Online-MegazineInterview

STAIND

Klare Linien und offene Bekenntnisse

STAIND melden sich nach knapp drei Jahren mit ihrem selbstbetitelten achten Studioalbum zurück. Merklich aggressiver und härter kommt die Platte daher, und erinnert damit an die frühen Tage der Band. Ein sehr nachdenklicher Aaron Lewis erklärt im Interview, welchen Weg die Band – im Besonderen jedoch er persönlich – gehen musste, um STAIND zurück auf Kurs zu bringen.

Aaron, wir sitzen hier grad in Köln vor der Live Music Hall, wo ihr später auftreten werdet. Wie ist die Tour bis jetzt gelaufen?

»Ich freue mich ganz besonders in Deutschland zu sein, das Land hat was.
Die Tour hat in Schottland begonnen, dann ging es quer durch England, von da aus nach Paris, und dies hier wird jetzt unsere dritte und vorletzte Show in Deutschland. Wir kommen ganz schön rum, da ist es schwer alle Eindrücke zu verarbeiten, aber wir hatten bis jetzt eine großartige Zeit.«

Werden die neuen Songs vom Publikum genauso gut wie die alten aufgenommen?

»Oh ja, es ist erstaunlich! Die Fans singen bereits mit, zwar noch nicht ganz so sicher, wie bei unseren alten Sachen, aber es zaubert immer ein Lächeln in mein Gesicht, wenn ich die Fans mitsingen höre. Ich versuch es zu verstecken, aber jedes Mal überkommt es mich dann doch aufs Neue und ich grinse friedlich vor mich hin...«

Lass uns noch mal näher auf das Album eingehen – auch wenn es vielleicht kein schönes Thema ist, würde ich gerne zu allererst auf euren Drummer-Wechsel zu sprechen kommen, der mit Sicherheit einen großen Einfluss auf „Staind“ hatte.

»Puh, ja, wie fasse ich das jetzt am besten zusammen? Wir haben unserem ehemaligen Drummer Jon, wie soll ich es sagen, so weit es für uns möglich und erträglich war, erlaubt das zu tun, was er tun wollte. Ich meine, wir haben die ganze Situation mit Respekt behandelt und sie – so weit es ging – ertragen, ohne zunächst ein Wort darüber zu verlieren...«

Wann war für euch der Punkt gekommen, an dem Jon Wysocki schließlich die Band verlassen musste?

»Es war ein langer und schwieriger Weg bis für alle die Entscheidung klar war. Die Band bestand bis zu dem Zeitpunkt seit 17 Jahren, also war es definitiv keine leichte Entscheidung für uns. Keiner von uns wollte, dass es so weit kommt, aber er hatte die Wahl, und so hat er sich nunmal entschieden. Aber es ist cool, denn jetzt hat unser langjähriger Drumtech Will Hunt, der uns über zwölf Jahre begleitet hat, den Platz hinterm Kit eingenommen. Und irgendwie fühlt es sich an, als hätte sich kaum etwas geändert.«

Konnte Will sich denn jetzt auch schon aktiv in die Band mit einbringen?

»Wir spielen hier und da ein bisschen rum und probieren Sachen aus, aber aktives Songwriting haben wir bis jetzt noch nicht ausprobiert. Ich bin mir jedoch sicher, dass er eine Menge kreativer Sachen im Kopf hat.
Wir erholen uns ja praktisch gerade noch vom Songwriting des aktuellen Albums und ich hatte auch noch mein Soloprojekt, um das ich mich kümmern musste. Das war wieder eine komplett andere Welt, in der ich mich zurechtfinden musste.«

Bei deinem Soloprojekt widmest du dich Country-Klängen.

»Ja genau, Country war Teil meines Leben lange bevor ich Rock überhaupt kannte. In meiner Familie hatte Country eine sehr große Bedeutung, ich kenne das noch aus dem Haus meines Großvaters. Es waren meine Freunde, die mich dann wesentlich später zum Rock gebracht haben. Ich meine, Country war schon lange da, bevor es Rock gab.«

Meinst du generell, oder für dich persönlich?

»Beides! Ich habe große Teile meiner Kindheit im Haus meines Großvaters verbracht. Da lief viel Folk und Country. Und irgendwie kann ich mich mit dieser Musik auf eine urbane Weise identifizieren. Nicht nur, dass ich meine Kindheit damit verbracht habe, ich lebe auch draußen auf dem Land. Ich habe einen fetten Pick-Up-Truck, ich trage ein Holzfällerhemd und züchte Hühner. Dann gibt es da noch unseren großen Garten, in dem wir unser eigenes Gemüse züchten. Ich bin selbst so ein „Country-Mensch“, und deshalb wird trotz STAIND diese Art von Musik immer zu meinem Leben gehören. Und weißt du, wenn man weiß, dass diese Art der Musik mich mein Leben lang beeinflusst, dann kann man auch unsere Songs besser verstehen und es wird klar, warum einige Songs die Fans verunsichert haben und vielleicht in der Vergangenheit nie ganz klar war, ob STAIND nun eher eine melodiöse Band ist, oder doch in die harte Schiene gehören.

Songs wie 'So Far Away', 'Everything Changes', 'Tangled Up In You' sind alle auf meiner Akustikgitarre entstanden. Hätte ich diese Songs im Original einfach für mich behalten, dann hätte ich sie gut für mein Soloprojekt verwenden können. Ich hätte sie dafür einfach nach Nashville bringen und dort aufnehmen müssen, und sie wäre zu einer super Countryplatte geworden.
Aber aus irgendeinem Grund habe ich mich dann doch dazu entschieden, die Song in die Band einfließen zu lassen.
Also nur um das klar zu stellen: Damals war es für mich gar keine Option die Songs nicht für STAIND zu verarbeiten. Ich sage nur, dass ich jetzt auf die damalige Zeit zurückblicke und mir denke, dass theoretisch auch coole Countrysongs daraus hätten werden können, und dass deshalb wohl frühere STAIND-Platten oft einen sanfteren Sound hatten.«

Also ist da immer so eine Art Zerrissenheit in dir, zwischen deinen ruhigen Country-Wurzeln und der härteren, rockigen Seite von STAIND?

»Ja, irgendwie schon. Ich meine, schau dir an, wie wir die Europa-Tour begonnen haben – da waren nur mein Tourbusfahrer mit seiner Pedal-Steel-Gitarre und ich mit meiner Akustikgitarre, und wir haben die ersten Shows als Akustik-Sets auf die Bühne gebracht. Und die STAIND-Songs klangen einfach komplett anders, irgendwie so wie damals, als ich sie geschrieben habe.«

Um jetzt noch mal auf das neue Album zurückzukommen; der Longplayer klingt eine ganze Nummer härter als die alten Alben. Hast du absichtlich so eine krasse Linie zwischen STAIND und deinem Country-Projekt gezogen?

»Genau das ist passiert. Nicht absichtlich, denn die Art und Weise, wie ich zum Beisiel die Vocals eingesungen habe, hat sehr von meiner Stimmung zum Zeitpunkt der Aufnahmen abgehangen. Es hat bei diesem Album irgendwie alles gepasst und gut zusammengespielt. Ich konnte meinen ganzen Frust und meine Aggressionen bezüglich der Situation, in der die Band steckte, rauslassen. Ich musste nicht in meiner Vergangenheit rumstochern, um Dinge zu finden, die mich bewegten und aus deren Emotionen ich schöpfen konnte. Zu dem Zeitpunkt, als die Lyrics entstanden und ich im Studio war, passierten so viele Dinge und ich hatte so viel auf der Seele, dass ich die aktuellen Ereignisse sofort in die Platte einbinden konnte. Außerdem stand auch noch der Release meiner Solo-Platte an, ich war auf Tour... das war eine sehr stressige und aufreibende Zeit. Bei dieser Platte hatten wir auch das aller erste Mal in unserer Bandgeschichte eine Deadline für die Produktion – wir hatten noch nie so großen Druck. Dazu die Sache mit unserem Drummer...
Und da gibt es noch einen gewaltigen Unterschied bei dieser Platte, bzw. ist uns etwas passiert, das es seit „Dysfunction“ (1999) nicht mehr bei STAIND gegeben hat: Damals hatten wir unseren ersten Plattendeal in der Tasche, wir waren im Studio von Pearl Jam, ich habe ins gleiche Mikrofon gesungen. Wir waren alle voller Energie und genau diese wurde auf der Platte eingefangen! Und das kannst du fühlen. Leider ist dieses Gefühl auf den folgenden Alben irgendwie ein bisschen verloren gegangen. Aber jetzt, mit „Staind“ und all den Dingen, die sich während der Produktion ereignet haben, all die Emotionen und die Anspannung – all das ist wieder auf dieser Platte gefangen. Unsere Aggressionen, unser Kämpfen um unseren Drummer, den wir dann leider verloren haben, all das befindet sich auf dem Album.
Ich persönlich freue mich, dass wir es geschafft haben, wieder so viel Persönlichkeit in eine Platte zu legen. Zwar waren die Gründe dafür nicht die Schönsten, und es war eine harte Zeit, aber irgendwie hat es sich gelohnt.«

Also war es alles in allem nicht eure erste Intention, dass die Platte wieder härter wird, sondern eher eine Art Wink des Schicksals?

»Auf eine gewisse Weise schon. Ich meine wir wollten mit dieser Platte zurück zu unseren Wurzeln und wieder härtere Musik machen. Für mich persönlich war es – wie schon erwähnt – enorm wichtig nach all den Jahren endlich eine ganz klare Trennung von meinem Solo-Projekt und STAIND zu schaffen, und der Band die Härte zu geben, die ihr gebührt. Ich wollte keine halben Sachen machen. Das Solo-Projekt sollte keine „Light“-Variante von STAIND sein, sondern ein eigenständiges Ding. Dafür musste ich mit STAIND aber Vollgas in die andere Richtung geben und wir haben uns alle Mühe gegeben, im aktuellen Album diese Härte auf den Punkt zu bringen. Ich hatte noch einige Songs in Petto, die sicher super im Radio angekommen wären, aber ich wollte den Hörern mit dieser Platte eine Reihe an Titel bieten, die sie – rückblickend auf unsere alten Produktionen – eher nicht von STAIND erwartet hätten. Und für mich ist das ganze am Ende zu einem runden Ergebnis geworden, was die ursprünglichen STAIND widerspiegelt. Ich hoffe, die Fans spüren das auch! Es war ein so langer Weg bis zu diesem Punkt, aber ich denke, dass wir, nachdem wir uns wieder und wieder neu erfunden haben, nun endlich definiert haben.«