Online-MegazineInterview

EARTH FLIGHT

Meister der Elemente

EARTH FLIGHT

Die Pfade, die die Nürnberger von EARTH FLIGHT auf ihrem dritten Langspieler „Riverdragons & Elephant Dreams“ beschreiten, sind so spannend und unkonventionell, wie es der exotische Albumtitel vermuten lässt. Wenn sich beim Hören weitläufige Gebirgsketten und ein endloser Ozean vor dem geistigen Auge entfalten, haben Frontmann Tobias Brunner und Schlagzeuger Markus Kühn das visuelle Ziel ihrer Musik erreicht. Im Interview stehen uns die beiden Progger humorvoll Rede und Antwort und offenbaren dabei die farbenfrohen Dimensionen ihrer musikalischen Gefühlswelt.

Tobias, Markus, ihr habt sieben Jahre am Nachfolger von „Blue Hour Confessions“ gearbeitet, jetzt ist „Riverdragons & Elephant Dreams“ da. Warum hat es schlussendlich so lange gedauert?

Markus: »Zunächst einmal sind unser Gitarrist und unser Schlagzeuger neu dazugekommen. Wir haben nicht wirklich die kompletten sieben Jahre an diesem Album komponiert.«

Tobias: »Wir haben auch an der Band an sich gearbeitet. Plötzlich kam an den Tasten jemand dazu. Dann musst du natürlich zusehen, dass mit so viel Umstrukturierung alles zusammenläuft. In unserem Alter ist das gar nicht mehr so leicht (lacht).«

Markus: »Genau, immerhin sind wir schon 25.«

Tobias: »(Lacht laut auf.) Naja, 25 bis 30. Man muss einfach versuchen, sich zu finden. Irgendwie gab es so viele Wechsel, Höhen und Tiefen. Auch konnten wir das letzte Album leider nicht so präsentieren, wie wir es wollten, das zieht dich natürlich ein bisschen runter. Ich sag das jetzt mal ganz salopp, wir mussten einfach die Arschbacken zusammenkneifen und weitermachen. Außerdem haben wir alle ein Leben neben der Musik, wir sind schließlich keine Profimusiker. Es hat seine Zeit gedauert, bis wir das Feuer neu entfachen konnten. Ich würde jetzt auch gerne sagen können, dass wir alle in diesem Zeitraum Kinder bekommen haben, aber die meisten von uns hatten schon welche. Wobei... ach ne, stimmt! Ich hab innerhalb der sieben Jahre ein Kind bekommen! Aber das ist auch kein Argument (Gelächter).«

Würdet ihr sagen, dass ihr euch in diesen sieben Jahren persönlich verändert habt? Und wie macht sich das im Songwriting bemerkbar?

Tobias: »Boah, du fragst mich Sachen. Tja, wie ist das? Es passiert einfach. Du hast Beziehungen, du bekommst ein Kind und irgendwie schlägt sich das natürlich alles auf die Texte nieder. Genauso, wie ich auch denke, dass sich bei unserem Gitarristen durch seine Lebensumstände auch seine Art des Spiels verändert hat. Das ist eine schwierige Frage, ich weiß gar nicht, wie ich das beantworten soll. Aber irgendetwas muss passiert sein.«

Markus: »Das Album hat viele Phasen durchlebt. Von der totalen Euphorie bis zur Frage, wie es eigentlich weitergehen soll und wohin wir überhaupt gehen wollen. Das passiert gerade deshalb, weil wir uns selbst ständig verändern und einen neue Sichtweise bekommen.«

Plant ihr im Vornherein also gar nicht so viel? Entstehen eure Songs aus dem Prozess heraus?

Tobias: »Also es läuft bei uns fast schon klassisch so ab, dass der Gitarrist mit einer Idee ankommt, wir damit herumjammen und das alles sehr frei angehen. Und irgendwann geht die ganze Sache dann immer mehr ins Detail. Aber ob das geplant ist... das weiß ich nicht.«

Markus: »Es ist ein langer Prozess, mit vielen unterschiedlichen Stimmungen, die man aufbringt und neuen Eindrücken, die entstehen. Wenn du meinst, dass es bei uns einen gibt, der mit einer kompletten Songstruktur über zehn Minuten ankommt, dann ist das auf jeden Fall nicht der Fall. Das ist bei Musik aber auch schwierig, denn die hat sehr viel mit Stimmung zu tun. Es gibt auch Phasen, in denen wir in einem Song überhaupt nicht vorwärts kommen, dann aber wieder Phasen, in denen alles wie von selbst herausfließt. Wir müssen uns gegenseitig untereinander abholen, damit ein kreativer Prozess entsteht. Und das ist auch nicht immer der Fall. Bei vier Leuten, zu diesem Zeitpunkt waren wir zu viert, hängt es von vielen Faktoren ab, dass tatsächlich eine positive und kreative Stimmung erzeugt wird. Deshalb hat es vermutlich auch so lange gedauert (lacht).«

Stichwort Stimmung: Eure Musik erzeugt viel Atmosphäre und ruft zumindest vor meinem geistigen Auge starke Bilder hervor. Was seht ihr denn beim Komponieren eurer Songs?

Tobias: »Ich selbst habe keine Erwartungen. Das ist schließlich, was man zu erreichen hofft: Jeder soll komplett frei an die Musik herangehen und sich seine eigenen Bilder machen. Oder willst du wissen, welche Bilder speziell wir vor Augen haben?«

Genau.

Tobias: »Wir hatten Arbeitstitel zu den Songs und haben dadurch irgendwann einen Bezug zu den Elementen hergestellt. 'Mirai' zum Beispiel, der erste Song nach dem Intro, hieß vorher 'Mountain'. Ich glaube das war es, was wir alle als Bild im Kopf hatten, Berge. 'Sinus' trug im Original den Titel 'Oceanic', weil er sehr viel mit Wasser und Meer zu tun hatte. 'Tempter' war ursprünglich einmal ein Doom-Song, den wir deshalb zuerst nach der Band Warning benannt hatten. Und bei 'Harbinger', der früher einmal 'Boneyard' hieß, weiß ich es ehrlich gesagt nicht mehr.«

Markus: »Ich weiß natürlich nicht, was du dabei gesehen oder gefühlt hast, aber dazu kommen immer auch Gegensätze. Wo ein Berg ist, da ist auch ein Tal. Ich finde, dass in den Songs ganz gut wiedergegeben wird, dass plötzlich genau das Gegenteil von dem passieren kann, was vorher kam. Das in Worten zu beschreiben ist nicht wirklich einfach. Da sind viele Gefühle im Spiel und ich sehe auch viele Farben. Farbtöne, die sich ändern und in Stimmungen umschlagen.«
Tobias: »Farben waren wichtig! Wir haben auch versucht, das im Booklet und im Artwork wiederzugeben.«



Tobias, du hast betont, dass sich Melancholie wie ein roter Faden durch EARTH FLIGHT zieht und sie es ist, die euch alle verbindet. Woher kommt dieses Gefühl?

Tobias: »Ich bin sowieso der Meinung, dass jeder gute Song irgendwie melancholisch ist. Woher kommt die Melancholie? Das kommt natürlich darauf an, was im Leben passiert und was jeder von uns erlebt. Melancholie ist ja auch nichts schlechtes. Sie ist nicht wie die Trauer, sondern lullt dich ein und umschließt dich.«

Markus: »Wir haben nie das Gefühl, dass unsere Melancholie abschließend ist. Es gibt tatsächlich immer Hoffnung, das ist mir immer sehr wichtig. Es soll nie ein Gefühl sein, in dem man sich verliert, sondern das am Ende immer ein Hoffnungsschimmer zu sehen ist. Auch wenn das vielleicht nicht ganz das richtige Wort ist...«

Tobias: »Nee, doch doch! Hoffnungsschimmer ist genau das richtige Wort, so ähnlich habe ich das zum letzten Album auch schon gesagt. Die Sonne geht fast immer wieder auf.«

Habt ihr deshalb auch 'Harbinger' als erste Single ausgewählt? Der Song erscheint mir als der melancholischste von allen.

Tobias: »Findest du wirklich? Okay... den haben wir aber eher deshalb ausgewählt, weil er mit am kompaktesten ist und schon innerhalb der kurzen zwanzig Minuten, die er dauert (in Wirklichkeit sind es 6:30 Min. - sb), alles mit sich trägt, was die Band ausmacht. Ich selbst empfinde ihn nicht melancholischer als die anderen. Aber das ist ja das Spannende daran, dass jeder etwas anderes hört.«

Markus: »'Harbinger' ist ein Song, der keiner klassischen Songstruktur folgt. Er hat nur einen Refrain, nach dem er dir wegläuft und nicht mehr zurückkommt. Der kommt am Schluss auch nicht mehr zum Anfang zurück, da musst du dich erst einmal daran gewöhnen.«

Tobias: »Bei dem Refrain habe ich ganz bewusst und brutal versucht, bei Nevermore und Warrel Dane zu klauen. Diese Intensität... ich finde, es gab nur einen wirklich überragenden Metalsänger und das war Warrel Dane. Der hatte auch diese schwere Melancholie in sich und bei ihm ging sie sogar noch tiefer. Das war eine Metalband, die es geschafft hat, Emotionen auf eine gänzlich unkitschige Art zu verpacken. Auf die Frage haben wir jetzt aber gar nicht so richtig geantwortet, oder? Wir sind wie Politiker (lacht).«

Markus: »Wir sagen nur, was wir sagen wollen! (Gelächter)«

Ihr habt auch keine Scheu davor, Einflüsse aus Pop und Elektro in eure Musik einzubauen. Durftet ihr euch deswegen schon Kritik anhören?

Tobias: »Die werden sich hüten! Nee, bisher hat noch niemand etwas dazu gesagt.«

Markus: »Wir verbinden im Prinzip alles miteinander. Wenn du dir unsere Musik genau anhörst, dann kannst du eigentlich von den Siebzigern bis heute alles durchgehen, wir nehmen uns von überall etwas heraus. Das klingt vielleicht ein bisschen hochtrabender als es ist, aber im Endeffekt ist man immer von den Dingen beeinflusst, die man zulässt.«

Tobias: »So ist das, wir hören aus jedem Jahrzehnt Musik. Ich persönlich sogar sehr wenig Metal, sondern extrem viel anderes Zeug. Mehr Hip Hop als Rock. Jeder von uns hört verschiedene Sachen, es gibt einfach total viele Einflüsse. Und dadurch, dass die sich alle auf die Musik niederschlagen, wird es noch offener. Man kann in unserer Band im Grunde machen, was man möchte. Gut, wenn ich plötzlich anfangen würde zu rappen, hätte ich wahrscheinlich ein Problem (lacht). Aber ansonsten... ich würde total gerne mal auf Deutsch singen! Die Band ist eine riesige Spielwiese, die aus Gitarre, Bass, Schlagzeug und Synthesizer besteht!«

Auf Vinyl dürfte „Riverdragons & Elephant Dreams“ gut ankommen.

Tobias: »Wir haben es natürlich nicht nur für Vinyl aufgenommen, wären aber natürlich schön blöd, wenn wir es in einer Zeit, in der jeder Schallplatten kauft, nicht auch auf Vinyl rausbringen würden. Es bietet sich an. Breitere Rillen, 45 Umdrehungen, besserer Sound. Es fühlt sich einfach gut an auf Platte. Eigentlich hätten wir es auch auf Kassette machen sollen.«

Markus: »Es war früher einfach eine andere Geschichte, eine Platte herauszuholen als heute eine CD. Dabei hat man sich Zeit genommen. Man kann unsere Musik nicht auf die Schnelle konsumieren, sondern muss sich schon darauf einlassen. Deswegen ist Vinyl meiner Meinung nach das ideale Format dafür, alleine durch das große Artwork.«

Aber seid ihr auch der Meinung, dass sich die Leute heutzutage noch Zeit für komplexe Musik nehmen?

Tobias: »Ja, absolut, das glaube ich schon! Sonst würde nicht jeder zweite, der Rockmusik hört, auf ein neues Tool-Album warten. Sonst würden auch nicht so viele den absolut furchtbaren Steven Wilson total abfeiern. Ich muss sagen, ich kann mit seiner Musik mittlerweile relativ wenig anfangen. Aber dank ihm ist die Einstellung ein bisschen ins Bewusstsein der Leute zurückgekommen, dass sie sich Zeit für sperrige Musik nehmen.«

Markus: »Die Kunst ist, dass die Leute bei einem wirkliche langen Song sagen: 'Das kommt mit jetzt gar nicht so lange vor.«

Tobias: »Das ist dann schon cool. Wenn es auf die Leute so wirkt, dass sie eben nicht nur endloses Gedudel hören, sondern die Songs als total kompakt auffassen. Wenn jemand sagt, dass es schnell reingeht und keine Längen enthalten sind... das hat man wirklich ganz ganz selten im Prog.«

 

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