Online-MegazineInterview

CREATURE

Papier als Blendwerk

Nachdem CREATURE aus Baden Württemberg bereits 2013 als Demoband des Monats bei uns vertreten waren, haben wir uns nach der Veröffentlichung von „Helioskron´“ bei Ketzer Records erneut mit den Jungs kurzgeschlossen. Gitarrist Marco berichtete bereitwillig und ausführlich vom Albumkonzept, den Resonanzen der Hörer und einem Spielzeit-Countdown (!) beim Ragnarök-Festival. Sachen gibt’s...

Marco, „Helioskron´“ bezieht sich auf die Strahlenkrone des Sonnengottes Helios, richtig? Was steckt denn in Bezug auf CREATURE hinter der Idee, den Albumtitel zu wählen?

»Richtig! „Helioskron´“ steht als Kurzwort für „Ikaros griff nach Helios' Krone“ und bezieht sich auf den Ikarus-Mythos. Unsere Parabel kombiniert den Ikarus- Mythos mit unserem Hauptthema „Erfolg durch egoistisches Handeln - Apotheose“. Die Apotheose des Ikaros ist wiederum die Selbstkrönung mit der Strahlenkrone. Somit verkörpert Helioskron´ das perfekte Sinnbild.«

Spiegeln sich die sieben Zacken der Krone in den jeweiligen Songs konkret wieder?

»Gut recherchiert! Aber nein, tun sie nicht.«

Beim weiteren Blick auf die Songtitel fallen jede Menge religiöse Vokabeln ins Gewicht. Aurora, die Göttin der Morgenröte, das biblische Genesis und auch die „Gottwerdung“ eines Menschen, die Apotheose. Mögt ihr zu einem oder mehreren erzählen, was euch an diesen Figuren und Begriffen interessiert?

»Wir arbeiten gerne mit Allegorien, Klischees und Metaphern in unseren Texten. Die Vielseitigkeit solcher Namen und Bezeichnungen ist dafür ein fruchtbarer Boden. Wir versuchen stets mit wenigen Worten maximal viel zu sagen. Als Beispiel steht Aurora für den anbrechenden Tag und ist als das geistige Erwachen unseres Protagonisten zu verstehen. In gewisser Weise verkörpert sie hier also auch den Phosphoros, „... aus Feuer ist der Geist geschaffen ...“.«

Sind die religiös-mythologischen Themen reines Freizeitinteresse oder hat der eine oder andere von euch etwas in die Richtung studiert oder ist von Beruf aus damit beschäftigt? So etwas gibt es ja im Black Metal (z.B. Helrunar – ms.) öfters mal.

»Ich würde nicht soweit gehen unsere Musik auf ein Hobby zu reduzieren. Wir sehen den Black Metal eher so wie es beim Rock´n´Roll einst war, als Rebellion gegen bestehende Konventionen, ein Aufruf zum Handeln und Nachdenken über gewisse Themen. Es ist also Teil unseres täglichen Seins aber nicht Teil unserer Berufe.«

Symbolisiert das Albumcover in Bezug auf Helios den Fall Ikarus'? In seiner reduzierten Darstellung wirkt das Cover für mich wie ausbrennendes Papier.

»Es beschränkt sich nicht auf den Fall alleine. Es soll eher als Symbol für den ganzen Mythos verstanden werden. Das brennende Papier kann man unterschiedlich auslegen. In unserem Kontext versteht sich das Abbrennen als Aufforderung, Bestehendes zu hinterfragen und hinter die Fassade zu blicken. Bei genauer Betrachtung wird man sehen das, dass Papier als Blendwerk zum tatsächlichen Geschehen im Hintergrund fungiert, das erst durch das Abbrennen sichtbar wird.«

Im ersten Interview zu „Helioskron´“, vor dem offiziellen Release bei Ketzer Records, wolltet ihr noch nicht zuviel auf die Inhalte eingehen. Haben eure Fans euch mittlerweile Feedback oder Kritik gegeben?

»Schon vor dem offiziellen Release haben wir einiges an Feedback bekommen in Form von Reviews und Pressemeinungen. Diese stimmten uns zumindest schon mal positiv, wobei man natürlich nicht gleich davon ausgehen kann, dass auch die Resonanzen der Hörer so ausfallen würden. Doch mit etwas Abstand betrachtet haben wir eigentlich nur überwiegend gute bis sehr gute Kritiken und Meinungen bekommen. Vor allem scheint sich der Großteil der Hörer intensiv mit unserem Konzept auseinandergesetzt zu haben, was ja heute in Zeiten des schnellen Konsums nicht mehr selbstverständlich ist. Letzten Endes entscheidet aber unsere persönliche Meinung über unser Werk und wie zufrieden wir mit „Helioskron´“ sind, alles andere ist ein schöner Nebeneffekt.«

Ist euch viel daran gelegen, trotz klassischem Corpsepaint und musikalischer Raserei im 90er-Spirit, bei Aspekten wie einer klaren Produktion herauszustechen? Dazu muss ich sagen, dass ich CREATURE vor „Helioskron´“ nicht kannte.

»Ja. Wir haben von Anfang an versucht den bestmöglichen Sound, mit den uns zur Verfügung stehenden Mitteln zu bekommen. Für die ersten Demos haben wir mit einem Vierspurgerät begonnen und uns seitdem stetig gesteigert. Mit „Feindtbild“ war es uns dann möglich ein Tonstudio aufzusuchen.
Die richtige Atmosphäre ist das Wichtigste für ein Album, mit ihr steht oder fällt das Ganze. Da aber jeder in der Band nicht ausschließlich Atmosphäre hören will, sondern auch sein eigenes Instrument, ist der norwegischen Sound der 90er nicht das Richtige für uns.«

Der erste Track 'Aurora' hat zumindest mich erstmal an der Nase herumgeführt, weil das episch-verhallte Intro ganz anderen Sound verheißt, bevor nach zwei Minuten das verzerrt-dissonante Riff die Stimmung umkippt. Überraschung geglückt. Wo liegen denn so eure musikalischen Vorlieben abseits des Black Metals?

»Die musikalischen Vorlieben unterscheiden sich von Person zu Person. Doch grundsätzlich stehen wir alle mehr auf handgemachte Musik – z.B. Rock aller Arten, Klassik, Heavy Metal. Nur unser Drummer hat auch Freude an elektronischer Musik.«

'Apotheose' ist ein sehr einprägsamer Track. Besonders wegen der verspielten Drums und dem Chorgesang. Ist der Song für euch auch etwas spezielles, oder nur einer von vielen?

»Man kann auf unserem Alben kaum einen Song finden, der nicht besonders für uns ist. Inhaltlich gesehen fasst der Titel das Album zusammen. Der einzige Unterschied zu den anderen Songs ist, dass der Sänger den Hauptteil des Liedes beigesteuert hat.«

Wer war denn alles am dem Chor beteiligt, und da ich euch bisher nie live gesehen habe: Wie setzt ihr das um?

»Es war nur Barth (Alexander Barth, CREATURE-Frontmann – ms.), der im Studio mehrere Spuren eingesungen hat. Live gibt es derzeit nur die Solostimme beim Chorus. Die nächste Liveattacke ist übrigens am 16.08. auf dem Barther Metal Open Air.«

Im kurzen 'Aeon' gibt es am Ende ein Sprachsample zu hören. „Tod den Schwachen, Reichtum den Starken“, heißt es darin. Wie möchtet ihr das im Kontext der Themen des Albums verstanden haben?

»Das LaVeysche Zitat unterstreicht unsere Kernthese „Erfolg durch egoistisches Handeln“. Wer sich etwas mit dem LHP (Abkürzung für „Left Hand Path“ – ms.) und der Satanic Bible auseinandergesetzt hat, wird die Deutung von Stärke und Schwäche unmissverständlich verstehen.«

Habt ihr die Intonation mit Absicht so deutlich und...ich sage mal so neutral wie es geht, martialisch gehalten?

»Ja.«

Mittlerweile ist das Songwriting schon eine ganze Weile her. Motiviert der Deal mit Ketzer Records, weniger als fünf Jahre bis zum Nachfolger vergehen zu lassen? Inspiration und Zeit für gute Songs kann man ja trotzdem nicht rational planen.

»Wir hatten seither immer einen guten Zweijahresrhythmus für unsere Releases. Bei „Helioskron´“ gab es ein paar andere Faktoren, die den Release verzögert haben. Wir haben bereits wieder mit dem Schreiben begonnen, nur wie du schon sagtest, rational planen ist schwierig. Wir werden sehen.«

Auf eurer Facebook-Seite postet ihr regelmäßig Live-Fotos von Konzerten und Festivalgigs. Wird euch einer der Auftritte seit dem Release von „Helioskron´“ in Zukunft besonders in Erinnerung bleiben?

»Ein Liveauftritt ist immer ein besonderes Erlebnis und es ist ganz selten, dass einmal nichts Eindrucksvolles passiert, sowohl positiv als auch negativ. Da war zum Beispiel die riesige Spielzeit-Countdown-Uhr auf dem Ragnarök. Das war echt daneben! Unvergesslich ist die Location auf dem Bavarian Battle. Eine Bühne im Wald und was für eine super Atmosphäre! Oder die Metalheadz vom Iron Eagle, das war ein irres Manifest!«

 


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