Online-MegazineInterview

RISE AGAINST

Mit voller Lautstärke Richtung Gerechtigkeit

RISE AGAINST

Tierschutz, Irak-Krieg, Homophobie und Mobbing – RISE AGAINST sind es auch nach knapp 14 Jahren Bandgeschichte nicht leid geworden, den kathartisch entleerten Konzertbesucher mit einem gesteigerten Moralbewusstsein und einer Weltverbesserer-Attitüde zu entlassen. Angefangen in den Keller-Räumen der Chicagoer Hardcore-Szene, dudeln die sozial und politisch engagierten Herren hierzulande über Radiostationen wie 1Live und treten bei Stefan Raabs TV total auf. Hat die Band sich und ihre Ideale verloren? - Nein! Im Interview plaudert Frontmann und Songwriter Tim McIlrath über das neue alte Album „RPM10“, die Vorteile, eine Top 40 Band zu sein, den Lauf der Geschichte, und warum er so ein Schreihals geworden ist.

RISE AGAINSTVor zehn Jahren habt ihr „Revolutions Per Minute“ veröffentlicht, seit dem 28. Mai diesen Jahres gibt es den Re-Release („RPM10“) mit zehn Bonustracks. Ich würde den Anlass gerne nutzen eine kleine Zeitreise mit dir zu machen.

»Oha, die ganze lange Zeit? (lacht) Da muss ich überlegen, wo fange ich an? Es hat sich so viel verändert. Veränderung ist eh eines unserer Hauptthemen, in vielen Bereichen. Ich würde generell sagen, dass in der Zeit eine Menge passiert ist, und dass wir extrem dankbar sind, heute an dem Punkt angekommen zu sein, an dem wir stehen. Wir hätten nie gedacht, dass wir es schaffen. Wir dachten immer, dass unsere Freunde mal berühmt werden, aber nicht wir selbst. Und jetzt spielen wir in großen Läden, sind auf Tour und erreichen so viele Menschen! Ein Traum ist wahr geworden. Aber wo wollen wir anfangen?«

Ganz am Anfang, bevor es die Band gab. Wie bist du überhaupt zur Musik gekommen?

»Ich wollte nie Sänger werden! Das kann ich vorweg sagen, ich wollte Gitarre spielen. Wir hatten unsere erste Band in der High School und probten im Keller eines Freundes. Da hatten wir noch eine Sängerin, aber irgendwann ergab es sich, dass wir einen neuen Sänger suchten. Ich mochte meine Stimme nicht und dachte, dass ich absolut nicht singen kann. Das denke ich auch noch heute. Ich muss immer noch viel lernen. Aber ich habe es versucht, und dachte mir, dass es besonders im Punkrock nicht perfekt sein, sondern dass es vom Herzen kommen muss. Ich habe es einfach probiert, und irgendwie ging es. Ich musste nur damals verdammt laut singen, fast schon schreien, denn wir hatten bei den Proben keine Möglichkeit den Gesang irgendwie zu verstärken. Da musste ich irgendwie gegen Gitarren und Schlagzeug ankommen; ich denke deshalb singe ich heute so, wie ich singe.«

Du hattest auch nie Unterricht?

»Meine Lehrer waren meine großen Vorbilder von anderen Bands, zum Beispiel Black Flag oder Defeater. Die haben auch immer gesagt, dass der Gesang vom Herzen kommen muss. Das gibt einem selbst ein gutes Gefühl, und ich denke die Fans merken auch, ob es ehrlich gemeinte Musik ist. Aber ich wollte immer Songwriter und Gitarrist werden.«

Waren es auch diese Bands, die dich inspiriert haben, dich politisch zu engagieren?

»Nicht so direkt. Ich bin damals in die Chicago-Hardcore-Punk-Szene der 90er herein gewachsen. Da gab es eine Menge Bands, eine Menge Menschen, die mich inspiriert haben. Als Kind war ich natürlich nicht politisch, aber irgendwann habe ich verstanden, wie wichtig das ist.«

Als ihr RISE AGAINST gegründet habt, stand da die Musik im Vordergrund, oder hattet ihr von Anfang an den Plan, die Band als politische Plattform zu nutzen?

»Ein bisschen von beiden, Musik und Politik waren von Beginn an die treibenden Kräfte. Aber ich würde sagen, die Musik hattte doch etwas Vorrang. Ohne einen guten Song im Ohr zu haben, könnte man die Inhalte nicht liefern.«

Erinnerst du dich noch an euren allerersten Gig?

»Ohhhhh ja (lacht), das war in einem winzigen Keller. Wir hatten noch keine Platte, nur ein paar Songs, und es waren so um die 20 oder 30 Leute da. Und ganz ehrlich: wir waren richtig schlecht. Das hat uns damals keiner unserer Freunde gesagt, aber im Nachhinein sind Leute gekommen und meinten „Was ihr jetzt macht, gefällt uns, aber damals... das war scheiße!“ Ich nehme es ihnen nicht übel, wir waren wirklich schrecklich!«

Wenn man einen direkten Vergleich zu heute zieht, dann haben sich die Dinge wirklich extrem geändert. Anstelle von Keller-Shows spielt ihr die größten Festivals. In Deutschland hattet ihr sogar Interviews mit dem Focus und auf ZDFKultur, lauft auf einigen der größten Radiosender und hattet euren ersten Fernsehauftritt außerhalb der USA (bei TV total). Ist es tatsächlich das, was ihr wolltet?

»Das ist so schwer zu sagen. Vorab muss man wissen, dass es in Deutschland wirklich etwas Besonderes für uns ist. Hier haben wir eine enorm treue und aktive Fanbase, und irgendwie haben wir es hier in den Mainstream geschafft. Und ja, ich finde das gut. Denn wir haben uns nicht verraten oder verkauft. Im Gegenteil, ich denke unter den Top 40 zu sein, führt dazu, dass mehr Leute hinhören. Und das wollen wir. Das die Leute zuhören und nachdenken, und etwas verändern.«

Glaubst du denn, dass so ein Mainstream-Publikum überhaupt weiß, wovon ihr singt, und was eure Botschaft ist?

»Nein, nicht alle werden das wissen. Aber das ist auch ok. Ich freue mich auch, wenn Menschen zu unseren Shows kommen, sich komplett verausgaben und einfach alles raus lassen. Wenn das Ganze zu einem kathartischen Erlebnis wird, und die Menschen einfach mal vom Alltag loslassen können, dann ist das für mich genau so ein Erfolg, wie wenn sie sich auch mit unseren Inhalten befassen. Aber im Endeffekt machen wir ja Musik, und es ist auch vollkommen in Ordnung, wenn man sie zur Unterhaltung und zum Feiern nutzt.«

Eine sehr liberale Einstellung. Und dennoch gibt es kaum eine Band in eurer Größenordnung, bei der die Inhalte so präsent sind. Ob Politik, Tierschutz, Homophobie – kein Thema ist euch zu groß oder brisant. Oder gab es schon mal ein Thema, über das du gerne einen Song geschrieben hättest, bei dem du aber Angst hattest es anzugehen?

»Gute Frage (denkt lange nach). Ich denke nicht. Wir haben schon immer gesagt, was wir denken. Das Thema, bei dem ich den Mut verliere darüber zu sprechen, das muss erst noch geboren werden.«

Ihr sprecht sehr oft sehr unangenehme Themen an. Gab es deshalb schon einmal richtig Ärger?

»Mehr als genug! Da fallen mir viele Beispiele ein! Zum Beispiel sollten wir zur Zeit des Irakkriegs auf einem Festival spielen, bei dem die Bühne von der US-Armee gesponsert wurde. Da haben wir uns geweigert aufzutreten. Daraus wurde in den Medien ein gigantisches Drama gemacht. Wir seien antiamerikanisch. Aber das war uns egal, denn unsere Fans haben uns geglaubt, und nicht diesen Idioten vom Radio.«

War das auch die Zeit, in der „Revolutions Per Minute“ erschien? Was hast du noch für Erinnerungen an diese Zeit, und welche Faktoren haben dich damals beim Songwriting beeinflusst?

»Ja genau, das war zu der Zeit. Bush, Krieg, die Post-9/11-Zeit, Unsicherheit... Die Amerikaner waren damals sehr emotional, sehr verunsichert. Das haben wir in dem Album verarbeitet. Aber, was viele vergessen, auch persönliche Angelegenheiten spielen eine Rolle. Wir haben uns damals selbst und als Band gefunden. Dieser Prozess wird auf dem Album ebenfalls deutlich.«

Hat sich von damals bis heute viel geändert, sowohl für euch persönlich, als auch in der Gesellschaft? Missstände gibt es immer noch, das ist nicht die Frage. Aber du gehst ja in einer bestimmten Weise mit solchen „Problem-Themen“ um. Würdest du sagen, dass sich generell die Art, wie man über schwierige Themen sprechen kann, geändert hat?

»Oh ja! Zum einen die Wege, über die man sich austauschen und informieren kann, das ist ja viel transparenter und offener geworden. Ich habe das Gefühl, dass man schneller etwas ändern kann, zum Beispiel über Communities im Internet. Die Menschen treten miteinander in den Dialog, und das ist der erste Schritt. Es ist alles in allem, würde ich sagen, besser als früher, und Geschichte entwickelt sich immer weiter in Richtung Gerechtigkeit.«

Das wären ein paar schöne Schlussworte, hätte ich nicht noch eine Frage an dich. Wie sieht es mit euren Plänen für die Zukunft aus?

»Wir haben verdammt viel vor! Wir spielen die kommenden Wochen einige Festivals in den USA. Und wir sammeln die B-Seiten unserer Platten, und wollen diese so bald wie möglich alle zusammen auf einem Album veröffentlichen. Neue Songs schreiben wir natürlich auch. Aber trotz all der Pläne und Ideen wollen wir uns im Sommer ein wenig frei nehmen, und mal wieder einige Zeit zum Durchatmen nehmen.«

Wir sind gespannt! Noch ein paar letzte Worte an die deutschen Fans?

»Dankeschön (auf gebrochenem, herzlichen Deutsch). Wir kommen immer wieder gerne nach Deutschland, hier haben wir immer viel Unterstützung und Input erhalten. Wir sehen uns!«

 

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