Online-MegazineInterview

NAVARONE

Leben ohne Garantien

NAVARONE

Mit dem Titel „Oscillation“ haben die Alternative-Rocker NAVARONE ihrem dritten Album einen passenden Titel verliehen. Denn auf dem neuesten Werk der Niederländer schwingt und pendelt auf musikalischer Ebene so einiges. Von einer Led-Zeppelin-Epik über Psychedelic-Rock bis hin zu Queens-Of-The-Stone-Age-Anklängen und purem Pop-Rock ist auf „Oscillation“ ziemlich alles vertreten. Der aufgeschlossene Gitarrist Roman Huijbreghs gab uns Einblicke in die Arbeitsprozesse der Band.

Roman, mit „Oscillation“ habt ihr inzwischen bereits euer drittes Album veröffentlicht, das bekanntlich als „Make It Or Break It“-Gradmesser dient. Was sind deiner Meinung nach die größten Unterschiede im Vergleich zu „A Darker Shade Of White“ und „Vim & Vigor“?

»Gute Frage. Wenn ich mir die Alben individuell anhöre, fällt mir auf, wie unterschiedlich sie sich eigentlich anhören. Auf jedem Longplayer hört man Fortschritt, unterschiedliche Einflüsse oder andere Aufnahmeprozesse. Man fängt also wirklich einen bestimmten Zeitpunkt ein, wenn man ein Album aufnimmt. Es findet ein beständiges Wachstum als Band statt. Für uns ist es ganz natürlich, dass jetzt „Oscillation“ dabei herausgekommen ist. Der ganze Aufnahmeprozess war komplett anders als bei den beiden Vorgängern. Die haben wir noch live eingespielt. Bei „Oscillation“ haben wir alle Instrumente individuell eingespielt, um eine bessere Qualität im Sound zu erreichen. Dadurch kommt es nicht mehr zu so einer Scheiße wie der Überlappung aller möglichen Instrumente (lacht). Wir haben auch ziemlich große Schritte in der Hinsicht gemacht, dass wir Joost van den Broek als Produzent engagiert haben. Er hat auch schon mit Bands wie Epica und Xandria zusammengearbeitet. Er ist ein toller Typ, der uns von Anfang an beim Songwriting-Prozess geholfen hat. Das war wirklich ein großer Unterschied im Vergleich zu den beiden ersten Alben, wo wir noch fast alles selber gemacht haben. Wir wollten die Aufnahme einfach mal ganz anders angehen und ich bin über das Ergebnis sehr glücklich.
Wie du schon gesagt hast, bedeutet das dritte Album: 'Make It Or Break It'. Es ist das fehlende Puzzlestück in einem Bild, das die Leute von einer Band bekommen. Danach ist klar, was deine Band ausmacht. In unserem Fall wird dadurch klar gestellt, dass wir eine ziemlich abwechslungsreiche Band sind. Ich denke, es ist nicht so leicht, uns in eine Schublade zu stecken.«

Ein Teil von euch stammt aus Nijmegen, der andere aus Amsterdam. Wie seid ihr als Band zusammen gekommen?

»Eigentlich kommen wir gebürtig alle nicht aus den beiden Städten. Wir sind eher so fünf kleine Bauern, die in kleinen Dörfern aufgewachsen sind (lacht). Wir haben uns dann aber in den Großstädten getroffen. Unser Drummer Robin, unser Gitarrist Kees und ich haben uns im Konservatorium in Amsterdam getroffen, einer Musikhochschule. Kees und unser Sänger Merjin kennen sich bereits seit Teenagertagen. Sie haben schon mit 15 oder 16 gemeinsam in einer Band in einem kleinen Dorf gespielt. Wir haben uns quasi durch verschiedene Formen der musikalischen Weiterbildung kennengelernt. Logistisch hatten wir natürlich das große Problem, immer hin und her fahren zu müssen, das waren schon immer so ein bis zwei Stunden. Das mag sich für jemanden aus Deutschland jetzt vielleicht nicht so weit anhören, aber die Niederlande sind ein kleines Land. Für uns war das schon ziemlich weit (lacht). Inzwischen wohnen vier von uns in Nijmegen, nur unser Drummer wohnt in Amsterdam. Jetzt ist es viel einfacher, gemeinsam Songs zu schreiben. Ich wohne im gleichen Haus wie unser Sänger. Wenn ich eine Idee habe, muss ich nur über den Hausflur gehen und kann sagen: "Alter, ich hab mir hier was für die Gitarre überlegt, kannst du mal dazu singen?" So kommen wir dann voran, oder auch nicht (lacht).«

Ich habe letztens gelesen, dass ihr euch ursprünglich The Guns Of Navarone nennen wolltet, euch allerdings anders entschieden habt, um nicht mit Guns N' Roses verwechselt zu werden. Was ist an der Geschichte dran?

»Eigentlich alles, abgesehen von der Tatsache, dass wir uns nicht selber so benennen wollten. Das war Barry Hay von Golden Earring. Die sind so ziemlich die größte niederländische Rockband, die es gibt. Zu dem Zeitpunkt war ich allerdings noch nicht bei NAVARONE. Ich bin vor neun Jahren als letzter dazugestoßen. Die anderen Jungs waren aber damals auf Tour mit Golden Earring unterwegs, da hatte unsere Band noch einen anderen Namen. Der hat Barry Hay aber nicht gefallen. Eines Tages platzte er in die Umkleide rein und sagte: "Jungs, ich habe einen neuen Namen für euch! Ihr werdet Guns Of Navarone sein!" Die Reaktion der Jungs war mehr so: "Hmm, das ist vielleicht etwas nah an Guns N' Roses dran." Dann haben wir den Teil mit Guns einfach raus gelassen und NAVARONE draus gemacht. So kam es zu unserem Namen.«

Musikalisch seid ihr recht breitgefächert aufgestellt. In den Reviews fallen als Vergleich die Namen recht unterschiedlicher Bands wie Led Zeppelin, Wolfmother, Soundgarden oder Queens Of The Stone Age. Welche Einflüsse siehst du noch in eurem Sound?

»Klar, es gibt so viele coole Bands. Ich muss anmerken, dass wir aus musikalischer Sicht fünf komplett unterschiedliche Typen sind. Es macht Spaß zu versuchen, das alles unter einen Hut zu bringen. Natürlich haben wir auch ein großes gemeinsames Interesse, und das ist einfach der Rock. Was fehlende Einflüsse angeht: klar wären da auch noch solche Bands wie die Beatles oder die Rolling Stones. Es gehören aber auch modernere Sachen dazu, wie der Grunge der 90er Jahre, also Sachen wie Nirvana oder Pearl Jam. Letzten Endes mögen wir aber auch akustische Sachen. Ich bin zum Beispiel ein echter Bluegrass-Fanatiker. Wenn ich ein Banjo höre, liege ich dir zu Füßen (lacht). Unser Sänger mag hingegen Film-Soundtracks sehr gerne, genau wie unser Drummer. Roman hat auch den ganzen Kram für die Bläser und Streicher auf unserem Album komponiert. Unser Bassist wiederum liebt Radiohead, was mit Classic Rock auch überhaupt nichts zu tun hat. Irgendwie ist das alles in unserem Sound vertreten. Es ist aber immer zu 100 Prozent NAVARONE. Wir wollen niemanden kopieren, sondern versuchen immer Songs zu schreiben, die wir für originell und aufregend halten. Aber aus logischen Gründen fängt man natürlich auch an, sich mit anderen Bands, die man kennt oder mag, zu vergleichen. So kommen dann die Einflüsse zustande. Wir wollen einfach kein „One Trick Pony“ sein, das gefällt uns nicht. Es gibt viele Bands, die nur eine Sache machen und darin großartig sind. Wir wollen immer etwas auszuprobieren, das wir noch nicht gemacht haben.«

In unserem „Oscillation“-Review wurde die Überlegung angestellt, ob bei so unterschiedlichen Einflüssen zwei Köpfe in der Band komponiert haben. Wolltet ihr mit dem Albumtitel abdecken, dass es eine so große „Schwingung“ unter den Stimmungen der Songs gibt?

»„Oszillation“ ist ja erstmal ein eher wissenschaftlicher Begriff. Damit sind Prozesse, die mit Klängen zu tun haben, oder Energetik gemeint. Es gibt einen Anfang und zwei Lichter gehen aus, dann kommt es zum Ausgangspunkt zurück. Für uns als Band bedeutet das: Der Ausgangspunkt war die Erfahrung der letzten sechs, sieben Jahre, zwei Alben und eine DVD. Wir haben uns zum ersten Mal erlaubt, vollkommen frei drauf los zu arbeiten. Wir haben einfach angefangen zu schreiben und geguckt, was dabei rausgekommen ist. Wir haben das ein paar Monate gemacht und das resultierte in 30 Songs. Einige von denen hörten sich großartig an, andere einfach nur scheiße. Durch diesen Prozess haben wir ganz viele neue Ideen und Inspirationen erhalten, bis wir zum neuen Nullpunkt gekommen sind, wo wir uns selbst neu entdeckt haben. Dieser Prozess findet auch dann erneut statt, wenn man ins Studio geht. Man schaut einfach, wie man daraus das am fettesten klingende Album machen kann. Dadurch lernt man immer mehr dazu. Es findet eine konstante Bewegung statt.«

Ich würde gern mit dir über ein paar der Songs auf „Oscillation“ sprechen: In den Tracks 'Free Together' und 'Days Of Yore' greift ihr auf Streicher und Bläser zurück. Wen habt ihr euch dafür an Bord geholt und wie kam es zu der Zusammenarbeit?

»Die Arrangements wurden ja von Roman geschrieben. Durch unseren Produzenten Joost und einige Freunde kamen wir an die Musiker, die dann so in ein bis zwei Tage alles im Studio eingespielt haben. Das war eine schöne Sache für uns, weil wir so was ja auch schon mal auf den Vorgängern gemacht haben. Besonders in 'Days Of Yore' tragen die Instrumente natürlich auch zum epischen Finale bei und geben dem Aufbau des Songs eine ordentliche Power. Ich muss allerdings anmerken, dass ich selbst nicht weiß, wer die Musiker waren. Da war ich leider nicht im Studio. Das liegt auch daran, dass wir bei „Oscillation“ halt nicht mehr diese Arbeitsweise hatten, wo wir alle Instrumente gemeinsam aufgenommen haben. Durch den Einfluss unseres guten Freundes Joost hatten wir von vornherein schon einen guten Plan. Jeder wusste, was er wann machen musste. Kees und ich saßen fürs Einspielen der Gitarren sechs Tage im Studio, dann war unser Teil schon erledigt. Es war alles ziemlich strukturiert.«

In 'Soon I’ll Be Home' sagt eine Frau in deutscher Sprache: „Die Nachbarn waren ziemlich sauer nach unserer ersten Nacht. Ich denk, die ganze Nachbarschaft hat uns gehört.“ Wie seid ihr auf diese Idee gekommen? Und woher stammt das Zitat?

»(Er lacht) Also erstmal: Meine Freundin ist Deutsche. Als wir 'Soon I’ll Be Home' schrieben, haben wir rumexperimentiert, wie eingängig und radiofreundlich wir werden konnten. Das meinte ich auch mit den Freiheiten in unserem Songwriting. Einerseits haben wir eher düsteres Material wie 'Snake Eyes', 'Shadows' oder 'Days Of Yore' geschrieben. Wir haben aber ebenfalls versucht, kompaktere Songs zu schreiben, die auch ein größeres Publikum cool finden könnte. Ich hatte scherzhaft die Idee, die Stimme einer Dame in den Mittelteil zu packen. Zuerst hab ich auf YouTube ein Video gefunden, in dem ein Mädel über ihr erstes Mal redet. Natürlich konnten wir das nicht einfach benutzen. Dann saßen meine Freundin Theresia und ich mal auf dem Sofa, haben einfach gequatscht und plötzlich hatte ich die Idee: „Hey, wieso machst du das nicht auf Deutsch?“ Wir wollen eh mehr in Deutschland spielen und so haben wir jetzt eine unterschwellige Botschaft an die Deutschen, das fand ich ganz lustig. Ich habe einfach die Aufnahme gestartet und das war das erste, was ihr in den Sinn kam. Wir haben das dann einfach für die aufmerksamen Zuhörer reingepackt. Scheinbar gehörst du dazu (lacht).«

Zum Abschluss hätte ich noch eine Frage zum letzten Song 'Don’t Belong'. Hier singt euer Sänger Merijn die Zeilen „An open world that lies ahead. A virgin canvas, not painted yet.“ Wie soll euer metaphorisches Gemälde als Band fortgeführt werden? Was für Pläne habt ihr für die Zukunft von NAVARONE?

»Die Formulierung gefällt mir. Auf jeden Fall würden wir gern mehr in Deutschland machen. Wir finden es da alle ziemlich cool und haben live schon großartige Erfahrungen gemacht. Es ist als Land einfach viel größer und ich habe den Eindruck, dass die Leute dem Rock hier offener gegenüberstehen, als in den Niederlanden. Bei euch gibt es ziemlich tolle Orte, wo man spielen kann. Wir würden also besonders in Deutschland und den Niederlanden gerne mehr touren, das lieben wir einfach. Wir wollen uns aber auch auf Spanien und Frankreich fokussieren. Auf diesen vier Ländern liegt also erstmal das Hauptaugenmerk. Natürlich wollen wir ebenfalls gerne an neuer Musik arbeiten. Wenn man für alles aufgeschlossen ist, bleibt man auch nicht stecken. Wandel ist natürlich erstmal immer eine beängstigende Sache, aber die Welt befindet sich ja auch im ständigen Wandel. Nur durch die eigene Angst vor Veränderung bleibt man in der Vergangenheit stecken. Ich denke, als NAVARONE sollten wir in der Lage sein, im Hier und Jetzt zu bleiben und das Beste zu geben, was wir eben geben können. Wenn es gut ist, ist es gut. Aber natürlich kann dabei auch mal Scheiße rauskommen. Es gibt halt für nichts eine Garantie. Vielleicht kann man das auch aufs Leben übertragen. Wir wollen uns also in Zukunft die Ärsche abspielen und so viele Leute wie möglich erreichen, mit denen wir unsere Musik teilen können. Denn in der Musik geht es doch darum, etwas mit Anderen zu teilen, und nicht darum, irgendjemandem etwas zu beweisen. Wir sind jedenfalls als Band noch lange nicht fertig (lacht).«

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