Online-MegazineInterview

RUNNING WILD

Null Bock auf aufgewärmte Kamellen

RUNNING WILD

Mit „Shadowmaker“ will Rock 'n' Rolf ein Comeback für die erst 2009 aufgelösten RUNNING WILD einläuten. Allerdings wird schon nach dem ersten Hören bei der Listening-Session in Hannover klar, dass „Shadowmaker“ aus diversen Gründen zu den umstrittensten Werken des Jahres 2012 zählen wird. Als Online-Ergänzung zu dem Lauschangriff in Rock Hard Vol. 299 präsentieren wir euch hier das Interview, das wir nach der Listening Session mit Rolf geführt haben.

Rolf, du hattest im letzten Rock-Hard-Interview preisgegeben, dass du nach dem Komponieren von vier Songs beschlossen hattest, ein neues Album zu schreiben. Welche vier Songs waren das?

»Während ich geschrieben habe, stellte ich fest, dass die Songs einfach zu stark sind, um sie nur auf Best-Of-Compilations zu verbraten. 'Sailing Fire' hatte ich als Demo schon seit zwei Jahren vorliegen. Der Text war aber noch nicht fertig. Als zweiten hatte ich das Riff von 'Locomotive', dann kam auch schon ziemlich schnell 'Piece Of The Action' hinzu und da hab ich dann gesagt: „Nix Bonus! Das funktioniert nicht, die Songs sind einfach zu stark.“ Als nächstes entstand dann das 'Riding The Tide'-Riff.«

Für RUNNING WILD-Verhältnisse ist die Bassgitarre im Mix von „Shadowmaker“ sehr präsent.

»Ich habe einfach bei vielen Metalproduktionen den Bass vermisst. Bei RUNNING WILD war das auch schon öfter so, dass der Bassbereich nicht so richtig ausgelotet war. Wir haben eigentlich diesmal versucht, alles auszuloten, was natürlich schwierig ist. Der Mitten-Bereich sollte genauso wie die Höhen präsent sein, damit es offen klingt, ohne spitz zu sein. Du hast ja gehört, es zeckt nicht im Ohr. Unten rum sollte es trotzdem den Druck haben, den eine Metalband sonst nicht unbedingt hat. Das war natürlich eine knifflige Aufgabe für meinen Toningenieur zu schauen, wie man das bauen und verschachteln kann, damit das funktioniert. Aber das war von vornherein mein Anliegen.«

Running WildDie Songs sind im Vergleich zu eurem Backkatalog sehr rockig ausgefallen und viele Stücke verbreiten ein ungewohntes Gute-Laune-Feeling. Ich vermisse allerdings die aggressiven und düsteren Songs, die auf euren Klassikeralben zu finden waren.

»Das ist natürlich eine Frage, in welcher Stimmung man ist. Und dieses Album ist ja eine Konsequenz aus dieser Toxic-Taste-Geschichte. Ein Song ist ja praktisch auch von Toxic-Taste, das ist 'Me & The Boys'. Das hat da also mit rein gespielt und ich habe einfach die Songs genommen, die aus mir raus kamen. Ich habe nicht überlegt, „das muss so aggressiv sein, oder so sein“. Es war eher so, dass ich gedacht habe: „Ich schreibe einfach das, was mir gefällt“ und dabei ist dieses Album raus gekommen. Ich habe nicht geplant, dass es fröhlich wird, genauso wenig, dass es aggressiv sein soll. Ich wollte, dass es eine spontane Platte wird, die aus dem Gefühl statt aus einer Überlegung heraus entsteht.«

Von der Stilistik, die RUNNING WILD früher ausgezeichnet hat, bedienst du dadurch allerdings nur noch einen Teilbereich. Sachen wie 'Black Wings Of Death', 'Treasure Island' oder die schnellen Stücke sind überhaupt nicht mehr dabei. Dabei sind es genau diese Songs, die zu den Favoriten der meisten Fans zählen. „Shadowmaker“ enthält hingegen wieder sehr viele Riffrocker, mit denen nicht jeder Fan etwas anfangen kann. Wäre es keine Option gewesen nach angekündigten Ende von RUNNING WILD diese Songs unter einem anderen Namen zu veröffentlichen?

»Nein, denn das sind definitiv RUNNING WILD, bis auf 'Me & The Boys', von dem ich aber dachte, dass er sich gut einfügt. Das ist eine angenehme Auflockerung, weil es eine sehr geile Hymne ist. Der Song war für Toxic Taste ein bisschen zu Heavy-Metal-mäßig. Deshalb haben wir ihn damals nicht benutzt. Der Titel ist direkt von Slade entliehen. Slade sind die Helden meiner Kindheit, insofern fand ich das gut so was zu machen. Für mich war wichtig, dass die Songs zu dem Zeitpunkt, wo ich sie geschrieben haben, meinem Gefühl entsprachen. Ein Song wie 'I Am Who I Am' ist ja schon ziemlich hart. Was ich aber schon wusste ist, dass es keine schnellen Songs mehr geben wird, das war eine bewusste Entscheidung, das wird auch in der Zukunft so bleiben. Das liegt erstens daran, dass ich keine Ideen mehr dafür habe und zweitens mir das persönlich auch nicht mehr liegt. Da wird leider jeder mit leben müssen.«

Wie ist das Schlagzeug diesmal entstanden?

»Das sind Produktionsinterna, über die ich definitiv nicht mehr rede. Das Gleiche gilt für die Bassgeschichte oder wo wir was gemacht haben. Das sind wirklich Sachen, die nur das Produktionsteam betreffen.«

Dir ist aber schon klar, dass dadurch die Vermutung, dass es sich um einen Drumcomputer handelt, verstärkt wird.

»Das ist mir völlig egal. Das sind Dinge, über die ich aus Erfahrung nicht mehr rede.«

Ist 'Black Shadow' der Song, der deiner Aussage nach auf „Gates To Purgatory' hätte stehen können?

»Vom Riff her ja, der Refrain nicht.«

Running WildDas Riff erinnert ziemlich an 'Preacher'.

»Das Tempo erinnert natürlich sofort daran, außerdem ist der Takt auch gedreht. Aber das war nicht meine Idee dahinter. Mir wurde das erst bewusst, als ich den Song fertig hatte.«

Im Pressetext hattest du angekündigt, dass die Chöre wesentlich fetter seien als jemals zuvor bei RUNNING WILD. Ich habe jetzt aber keinen Chor entdeckt, der auch nur ansatzweise so fett ist, wie der von 'Heads Or Tails' oder 'Little Big Horn', bei denen ihr euch ja sogar noch extra Fans zur Unterstützung ins Studio geholt habt. Wo hörst du die großen Chöre?

»'Me & The Boys' sind 27 Gesangsspuren. Ansonsten sind die Chöre drei- oder vierstimmig. Vielleicht kann das jetzt an der Anlage liegen, dass das nicht so raus kam. Aber auf deiner gewohnten Anlage, wirst du feststellen, dass die Chöre erheblich mehrstimmiger sind, als es jemals bei RUNNING WILD der Fall war.«

Das „Shadowmaker“-Artwork hat größtenteils negative Reaktionen hervorgerufen. Tangiert dich so was?

»Das kann mich als Künstler nicht tangieren, denn ein Künstler kann nur das machen, was er als Vision hat, das ist die erste Sache. Es gibt auch viele Sachen, die irgendwann zum absoluten Kult wurden, die am Anfang völlig verschrien waren, dazu zählt auch das Piratenimage (lacht). Ich kann mich da noch sehr genau dran erinnern. Wenn man also zu viel auf die Meinung anderer Leute gibt, dann kann man keine künstlerische Visionen entwickeln. Insofern war dieses Cover auch Symbol eines Neuanfangs für mich. Ich wollte keine alten aufgewärmten Kamellen haben. Es sollte etwas Neues sein, was in Richtung Zukunft weist. Es war auch ziemlich schnell klar, dass 'Shadowmaker' der Titelsong sein würde, da ich das als Titel einfach sehr geil finde. Da dieser Text einen gewissen Inhalt hatte, war auch klar, dass das Cover auch damit zu tun haben müsste. Das Cover sollte also den „Shadowmaker“ dargestellen, weshalb ich die Idee für diesen Helm hatte, den Jens Reinhold dann mit seiner Illustration in Reinform und auf den Punkt gebracht hat.«

Aus kommerzieller Hinsicht wäre es aber vielleicht klüger gewesen den alten Stil beizubehalten. Ich vermute mal, dass ihr in der Zeit, als Andreas Marshall eure Motive gezeichnet habt, die meisten T-Shirts verkauft habt.

»Am meisten Shirts haben wir von dem Adrian mit den gekreuzten Knochen verkauft und das stammte von Sebastian Krüger. Sicher, aber das wäre ein Setzen auf Klischees, das ich nicht wollte. Ich habe RUNNING WILD jetzt nicht wieder angefangen, um genau da weiterzumachen, wo ich aufgehört habe. Das hätte für mich keinen Sinn gemacht, da diese Platte ja auch nicht so ist. Sie enthält viele Elemente, die natürlich typisch RUNNING WILD sind, sie enthält aber auch musikalische Elemente, die nicht so typisch RUNNING WILD sind. Deswegen war für mich klar, dass sich das auf dem Cover und den Illustrationen ausdrücken muss.«

Woran liegt das, dass die Musik viel rockiger und weniger Metal-lastig klingt?

»Das kann man gar nicht so genau sagen. Das liegt natürlich auch am eigenen Geschmack oder an dem was man empfindet. Dann auch, was ich so auf Konzerten beobachte. Es wird so oft gesagt, dass ich bestimmte Songs spielen sollte, das waren meistens die knüppelschnellsten. Dann haben wir die gespielt und alle standen rum wie die Gurkenfässer. Als ich dann einen Klassiker gespielt habe, bei dem viele Leute meinten, dass man den weglassen könnte, waren dann alle Fäuste oben. Da sagt man sich dann auch: „Ok, ich muss das zur Kenntnis nehmen, was ich sehe.“Vielleicht hat sich auch mein Geschmack geändert, das kann man ja nie so sagen. Es kann sein, dass ich mittlerweile mehr auf die groovige oder hardrockige Sachen stehe, die aber trotzdem immer noch diese Metal-Attitüde haben.«

Es gibt natürlich einige Leute, die dir vorwerfen, RUNNING WILD nur wiederbelebt zu haben, um damit Geld zu verdienen. Womit wolltest du ursprünglich nach dem Ende von RUNNING WILD dein Geld verdienen? Du wirst ja durch RUNNING WILD-Einnahmen der vergangenen Jahre noch nicht ausgedient haben.

»Sagen wir mal so: Ich habe immer sehr viel verdient, so ist das einfach mal. Außerdem gibt es ja noch ein zweites Projekt namens Giant X, was ich mit meinem Gitarristen PJ, der auch Teil des RUNNING WILD-Produktionsteams ist, mache. Das haben wir jetzt unterbrochen, um das RUNNING WILD-Album fertig zu stellen. Aber das wird das nächste sein, was wir angehen und ich werde mich auch mit PJ und SPV zusammensetzen. Toxic Taste haben wir erstmal auf Eis gelegt, denn drei Sachen sind einfach zu viel, zumal es alles die gleichen Leute sind, die da mit wirken. Es kann auch sein, dass da noch weitere Projekte kommen, das weiß man nie.Giant X hat auf jeden Fall einen stärkeren Hardrock- und auch Blues-Charakter. Es gibt auch einen Song, bei dem eine Slideguitar mit Bottleneck zum Einsatz kommt. Es gibt auch Balladen, das Spektrum ist da etwas weiter. Ich bin da nur der Sänger und schreibe die Texte, alles andere macht PJ.«

Aber da die alten RUNNING WILD-Platten nicht mehr neu aufgelegt wurden, hast du durch RUNNING WILD derzeit wahrscheinlich nicht mehr so hohe Einnahmen wie früher.

»Das wird sich zeigen, die Leute von SPV sind der Meinung, dass Universal sich das mit einer Neuauflage des Backkatalogs nochmal überlegen wird, sobald „Shadowmaker“ erschienen ist. Das haben sie auch bei anderen Bands schon gemacht. Da muss man einfach abwarten.«

Liveshows sind dieses Jahr aber nicht mehr drin, oder?

»Wir werden 2012 keine Shows spielen, da ja nun auch noch die Arbeit mit Giant X ansteht. Außerdem die ganze Promotion für „Shadowmaker“, mit der ich auch lange zu tun haben werde. Ich bin mir auch noch gar nicht sicher, ob ich das live machen will oder nicht. Ich habe mich erst mal auf die Platte fokussiert.«

Zum Lauschangriff aus Rock Hard Vol. 299 geht es hier entlang!

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