Online-MegazineInterview

PINK CREAM 69

Ohne Scheuklappen durch die Welt

PINK CREAM 69

Für viele Bands ist der Ausstieg eines Gründungsmitglieds ein schwerer Schlag und nicht alle können das kompensieren. Auch im Fall von Pink Cream 69 stand lange nicht fest, ob die Band weiter machen würde, nachdem Drummer Kosta ins Lager von Unisonic gewechselt ist. Mit „Ceremonial“ haben die Karlsruher aber nun ein starkes Comeback hingelegt. Gitarrist Alfred Koffler nennt uns im Gespräch die Gründe für die lange Pause und das erneut starke Album.

PINK CREAM 69 - CeremonialAlfred, was war der Grund dafür, dass zwischen „In10sity“ und „Ceremonial“ sechs Jahre liegen?

»Das ist eine gute Frage. Ich war selbst sehr erstaunt, als mir jemand sagte, dass schon sechs Jahre seit dem letzten Album vergangen seien. Wir waren aber dennoch nicht untätig. Dennis produziert sehr viel und David singt noch in mehreren Bands und Projekten außerhalb von Pink Cream 69. Die einzelnen Bandmitglieder letztendlich an einen Tisch zu bringen, ist terminlich auch nicht immer das Einfachste. In jetzigen speziellen Fall kam natürlich auch noch hinzu, dass Kosta ausgestiegen ist. Dadurch befand sich die Band eine gewisse Zeit in der Schwebe. Es ist zwar in Anführungsstrichen "nur" der Schlagzeuger, aber Kosta war Gründungsmitglied und auch in organisatorischen Dingen sehr aktiv, weshalb zur Debatte stand, ob wir mit der Band überhaupt weiter machen wollen. Darüber ist dann logischerweise auch ein bisschen Zeit verstrichen.«

Hat sich der Ausstieg von Kosta auch beim Songwriting bemerkbar gemacht?

»Kosta war nie wirklich Songwriter. Von daher würde ich sagen, dass sich sein Ausstieg auf das reine Songschreiben nicht ausgewirkt hat. Sein Weggang war eher eine Gefühlssache. Man hat das halbe Leben in einem Tourbus oder im Studio zusammen verbracht. Die Sache hat eher die Band ins Schlingern gebracht, nicht aber das reine Songwriting. Klar, was die Songs angeht, hat sich über die Jahre einiges angesammelt. Wir haben auf dem Album Stücke, die erst 2012 geschrieben wurden, also relativ aktuell sind. Der älteste Song hingegen stammt, glaube ich, aus meiner Feder und ist schon 2008 komponiert worden.«

Gab es einen Hauptsongwriter oder ist das Album im Team entstanden?

»Die Hauptsongwriter waren eigentlich schon immer David, Dennis und meine Wenigkeit. So haben wir das auch auf dem neuen Album gehandhabt. Sechs Songs stammen von mir, wenn ich nicht irre - und die anderen beiden haben jeweils drei Nummern beigesteuert. Bei den Texten haben sich David und Dennis wiederum ein wenig mehr eingebracht. Aber das ist nur natürlich, da die beiden englisch, bzw. amerikanisch als Muttersprache haben. Uwe (zweiter Gitarrist – Red.) und unser neuer Drummer Chris haben ihre Meinung selbstverständlich auch kundgetan, wenn wir ihnen einen neuen Song präsentiert haben. Es ist schon ein demokratischer Prozess, der auch immer offen ist für Ideen der anderen.«

Ich finde, dass ihr noch melodischer als in der Vergangenheit agiert, dafür aber den Härtegrad zurückgeschraubt habt. Würdest du da zustimmen?

»Während des Entstehungsprozesses selbst konnte ich das Album überhaupt nicht einschätzen. Wir haben die Songs nie im Proberaum geübt, sondern im Studio direkt angefangen unsere Ideen aufzunehmen. Von daher hatte ich wirklich null Gefühl, in welche Richtung das Album geht. Wenn ich die Platte aber jetzt im Nachhinein höre, gebe ich dir definitiv Recht. Das Album ist ziemlich melodiös geworden, sehr vielschichtig. Die härteren Nummern, die in der Vergangenheit immer dabei waren, sind hier nicht so vertreten. Das stimmt schon.
Wobei ich aber auch sagen muss, dass wir nie planen in welche Richtung eine Platte geht. Ob ein Album bluesiger oder härter wird, liegt immer daran, für wie gut wir die einzelnen Songs halten. Die Songs sind frei Schnauze entstanden und die unserer Meinung nach besten Stücke schafften es letztendlich auf das Album. Wir hatten dieses Mal recht viele Nummern zur Auswahl und wenn wir gewollt hätten, hätten wir das Album auch härter machen können. Allerdings hatten die Streichungen nicht die Qualität der Songs, derer die jetzt auf dem Album sind. Deshalb kann man sagen, dass wir recht planlos die Richtung eingeschlagen haben, in die sich die Platte entwickelt hat.«

PINK CREAM 69

Eben diese melodische Ausrichtung von „Ceremonial“ mit ihren potentiellen Radiohits hat mich an die Achtziger erinnert, wo ja genau solche Songs immer im Radio zu hören waren. Schielt ihr mit einem Auge noch auf einen Singlehit?

»Jaa…natürlich hätte niemand etwas dagegen, mit einer Single durchzustarten (lacht). Wenn ich mir allerdings die deutsche Radiolandschaft betrachte, glaube ich da eher nicht dran. Wer spielt denn diese Art von Musik noch? Von dieser Warte aus ist es ganz, ganz schwer hier einen Singlehit zu landen. In der richtigen Zeit wären auf dem Album, wie du schon sagst, einige Songs mit entsprechendem Potential. Ich denke aber, dass der Markt dafür einfach nicht mehr vorhanden ist.«

Spielt für euch der kommerzielle Aspekt eigentlich überhaupt noch eine Rolle? Sechs Jahre zwischen zwei Releases können sich eigentlich nur Bands wie Metallica oder AC/DC leisten.

»Pink Cream 69 ist nicht mehr das erste Standbein für uns. Das ist auf der einen Seite natürlich schade. Auf der anderen Seite gibt uns aber genau das die Freiheit zu sagen, dass es uns egal ist, ob wir nach vier oder erst nach sechs Jahren ein neues Album veröffentlichen. Die Zeit für ein neues Album war einfach bis jetzt noch nicht reif. Vielleich hatten die Jahre gebraucht um die richtigen Songs zu komponieren, die vom Qualitätslevel her unseren Ansprüchen für die Platte entsprachen. Also haben wir uns wirklich keinen Druck gemacht. Gleiches gilt auch für die Plattenfirma, die ebenso cool reagierten, was das angeht. Anders wäre es freilich, wenn wir eine Band wären, die Stadion um Stadion füllt. Dann wäre der Druck sicherlich ein anderer. So haben wir schlichtweg Songs geschrieben, die wir gut befanden und haben dabei kräftig unsere Einflüsse mit verarbeitet. Ich würde in Bezug auf die Band nicht von einer reinen Spaßgeschichte sprechen – wir nehmen das Ganze durchaus ernst – aber wir sehen die Sache auch sehr entspannt. Meiner Meinung nach kann aber genau das dem Produkt guttun.«

Aus Hörerperspektive kann man zumindest erkennen, dass ihr nicht verkrampft auf dem Album agiert. Da spielt die von dir genannte Freiheit doch eine große Rolle, wenn man ins Studio geht, oder?

»Den Druck mit unserer Musik möglichst viel Knete ran zu schaffen und Millionen von Platten zu verkaufen, haben wir nicht und den lassen wir uns an dieser Stelle auch nicht machen, dafür sind wir schon zu lange dabei. Das macht die ganze Geschichte wesentlich entspannter. Mit Bock und Energie sind wir aber trotzdem an die Sache herangegangen. Ab dem Moment, als wir beschlossen hatten, dass wir die Sache mit Kosta verdaut haben und fit für eine neue Platte sind, war sofort eine gewisse Ernsthaftigkeit und Professionalität dabei.«

PINK CREAM 69 - Alfred KofflerDu hast ja gerade selbst gesagt, dass ihr schon lange dabei seid. Beeinflussen euch andere Bands überhaupt noch?

»Nicht direkt. Ich sage es mal so, wenn du einer Sache auf den Grund gehst, findest du fast in jedem Song irgendwelche Parallelen zu irgendeinem anderen, was daran liegt, dass es nur eine begrenzte Anzahl an Akkorden, Akkordfolgen und Tönen an sich gibt. Es ist logisch, dass sich Sachen irgendwann wiederholen. Absicht steckt da allerdings nicht dahinter, wenn so etwas Mal passiert. Ich finde manchmal eins meiner Riffs total cool und spiele es euphorisch vor, zu dem meine Kollegen aber nur sagen: „Ja, klingt ganz cool. Aber auch sehr nach dem und dem“. Das ist natürlich weniger schön (lacht). Es kann sein, dass hier und da die Einflüsse eines Einzelnen durchschimmern, aber es ist nicht so, dass wir bewusst hergehen und Sachen zusammenklauen.«

In dem Kontext muss ich dir zu der gelungenen Mischung aus traditionellem und modernem Hard Rock gratulieren. Würdest du sagen, dass ihr mit dieser Kombination euren typischen Stil gefunden habt?

»Der Idealfall für eine Band ist, wenn sie ihren eigenen Stil gefunden hat und sich innerhalb dieses Stils trotzdem weiter entwickeln kann. Ich denke, das ist uns mittlerweile ganz gut gelungen. Wir befanden uns in der Vergangenheit streckenweise auf einen Schlingerkurs. Zum Beispiel als wir mit „Change“ und „Food For Thought“ andere Töne angeschlagen haben. Aber schließlich haben wir unseren Stil doch gefunden. Wir versuchen jedoch nicht bei jeder neuen Platte die ersten beiden zu imitieren. Das wäre für uns als Band stinklangweilig und für die Fans sicherlich auch.«

Du hast eure beiden kontrovers aufgenommenen Alben schon erwähnt. Wenn du die Karriere von PINK CREAM 69 Revue passieren lässt, würdest du etwas ändern wollen?

»Ich blicke eigentlich nie zurück, weil ich die Vergangenheit sowieso nicht mehr ändern kann. Von daher habe ich mir die Frage eigentlich nie gestellt, ob ich Dinge anders gemacht hätte. Rein vom kommerziellen Aspekt her, hätte ich als Plattenfirmenboss von PINK CREAM 69 darauf bestanden, „Change“ und „Food For Thought“ so nicht machbar seien. Die Band hat gewisse Markenzeichen und einen typischen Sound, den die Leute erwarten. Aus kommerzieller Sichtweise waren diese beiden Alben sicherlich ein Fehler. Für uns als Band waren die beiden Platten aber wichtig, da wir Neuland erkundet haben und andere Wege gegangen sind. Das hat der Band damals sehr gut getan, würde ich sagen. Gefühlsmäßig war sogar das für mich in Ordnung, von daher würde ich in der Retrospektive auch das nicht ändern. Der Rest unserer Laufbahn verlief eigentlich auf einem recht guten Weg. Der Weggang von Andi Deris hat die Sache ein bisschen ins Holpern gebracht, aber wir hatten Glück, dass wir umgehend David gefunden haben, der ein super Ersatz für Andi ist.«

Was zelebriert ihr eigentlich auf „Ceremonial“? 2013 ist für die Pinkies kein Jubiläumsjahr.

»Naja, dass es die Band überhaupt noch gibt, würde ich sagen (lacht). Auch, dass wir es geschafft haben, ein neues Album zu machen ist für uns Grund zu feiern. Die kleine Nebengeschichte dazu ist, dass wir uns nach Kostas Ausstieg damals in Karlsruhe in einer Kneipe getroffen haben um Chris offiziell zu fragen, ob er der neue Mann am Schlagzeug sein will. Im Laufe des Abends haben wir beschlossen, dass wir weiter machen wollen und dass es ein neues Album geben wird. Ich bin dann wohl irgendwann, laut Dennis, aufgestanden und habe gesagt: „Ok. Let the ceremony begin.“ Das war wohl etwas theatralisch. Was man halt so sagt, wenn man ein paar Bier intus hat (lacht). Dennis hat sich an die Geschichte erinnert und irgendwann ist daraus der Albumtitel geworden.«

PINK CREAM 69

Welche Rolle spielen die Texte bei euch? Ihr habt neben den Spaßtexten auch schon immer kritische Texte wie zum Beispiel 'Keep An Eye On The Twisted' präsentiert.

»Das Glück mit Dennis und David englische Muttersprachler in der Band zu haben, vereinfacht die Sache ungemein, zumal da von vornherein ein ganz anderer Sprachschatz zur Verfügung steht. Vielleicht ist das auch ein Grund, warum unsere Texte nicht so banal wie bei manch anderer Band sind. Ich selbst bin nicht so Text-fixiert, aber ich hätte wohl auch ein Problem damit, wenn David nur noch über Sex, Drugs & Rock 'n' Roll schreiben würde. Es steckt bei uns doch ein gewisser Anspruch dahinter. Ich denke, es sollte jedem Einzelnen wichtig sein, ohne Scheuklappen durch die Welt zu gehen, denn es passiert viel Bullshit auf der Welt. Wenn man zwanzig ist, sieht man das vielleicht noch anders. Aber im vorgeschrittenen Alter macht man sich automatisch über viele Dinge Gedanken. Das Leben hat eben zig Facetten und so sind auch unsere Musik und unsere Texte sehr vielschichtig.
Wobei wir aber auch immer Texte einbauen, die nicht so bierernst gemeint sind.«

 

www.pinkcream69.de
www.facebook.com/pages/Pink-Cream-69

 

Pics: Thomas Lichtenwalter

ReviewsPINK CREAM 69