Online-MegazineInterview

KETZER

Milch ist aus!

KETZER

Hier findet ihr die Online-Ergänzung zum KETZER-Interview aus Rock Hard Vol. 345 mit Gitarrist Chris, Drummer Sören und Basser sowie Lyriker David. Auch hier gewähren uns die Jungs tiefe Einblicke hinter die Kulissen ihrer brandneuen Scheibe „Starless“ - sie verraten uns u.a. wieso es erstmals deutsche Zeilen auf der Platte gibt und was mit dem 'Limbo' auf sich hat.

Glückwunsch noch mal zu eurem dritten Album „Starless“. Seid ihr eigentlich zufrieden mit dem Ergebnis?

Chris: »Vielen Dank! Mit den Songs auf “Starless” sind wir ohnehin absolut zufrieden. Das ist der Grund, warum wir überhaupt erst ins Studio gegangen sind: Wir wussten, dass wir fertig sind und dass wir genau das Material geschrieben haben, aus dem das neue KETZER-Album werden soll.«

Den Titeltrack habt ihr als erstes veröffentlicht, und der wirkt sehr rockig, spannungsgeladen, aber auch etwas hoffnungslos. Empfindet ihr das ähnlich?

Chris: »Dass das Lied bei dir solche Assoziationen hervorruft, also einen Kontrast von Energie, Spannung und Hoffnungslosigkeit, finde ich großartig. Ich kann die Songs und das Album selbst nicht wirklich in Worte fassen, und möchte das eigentlich auch gar nicht tun, aber dass es solche Eindrücke macht, bedeutet offenbar, dass die vielen Stimmungen, die wir beim Schreiben, Spielen und Aufnehmen hatten, tatsächlich noch für den Hörer spür- und hörbar geblieben sind – und das ist ja unser Ziel gewesen. Diese nicht wirklich greifbare Energie so gut wie möglich einzufangen. Was das für Emotionen und Gefühle sind, die da festgehalten wurden, diese Interpretation überlassen wir jedem Hörer selbst, aber auch hier geben vielleicht wieder die Texte einen Wink in die „richtige“ Richtung vor.«

Die zweite Nummer auf dem Album hat den recht ungewöhnlichen Titel 'When Milk Runs Dry'. Was steckt dahinter?

David: »In dem Lied geht es im Grunde genommen ganz praktisch um das Erwachsenwerden: Man reißt sich von Zuhause los und testet seine Grenzen aus, was oft sehr zerstörerische Auswirkungen auf den Körper haben kann. Es ist ein langer Prozess, in dem man sich von seinem Elternhaus langsam verabschiedet. Um auf den Titel zu kommen: Der allererste Schritt in diesem Prozess ist, wenn man von der Mutter keine Milch mehr bekommt.«

Der Song hat musikalisch einen genialen Bruch: Erst wirkt er ruhig, schön und total Doors-anmutend, dann ertönen tragische Melodien und schließlich schlägt er um ins Kämpferische, fast schon militärisch Marschierende. Kann man diesen Bruch auf die Aussage übertragen? Und wie kam es zu den erstmalig deutschen Zeilen „das Messer schneidet tief ins Fleisch“?

David: »Das ist eine sehr interessante Interpretation. Ich habe ja gerade schon erklärt, worum es geht: Der Song strahlt anfangs eine gewisse Harmonie aus und bekommt dann eine sehr stampfende, harte Note. Man könnte tatsächlich sagen, dass die Musik den Inhalt perfekt widerspiegelt – von der Sicherheit, die man noch vor seiner Geburt hat, bis hin zum Entrissen werden von der Mutter und allem, was dann zwangsläufig folgt. Da 'When Milk Runs Dry' dieses schmerzhafte “Aufwachsen” behandelt, hat es für uns Sinn gemacht, hier zum ersten Mal auch in unser Muttersprache zu singen.«

Und die The-Doors- und Led-Zeppelin-Einflüsse? Seid ihr damit aufgewachsen, oder wie haben es diese Momente auf die Platte geschafft?

Sören: »Deine Annahme ist richtig. Die Bands zählen aus unserer Sicht zu dem absolut Besten was die Geschichte der Rockmusik jemals hervorgebracht hat. Daher haben sich auf dem Album ein paar kleine Hommagen versteckt, von denen wir eigentlich dachten, dass sie nicht so schnell auffallen. Anscheinend haben wir uns getäuscht oder du hast ein wirklich gutes Gehör.«

Aber ihr habt auch eigene Riffs und Melodien, die so facettenreich und mitreißend sind und eine andere Seite von Ketzer eröffnen. Das zeigt sich zum Beispiel in 'White Eyes' sowie 'Silence And Sound' und ließe sich am ehesten mit tragisch-romantisch beschreiben, gerade 'Silence And Sound' klingt, als würde Marius seine Seele frei spielen. Ist das so?

Sören: »Ich finde es interessant diese Frage aus meiner Perspektive als Schlagzeuger zu beantworten. Da ich nur ein paar rudimentäre Griffe auf der Gitarre zu Stande bringe, bin ich immer wieder fasziniert davon, wie manche Menschen, die dieses Instrument beherrschen und denen auch noch das Talent geschenkt wurde Songs zu schreiben, es tatsächlich schaffen, einen Teil ihrer innersten Persönlichkeit in diese zu legen. Als Drummer ist man ja meistens für das Grundgerüst zuständig und bei „Starless“ war es interessant zu merken, dass ich mich in meinem Spiel immer wieder selber etwas zurück gehalten habe, um den Gitarren mehr Raum zur Entfaltung zu ermöglichen. Diese, im Vergleich zu den vorherigen Alben, etwas reduzierte Spielweise hat aber gleichzeitig dazu geführt, dass ich mich öfter einfach treiben lassen konnte, ohne besonders viel über Technik und Strukturen nachdenken zu müssen und den Fokus mehr auf Gefühl und Dynamik legen konnte. Ich denke, dies wird man im Bezug auf die neuen Lieder auch live merken.«

'Limbo' ist auch ein sehr emotionaler und berührender Moment auf „Starless“, er wirkt wie ein einsamer, verregneter Sonntag, der doch noch erhellt wird durch ein paar Lichtstrahlen, die sich durch die dunklen Wolken drücken. War der Song von vornherein als Abschluss des Albums gedacht?

David: »Das Hauptriff hatte Marius schon vor Jahren mal vorgespielt, wir wussten allerdings nie wirklich was wir damit machen können, nicht mal, als wir ins Studio gegangen sind. Wir haben uns dann zusammengesetzt und 'Limbo' innerhalb von wenigen Stunden fertig geschrieben. Erst dann wussten wir, dass dieser Song das Album beenden wird. Es hat tatsächlich etwas hoffnungsvolles und hinterlässt einen Eindruck, der den Zuhörer mehr erwarten lässt.«

Sören: »Dazu muss ich noch sagen, dass ich immer wieder darauf bestanden habe, etwas aus der Grundmelodie zu machen. Als Marius sie uns damals im Proberaum vorgespielt hat, war ich emotional ziemlich berührt und wusste, dass ich es auf dem Album haben möchte. Ich bin sehr glücklich, dass wir es im Endeffekt verwendet haben und mit dem Ergebnis mehr als zufrieden. Deine Assoziationen gefallen mir im Übrigen richtig gut.«

Und spielt Religion noch ein Thema auf „Starless“ oder ist das auch Vergangenheit?

David: »Religion war schon immer ein Hauptthema bei uns, was der Name KETZER ja schon vermuten lässt. Das lyrische Albumkonzept zu „Starless” verdichtet dieses Thema noch mal besonders intensiv: Es geht um den Bruch zwischen Religion und Realität. Können die Mythen und Religionen der Welt uns noch bei unseren alltäglichen Problemen als Menschen in einer modernen Welt helfen?«

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Pic: Alina Cuerten (Promo)