Online-MegazineInterview

NOCTE OBDUCTA

Karnevalsmuffel

Nocte Obducta

Im Interviewausschnitt in Rock Hard # 297 geht Bassist, Texter und Sänger Marcel vor allem auf das NOCTE OBDUCTA-Comeback-Album „Verderbnis – Der Schnitter kratzt an jeder Tür“ ein. Im Gespräch wurden jedoch auch allgemeine ästhetische Fragen sowie das Zwischenspiel als Dinner auf Uranos diskutiert.

Marcel, morgen ist der 11.11. – schon in Karnevalsstimmung?

»Wie Sau natürlich (lacht). Nee, überhaupt nicht. Das ist in der ganzen Band nicht wirklich verbreitet und ich glaube, dass auch keines der ex-Mitglieder besonders froh ist, an Fastnacht in Mainz zu wohnen.«

Als der Karneval in eurer Stadt etabliert wurde, durfte man mal ungestraft über die Franzosen lachen.

»Von dieser Militärparaden-Satire ist nicht mehr viel übrig. Man nutzt das wahrscheinlich mehr, um sich daneben zu benehmen.«

Die erste Hälfte eures Mottos, „Hoch die Tassen“, gilt zumindest auch in der närrischen Zeit. Allerdings ohne den Nachsatz „- mehr Hass“.

»Zumindest nicht die vier harten Tage. Wobei: Dieses "mit Gewalt feiern wollen", ist natürlich auch ziemlich hässlich.«

Welcher Hass ist in eurem Slogan gemeint, der diffuse Hass auf „das System“, die Umwelt, oder auch der auf sich selbst?

»Das ist ein schwieriges Thema, wenn man es etwas selbstironisch betrachtet. Ich würde es nicht als reine Satire bezeichnen, denn es steckt natürlich viel Wahrheit und Einstellung dahinter. Aber die Tatsache, dass man das so plump dahin sagt, ist auf jeden Fall ein Zeichen dafür, dass uns bewusst ist, dass es nur eine Seite der Medaille ist.«

Ebenso bewusst überspitzt, wie der „Schwarzmetall...“-Songtitel 'Fick die Muse'. Danis Poesie bei Cradle Of Filth weicht zwischenzeitlich ebenfalls schroffen Anwandlungen wie 'Of Dark Blood And Fucking' oder 'Gilded Cunt'.

»Man hat bei NOCTE OBDUCTA viel öffentlich über die Texte geredet – und sie waren ja auch bin den ersten Jahren extrem schwülstig, das kann man gar nicht anders sagen. Da erwartet man es nicht, dass irgendwo plötzlich ein „scheißegal“ steht. Peinlich sind mir die Texte nicht, ich würde sie heute nur teilweise anders schreiben. Man stolpert manchmal über Zeilen bei denen man denkt: Das ist jetzt ein bisschen arg albern. Linernotes wären nicht schlecht gewesen, weil die Texte um 20 Ecken konzipiert waren. Dazu braucht man aber eine sehr reiche Plattenfirma.«

Ist Hass eine stärkere künstlerische Antriebsfeder als Liebe?

»Schon, ja. Wenn es mir gut geht oder ich wenig auszusetzen habe, wird das Bedürfnis Musik zu machen geringer und ich will lieber etwas mit Leuten unternehmen. Weil man Musik nebenher machen muss, da anderweitig das Geld herkommen muss, überwiegt die negative Seite.«

Die Ananas in euren Bandfotos drückt also euer Fernweh aus, die Sehnsucht nach einem besseren Leben?

»Dahinter steckt ein bandinterner Insider, den ich irgendwann mal erzählt habe und der jetzt wieder ein paar Jahre ruhen kann – das macht die Sache spannender. Bei der ersten Fotosession für „Lethe...“ wollten wir damals möglichst viele Gegenstände dabei haben, die auf einem klassischen Bandfoto nicht drauf sind. So kamen wir auf die Idee mit der durchgesägten Ananas. Es war keine Fotogeschichte, aber es gab zwei aufeinander folgende Fotos, von denen eins aus Platzgründen nicht abgedruckt wurde. Bei der nächsten Session dachten wir dann: Komm, das machen wir noch mal. Und es hat sich irgendwie verselbständigt.«

Das ganz aktuelle Foto zeigt deutliche Parallelen zum alten Bild. Blickfänger wie der Teddybär und der Froschkönig erinnern an die Promofotos von Disharmonic Orchestra zu „Not To Be Undimensional Conscious“, als die Klagenfurter ebenfalls mit Stofftieren und Holzeisenbahn posierten.

»Die Band sagt mir was , aber ich hab nicht vor Augen, wie sie sich damals optisch präsentiert hat.«

Schätzt du Kunst grundsätzlich eher, wenn sie Brüche aufweist, statt hundertprozentig in sich schlüssig zu sein?

»Ich finde es auf jeden Fall glaubwürdiger, weil ich Menschen vollkommene Gleichförmigkeit nicht abkaufe. Sofern etwas Brüche hat, unschön oder gar hässlich ist, weiß ich eher, dass es auch so gemeint ist. Wenn etwas aufgebrochen wird, etwas fehlt oder zu viel ist, dann ist es für mich reizvoller.«

Die Österreicher sind mit ihrem Konzept von künstlerischer Freiheit in der Death-Metal-Szene gestrandet. Ist oder war diese noch intoleranter, als die Black-Metal-Szene?

»In den letzten zehn Jahren habe ich mich kaum mehr mit aktueller Musik beschäftigt. Da ich mich am liebsten über Sachen ärgere und aufrege würde ich sagen: Black Metal ist noch schlimmer. Wir haben bei den letzten Konzerten Probleme mit Fans oder vielmehr Konzertbesuchern gehabt, die gestresst haben, weil sie uns aus Prinzip scheiße fanden, ohne je einen Ton gehört zu haben. Es war kein Spaß mehr, abends überhaupt auf die Bühne zu gehen. Extreme Szenen, egal in welcher Richtung, neigen zu Scheuklappen.«

Sind Dinner auf Uranos künstlerisch gescheitert?

»Künstlerisch gescheitert nicht, aber in der Umsetzung. Die Idee war 2006, dass wir uns in den Proberaum zurückziehen. Wir hatten die Schnauze voll und wollten uns nicht verpflichtet fühlen, die alten Alben zu spielen. Man kann nicht auf die Bühne gehen und von heute auf morgen sagen: Zack, ätsch, schön das ihr Eintritt bezahlt habt, aber wir spielen nur noch das neue Album und Unveröffentlichtes. Musikalisch ist das mit den Jahren sowieso wieder stark zusammengewachsen. Die nächste Dinner auf Uranos wäre wieder wesentlich mehr NOCTE... gewesen. Wir haben leider nur das eine Album gemacht, welches letztlich aus zwei EPs besteht, und das Hauptmaterial von Dinner auf Uranos gar nicht berücksichtigt. Schließlich haben wir uns entscheiden müssen: Heißt es in Zukunft weiter NOCTE... oder Dinner...? Dinner Auf Uranos liegen bis auf weiteres auf Eis und sind wahrscheinlich von NOCTE OBDUCTA gefressen worden. Das nächste Album wird viel Material enthalten, welches wir auch als Dinner... im Proberaum gespielt haben. Wir wollten damals schauen, wer von den alten Fans bleibt und wer dazu kommt. Es war schon etwas enttäuschend, dass wir, auch was die Bemusterung betraf, nur im Metal stattfanden. Das hätten wir schon gerne weiter gestreut gesehen. Andererseits schwebt der alte Name immer mit und man ist weiterhin „der Metaller“. Ein Publikum von heute auf morgen zu wechseln, ist Blödsinn und ich verstehe auch Bands nicht, die mit ihren eigenen alten Alben nichts mehr zu tun haben wollen. Postrock und Psychedelic Rock haben mich die letzten Jahre mehr interessiert, als Metal-Veröffentlichungen.«

Gibt es euch einen Rückhalt, so viel Material zu horten, oder würdet ihr gerne endlich eure Archive leeren, um als Songwriter wieder bei null anzufangen?

»Es gibt eine Sicherheit, weil wir aus Erfahrung wissen, dass wir nie ein Album so aufnehmen, wie es in der Schublade liegt. Wir wollten in vier Wochen anfangen, das nächste Album aufzunehmen, was sich ans Jahresende verschieben wird. Nachdem das Konzept eigentlich stand, haben sich da auch vor zwei Wochen Änderungen ergeben, bei denen Teile raus geflogen sind und durch etwas ganz Neues ersetzt wurden.«

Ihr existiert momentan als Kernquartett, um das weitere (ex-)Mitglieder nach Lust, Laune und Zeitmanagement kreisen.

»Alex, der auf dem Debüt und später als Gast viel gesungen hat, hat mit Torsten zusammen ungefähr 60% von „Verderbnis...“ eingesungen. Danach kommen ich, dann Flange, Stefan und Thomas. Live werden wir viel auf altes Zeug, speziell die frühen Alben zurückgreifen. Da wird Torsten natürlich dabei sein. Er wird auch in Zukunft singen. Als wir das Album konzipiert haben und mit den Aufnahmen anfingen, war noch nicht klar, wo die Reise hingeht. Das hat sich während des Aufnahmeprozesses herauskristallisiert, der in mehreren Blöcken teilweise mit drei Monaten Pause stattfand. Das nächste Album wird wider eher in Richtung „Stille...“ gehen, wenn auch depressiver und komplexer. Da wird weniger Gesang bei sein und der absolute Anteil von Torsten geringer ausfallen.«

Bilden 'Wenn ihr die Sterne seht' und 'Verderbnis' ein Paar?

»Beides spielt in Winter und bei beiden steht am Ende der Tod. Ansonsten sehe ich keine Verknüpfung. 'Wenn ihr die Sterne seht' entstand an einem kalten Wintertag, so banal es klingt.«

Wenn man Sternchen sieht, fühlt man sich ohnmächtig und wackelig auf den Beinen.

»Fällt mir jetzt gerade erst auf, das wäre eine schöne Erklärung. Aber der Titel bezieht sich wirklich nur auf den Temperatursturz im Winter, der meist kommt, wenn die Wolkendecke aufreißt. In 'Verderbnis' und 'Schlachtenflieder' geht es auch in beiden Fällen um Erdreich und Leichen, aber es gibt keine weitere Verbindung.«

'Tiefrote Rufe' scheint in früheren Jahrhunderten angesiedelt zu sein.

»Der Text spielt auf dem Land. Es geht um eine etwas blutige, sehr heiße und hässliche Atmosphäre und entstand gemeinsam mit 'Es fließe Blut' von „Nektar: Teil 2...“. Beide Songs haben sich damals ein kleines Rennen geliefert, welcher zuerst fertig wird und es auf das Album schafft.«

Man kann sich dich schlecht als Strandgänger vorstellen. Dann also eher in den Winterurlaub?

»Ich will unbedingt mal wieder ans Meer, bin aber mit allem zufrieden. Tendenziell neige ich aber eher zu Frühling und Sommer. In den NOCTE...-Texten waren die Jahreszeiten immer breit vertreten, und die Frühlings- oder Sommernächte kamen häufiger vor. Der Winter ist wunderbar für Spaziergänge, aber ich finde es ganz angenehm, wenn man tagsüber mehr Licht hat und raus gehen kann, ohne sich zu überlegen, was man anzieht, da bin ich ganz pragmatisch.«

 

Zum Interviewteil von Ausgabe 297 geht es hier entlang.

www.nocte-obducta.de

 

Diskografie

Lethe (Gottverreckte Finsternis) (1999)
Taverne (In Schatten schäbiger Spelunken) (2000)
Schwarzmetall – Ein primitives Zwischenspiel (2001)
Galgendämmerung – Von Nebel, Blut und Totgeburten (2002)
Stille (Das nagende Schweigen) (EP, 2003)
Nektar: Teil 1: Zwölf Monde, Eine handvoll Träume (2004)
Nektar: Teil 2 (Seen, Flüsse, Tagebücher) (2005)
Aschefrühling (EP, 2005)
Sequenzen einer Wanderung (2008)
Verderbnis – Der Schnitter kratzt an jeder Tür (2011)