Online-MegazineInterview

OPETH

Musikalischer Befreiungsschlag

OPETH sind gewissermaßen schon immer musikalische Visionäre gewesen und haben in ihrer über 20jährigen Bandhistory mit jedem Album neue Horizonte erschlossen. Die für Songwriter/Gitarrist/Sänger Mikael Åkerfeldt schon seit langem wichtige Musik der Sechziger und Siebziger Jahre rückt im Jahr 2011 bei den Schweden mehr denn je in den Vordergrund. Wir sprachen mit ihm über die neue Ausrichtung der Band und über die Künstler und Bands, die ihn prägen und sich auf seine Musik auswirken.

Opeth haben sich mit „Heritage“ vollständig von ihren Death Metal-Wurzeln gelöst. Hast du die musikalische Kurskorrektur selbst entschieden und gab es Zweifel seitens der anderen?

»Ähm ja, ich denke ich habe die Entscheidung für die neue musikalische Ausrichtung getroffen, da ich bis auf eine Ausnahme alle Songs allein geschrieben habe. Es gab nicht wirklich Zweifel von den anderen Jungs. Ich hatte begonnen, einige Songs zu schreiben, die in die Richtung des letzten Albums gingen und habe es unserem Bassisten Martin vorgespielt. Er mochte es nicht besonders. Das Feeling war weder bei mir noch bei ihm wirklich da. Er meinte zu mir: „Wenn es das sein soll, wie es mit unserer Band weitergeht, dann ist das ziemlich enttäuschend.“ Es hat mich befreit, dass von ihm zu hören. Und ich sagte: „Du hast recht, wir sollten diesen Scheiß nicht mehr machen. Wir haben diesen Stil mit den letzten Alben ausgereizt.“ Ich bin ein Freund von Veränderungen. Von Zeit zu Zeit wacht man auf und schreibt Songs auf eine andere Art, als zuvor. Auf diese natürlichen Veränderungen ist eine Band wie wir angewiesen. Also hab ich diese Songs von der Festplatte gelöscht, von vorn angefangen und den Song 'The Lines In My Hand' geschrieben, der auch auf dem Album zu finden ist.«

Gab es besondere Ideen für das Album-Artwork? Die Farbgebung erinnert sehr an psychedelische Traditionen.

»Ich mag diese Art von Album-Cover. Ich habe schon viele Platten nur wegen ihrer Artworks gekauft. Ich wollte eins dieser Cover, auf das man länger als ein paar Sekunden schaut. Und dieses Cover beinhaltet viele Informationen, viele Symbole und viel mehr Farben als wir je zuvor hatten. Außerdem ist es ein bisschen witzig, mit unseren Köpfen im Baum. Ich hatte das Konzept und habe es Travis Smith erklärt, der seit vielen Jahren unsere Cover designt. Ich habe ihm ein paar Hinweise im Bezug auf einige alte Maler, wie Bruegel gegeben, der „The Triumph Of Death gemacht hat“. Das ist auf dem Black Sabbath-“Greatest Hits“-Album zu sehen. Und Hieronymous Bosch. Ebenso seriöse Kunst mit Bildern, die eine Unmenge an Informationen in sich haben, wie zum Beispiel „Yellow Submarine“. Für mich sieht unser neues Cover aus, als könnte es im Louvre hängen.«

Deine breitgefächerten Einflüsse aus der psychedelischen und progressiven Musik der 60er und 70er sind seit vielen Jahren bekannt. Haben sich deine Vorlieben in den letzten Jahren verändert?

»Ich erweitere meinen musikalischen Horizont permanent. Ich diskriminiere nicht, wenn es um Musik geht. Als ich 15 oder 16 Jahre alt war, hatte ich einen Tunnelblick und wollte cool sein. Aber jetzt wo ich älter bin, kümmere ich mich nicht mehr um darum. Ich mag sogar einiges, was im Radio läuft, wie zum Beispiel einen Take-That-Song. Durch mein Plattensammeln komme ich in Kontakt mit vielen verschiedenen Musikrichtungen und Künstlern. Ich bekomme fast jeden Tag neue Platten, weil ich so viel kaufe, es ist verrückt. Meistens gibt es für ein Album ein paar Schlüsselkünstler, die ich beim Schreiben am meisten höre. Dieses mal habe ich viel David Crosby gehört, der 1971 die Platte „If I Only Could Remember My Name“ rausgebracht hat. Es ist hauptsächlich eine Jam-Aufnahme und Leute wie Joni Mitchell und Jerry Garcia sind mit dabei. Er ist der König der Harmony-Vocals. Er hat all die Harmony-Vocals für die Byrds geschrieben. Außerdem habe ich viel Terry Reid gehört. Er hatte abgelehnt, bei Led Zeppelin einzusteigen, bevor sie Led Zeppelin hießen. Er sagte: „Nein, ich habe kein Interesse, aber ich kenne hier diesen Robert Plant“. Er ist ein großartiger Sänger und hat in den Siebzigern einige tolle Alben veröffentlicht, zum Beispiel „River“, ein Meisterwerk. Joni Mitchell läuft auch oft bei mir zuhause, ansonsten viel King Crimson, hauptsächlich das Album „Red“, das mich lange Zeit begleitet hat. Es ist soviel. Alice Cooper, Gary Moore, ich hatte auch wieder eine Pink-Floyd-Phase.«

Du hast kürzlich eine zehnteilige schwedische Radio-Show über deine Plattensammlung gemacht. Wie kam es dazu?

»Ich weiß nicht, es ist, als ob ein Traum wahr wird. In erster Linie weil man mir Zugang zum schwedischen Radioarchiv und all den Vinyl-Sammlungen gewährt hat. Eine der besten Sammlungen in Skandinavien. Es war in einer Kneipe, glaube ich. Ich habe mir eine Band angesehen und dieser Typ kam zu mir und erzählte von seiner Show auf P4 Music: „Ich weiß, du bist ein Musikliebhaber und Plattensammler, hast du Interesse an einer Show mitzumachen?“ Selbstverständlich, ja. Das ist es, was ich sowieso die ganze Zeit mache. Rumsitzen, Platten hören und dazu Scheiße erzählen. Ich habe Platten ausgesucht, die ich spielen wollte und denke, dass das meiste davon noch nie zuvor im schwedischen Radio lief. Und das ist das staatliche Radio, kein Independent-Sender. Wir haben das Ganze vor ein paar Monaten bei mir zuhause aufgenommen und ich lege nur Vinyl auf, keine CDs. Man kann das am Rauschen und Knarzen hören.«

Lass uns mal zu einigen deiner Favoriten aus den 60ern und 70ern kommen: Spielen Camel immer noch eine Rolle für Opeth?

»Camel sind auf jeden Fall eine meiner Lieblingsbands und Andy Latimer ist einer meiner Lieblingsgitarristen. Ich habe gelegentlich E-mail-Kontakt zu ihm und habe mal eine Mail von ihm bekommen, weil ich ihn im Classic Rock-Magazine als meinen Lieblingsgitarristen genannt habe. Ich finde, er sollte auf einer Stufe mit Jeff Beck oder Eric Clapton gesehen werden. Also habe ich eine Mail von Andy Latimer bekommen und er hat sich bei mir bedankt, dass ich so etwas gesagt habe. Ich hatte eine Gänsehaut, er ist mein Idol. Ich habe ihre Alben so oft gehört, dass ich sie auswendig kenne. Ich kann sie spielen, ohne sie zu hören. Hauptsächlich aber die ersten vier Alben. Danach hatten sie Line-up-Wechsel, nach denen es für meinen Geschmack musikalisch etwas bergab ging, aber sein Gitarrenspiel blieb großartig. Latimer, Gilmore und Blackmore. Das sind Gitarristen für mich. Und Akustik-Leute wie Nick Drake und Joni Mitchell.«

Es ist auffällig, dass ihr seit vielen Jahren Popol Vuh's 'Through Pains To Heaven' als Live-Intro benutzt. Wieso fiel deine Wahl damals ausgerechnet auf diesen Song?

»Es ist einfach toll. Florian (Fricke, Popol Vuh-Gründer, ms) ist einer meiner musikalischen Helden. Ich mag fast alles von Popol Vuh. Das ganze führt vielleicht etwas in meine Kindheit zurück, als ich den Film Nosferatu zum ersten Mal sah. Es gibt eine Stelle im Film, wo sie durch die Berge reisen, die nur von Mellotron-Tönen begleitet wird, die ich als Kind sehr beruhigend fand. Und dieser Song ist einfach schön. Ich kann mich nicht erinnern, warum ich 'Through Pains To Heaven' ausgewählt habe. Ich hatte einfach nach einem Intro gesucht und fand, dass es passt. Außerdem gebe ich gern Hinweise auf Bands, die ich mag. Insbesondere was alte Bands angeht. Auf einer Tour hatten wir mal ein anderes Intro, es war von Linda Perhacs. Sie macht wunderbare Musik, ich liebe sie.«

Stimmt es, dass du beim Arrangement einer Comus-Reunion-Show beteiligt warst? Wie hat sich diese Möglichkeit ergeben?

»In gewisser Weise, ja. Aber ich bekomme zu viel Aufmerksamkeit dafür. Seit 1996 ungefähr rede ich über Comus. Ich liebe die Band und habe mehr Werbung für sie gemacht, als jeder andere auf diesem Planeten. Und sie wissen das natürlich. Die Reunion-Show geht mehr auf meinen Freund Stefan zurück, der ein Label mit dem Namen Mellotronen Records hat. Und er hat diese Show auf einem Schiff bei einer Reise nach Finnland umgesetzt. Stefan und ich sind nach London gefahren, um uns mit Comus zu treffen und sie zu überzeugen, diese Show zu machen. In Interviews haben sie sich bei mir bedankt und ich war auch Teil davon. Aber Stefan hat auch eine Menge dazu beigetragen und diese Show im Endeffekt realisiert. Und er bekommt keine Anerkennung dafür, weil er kein bekannter Musiker ist.«

Von Album zu Album wurden das Mellotron und die Hammond-Orgel wichtiger für den Sound von OPETH. Was schätzt du an diesen Instrumenten so sehr?

»Das Mellotron hat einen gespenstischen, alten Sound, der gar nicht gespenstisch sein sollte. Es sollten gute Aufnahmen sein, so dass Bands die sich kein Orchester leisten konnten, das Mellotron benutzten. Aber einige der Instrumente wurden für das Mellotron ziemlich schlampig aufgenommen. Es zischt, man hört Autos und Züge im Hintergrund und hört Menschen reden. Es hat etwas Magisches an sich, das sich mit synthetischen Klängen nicht erreichen lässt. Ich liebe den Sound einfach. Ich könnte dauernd diese Popol-Vuh-Songs hören, in denen es Mellotron-Parts gibt. Ich liebe das Instrument sehr und denke, wir werden es auch in Zukunft häufig verwenden.
Die Hammond-Orgel ist auch eines dieser Instrumente, die ich mag. Besonders der rohe, Ken Hensley-artige Sound. Viele Keyboard-Instrumente habe ich früher nie verstanden, weil ich zu sehr im Metal gedacht habe. Das hole ich jetzt nach.«

 

www.opeth.com
www.myspace.com/opeth

 

ROCK HARD #292 enthält neben einer großen OPETH-Titelstory auch eine weltweit exklusive OPETH-CD. „The Devil's Orchard - Live At Rock Hard Festival" beinhaltet nicht nur fünf Live-Songs, die auf dem ROCK HARD Festival 2009 aufgenommen wurden, sondern auch die aktuelle Single 'The Devil's Orchard'.

In die Livetracks kann man hier reinhören:

Einen ROCK HARD-Studiobericht aus Stockholm mit Statements von OPETH-Mastermind Mikael Åkerfeldt gibt es hier zu sehen.

Bilder:

große Bilder: Promo
kleine Bilder: Holger Stratmann

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