Online-MegazineInterview

COLLAPSE UNDER THE EMPIRE

Mut zum Kopfkino

COLLAPSE UNDER THE EMPIRE

Musiker, die sich rein instrumentalen Klängen widmen, haben oft die Vision eines Gesamtkonzepts im Kopf, das nicht durch Gesang und Texte ausgedrückt werden kann. Das kreative, sowie fleißige Hamburger Duo COLLAPSE UNDER THE EMPIRE ist auch Teil dieser Spezies, möchte sich aber nicht in Genre-Ecken drängen lassen. Im Interview zeigen sich Chris Burda und Martin Grimm auskunftsfreudig über ihr aktuelles Werk „Sacrifice & Isolation“ und dessen Interpretationsvarianten.

„Shoulders & Giants“ und „Sacrifice & Isolation“ sind dem offiziellen Presse-Sheet zufolge zwei Konzeptalben über Freiheit, Isolation und Tod. Weist ihr diesen Themen in eurer Instrumentalmusik feste Punkte zu?

Martin: »All unsere Tracks kreieren im Kopf des Hörers ein „Kopfkino“. Wir geben eine kleine Story mit auf dem Weg, von der man sich leiten lassen kann. Das Hauptthema des Doppelkonzeptwerks handelt vom Ausbruch aus gewohnten Standards. Um wirklich frei zu sein, opfert man alles, was man bisher im Leben aufgebaut. Diese Geschichte erzählen wir im ersten Teil. Der zweite Teil behandelt die komplette Isolation bis hin zum Tod. Wir weisen allen Tracks der beiden Alben feste Punkte dieser Story zu.«

Chris: »Alle Tracks sind miteinander verwoben wie eine Fortsetzungsgeschichte, da spielt der einzelne Track nicht so die große Rolle, sondern das Gesamtwerk ist entscheidend. Der erste Teil „Shoulders & Giants“  sollte etwas hoffnungsvoller und euphorischer aufgebaut sein, um mit dem zweiten Teil dann die dunkle Seite der Geschichte zu beleuchten. Ich glaube, dass uns das mit „Sacrifice & Isolation“ ganz gut gelungen ist.«

Wie viel sollte ein Hörer im Vorhinein wissen, wo beginnt die individuelle Interpretation?

Martin: »Wir würden uns freuen, wenn der Hörer zunächst unser Artwork in den Händen hält, um einen Blick auf die Details zu werfen. Viel mehr möchten wir eigentlich nicht mit auf dem Weg geben. Dass Leute das Artwork in die Hände bekommen, kommt leider immer seltener vor, weshalb es für viele Leute sehr hilfreich sein kann, wenn sie von den Redakteuren zumindest die Grundidee hinter dem Album erzählt bekommen. Man kann viel in das Konzeptwerk hinein interpretieren. Genau das wollten wir auch erreichen, weil jeder Zuhörer seine eigene Geschichte finden sollte.«

2011 erschien der erste, 2014 nun der zweite Teil. Dazwischen habt ihr ein weiteres, unabhängiges Album veröffentlicht. Passte „Fragments Of A Prayer“ trotz eurer hohen Produktivität nicht in das begonnene Konzept?

Chris: »Der zweite Teil sollte ursprünglich ein Jahr nach dem ersten folgen. Wir mussten aber feststellen, dass wir für „Sacrifice & Isolation“ noch nicht bereit waren, um in die dunkelsten Gefilde der Geschichte abzutauchen. Viele Tracks die wir nach „Shoulders & Giants“ komponiert haben, waren einfach nicht dunkel genug um den zweiten Teil abzuschließen. Wir sind aber sehr froh, dass wir uns diesbezüglich Zeit gelassen und in der Zwischenzeit unser bisher erfolgreichstes Album „Fragments Of  Prayer“ veröffentlicht haben. Das Album steht aber in keinem Zusammenhang mit dem Zweiteiler.«

Sind die Instrumente und die Arbeit an den elektronischen Parts bei euch klar aufgeteilt und kommt jedem von euch ein separater Bereich zu?

Chris: »Das Komponieren und Austüfteln neuer Sounds erfolgt fast immer gemeinsam. Alle Probleme rund um die Aufnahmen, den Mix und das Mastering übernimmt Martin. Ich bin für die organisatorischen Dinge, wie zum Beispiel die Promotion zuständig.«

Martin: »Wir haben da keine klare Aufteilung. Jeder von uns beiden beherrscht den Umgang mit Synthesizern ziemlich gut. Die hohe Kunst ist es dann, die elektronischen Instrumente mit den akustischen, wie z.B. Schlagzeug und Gitarren, zu verbinden. Ich glaube, dass wir das in den letzten vier Jahren perfektioniert haben und wir noch nie so harmonisch geklungen haben, wie auf dem aktuellen Album.«

Instrumentaler Post Rock (oder wie man es nennen möchte) ist in den letzten Jahren richtig beliebt geworden und unzählige große und kleine Bands müssen sich den Genre-Kuchen teilen. Was macht eurer Meinung nach denn die Faszination an diesen cineastischen Klangwelten aus?

Chris: »Ich finde im Post Rock sind ähnliche Ansätze wie bei klassischer Musik und vor allem Filmmusik vorhanden. Es gibt neben dem Jazz kaum ein Genre, wo man sich als Künstler so frei bewegen und experimentieren kann. Eigentlich haben wir nie klassischen Post Rock gespielt, wir bewegen uns eher zwischen den Genres. Der klassische Post Rock besteht in der Regel aus zwei Gitarren, Bass und Schlagzeug und bietet als wiederkehrendes Merkmal den laut/leise-Bruch á la Mogwai, sowie eine Lauflänge über der Zehn-Minuten-Marke. All diese Merkmale haben wir nie so richtig bedient, da unsere Musik anders aufgebaut ist und wir selten die fünf Minuten überschreiten. Auch die typischen laut/leise-Brüche findet man auf unseren Alben sehr selten. Trotzdem ist unsere Musik dem Post Rock immer noch am nächsten, da wir instrumentale Musik spielen und von der Melancholie und den Melodieaufbau ähnlich funktionieren. Wir sehen uns selbst irgendwo zwischen Filmmusik, Instrumental, Rock, Post-Rock, Ambient, Dark und Elektro-Musik.«

Martin: »Vielleicht sind die Leute zunehmend vom aktuellen Mainstream gelangweilt? Auf der Suche nach Künstlern, die noch vollkommen unberührt von den Einflüssen der Majorlabels sind, stoßen viele unvermeidbar auf das Post-Rock-Genre. Fakt ist, dass es noch heute ein Nischen-Genre ist, mit sehr viel weniger Hörern als in anderen Stilen. Aber vielleicht ändert sich etwas in naher Zukunft, ich bin gespannt.«

Stört ihr euch an den nicht wegzudenkenden Vergleichen mit Bands wie God Is An Astronaut oder 65daysofstatic? Die Frage ist ja auch immer wieder, inwiefern man überhaupt Autarkie für seine eigene Musik beanspruchen kann, wenn man selbst jeden Tag im Medienkreuzfeuer neue Inputs bekommt.

Martin: »Selbst in der Wissenschaft zeigt uns die Geschichte, dass so manche Innovation fast zeitgleich an ganz unterschiedlichen Ort erfunden wurden. Und das obwohl die Erfinder nie einen direkten Kontakt zueinander hatten. Das ist kein Zufall, sondern ganz logisch. Denn gebe ich dir Stein und Holz, wird es nicht lange dauern bis du dir einen Hammer daraus baust. Auch wenn wir individuell und ganz unabhängig Musik schreiben, wird es irgendwo auf der Welt Interpreten geben, die uns sehr ähneln und das obwohl wir noch nie voneinander gehört haben.«

Stichwort „cineastisch“, im Video zu 'Stairs To The Redemption' kommt in einem Standbild die Battersea Power Station vor, die viele von Pink Floyds „Animals“-Cover kennen. Darüber hinaus mutet darin alles ziemlich steril und wie in einem 3D-Render-Programm vor. Wie groß ist denn euer persönlicher Bezug zu dem Video?

Chris: »Für uns sind die Verbindung zum bewegten Bild und der visuelle Aspekt sehr wichtig. Musikvideos stehen dabei an erster Stelle. Wir versuchen mit jeder Veröffentlichung ein Video herauszubringen. Mit Daniel Tassell, der 'Stairs To The Redemption' produziert hat, arbeiten wir schon zum zweiten Mal zusammen. Seine Bilder passen perfekt zu dem Track und bringen auch die bedrohliche Stimmung gut rüber. Er hat außerdem das Video zu 'Disclosure' gemacht, ein Song aus dem ersten Teil „Shoulders & Giants“.«

Alternativ könnte man sich COLLAPSE UNDER THE EMPIRE auch als Interpreten für einen Filmsoundtrack vorstellen.

Chris: »Ja, auf jeden Fall. Wir hören ständig, dass wir klingen wie der Soundtrack zu einem imaginären Thriller oder Science-Fiction-Film. Ein Track wie z.B 'Awakening' vom aktuellen Album könnte auch gut in Filmen wie Tron oder Oblivion funktionieren. Wir würden uns auf jeden Fall sehr freuen, wenn wir mal die Möglichkeit hätten, den Soundtrack für einen Kurz- oder Langfilm zu vertonen. Das wäre die Vollendung in unseren Augen.«

Wie viel politische Motivation steckt hinter euren Ideen? Immerhin habt ihr 2013 den Song 'Lost' als Charity-Single für 'Rettet den Regenwald e.V.' veröffentlicht.

Chris: »Wir haben bereits vor drei Jahren die erste „Charity-Aktion“ gestartet, bei der wir uns gegen die sinnlose Abschlachtung der Haie eingesetzt haben. Wenn man damit einige Fans erreicht, die auf das Thema aufmerksam gemacht werden oder sogar etwas für den guten Zweck spenden, dann kann man nicht mehr erreichen. Politisch ambitioniert würde ich unsere Aktionen nicht nennen, es sind meist Themen, die uns selber bewegen.«

Euer Bandname ist, wie vielerorts zu lesen war, aus dem Kürzel „cute“ entstanden. Was ihr dann daraus entwickelt habt, weckt unweigerlich eine politische Assoziation. Sind die Gesellschaft und ihre Individualität(en) unter dem Druck der Imperien zusammengebrochen? Damit können neben Regierungen ja auch der Druck von Wirtschaft oder Religion gemeint sein.

Chris: »Als wir im Jahr 2008 beschlossen, Instrumentalmusik zu machen, haben wir wie die meisten Bands monatelang nach einem Bandnamen mit einer bestimmten Message gesucht. Der Anstoß kam von meiner Freundin, als sie den lieblichen Namen "Cute" ins Spiel brachte. Wir fanden den Namen für eine Post Rock-Band unpassend. Da wir Doppelbedeutungen schon immer gut fanden, suchten wir gemeinsam nach einem Bandnamen, der dem Kürzel C.U.T.E. entsprach. In Zeiten der weltweiten Wirtschaftskrise fiel uns der Name dann sehr schnell ein. Irgendwie lustig, man kann vieles in den Namen hineininterpretieren. Das spiegelt ja auch deine Frage wieder. Es sagt aber in jeden Fall aus, dass irgendetwas vor dem Abgrund steht und sollte eine Art von Vorwarnung sein.«

Ist die Konfrontation mit Isolation und Tod der reale, alltägliche Teil und Freiheit ein abstrakter Wunschzustand, dem ihr versucht mit eurer Musik ein Stück näher zu kommen?   

Martin: »Wir beide leben in der Großstadt, werden ständig durch Stress und Hektik in Mitleidenschaft gerissen. Natürlich sehnen wir uns oft danach dem Ganzen zu entkommen. Für uns selber ist es unglaublich schwierig, fast unmöglich, aus diesem sicheren System zu entkommen. Was uns bleibt sind die Vorstellungen daran, wie es wäre, wenn wir es täten. Was im ersten Augenblick nach der Erfüllung eines lang ersehnten Traums erscheint, wird am Ende der pure Kampf ums Überleben sein.«

An Europas Grenzen ist die Flüchtlings- und Asylthematik stark diskutiert. Sind nicht genau die Themen eurer Konzeptalben auch jene, die Menschen zum Aufbruch in ein anderes Leben motivieren? Die Angst vor Unterdrückung und Tod, der Drang nach Freiheit, einhergehend mit dem Risiko der sozialen Isolation in einem anderen Land?

Chris: »Wir sind immer wieder überrascht, wie viel man in unserer Konzeptwerk hineininterpretieren kann. Du hast aber natürlich recht, wenn du vom „Aufbruch in ein anderes Leben“ sprichst. Genau diese neue Welt wollten wir mit unserem Konzeptwerk thematisieren. Das kann man mit Sicherheit auch in Bezug auf die Flüchtlingsthematik beziehen.«

So, zum Abschluss noch zwei mondäne Fragen. Sind COLLAPSE UNDER THE EMPIRE inzwischen so groß einzuschätzen, dass ihr von eurer Musik leben und eure Equipment finanzieren könnt?

Martin: »Zwar kennen uns bereits viele Leute in der ganzen Welt, wie ich aber schon in der früheren Frage erwähnte, sind wir weit weg vom Mainstream. Das macht es fast unmöglich, davon seinen Lebensunterhalt zu verdienen. Alle Einnahmen gehen wieder in die Produktion neuer Musikstücke. Wir sind froh, dass wir zumindest die Produktion selbst bewerkstelligen können, ohne das uns jemand vorschreibt, wie unsere Songs zu klingen haben.«

Ist der nächste Studiotermin bereits gebucht? Bei eurem Arbeitstempo steht im nächsten Jahr sicherlich wieder was Neues an.

Martin: »Ehrlich gesagt gibt es keine festen Studiotermine bei uns. Wann immer wir uns treffen und die Zeit finden neue Musik aufzunehmen, dann machen wir das einfach. Und das geht ja heutzutage fast überall. Man ist super flexibel mit dem Equipment geworden und es muss auch nicht immer das teuerste und beste sein. Viele Bands fangen erst jetzt an, die Möglichkeiten zu entdecken, produzieren selbständig und können am Ende natürlich das veröffentlichen, was sie gern möchten.«
 

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Pic: Oliver Sorg (Promo)