Online-MegazineInterview

SEAMOUNT

Liebe als neue Rebellion

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In Rock Hard 309 reflektiert Komponist und Gitarrist Tim Schmidt die SEAMOUNT-Geschichte und „IV: Earthmother“. In der Online-Ergänzung des Interviews geht der amerikanische Sänger Phil Swanson der Doom-Rocker mit einer seltenen Offenheit auf seine Lyrics ein.

Metal-Texte predigen oft Stärke mit Macho-Appeal. Der Opener 'Surrender' scheint zu sagen: „Versuche nicht, deinem Schmerz zu entkommen, lass die Emotionen raus!“

»Tatsächlich geht es darum, sich der Idee hinzugeben, jemanden zu lieben, sich selbst zu erlauben, dieser Person zu vertrauen und sie in dein Herz zu lassen, die Seele zu öffnen und all deine Ängste aufzugeben – aber es klingt, als jemand sich zugesteht, von seinem Glauben an Gott errettet zu werden.«

'The Fool' handelt von Vergebung und einem Neustart. Ist der Text autobiographisch, bereust du im Rückblick Ideale und einen Lebensstil? War es ein langer Prozess, oder gab es einen Moment der Erkenntnis?

»Es ist in der Tat autobiographisch und handelt von Reue. Mehr aber noch von der verpassten Chance einer lebenslangen Beziehung, aufgrund von Fehlkommunikation, Unreife und Unsicherheit. Meine Freundin und ich dateten uns als Teenager vor 25 Jahren, als mein Leben sehr chaotisch verlief und wir ganz andere Charaktere waren. Sie hatte Pläne und war voller Motivation, ich hatte nichts als Wut und Probleme. Ich bekam das schließlich in den Griff, aber nicht bevor ich sie aus meinem Leben verschwinden ließ. Nun, zwei Dekaden später, finden wir uns wieder und haben eine zweite Chance. Oder wie es geschrieben steht, sind wir in einem christlichen Sinne wiedergeboren.«

Siehst du viele Gemeinsamkeiten zwischen der White-Metal-Szene mit ihren autarken Strukturen und der Doom-Community?

»Überhaupt nicht, ich finde die White-Metal-Szene maßlos ausbeuterisch. Im Doom neigen wir zu biblischen Themen, wenn wir die höchsten Gipfel der Epik erklimmen. Aber das kommt meiner Meinung nach eher vom psychedelischen Einfluss, der das Hippie-Element einbringt und spiritueller, weniger wütend ist, als in aggressiveren Genres. «

Beim ersten Überfliegen der Tracklist dachte ich bei 'Echoes' an Pink Floyd, nach dem Lesen des Texts an 'Deja-Vu' von Iron Maiden.

»'Echoes' handelt von einem alternativen Zustand des Seins. Tim stellte mir die Idee vor, nachdem er einen Traum hatte und sich in der Traumwelt fühlte, als sei er er selbst und gleichzeitig jemand anderes. Beim Schreiben knüpfte ich das an ein Gefühl genau zu wissen, an welchem Wegabschnitt man ist, selbst wenn man keine Idee hat, wo man hingeht.«

Richtet sich 'Just For Fantasy' an einen verbittert sterbenden Menschen?

»An niemanden auf dem Totenbett, aber an jemanden, der zornig ist ohne die Bedeutung wahrer Liebe zu kennen. Ich habe immer die Liebe gesucht und war ein großer Gläubiger diesbezüglich, habe aber zu viele Ausnahmen und schließlich Enttäuschungen erlebt. Aber da ich so viel Wut und Negativität mit mir herumtrug: Wie konnte ich da eine positive Beziehung erwarten? Auf was für Menschen wirkt man mit einer solchen dunklen Wolke um sich herum attraktiv? Ich sprach mit einem Freund, den ich mein ganzes Leben kenne, über Änderungsmöglichkeiten und wie wir uns selbst belogen haben, wie wir uns nur mit dem Dunklen und Extremen umgeben haben, das unseren Ärger und dieses falsche Gefühl von Sicherheit nur vergrößerte. Ich habe auch eingesehen, dass die Menschen um mich herum so traurig und verbittert waren, dass ich ihnen nicht helfen konnte, wenn ich selbst so fühlte. Am Ende kam es mir so vor, als wäre Liebe die neue Rebellion. Niemand glaubt mehr an die Menschheit oder sich selbst. Ich will nicht mehr dazu gehören, also musste ich das erkennen und diese Gefühle mich nicht mehr verzehren lassen.«

Wie leicht ist es, an eine gütige „Earthmother“ zu glauben, wo die Natur doch auch so zerstörerisch sein kann, im Großen mit Stürmen wie gerade erst Sandy, mit Dürren, Kometeneinschlägen und im kleinen mit Bakterien und Viren?

»In dieser Hinsicht denke ich gar nicht an die Begriffsbedeutung. Erdmutter ist für mich eine Wort, das meine Freundin beschreibt, die sehr hilfsbereit und aufopferungsvoll ist und will, dass alle um sie herum glücklich sind. Aber wenn man sich wie bei der Natur gegen sie wendet, wird sie dich zerstören, haha. Sie ist tough und sie ist schön, sie gibt dir die Welt, wenn du sie verdient hast. Als wir uns erstmalig kennenlernten, buhlte jeder um ihre Aufmerksamkeit, suchte verzweifelt nach ihrer Bestätigung. 'Aphrodites Child' ist ein Song der Lobpreisung der Schönheit und ihres Auftretens dieser Person, die wieder Teil meines Lebens ist und überhaupt für jeden, der auch so eine Person in seinem Leben hat.«

In 'Do It Again' wendest du dich mit leichtem Sarkasmus an jene, die deinen Gesang im Internet als gleichförmig attackieren. Schmerzt dich so etwas, gab es Zeiten, in denen du dich künstlerisch limitiert gefühlt hast?

»Ich bin von Natur aus sehr unsicher, aber auch ein Realist. Ich kenne meine Defizite und bin nur hier, um mit meinen Freunden Musik zu genießen. Wenn du nicht mein Freund bist, interessiert mich deine Meinung nicht, weil sie irrelevant für mein Leben ist. Ich verstehe nicht, wie irgendjemand behaupten kann, ich sei limitiert. Ich bin eine der aktivsten Personen im Genre. Und wenn ich gehandicapt bin, habe ich das anscheinend überwunden und es gibt - ohne Namen zu nennen - weit weniger talentierte Sänger, denen man nicht diese Frage stellen würde. Ich weiß nicht, ob Interviewer einfach nur auf meine Selbstabwertung stehen oder sich gegen mich verschwören. Vielleicht verstimmt es einige, dass ich mit so vielen talentierten Musikern arbeiten darf? Sie denken, ich habe es nicht verdient? Aber wir arbeiten aus gegenseitigem Respekt füreinander zusammen, und irgendwie scheinen diese Künstler den Drang zu verspüren, mit mir zu kooperieren, obwohl ich – in Ermangelung eines besseren Worts - Schweiße bin.«

Siehst du dich als Sänger oder Poet?

»Weder noch. Als Sänger müsste ich in dieser Kunst geschult sein, was nicht der Fall ist – ich mache einfach, was ich fühle, wenn ich Musik höre. Eher wie ein unbekümmerter Tänzer, nur dass man mich nie tanzen sehen wird. Ich bin auch kein Dichter, weil ich keine Gedichte schreibe, sondern nur Reime zu der Musik, wie ich sie höre. Ich schreibe allerdings Geschichten und habe Skripte, nächstes Jahr wird auch ein gezeichneter Roman von mir veröffentlicht. Aber ich würde mich auch keinen Autoren nennen. Lass uns einfach sagen, dass ich einige Ideen habe, die ich mitteilen möchte.«

Erkennt man als Betroffener den Punkt, an dem man in eine Depression fällt?

»Nicht im Geringsten, ich glaube es kriecht durch dich und verschluckt dich, ohne dass du es merkst. Es vertilgt dich und dann wirst du selbst dazu. Aber 'Isolation' handelt eher von Einsamkeit und der Traurigkeit, die von einem Besitz ergreift, bis man einen Menschen findet, der einen daraus befreit. «

Bei dem Titel 'Music' und dem Stichwort Coverversion werden sicher viele an die Pop-Zuckerwatte gleichen Namens von John Miles denken – und nicht an Witchfinder General.

»Wer ist John Miles? Ich kennen diesbezüglich nur Witchfinder General, also kaufen sich mitunter viele Menschen das falsche Album. Tim hatte die Idee, zu diesem Cover, aber ich habe in der Vergangenheit schon auf dem Upwards-Of-Endtime-Demo Witchfinder General gecovert ('Burning A Sinner'- Anm. D. Verf.). SEAMOUNT haben einige Coversongs, dies ist nur einer davon, den zu spielen einfach Spaß macht. „Death Penalty“ ist mein Lieblingsalbum von Witchfinder General, weil ich so viele Erinnerungen an die Zeit, als es veröffentlicht wurde, damit verbinde. Der Hauptgrund, das Cover aufs Album zu nehmen ist feierlicher Natur, speziell mit Critus und Butch als Gästen. Musik zu genießen ist unsere einzige Motivation. «

Im Gegensatz zu dem „Sacrifice“-Covermotiv sieht die Dame auf „IV:Earthmother“ tugendhafter aus. Diesbezüglich standen Witchfinder General also nicht Pate.

»Ganz und gar nicht, sie beeinflussen die visuelle Kunst von uns überhaupt nicht. Tim fertigt alle Layouts an und ist unser Art-Director. Das neue Merchandise ist ziemlich großartig und das anstehende Vinyl nicht weniger als brillant.«

 

www.facebook.com/pages/seamount/144409725631012

 

DISKOGRAFIE

ntodrm (2008)
Light II Truth (2009)
Sacrifice (2010)
IV: Earthmother (2012)

 

Pic: Thomas Lang (Promo)