Online-MegazineInterview

ANNEKE VAN GIERSBERGEN

Liebe ist für alle da

Anneke van Giersbergen

Anneke van Giersbergen. Dieser Name ist untrennbar mit der Metal-Szene verbunden, hat doch ihr glockenklarer Engelsgesang maßgeblich zum Erfolg der holländischen Band The Gathering beigetragen und definitiv dafür gesorgt, dass Sängerinnen in der härteren Metal-Szene akzeptiert wurden. Mit ihrem mittlerweile fünften Solo-Album „Everything Is Changing“ setzt die Sängerin wieder verstärkt auf Gitarren und schnellere, rockige Songs.

Anneke, dein neues Album „Everything Is Changing“ ist in Holland auf Platz 11 in den Charts eingestiegen. Herzlichen Glückwunsch! Wirst du nun reich und berühmt?

»Natürlich! (lacht) Nein, das macht keinen Unterschied, aber es ist sehr, sehr schön. „Everything Is Changing“ verkauft sich sehr gut und das ist der Beweis dafür. Aber auch alles andere rund um das Album und uns läuft sehr gut und ich freue mich tierisch.«

Anneke van GiersbergenDu veröffentlichst „Everything Is Changing“ unter deinem eigenen Namen als Solo-Künstlerin und nicht mehr unter dem Namen deiner vorherigen Band Agua De Annique. Wieso? Hast du alle Verbindungen in die Richtung abgebrochen?

»Der Bandname Agua De Annique war zugegebenermaßen ein wenig kompliziert. Als ich nach der Trennung von The Gathering plötzlich solo unterwegs war, dachte ich, dass ich einen Bandnamen brauche. Dummerweise habe ich mir so einen komplizierten Namen ausgesucht, den sich kaum jemand merken oder ihn richtig schreiben konnte. Viele Leute wussten auch gar nicht, dass ich der Kopf der Band war und irgendwie stand mir der Name immer im Weg. Also habe ich nach vier Alben einen frischen Start gewagt, den alten Namen über Bord geworfen und trete nun unter meinem eigenen Namen auf. Und das fühlt sich ziemlich gut an, wenn ich ehrlich sein darf.«

Du singst auf dem Album und hast auch alle Texte geschrieben. Hast du auch die anderen Instrumente auf dem Album selbst eingespielt? Bis auf das Schlagzeug, da dieses bestimmt von deinem Ehemann Rob Snijders (Ex-Kong) eingetrommelt wurde, oder?

»Das wäre schön gewesen. (lacht) Nein, es ist sogar das erste Mal, dass ich überhaupt kein Instrument auf einem Album gespielt habe. Ich habe das komplette Album zusammen mit Daniel Cardoso geschrieben, der auch die meisten Gitarren eingespielt hat. Das Schlagzeug wurde von Rob gespielt, das stimmt, aber auch von einem weiteren holländischen Schlagzeuger, der in New York lebt. Meine Live-Band hat ebenfalls an den Aufnahmen mitgewirkt.«

Im Gegensatz zu den vorigen Alben sind die Gitarren auf „Everything Is Changing“ wieder dominanter. Liegt das daran, dass du in den letzten Jahren wieder verstärkt mit Künstlern aus dem Metal-Sektor, wie Devin Townsend, Anathema und auch Napalm Death zusammengearbeitet hast?

»Ja, das kann schon sein. Ich werde immer wieder inspiriert durch die Menschen, denen ich begegne und mit denen ich arbeite. Mit Devin zu arbeiten hat mich zum Beispiel extrem inspiriert. Ich war schon immer ein Fan von ihm und als ich endlich mit ihm zusammenarbeiten durfte, hat mich das beim Gesang, beim Verfassen meiner Texte, meinen Live-Auftritten und ganz allgemein musikalisch sehr viel weitergebracht. Außerdem wollte ich nach dem letzten, sehr ruhigen Album wieder ein paar schnellere Songs aufnehmen.«

Lass uns etwas näher über dein neues Album sprechen. Nachdem ich sämtliche Texte gelesen habe, würde ich sagen, dass es ein Wort gibt, das über dem kompletten Album schwebt: Liebe. Stimmst du mir da zu?

»(freut sich) Absolut! Jeder pickt sich meistens irgendetwas eigenes, kleines aus den einzelnen Songs heraus, aber du hast den Nagel auf dem Kopf getroffen. Ich schreibe sehr viel über Liebe und das Leben generell und unser Leben kann nicht ohne Liebe sein. Liebe umgibt mich ständig: mein Sohn, mein Ehemann, die Liebe zu unserem Planeten, romantische Liebe, die Liebe in einer tiefgehenden Freundschaft und zu dem Leben, das ich führe. „Love makes the world go round!“ (lacht) Das ist zwar ein Klischee, aber es ist absolut wahr. Und wir alle brauchen mehr Liebe um uns herum und sollten diese auch zeigen.«

Anneke van Giersbergen Obwohl die Texte teils sogar sehr positiv sind, scheint die erzeugte Gesamtstimmung des Albums eher traurig zu sein. Viele der Songs sind eher in Moll gehalten und mit Ausnahme von 'Take Me Home', das einen sehr positiven Vibe hat, ist die Musik doch eher schwermütig. War es dein Ziel, ein melancholisches Album zu schreiben?

»Die Gefühle von Melancholie und Romantik umgeben mich stetig, allerdings bin ich auch ein sehr positiver Mensch. Ich denke, dass alle Menschen immer diese zwei Seiten in sich tragen: Positiv und Negativ, Gut und Böse. Dieser Gegensatz ist in jedem von uns. Das wollte ich auf diesem Album zeigen. Ja, es gibt schwermütige Parts, aber es gibt auch positive Uptempo-Sachen, von Dance-Musik beeinflusste Stellen, Balladen und auch eine dunkle, negative Seite. Ich denke, es ist mir gut gelungen, all diese Sachen auf dem neuen Album zu vermischen.«

'Circles' hat mir im wahrsten Sinne des Wortes Tränen ins Gesicht getrieben und es ist lange her, dass ein Song mich emotional so berührt hat.

»Wow… Ich bekomme richtig Gänsehaut, wenn du mir das erzählst und es macht mich glücklich, wenn der Song dich so berührt hat. Das ist einer der persönlichsten Songs, die ich je geschrieben habe, denn es geht um meine besten Freunde, die so loyal und liebevoll sind und… (seufzt) … manchmal umgibt dich das Leben mit so viel Chaos und so viel Negativem und dann gibt es da diese Menschen, die immer noch positiv denken und immer für dich da sind, obwohl sie selbst schon so viel Schlechtes in ihrem Leben erleiden mussten.
'Circles' ist innerhalb von fünf Minuten entstanden, weil ich einfach nur in mein Herz hören musste. Das sind wahrscheinlich die besten Songs, die einfach so entstehen und bei denen man nicht nachdenken muss und es macht mich sehr glücklich, dass der Song dich so sehr berührt hat.«

Ich würde sagen, dass die Songs auf „Everything Is Changing“ sich zu 50% aus einem soften Rock-Touch und zu 50% aus einem starken Achtziger-Jahre-Pop-Style zusammensetzen. Letzteres besonders durch den Einsatz der Keyboards, des elektronischen Schlagzeugs und der Melodien. Wolltest du Musik in dem Spirit erschaffen, in dem du aufgewachsen bist?

»Geplant war das nicht, aber wir sind wahrscheinlich alle durch die Dinge beeinflusst, mit denen wir aufgewachsen sind. Um ehrlich zu sein bin ich eigentlich auch überhaupt kein Fan von Musik aus den Achtzigern. Außer natürlich meinen Helden U2, Prince und Madonna. Ich mag Dance-Musik sehr gerne oder auch Justin Timberlake. Ich mag es, wie Justin mit Rhythmik arbeitet und wie er Background-Gesang und Chöre produziert. In dieser Hinsicht sind Justin und Devin zum Beispiel sehr, sehr ähnlich, da beide musikalisch genau gleich an die Sache herangehen und auf die exakt selben Dinge achten. Ich höre zwar viel mehr Alternative und Rock, aber ich mag Beyoncé auch sehr gerne. Man holt sich von verschiedenen Künstlern seine Inspiration und kreiert daraus dann etwas eigenes.«

Anneke van GiersbergenUm kurz ein anderes Thema einzuwerfen: Heutzutage gibt es ein „neues“ Genre - Female Fronted Rock bzw. Female Fronted Metal. Wenn man an deine Anfänge mit The Gathering zurückdenkt, dann warst du eine der ersten Frauen, die im testosterongeschwängerten, harten Metal das Mikro in die Hand genommen hat. Heutzutage sind Frauen wie Angela Gossow (Arch Enemy), Otep Shamaya (Otep) oder Candace Kucsulain (Walls Of Jericho) feste Bestandteile der extremen Metal- und Hardcore-Szene und schreien, grunzen und growlen sich ihre Lungen aus dem Hals. Fühlst du dich manchmal als Wegbereiterin für diese Frontfrauen, besonders weil gerade in den letzten Jahren so viele holländische Metal-Bands mit einer Sängerin das Licht der Welt erblickt haben? Macht es dich in irgendeiner Art und Weise stolz?

»Es macht mich auf jeden Fall stolz und es macht mich auch stolz zu sagen, dass wir mit The Gathering eine der ersten Bands waren, die so etwas gemacht haben. Obwohl das nie geplant war. The Gathering suchten zu der Zeit einfach eine Stimme, die zu ihrer Musik passt und zufällig haben sie diese Stimme in einer Frau gefunden. Damals gab es neben uns und Within Temptation kaum Bands mit einer Sängerin im harten Metal und schau dir an, was daraus geworden ist. Natürlich macht mich das stolz. Ich bekomme auch heutzutage immer noch von Frauen oder Mädchen gesagt, dass ich sie inspiriert habe, sich im Metal durchzusetzen. Nicht nur als Musikerin, sondern heute gibt es ja auch viel mehr Journalistinnen oder Fotografinnen oder Beleuchterinnen im Metal und ich denke, dass das sehr gut und sehr wichtig ist.«

Aber absolut! Und was sind deine Pläne mit dem neuen Album? Gibt es eine Tour?

»Auf jeden Fall! Im Moment spielen wir viele Wochenendshows in Holland, weil Holland so klein ist und wir dann zu Hause schlafen können. (lacht) Im Mai gehen wir dann für drei Wochen auf Europatour und kommen auch für eine Woche nach Deutschland. Darauf freue ich mich schon ganz besonders, denn es ist ewig her, dass ich das letzte Mal in Deutschland getourt bin und ich freue mich wahnsinnig, wieder für euch spielen zu dürfen. Und ich will auch endlich raus und die neuen Songs live spielen, ich kann schon nicht mehr stillsitzen.«

Gibt es etwas, das du unserem Metal-Publikum noch mit auf den Weg geben möchtest?

»Ihr solltet alle zu unseren Show kommen, denn wir werden hauptsächlich schnelle Uptempo-Nummern spielen. Und ich habe eine fantastische Live-Band mit dabei. In der Vergangenheit musste ich manchmal Bandmitglieder auswechseln und ich bin ernsthaft davon überzeugt, dass das hier nun die beste Band ist, mit der ich je gespielt habe, seitdem ich als Solo-Künstlerin unterwegs bin. Kommt zu unseren Shows, schaut euch uns an und gebt uns eine faire und ehrliche Chance.«

Anneke, vielen Dank für das Interview!