Online-MegazineInterview

STOMPER 98

Online-Ergänzung zum Interview aus Rock Hard Vol. 372

STOMPER 98

Anlässlich ihres 20-jährigen Bandjubiläums hat Deutschlands bekannteste Oi!-Kapelle weder Kosten um Mühen gescheut und sich Grammy-Gewinner Michael Rosen (u.a. Papa Roach, Santana, Journey, Testament, Tesla, Death Angel) als Produzent ins Boot geholt. Kein Wunder, dass der aktuelle Longplayer der Skinheads, "Althergebracht", wie aus einem Guss klingt und nicht nur Fans von Onkelz-Klassikern wie "Kneipenterroristen", "Wir ham' noch lange nicht genug" oder "Heilige Lieder" begeistern dürfte. Wir sprachen mit STOMPER 98-Frontglatze Sebastian Walkenhorst (43) über den neuen Gitarristen Lars, Konzerte im Ausland und last but not least das besagte sechste Album in der Karriere der deutsch-amerikanischen-Freundschaft.



Sebi, warum hat euch euer langjähriger Rhythmusgitarrist Flacke Ende 2015 verlassen, und wie seid ihr an Lars Fredriksen von Rancid als Ersatz geraten?

»Nach unserer Show in Oslo im Dezember 2015 hat uns Flacke mitgeteilt, dass er aus gesundheitlichen Gründen erst einmal eine Pause einlegt. Da er seit 2001 in der Band war, war es schwierig für uns, ihn ziehen zu lassen, da S98 ohne ihn kaum vorstellbar sind. Deshalb haben wir dann erst einmal zu fünft weitergemacht. 2016 hat dann beim „Punk & Disorderly“ in Berlin bzw. auf einem Festival in Wien der Louis von Lion's Law aus Paris ausgeholfen. Louis ist ein guter Freund der Band und hat uns gerne unterstützt. Als zur Mitte des Jahres klar wurde, dass Flacke nicht zurückkommen wird, mussten wir uns überlegen, was wir machen. Unser Leadgitarrist Tommi war dann im Sommer in Florida und traf sich dort bei einer Rancid-Show mit Lars Frederiksen. Da wir seit ein paar Jahren miteinander befreundet sind und auch schon gemeinsam auf Tour waren, haben die beiden sich auch über die Gitarrensituation bei uns unterhalten. Da Lars schon lange auf S98 steht, bot er uns an einzusteigen. Da es mit einem Ami (Sebi meint Drummer Phil Templar - buf) aus New York an den Drums schon seit 2005 gut klappt, haben wir beschlossen, es auch mit einem Gitarristen aus San Francisco probieren. Und so trafen wir uns ein paar Wochen später hier in Göttingen, schlossen uns für eine Weile im Proberaum ein und schrieben das neue Album „Althergebracht“. Mittlerweile haben wir auch zusammen gespielt, und in ein paar Wochen geht es an die erste Tour zur neuen Platte.«

Mit Lars und eurem Drummer Phil spielen jetzt zwei „Amis“ bei S98. Ist jetzt Englisch bei euch „Amtssprache“, und was hat sich ansonsten noch geändert?

»Seit Phil in der Band ist quatschen wir eh meistens Englisch, wenn er dabei ist, wobei er auch schon ein bisschen Deutsch versteht. Lars hat mit seinem Einstieg noch ein bisschen mehr Dynamik reingebracht. S98 ist ja keine Full-Time-Band, geschweige dass wir von der Musik leben können oder wollen. Jeder von uns arbeitet, und die Band führen wir neben den Verpflichtungen des Alltags. Dass da viel Zeit und Kohle drauf geht, brauche ich nicht zu erwähnen. Aber das spielt auch keine Rolle, denn ohne die Musik würde ich im Alltag gar nicht klarkommen. Unser Gitarrist Tommi hat beim Songwriting genaue Vorstellungen, und mit Lars hat er einen Flügelmann bekommen, der seinen Enthusiasmus teilt. Im Proberaum bzw. im Studio war es dann auch eine Freude zu sehen, wie wir als Team funktionieren. Ich selbst bin sehr aus dem Bauch heraus, wenn es darum geht, was ein guter Song braucht. Bei den neuen Nummern, die wir geschrieben haben, fühlte es sich von Anfang an sehr gut an. Das gab mir ein gutes Gefühl für das Album und die neue Konstellation. Ansonsten haben wir als Band einen Anspruch an uns selbst, nicht auf Außenstehende zu hören und nur das zu machen, was und wie wir es wollen. Besonders in Subkulturen schreien ja alle nach Individualismus, aber der Alltag dieser Leute spiegelt das genaue Gegenteil wieder. Und gerade in Zeiten sozialer (sic) Medien und Youtube hat ja heute jeder per Mausklick die Möglichkeit, seine Meinung zu Bands, Platten, Songs usw. kundzutun. So was kennt Lars ja durch Rancid, für mich ist das eher neu, wenn die Leute sich unter unseren Songs oder Bilder darüber austauschen, welches Shirt jemand trägt oder was er gerne isst und trinkt bzw. nicht trinkt. Das ist total schräg, und ich verstehe nicht, wie sich erwachsene „Männer“ mit anderen „Männern“ im Internet über andere Leute unterhalten können und gar nicht merken, wie peinlich das für Anhänger einer Subkultur ist, die sich eher auf den Straßen abspielen sollte als im Internet. Wahrscheinlich sitzen sie einsam zu Hause und träumen von ihrer Jugend. Oder es sind Kids, die halt mit dieser Art von Konversation groß geworden sind und für die es normal ist, so miteinander umzugehen. Ich für meinen Teil pisse auf alles und freue mich, dass wir mit S98 ein neues Album am Start haben und wieder regelmäßig live spielen werden.«



Wieso habt ihr nicht gleich das komplette Album in Berkeley, Kalifornien unter der Leitung von Michael Rosen eingespielt,  sondern nur Schlagzeug und Gitarren, und wie konntet ihr das finanziell stemmen?

»Wie wir das bezahlt haben, frage ich mich im Nachhinein selbst, hahaha. Da wir alles selber stemmen und die Platte an Contra Records für Europa und an ein US-Label für Übersee lizensiert haben, floss alles was durch Konzerte, Merchandise, Plattenverkäufe usw. in den letzten zwei Jahren reinkam in die Platte. Und darüber hinaus haben wir auch privates Geld in die Hand, genommen, um alles wirklich so zu machen, wie wir es wollten. Die Basics und den Mix haben wir mit Michael Rosen gemacht. Dadurch entstand der Grundsound des Albums, und der war uns sehr wichtig. Klar, hart und trotzdem sehr klassisch dreckig. Diese modernen Produktionen, wo alles so klinisch sauber klingt, kann ich mir nicht anhören. Da spüre ich beim Hören nichts außer Langeweile. Gerade in Deutschland gibt es Dutzende Bands, die alle den gleichen Grundsound haben, und das kam für uns nicht in Frage. Leadgitarren, Vocals und Saxophon haben wir dann in Berlin aufgenommen. Die Texte entstanden um die Musik und so habe ich dann die Scheibe in zweieinhalb Tagen eingesungen. Michael Rosen hat dann mit Lars und Tommi gemixt. Die gesamte Arbeitsweise war sehr angenehm und fokussiert. Das war früher nicht so, da lief es in der Regel sehr viel chaotischer ab.«

Für eine deutschsprachige Band seid ihr schon häufig im Ausland aufgetreten, darunter in Los Angeles, San Francisco, Boston, New York, London, Oslo, Paris, Athen, Barcelona, Göteborg, Prag, Wien, Moskau und St. Petersburg. In welchen Metropolen, in denen ihr noch nie gewesen seid, werdet ihr 2018 spielen, und wo wollt ihr unbedingt noch mal hin?

»Ich habe keine Ziele mit S98, damit meine ich, dass wir nicht sagen „wir wollen jetzt mal da oder da spielen“. Die Band ist für mich Teil meines Lebens, und von Anfang an haben wir es so genommen, wie es gekommen ist. Das wir international trotz der Sprachbarriere so viele Möglichkeiten haben ist echt cool, aber selbst wenn es uns auf der nächsten Tour nach Wanne-Eickel und Bautzen verschlägt, so ist das genauso ein Highlight wie andere Länder und Städte. So viel von der Welt zu sehen ist eh der Hammer. Wenn es mal mit Südamerika oder Asien klappt, würde ich mich allerdings sehr freuen. Dort gibt es viele Kids, die unsere Band hören und unterstützen. Es gab schon häufig konkrete Angebote, aber so richtig verfolgt haben wir das noch nicht. Mal sehen was die Zukunft bringt, wir haben ja noch Zeit in den nächsten 20 Jahren.«

Was der Höhepunkt in 20 Jahren STOMPER98 und was der Tiefpunkt?

»Der absolute Tiefpunkt war erreicht nachdem uns unser Gitarrist Flacke mitteilte, die Gitarre bei S98 an den Nagel zu hängen. Diese Hilflosigkeit es nicht abwenden zu können, hat mich ganz schön abgefuckt. Höhepunkte gab es viele. U.a. die Show in St.Petersburg und das 10-Jahres-Konzert 2008 im Conne Island in Leipzig, aber auch der Gedanke jetzt schon 20 Jahre mit diesem Haufen am Start zu sein.«

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