Online-MegazineInterview

RUSSIAN CIRCLES

Melancholie und belgisches Bier

RUSSIAN CIRCLE

Auch wenn RUSSIAN CIRCLES grundsätzlich im instrumentalen Post Metal unterwegs sind, gibt es auf der neuen Scheibe "Memorial" mehr Experimente denn je zu hören. Gitarrist Mike Sullivan beantwortete während der laufenden Europatour in freundlicher, aber kompakter Form unsere Fragen über rätselhafte Songtitel, den Vorteilen besonderen Equipments, oder dem Wunsch, fern jeglichen Genre-Denkens agieren zu können.

Mike, woher habt ihr eigentlich immer diese abstrakt-originellen Songtitel für eure Instrumentalmusik? Nehmen wir als Beispiel mal 'Schiphol' (Airport Amsterdam, ms.) von eurer letzten Scheibe.

»Die meisten Titel sind obskure Hinweise oder eine Bezugnahme auf Menschen, Orte oder Ereignisse. 'Schiphol'  bezieht sich auf einen einwöchigen Aufenthalt in einem Flughafen-Hotel, wo wir wegen des Vulkanausbruchs in Island vor einiger Zeit festsaßen. Nach sechs Wochen Tour haben wir den eigentlich überflüssigen Komfort in diesem Hotel sehr zu schätzen gelernt und es genossen, dass man per Zug schnell in Amsterdam war. Ursprünglich sollte der Song nur anschwellende Gitarren- und Basstöne enthalten ohne jegliche Rhythmusstruktur. Im letzten Moment der Aufnahme haben wir dann doch noch ein paar Gitarrenarpeggios eingebaut. Die Wiederholungen im Song sollten die tägliche Routine darstellen, und wie wir andauernd Hockey-Übertragungen geguckt haben und Unmengen belgisches Bier aus einem Flughafen-Geschäft getrunken haben (lacht). Der Flughafen hatte aber auch seine negativen Seiten. Viele glücklose Reisende konnten keine Hotels mehr buchen und mussten tagelang in einem der Terminals leben und schlafen, was mehr wie ein Obdachlosenheim wirkte als ein funktioniernder Flughafen.«

Gemeinsam mit Chelsea Wolfe (experimentelle Singer/Songwriter-Künstlerin aus LA, ms.) habt ihr den sehr kompakten, ätherischen Song 'Memorial' aufgenommen. Wie war es, auf einmal mit Gesang konfrontiert zu sein, auf den die Hörer ja sicher oft primär achten, statt auf die Instrumente?

»Wir sind große Fans von Chelsea. Wir haben den Song so komponiert, dass viel Raum für ihre Vocals bleibt. Die Rolle ihrer Stimme ist wie ein mehrdimensionales Instrument, das den Track bis zum Abschluss des Albums begleitet.«

Wie kam die Zusammenarbeit mit ihr zustande? Ihre sonstige Arbeit wirkt oft sehr düster und destruktiv, wohingegen RUSSIAN CIRCLES energische und melancholische, aber durchaus auch positive Energie ausstrahlt.

»Als wir vor ein paar Jahren in den Staaten zusammen getourt sind, haben wir darüber gesprochen, dass wir mal zusammenarbeiten wollen. Wir waren ohne viel Diskussion mit ihrem Gesang einverstanden, der eben einen etwas hintersinnig-düsteren Vibe hat.«

Derzeit seid ihr auch gemeinsam auf Tour. Ich vermute, dass sich euer Publikum ziemlich unterscheidet. Wie kommen die separaten Sets denn bei den Leuten an?

»Wir hatten bisher Glück, dass es bei beiden Bands enthusiastische Reaktionen gegeben hat. Unsere Musik teilt auch die gleiche Melancholie und Kargheit, was die Genre-Unterschiede dann anscheinend in den Hintergrund rücken lässt.«

Habt ihr überhaupt Interesse, Teil einer Szene zu sein? Die Community im Bereich instrumentaler Post Metal ist in den letzten Jahren ja gewaltig gewachsen.

»Nein, wir haben kein Interesse daran, Teil einer bestimmten Szene zu sein. Wir mögen sehr viele Arten von Musik und versuchen uns mit jeder Platte sozusagen aus unserer Komfortzone rauszubewegen. Sicher, wir sind uns unserer musikalischen Einflüsse bewusst, aber wir versuchen nie zu einer speziellen Gruppe oder einem besonderen Genre zu passen.«

Mir gefällt das Artwork von "Memorial" sehr gut. Was genau sehen wir dort und wie passt dieses doch recht kalte, eisige Motiv zum Albumtitel?

»Das Foto hat unser Freund Ryan Russell bei einem Flug über die Teton Range-Berge (ein Teil der Rocky Mountains, ms) geschossen. Die Eindrücke aus dem Foto sind für Interpretationen offen.«

'Deficit', 'Burial' und 'Lebaron' klingen viel härter und straighter als die anderen fünf Songs. Hat der musikalische Ausdruck von "Russian Circles" so etwas wie zwei gegenüberstehende Seiten?

»Auf diesem Album wollten wir das Licht vom Dunkel trennen, statt alles in einen Song zu packen. Vielleicht mal abgesehen von '1777'. Zu viel denken wir darüber aber auch nicht nach. Manchmal ist es fordernder, sich für einen Song ganz auf die harten Parts zu konzentrieren. Das Gleiche könnte man über die zarteren Lieder sagen.«

Wie viel von eurem Material entsteht durch gemeinsames Jammen und wieviel wird von einem Mitglied allein komponiert?

»Die meisten Lieder entstehen aus Gitarrenriffs und einzelnen Ideen. Danach schauen wir, wie sie am interessantesten zusammenpassen, auch um Türen für Ideen zu öffnen, die wir sonst nie gehabt hätten. Dieses Mal haben wir weniger gejammt als bei früheren Releases. Wir haben uns einfach mehr Gedanken über Arrangements gemacht, als bestimmte Momente durch spontanes Jammen einzufangen. Obwohl natürlich beide Seiten ihre Vorteile haben.«

'Memoriam' und 'Memorial' beginnen und beschließen das Album und bauen auf der gleichen Melodie auf. Gibt es einen weiterreichendes Konzept, das über das Hörbare hinausgeht?

»Nichts allzu konzeptuelles, außer dem Album mit 'Memoriam' eine bestimmte Stimmung zu verleihen, um mit 'Memorial' dann einen Sinn für Abschluss und Akzeptanz dieser einzufangen.«

Könnt ihr was dazu sagen, wovon die 'Memorial'-Lyrics handeln, oder wo sie zumindest nachzulesen sind?

»Chelsea hat den Text geschrieben und man kann ihn auf der Hülle des Vinyls nachlesen. Sie hat die Bedeutung der Lyrics noch anderswo erklärt, aber das möchte ich lieber ihr selbst überlassen. Zufälligerweise passt der Text sehr gut zu dem bereits existierenden Songtitel.«

Im letzten Monat habt ihr für das US-Magazin "Premier Guitar" euer Equipment vorgestellt. Wie seid ihr im Laufe der Jahre an so spezielle Marken wie Verellen-Amps, Emperor-Boxen, sowie die unzähligen maßgeschneiderten Effektgeräte gekommen?

»Es ist einfach so, dass all diese Firmen von nahen Freunden gegründet wurden, die gutes Equipment  herstellen wollten. Wir bevorzugen es, mit unseren Freunden zusammenzuarbeiten und deren Arbeit zu repräsentieren, anstatt Equipment von größeren Firmen. Die brauchen diese Aufmerksamkeit nicht und endorsen auch nur sehr bekannte Künstler. Wir mögen auch viele andere Marken, aber zum Glück haben wir auf diesem Weg qualitativ hochwertige Produkte bekommen, die unseren Ansprüchen entsprechen.«

Was hört ihr privat für Musik? Könnt ihr euch vorstellen, auch in Zukunft mit Künstlern aufzutreten, die nicht aus dem Rock/Metal-Bereich kommen?

»Die Angelegenheit mit Chelsea Wolfe hat uns in letzter Zeit den polnischen Komponisten Arvo Pärt näher gebracht, der echt faszinierend ist (Pärt stammt aus Estland, ms.). Andere Bands wären zum Beispiel Power Trip, Disappears, Brian Eno, The Body und eine Million weitere. Ich wäre nicht überrascht, wenn wir in Zukunft noch mehr mit anderen Künstlern zusammenarbeiten würden. Die Arbeit mit Chelsea war eine sehr emotionale und lohnenswerte Erfahrung.  Wir sind da ziemlich offen, was Zusammenarbeit mit Freunden und Musikern angeht, die wir respektieren.«

Mike, vielen Dank für das Interview und noch gutes Gelingen für den weiteren Tourverlauf!

 

http://www.russiancirclesband.com