustiz sein, aber das Maß stimmt oft nicht, mit dem die Rechtsprechung in Deutschland reagiert.«

Gab es für diesen Song einen speziellen Anlass?

»Eigentlich nicht direkt. Ich finde diesen Missstand seit Jahren furchtbar. Oft wird dieses Thema ja sehr plakativ vom rechten Spektrum der Gesellschaft angeprangert und mal ehrlich, man sollte denen das wirklich nicht überlassen, oder? Ich greife ja auf jedem Album ein paar brisante Themen auf und bringe die mit sehr deutlichen Worten auf den Punkt. Das geht manchmal etwas unter, da uns viele Leute eher in die Sauf- und Party-Schublade stecken. Das hat sich aber in letzter Zeit geändert, da immer mehr Leute merken, dass viele meiner Texte einiges an Substanz enthalten. Es gibt noch einen weiteren Text, der sich um sexuellen Missbrauch in der Katholischen Kirche dreht, der kommt aber erst auf das nächste Album. Wir versuchen immer die Texte auf den Alben ausgewogen zu halten, halb Party, halb ernste Themen.«

'Die Reiter der Apokalypse' ist mein persönlicher Lieblingssong auf der Scheibe. Textlich schwört ihr das Ende der Welt nach biblischem Ausmaß herauf und übt Gesellschaftskritik. Glaubst du, dass wir uns mit unserem Lebensstil zugrunde richten oder interpretiere ich das über?

»Wer mich kennt weiß, dass ich mit Religion nichts am Hut habe. Aber man kann vieles aus der Bibel in die reale Welt projizieren. Die heutigen Plagen sind Bonzen, Banken, Weltkonzerne oder auch die Weltreligionen selbst, die uns in den Abgrund treiben und die Welt zugrunde richten. Die Schere geht immer weiter auseinander, die Reichen werden immer reicher und die Armen immer ärmer. Da läuft etwas gewaltig schief und die Apokalypse wird sicher irgendwann kommen. In welcher Form auch immer, aber die Menschheit arbeitet stark daran.«

Generell habt ihr einige wütende Songs auf der Platte. Seit ihr oft wütend? Ist Wut eine eurer kreativen Antriebsfedern?

»Auf jeden Fall. Die Wut auf all die Ungerechtigkeit um mich herum treibt mich zu immer neuen Texten. Ich denke nicht, dass mir da jemals die Themen ausgehen. Und ich muss sagen, je älter ich werde, und je mehr ich mich mit der Welt um mich herum beschäftige, umso wütender werde ich.«

Ein ganz besonderer Song auf der Scheibe ist 'Die Zeit heilt nicht alle Wunden', in dem du den Tod deines Freundes Tony Taylor verarbeitest. Hast du dich oder dein Leben durch seinen Tod verändert?

»Ich denke schon. Live bewegt mich der Song immer noch sehr. Ich bin mir meiner Endlichkeit bewusster geworden. Das macht mich für den Durchschnittsbürger sicher noch nicht zu einem normalen Menschen, aber ich denke, ich bin etwas ruhiger geworden und versuche mehr Zeit mit echten Freunden und Menschen, die mir wichtig sind, zu verbringen. Für diesen Song haben wir vier Jahre gebraucht, weil wir vorher einfach nicht mit dem Ergebnis zufrieden waren. Ich habe in der Nacht nach Tonys tödlichem Unfall, den ich mitansehen musste, angefangen, den Text zu schreiben, konnte ihn aber lange nicht beenden. Unser Album „Das Jüngste Gericht“ enthält bereits den Song „Dreizehn Freunde“, in dem ich indirekt auch schon versucht habe, Tonys Tod zu verarbeiten. Und so hat es fast vier Jahre gedauert, bis ich soweit war, den Text abzuschließen. Musikalisch haben wir versucht einen Song zu kreieren, der auf der einen Seite schön ist, aber dennoch nicht schmalzig wirkt. Dabei sollte er die Intensität unterstreichen, die ich mit dem Text und meinem Gesang transportiere. Und wir sind mit dem Ergebnis sehr zufrieden. Leider ist der Song gerade wieder aktuell. Mein sehr guter Freund Dirk Illing, den ich schon seit der Schule kenne, ist gerade völlig unerwartet verstorben. Dirk hat fast alle Artworks für meine Bands KNEIPENTERRORISTEN und Torment, für Remedy Records und für's Metal Bash gemacht. Er lebt also in unseren Covern weiter und wir werden unseren diesjährigen Torment-Auftritt auf dem Wacken Open Air Dirk widmen.«

Neben den ernsten Themen nehmen natürlich die obligatorischen Sauflieder wieder einen nicht unerheblichen Teil der Platte ein. Was ist wichtiger für die KNEIPENTERRORISTEN, Trink- und Gute-Laune-Lieder oder die ernsten und gesellschaftskritischen Songs?

»Es gehören alle Kategorien dazu. Wenn dein Leben jeden Tag nur Party und Saufen ist, weißt du diese nicht mehr zu schätzen und andersrum sollte es auch nicht nur Trauer und Rebellion sein. Die Texte auf unserem neuen Album „Lebenslang“ sind von den Themen so breit gefächert wie schon immer bei uns. Natürlich geht es ums Saufen und Feiern, es gibt ironische Seitenhiebe auf die Gesellschaft, aber auch ernste Themen. Wie versuchen immer, dass sich das die Waage hält.

Was sagst du denjenigen, die eure Texte als platt und/oder banal bezeichnen?

»Dolly Parton (US-Countrysängerin, mb) meinte einmal über sich, es sei sehr kostspielig, so billig wie sie auszusehen, und ich empfinde es ähnlich mit unseren Songs. Versuch mal, so viele Liebeslieder über Alkohol und das süße Leben zu schreiben, ohne dich laufend zu wiederholen! Glücklicherweise haben wir bis heute einen sehr unsoliden Lebenswandel geführt, so dass wir aus einem reichhaltigen Fundus schöpfen können.
Aber im Ernst, wir hören uns schon an, wenn jemand Kritik äußert und sie auch begründen kann. Generell ist uns eine ehrliche Meinung lieber als Heucheleien, denn damit können wir umgehen. Hört euch einfach die Songs 'Geliebt von wenigen' oder 'Euer liebstes Sorgenkind' an, dann wisst ihr, wie wir ticken. Aber die wenigen, die uns lieben, werden täglich mehr. Wir können also nicht alles falsch gemacht haben. Die Leute kriegen halt mit, dass wir immer unser Ding durchgezogen und uns nie verkauft haben.«

Hast du einen Lieblingssong auf der Platte?

»Puh, je nach Stimmung 'Rotlicht Party Rock`n`Roll', 'Die Zeit heilt nicht alle Wunden' oder 'Politisch inkorrekt'.«

Die Ankündigung des Onkelz-Reunion Konzertes rief unter den Fans ein geteiltes Echo hervor. Was hältst du von den beiden Konzerten auf dem Hockenheimring?

»Als ich das erste Mal davon hörte, war ich schon sehr überrascht. Für mich war es eine Tatsache, dass ich sie nie wieder live erleben würde. Ich gebe zu, ich bin gespannt, wie es wird. Mal schauen, mit was für Songs sie auf dem Hockenheimring auftrumpfen, aber ich hoffe auf zwei coole Konzerte und Hits zum Abfeiern, gerne mit einem Großteil der ersten zwölfeinhalb Jahre, wie am ersten Tag auf dem Lausitzring. Wir habe Karten für Freitag und Samstag, das wird sicher eine wilde Party!«

 

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