Online-MegazineInterview

LACRIMAS PROFUNDERE

Nicht mehr lieben müssen

LACRIMAS PROFUNDERE

Pünktlich zum 20-jährigen Bandbestehen legen die bayerischen Trauerweiden LACRIMAS PROFUNDERE ihr neuestes Werk „Antiadore“ vor. Dabei beweist das Quartett um ein weiteres Mal seine Vielseitigkeit zwischen satten Metalriffs und balladesken Tönen. Im Interview mit Gitarrist und Bandchef Oliver, ergänzt um Antworten von Frontmann Rob bezüglich der Lyrics, kommt auch humorvolle Auskunftsfreudigkeit nicht zu kurz.

Oliver und Rob, welche Reaktion auf „Antiadore“ hat euch bis zum jetzigen Zeitpunkt am meisten begeistert, bzw. befremdet?

Oliver: »Eine gute Frage, begeistert sind wir immer, wenn wir merken, dass der jeweilige Rezensent sich mit der Platte auch wirklich beschäftigt hat. Dann haben wir auch nichts gegen Kritik, befremdend sind die immer währenden Vergleiche zu HIM, aber ich kann das der Presse nicht mal übel nehmen. Als Jyrki von den 69 Eyes letztens erzählte, er habe Ville Valo auf Youtube unseren Festivalgig vom Mera Luna gezeigt, meinte dieser, er könne sich an den Gig gar nicht mehr erinnern, (lacht)!«

Sowieso ist der Albumtitel eine interessante Wortkreation. Kann man es in dem Sinne interpretieren, durch Verlust oder dem Fehlen einer Person niemanden zu haben, den man lieben darf und wo persönliche Emotionen aufgefangen werden?

Oliver: »Sehr gute Beschreibung. Uns sind solche Wortspiele immer sehr wichtig. Der Titel sollte auch die Stimmung der Platte einfangen. „Antiadore“ heißt ja wörtlich übersetzt „die Nichtvergötterung“. Wir haben uns gedacht, wir rollen die Geschichte einfach mal anders auf, nicht einer Liebe hinterherzulaufen und zu schmachten, weil es vorbei ist, sondern sich zu freuen endlich nicht mehr lieben zu müssen!«

Wie kommt's, dass in der ersten Single/Videoauskopplung (wieder) Black-/Death-artige Stimmeskapaden zum Einsatz kommen?

Rob: »Das war eigentlich eine super spontane Aktion! Die Black-/Death-Vox stammen ja nicht von mir, sondern von unserem alten Sänger Chris. Ich hockte mit Oli im Studio und Christopher war dabei, einige Backingvocals einzusingen. Dann hatte er die Idee doch irgendwo noch ein paar Growls einzufügen und innerhalb von fünf Minuten war das Thema auch schon erledigt, hahaha. Wir lieben es und es passt super zum Song!«

Oliver: »Wir wollten es rauer, dreckiger, verruchter, nicht so poliert wie die anderen Kapellen da draußen! Mehr Cradle of Filth als Beach Boys!«

Ist der Gastauftritt eine Art Geschenk an langjährige Fans zum 20jährigen Jubiläum?
 
Oliver: »So könnte man das sagen, ja! All unsere Ideen sollten auf dieses Album und dafür benötigt man viel Disziplin, welche wir nicht haben. Also konnten wir diesmal unseren normalen Turnus von zwei Jahren nicht einhalten! Als uns klar war, dass das Album gleichzeitig unser Jubiläumsalbum sein wird, mussten wir etwas Stilprägendes aus alten Tagen integrieren. Ich liebe einfach diese besondere Chemie, wenn sowohl die Leute, mit denen ich an den alten Alben gearbeitet habe, als auch die neuen Mitglieder ihre Ideen einfließen lassen, selbst wenn es erst im Studio geschieht. Die besten Sachen kommen eh spontan, aber du musst es tun. Nur darüber zu reden, bringt dich nicht weiter. Was ich sagen will: wenn du über New York schreibst, solltest du auch dort gewesen sein, ist dein Song aber über 'California Girls' solltest du wenigstens eine davon auch wirklich getroffen haben! (lacht). Songs wie z.B. 'A Sigh', oder auch 'Antiadore' haben uns zu unseren Wurzeln zurückgeführt, Christopher war ein wichtiger Teil dieser Zeit und unsere ersten Album waren ja geprägt von diesen Screams und Grunts, also erschien uns diese Gasteinlage perfekt!«

Rob, Bist du seit deinem Einstieg in die Band auch für Texte verantwortlich? In euren Lyrics können die meisten Fans mit Sicherheit eigene Gedanken wiederfinden, da es Themen sind, die gewissermaßen jeden Menschen betreffen.

Rob: »Ja im Grunde schon! Viele Sachen kommen auch vom Chris, einige schreiben wir zusammen und einige schreibe ich alleine. Es ist immer eine feine Sache mit so viel Input wie möglich an ein Album ran zugehen. Es macht einfach Spaß über die altbekannten Themen zu schreiben. Wir sind keine Prediger oder wollen unsere Meinungen aufzwängen, wir schreiben über das tägliche Leben und ich denke, es ist für jeden etwas dabei, mit dem er sich identifizieren kann.«

Ihr bezeichnet euren Stil seit langem als Rock 'n' Sad. Woher nehmt ihr bei all der besungenen Trauer und den „love-and-loss“-Stories die Power für die fetten, knalligen Metalriffs?

Oliver: »Wir lieben einfach diese Mischung! Ich bin ja schon ein alter Sack und mit Bands wie Overkill, Vicious Rumors, Manowar, Iron Maiden und auch dem Rock Hard Magazin groß geworden! Für mich gibt es vor dem Gig oder im Tourbus auch nur 80er-Metal und seit Beginn der Band versuche ich meine beiden „Leidenschaften“, diese melancholischen Melodien mit den Metal-Roots meiner Jugend zu verbinden, und auf dieser Platte ist das bei einigen Songs schon ganz gut gelungen. Unter Rock 'n' Sad verstehe ich vier durchgeknallte Musikverrückte, die sich bei einem Gig von Pantera vor 20 Jahren treffen, Vorgruppen sind Skid Row, The Cult und Sentenced, und am nächsten Tag eine Band gründen, die wie David Hasselhoff meets Type O Negative klingt (lacht)!«

Neben den ersten drei sehr eingängigen Tracks, ragt besonders 'A Sigh' heraus, das als doomige Goth-Rock-Hymne das Album ausklingen lässt. Was verbindet ihr selbst mit dem Song?

Oliver: »Wir wollten, wie eingangs erwähnt, zu unseren Wurzeln zurück, es sollten wieder Songs wie damals 'My Mescaline' oder auch 'Adorer And Somebody' auf der Scheibe zu finden sein. 'A Sigh' haben wir jetzt auf unserer Deutschland-Releasetour jeden Abend als Abschluss-Song gespielt und ich kann nur sagen: es ist selten, dass ich Gänsehaut auf der Bühne habe. Aber der Chorus haut mit seinen ultratiefen und fetten Riffs einfach richtig rein und wenn ich ins Publikum in die offenen Münder sehe – also jetzt hoffentlich nicht weil alle am gähnen sind (lacht) – dann weiß ich wieder warum ich das alles mache!«

Oliver, LACRIMAS PROFUNDERE haben in der letzten Dekade eine Menge Line-up-Wechsel hinter sich gebracht. Wie hast du es trotzdem geschafft, als einzig verbliebenes Gründungsmitglied die Identität der Band aufrecht zu erhalten?

Oliver: »Da ich von Anfang an für das Songwriting und das ganze Organisatorische zuständig war, würde ich sagen, ich mache das in etwa so wie Iced Earth oder Vicious Rumors. Wegen der Besetzungswechsel ist es immer hart, da du ja nicht nur einen Mitmusiker, sondern in der Regel auch sehr guten Freund „verlierst“, weil du dich zwangsläufig nicht mehr so oft triffst. Wegen der "Mengenangabe" muss ich aber noch hinweisen, bitte nicht alles, oder besser gar nichts von unserer Wikipedia-Seite zu glauben. Ich habe mittlerweile aufgegeben bei denen alles auf den richtigen Stand zu bekommen. So viele wie dort aufgeführt sind, sind's dann doch wieder nicht und viele kenne ich nicht mal. Aber offensichtlich kann bei Wikipedia jeder Mitglied von Lacrimas werden, also wenn ihr Bock habt mal bei LACRIMAS PROFUNDERE Mitglied zu sein, zögert nicht und tragt euch ruhig ein, wenn die 100 Bandmitglieder voll sind gibt's Freibier (lacht)!«

Stören euch die immer wiederkehrenden Vergleiche zu Acts wie HIM und The 69 Eyes noch? Mit HIM hattet ihr in der Vergangenheit immerhin den Produzenten gemeinsam.

Oliver: »Ja, wir haben drei Alben zusammen mit John Fryer aufgenommen welcher damals ja die „Razorblade Romance“, aber auch Cradle of Filth und Paradise Lost gemacht hat, bei „Antiadore“ zeichnete Hiili Hiilesmaa, der die aktuelle HIM und auch Sentenced produzierte, verantwortlich. So sind schon immer wieder Berührungspunkte da. Auch mit den 69 Eyes sind wir sehr gut befreundet und waren schon oft zusammen auf Tour. Ja, man kennt sich und ich hab schon lange aufgehört mich über Reviews zu ärgern.«

Wo wir beim Thema „andere Bands“ sind, erlaubt mir kurz die Frage: Hat euch die Auflösung von Sentenced im Jahr 2005 berührt, oder waren sie früher ein Einfluss für euch?

Oliver: »Ja sehr, ich bin riesengroßer Sentenced-Fan und die Band ist immer noch ein großer Einfluss, schon immer gewesen. Wir waren mit Poisonblack zusammen als Support von Lacuna Coil auf Tour und ich kann nur sagen, Ville ist ein cooler Typ, ein super Gitarrist und Sänger! Es ist sehr schade, dass sich die Band so entschieden hat, aber man muss es akzeptieren! R.I.P. Miika Tenkula!«

Welche Bedeutung hatte die Beteiligung von Ricky Warwick am neuen Album für euch und inwiefern war er letztlich ins Songwriting involviert?

Oliver: »Mit The Almighty bin ich groß geworden und als ich über unseren Verlag Universal Music das Angebot bekam mit Ricky zu arbeiten, konnte ich es erst gar nicht glauben. Seine Band war ja sozusagen der Auslöser für mich, überhaupt Musik machen zu wollen und es dauerte ganze zwei Tage, bis ich den Mut gefasst hatte, ihn anzuschreiben und ihm meine Songs zu senden! Er ist super entspannt und wir haben uns letztes Jahr in Manchester getroffen, als er mit Thin Lizzy Vorgruppe von Guns N' Roses war.  Er hat Gesangslinien und Texte zu drei meiner Songs geschrieben und wir sind immer noch in Kontakt und werden die Zusammenarbeit auf jeden Fall fortführen, sobald es bei unseren Bands wieder etwas ruhiger geworden ist. Er ist ja gerade im Stress mit seinen Black Star Riders.«

Welche Symbolik verbirgt sich hinter den Schmetterlingen, welche sowohl die stilisierte Figur auf dem Coverartwork zieren, als auch in eurem aktuellen Video eure Performance umschwirren?

Oliver: »Der Plattentitel sollte die Platte beschreiben, die Gefühle der einzelnen Tracks einfangen. Als der Titel „Antiadore“ stand, haben wir Wochen nach der geeigneten Idee zur Umsetzung des Titels gesucht und für mich war eben diese Idee, Schmetterlinge aus dem Bauch einer seelenlosen Puppe fliegen zu lassen, fantastisch. Umgesetzt hat dies der Brasilianer Elton Fernandes. Hey schau dir seine Arbeiten an, der Typ spinnt einfach komplett, also war er genau der richtige für uns! Er hat dann ja fast ein Gemälde gebaut und ich bin froh, dass sich unser Label entschieden hat, dieses Kunstwerk auch als Vinyl-Edition aufzulegen. Diese Artwork wollten wir dann auch irgendwie in den Videoclip mitnehmen.«

Oliver, in einem Interview zu eurem 2004er Release „Ave End“ sagtest du, ihr könntet noch nicht von der Musik leben. Hat sich das mittlerweile zum Positiven gewandelt?
 
Oliver: »Hahaha, was ich sagen kann: wir können immer noch nicht ohne Musik leben, (lacht)! Du musst wissen, ich habe mittlerweile Familie, zwei Kinder und ein Haus und das alles kostet Geld und da ich meinen Kindern etwas mehr bieten möchte als ein Vier-Mann-Zelt, Wasser und Brot, gehe ich einem geregelten Job nach, allerdings kann ich jederzeit unbezahlten Urlaub nehmen und habe super Kollegen, die es mir ermöglichen, jede Tour und jedes noch so kurzfristige Angebot anzunehmen. Die anderen halten sich mit Halbtagsjobs oder Gelegenheitsjobs über Wasser, aber für uns alle zählt nur eins: LACRIMAS PROFUNDERE. Und für das richtige Angebot würden wir immer noch sofort alles hinwerfen!«

International seid ihr in den letzten Jahren ziemlich viel rumgekommen, habt Südamerika oder auch China bereist. Wie zufrieden wart ihr mit den Reaktionen vor Ort?

Oliver: »„The Grandiose Nowhere“ hat uns in 16 Länder geführt, wir haben viel mitgenommen, Geniales erlebt und manchmal extrem Ekliges essen müssen. Aber es ist immer fantastisch, ein neues Land zu entdecken. Südamerika war der Wahnsinn, wenn du in Bolivien mit Bannern und deinen Fotos, sowie Geschenkkörben am Flughafen empfangen wirst. Unfassbar, in China haben wir Hallen voll gemacht, davon würden wir in Deutschland nicht mal träumen! Aber am Ende ist es uns egal, wo wir die Hallen füllen, jedoch wäre es schön, wenn wir nicht immer gleich um die halbe Welt dafür reisen müssten (lacht)! Trotzdem könnte ich dir wirklich nicht sagen, was mir lieber wäre: in Deutschland super erfolgreich zu sein, dafür kennt dich aber im Ausland keiner, oder wie es bei uns ist: überall ein bisschen, aber dafür die Möglichkeit zu haben sehr viel von der Welt zu sehen. Für den Geldbeutel wäre garantiert die Deutschland-Variante die bessere, aber ich denke, nach all den Jahren glaubt uns jetzt auch der Letzte, dass wir das hier nicht wegen der Kohle machen!«

Könnt ihr einen bestimmten Ort hervorheben, wo euch die Show besonders in Erinnerung geblieben ist, oder an dem ihr in der Zeit auch abseits des Musikmachens Interessantes erlebt habt?

Oliver: »Moskau, als wir unseren Rückflug nur ganz knapp nicht verpasst hatten, weil wir zum am erstbesten Schalter durch Zufall an eine Dame geraten sind, welche Tags zuvor auf unserem Gig war und uns für ein T-Shirt an allen Warteschlangen vorbeigeschleust hat. Wir hatten unsere komplette Backline dabei und noch 30 Minuten bin zum Abflug. Auch zu erwähnen wäre die Tour mit Apocalyptica durch England, als unser Busfahrer nach einem geplatzten Reifen auf der Autobahn nach Birmingham die glorreiche Idee hatte, rückwärts zur nächsten Raste zu fahren. Und das mit Anhänger, da lachen die Apo-Jungs heute noch drüber! Natürlich bleibt der Rote Platz, die Chinesische Mauer, die Verbotene Stadt unvergessen. Welche Show mir in besonderer Erinnerungen geblieben ist? Da muss ich dir leider fünf nennen. Da wären Wacken 2011, Shanghai letztes Jahr, das Sziget in Ungarn, das ARTmania in Rumänien und letzte Woche die Stuttgart-Show!«

Vielen Dank für eure Zeit und selbstverständlich beste Erfolgswünsche für die anstehenden Finnland-Termine!

»Vielen Dank für das coole Interview! Hoffentlich sieht man sich mal und ja, wir stehen für die Buchung zum Rock Hard Festival 2014 zur Verfügung, hehe.«

 

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