Online-MegazineInterview

SCHRAPPMESSER

Macht es wie die Sonnenuhr!

SCHRAPPMESSER – Damit schrubbt man normalerweise Rüben, doch ab heute muss mit dem Begriff auch gepflegte Saitenschrubberei verbinden. Old-School Hardcore mit plattdeutschen Texten wird uns von diesen rotzfrechen Bauern so dermaßen in den Gehörgang geprügelt, dass es eine wahre Freude ist. Wir haben uns ohne Klitzklatz (Anm. d. Verf.: Schluck und Bier) zum Gespräch getroffen.

Christian, unsere Leser werden von euch noch nie etwas gehört haben. Erzähl uns doch bitte, wer zur Bandbesetzung gehört.

»Wir sind Ingo Knollmann von den Donots (Gesang) und Philip Meyer (Schlagzeug) und Christian Kruse (Gitarre, Bass) von Waterdown. Im Studio machen wir alles alleine und werden live an der Gitarre von Guido Knollmann, ebenfalls Donots, unterstützt.«

Wie ist die Idee entstanden, SCHRAPPMESSER zu gründen?

»Seit ungefähr zwei Jahren machen wir nun zusammen Musik, aber nicht regelmäßig. Wir proben zum Beispiel nie, sondern treffen uns und nehmen einen Song auf.
Wir kommen alle aus Ibbenbüren und Umgebung und kennen uns daher seit ewigen Zeiten. Wir alle haben immer irgendwelche Bands gehabt, haben zusammen auf denselben Konzerten gespielt und so hat man sich kennengelernt. Und seitdem sind wir dick befreundet, da wir auch alle den gleichen musikalischen Background haben.«

Also ist Schrappmesser die Möglichkeit für euch, endlich gemeinsam Musik zu machen.

»Genau. Das ist das Wichtigste daran! Es geht einerseits darum, dass wir alle Old-School Hardcore und Punkrock lieben und auf der anderen Seite so lange miteinander befreundet sind und uns als Musiker so wertschätzen, dass wir unbedingt mal was miteinander machen wollten.«

Ihr posiert auf dem Cover mit Mistgabel, Popelbremse und Kuhstallromantik. Woher diese Verbindung? Die gutgedüngte Landluft in Ibbenbüren und Umgebung, in der ihr aufgewachsen seid?

»Ja, ganz genau. Unsere Songs sind ja komplett auf Plattdeutsch und das hat es vorher noch nie gegeben, dass eine Band sowas macht. Einerseits ist das deswegen, um dem Ort und der Gegend, in der wir aufgewachsen sind, Tribut zu zollen und andererseits ist es natürlich auch totaler Blödsinn, denn so sprechen in der Gegend eigentlich nur Leute über 60. Aber weil seitens der (Groß-)Eltern zu Hause eben Plattdeutsch geredet wurde und das so dennoch jeder aus der Gegend irgendwie mitgekriegt hat, ist das unser Tribut ans Münsterland.«

Selbst dort spricht von den jungen Leuten so gut wie niemand mehr Platt. Sorge, dass niemand versteht, worüber ihr singt? Oder ist das eh komplett egal, weil es auf die Musik ankommt?

»Es ist uns vollkommen egal. Erstens, wenn man mal ehrlich ist: Wie viele Konzertbesucher verstehen, was die Sänger da singen? Wie viele Leute achten bei englischsprachigen Interpreten wirklich darauf, was da gesungen wird? Wenn man das machen würde, gäbe es einige amerikanische Bands, die es in Deutschland sehr schwierig haben würden. Denn zum Teil sind deren Texte einfach furchtbar oder haben sogar Fascho-Tendenzen. Wenn die Leute das alles verstehen würden, gäbe es bestimmt einige Bands, die nicht so viele Fans wie jetzt hätten.
Punkt zwei: Wenn die Leute unser Plattdeutsch nicht verstehen, ist das bei uns eigentlich auch völlig egal, weil das, was wir textlich machen, so bescheuert ist, dass dahinter keine Message steht. Wir haben zum Beispiel Ende August unsere erste Show in Trier gespielt, also in Rheinland-Pfalz, und da kennt und versteht uns niemand. Trotzdem fanden die Leute es geil. Ingo hat zwischen den Songs dann auch manchmal erklärt, worum es in den Songs geht, also z.B. um eine Schlägerei auf einer Zeltparty, und dann sind halt alle wieder zusammen. Das kennt jeder.«

Aus euren Texten tropft hochprozentiger Alkohol heraus. Ist das rückblickend mehr eine Erinnerung an die oben bereits angesprochene Gegend oder doch eher Erinnerung an diese Zeltparties der bäuerlichen Landjugend?

»Also, wenn wir überhaupt mal auf Zeltparties waren, dann haben wir da von den Typen im Onkelz-Shirt aufs Maul gekriegt. Wir waren also nicht oft auf Zeltparties (grinst). Unsere Texte muss man mit einem lachenden und weinenden Auge sehen: Eine Mischung aus Jugenderinnerungen und dem, was man tagtäglich mitkriegt, wenn man in der Gegend wohnt. Wir glorifizieren den Alkohol definitiv nicht, aber… (Pause) So ist halt unsere Gegend. Wenn Biohazard über Brooklyn singen, dann machen die das, weil sie aus Brooklyn kommen. Und bei uns ist das alles eher ironisch gemeint.«

Um ehrlich zu sein bin ich mir nicht sicher, in welche Richtung ihr wollt. Ihr sagt, dass ihr musikalisch absolut ernst genommen werden wollt, textlich aber mit Spaß in den Backen auftretet. Seid ihr der Onkel Tom des Hardcore?

» (Pause, dann lacht Christian) Eigentlich sind wir eher die Tankard des Hardcore! Tankard auf jeden Fall eher als Onkel Tom, weil wir keine Coverversionen von alten Saufliedern oder Mallorca-Songs spielen, wobei ich jetzt nichts gegen Onkel Tom gesagt haben will, vor allen Dingen nichts gegen Sodom! (grinst) Aber da sind wir einfach nicht so nah dran. Bei Tankard hat auch nie jemand in Frage gestellt, dass sie musikalisch integer sind, und trotzdem haben sie teilweise die bescheuertsten Texte der Welt gemacht. Und das war dann einfach okay. Also, wenn man sagen würde, Schrappmesser sind die Tankard des Hardcore, dann finde ich das super.«

Wohin soll die Reise gehen? Ihr bringt jetzt die 7“ auf den Markt und spielt demnächst auch live, unter anderem in Münster. Wird ein Album folgen?

»Ja, aber das dauert noch. Ab Dezember fängt für die Donots die Promo für die neue Platte an, die irgendwann so im März rauskommen soll. Das heißt, ab da geht für Ingo gar nichts mehr. Wenn die Platte dann ausgiebig betourt wurde, was so gegen Ende des nächsten Jahres sein sollte, dann finden wir vielleicht Zeit für ein Album. Wir haben vor, immer dann einen Song aufzunehmen, wenn Ingo mal einen Tag frei hat. Glücklicherweise haben wir ein eigenes Studio und können daher alles selber machen.«

Eure musikalischen Einflüsse baut ihr als Versatzstücke in eure eigenen Songs mit ein. Verbeugung vor den alten Helden. Werdet ihr dieses Konzept auch für alle Songs des kommenden Albums einhalten?

»Nicht unbedingt jeder Song, aber wir finden dieses Stilmittel schon ganz geil. Wir möchten musikalisch auf jeden Fall ernst genommen werden und wir machen uns auch nicht über andere Bands lustig! Wenn wir wie in „Rür“ einen Suicidal-Part einbauen, dann ist der deswegen drin, weil wir megahart auf Suicidal Tendencies stehen. Wir covern ja nicht, sondern wir machen eigene Songs, die Leute mit unserem musikalischen Background eben genau in dieser Sekunde an die Originale erinnern. Dafür ist das Einbauen dieser Versatzstücke eine gute Sache, weil wir die Spielfreude und den Spaß an der Musik dadurch deutlich machen können. «

Und wie sehen die Live-Gigs aus? Ihr könnt ja nicht nach 10 Minuten und vier Songs wieder von der Bühne gehen. Obwohl…

»Doch, genau das tun wir! Naja, nicht 10 Minuten. Wir planen momentan für eine Showtime von 20 Minuten, sind aber bei unserer ersten Show als Support von Face to Face schon nach 17 Minuten von der Bühne, weil wir unser komplettes Set durchgeballert hatten. Das bedeutet natürlich auch, dass wir momentan nur Support spielen können und Headliner-Shows erst mit dem Album kommen. Dafür sind unsere Auftritte jetzt kurz und intensiv und wir geben Vollgas!«

Und wer ist bei euch der arme Hund, der immer fahren muss, während die anderen trinken können?

»Ich. Das hat sich irgendwann so eingebürgert, weil ich auch noch nicht lange trinke. Ich war nämlich von meinem 16. Lebensjahr bis vor zwei Jahren Straight Edge.«

Schau an. Wie kam es zu dem Wandel?

»Du, ich bin jetzt 36 Jahre alt und hab einfach irgendwann keinen Bock mehr auf Dogmen in meinem Leben gehabt. Ich habe also erst vor zwei Jahren damit angefangen, überhaupt was zu trinken. Ich bin aber auch nicht derjenige, der sich unbedingt zusaufen will, sondern ich kenne es anders und hab kein Problem damit, auch mal nichts trinken zu können. Das ist bei den anderen definitiv anders (lacht) und deswegen bin ich der Fahrer.«

Christian, was möchtest du unseren Lesern noch mit auf den Weg geben?

»Macht es wie die Sonnenuhr, sauft und fickt!«