Online-MegazineInterview

PAGANIZER

Jungle Rot besteigen Sodom

Paganizer

Wer Rogga Johansson interviewt, kann sich nicht nur auf eine Band beschränken. Da PAGANIZER allerdings gerade mit „Into The Catacombs“ das aktuellste und heißeste Eisen im Feuer haben, stehen sie in dieser Ergänzung zum Interviewteil in Rock Hard 297 im Vordergrund.

Rogga, nach früheren Flächenbombardements mit Veröffentlichungen unter deiner Beteiligung glühen die Flakmündungen nun nicht mehr purpurrot. Hast du mittlerweile neben der Musik einen Vollzeitjob?

»Der Original-PAGANIZER-Drummer Jocke kam zurück zur Band und wir hatten mächtig viel Spaß „Into The Catacombs“ zu schreiben und einen Live-Set einzustudieren. Daher hatte ich gar nicht das Bedürfnis für neue Projekte, obwohl es natürlich einiges an bislang unveröffentlichtem Material gibt. Da gibt es so einiges, was nur noch abgemischt und gemastert werden muss. Aber ich bin auch froh, wenn nicht alles ans Tageslicht kommt. Es bedarf einfach eines anderen Zeitmanagements, wenn man mit einem festen Line-up im Studio und auf der Bühne arbeitet. Aber ich genieße es. Zuletzt habe ich mich mit meiner eigenen Hyperaktivität gelangweilt und einigen Hörern ging es wohl ähnlich. Einen Beruf, der mich den kompletten Tag in Beschlag nimmt, habe ich weiterhin nicht, wohl aber einen Job, der zusätzlich Zeit kostet.«

Vor einigen Tagen erschien „Minotaur“ von Banished From Inferno. Wie kann man bei einem Label unterschreiben, welches sich mit Graveland, Absurd und Konsorten seinen Namen als erste deutsche Nazi-Black-Metal-Adresse gemacht hat und seit Jahren mit unpolitischen Veröffentlichungen und einem Sublabel vom rechten Rand in die Mitte ziehen will?

»Ich bin dort gar kein Mitglied mehr, eigentlich war ich eher Studiosänger für die erste EP. Rober ist ein guter Freund, aber er wollte eine richtige Band, die auch auftritt. Mein Ersatzmann passt auch viel besser zu ihrem crustigen Death Metal. Was das Label betrifft: Ich bin kein Deutscher, habe mich nie sonderlich für Black Metal interessiert und kenne auch die Gerüchte um das Label nicht. Aber ich habe viel mit Steffen telefoniert und halte ihn für einen netten Kerl, der selbst sehr betrübt über die Gerüchte ist (Wohl eher darüber, dass er zwar offensichtlich vom Verfassungsschutz für harmlos gehalten, aber glücklicherweise weiterhin von weiten Teilen der Presse und Metal-Fans boykottiert wird – btj). Jede Geschichte hat sicherlich mehrere Seiten und ich weiß einfach zu wenig darüber, um etwas sagen zu können. Ich muss wohl nicht betonen, dass weder Banished From Inferno noch ich irgendwelche Sympathien für die politisch rechte Szene hegen. Dieser Scheiß ist einfach dumm und zurückgeblieben.«

Welcher spanische Musiker ist ein engerer Freund: Rober von Machetazo und Banished From Inferno, oder Dave Rotten (Labelgründer von Drowned, Repulse und heute Xtreeme, Musiker bei Avulsed), mit dem du PUTREVORE gegründet hast? Besitzt du viele der alten Singles und Alben aus seinen Veröffentlichungskatalogen?

»Beide sind gute Freunde, aber Rober und ich haben uns getroffen und sind sogar gemeinsam getourt. Vielleicht hätte Dave TERMINAL GRIP unter Vertrag genommen, wenn ich ihm 1994 unser erstes Demo geschickt hätte... Damals war ich viel weiter von der Szene entfernt, als heute, da Gamleby wirklich ein kleines Nest fernab der Großstädte ist. Leider muss ich zugeben, dass ich keine der 7“ aus Daves Label-Vergangenheit besitze. Aber er ist ein riesiger Fan des skandinavischen Sounds und hat einen sehr guten Riecher für Bands. Am besten gefallen mir von seinen alten Signings Adramelech. Das von ihm veröffentlichte frühe Deranged-Material gehört ebenfalls zu meinen Favoriten.«

Wenn man dich bitten würde, ein „Best Of Rogga Johansson“-Album zusammenzustellen – quer durch alle Bands und Projekte, bei denen du beteiligt warst – welche Songs würdest du dafür auswählen?

»Von PAGANIZER wären auf jeden Fall 'Landscapes Made Of Human Skin' und 'Scandinavian Warmachine' dabei, wenn genug Platz da ist auch noch 'Beyond Redemption', 'No Divine Rapture' und 'Life Slips Away'. Von RIBSPREADER wähle ich 'Dead Forever', 'Corpse Dumpster' und vielleicht noch 'The Cleaner And Mr. Filth'. Meine persönlichen Faves von REVOLTING heißen 'Hell In Dunwich' und 'The Plague Of Matul', bei THE GROTESQUERY bin ich mit 'Coffin Birth' sehr zufrieden. Von DEMIURG müssten es mehrere Songs sein, auf jeden Fall aber 'Flesh Festival', 'The Apocalyptic', 'Life Is A Coma' und 'Travellers Of The Vortex'. THOSE WHO BRING THE TORTUREs 'Drudgery At The Graveyard' und von BLOODGUT 'Church Of The Zombie' und 'Priesteater' wären mit dabei. Dazu kommen Tracks von Bands aus den Neunzigern, die nie offiziell veröffentlicht wurden, wie 'Hell Inside' von DEAD SUN und 'I Need Sanctuary' von TERMINAL GRIP. Beides Songs, die ich heute noch mal neu aufnehmen sollte. Ich hasse nichts von dem, was ich geschrieben habe, aber ich frage mich immer noch, warum wir den Stil von PAGANIZER nach den Demos gewechselt und als Death-Metal-Band ein reines Thrash-Album aufgenommen haben. Wenn ich daran denke, bin ich immer etwas angepisst, zumal ich als Thrash-Shouter nicht halb so gut bin, wie als Growler. Zudem wählten wir damals ein Studio in dem man nicht wirklich gut als Metal-Band aufnehmen konnte. Andererseits liebe ich immer noch einige der damaligen Songs, also hasse ich das Album nicht.«

Tatsächlich ist der aktuelle PAGANIZER-Titelsong eine Komposition von eben jenem „Deadbanger“-Album, der man den Thrash-Bezug auch heute noch anhört.

»Das ist wahrscheinlich der einzige komplette Song, den ich damals für das Debüt geschrieben hatte. Er sollte immer härter klingen, und so nahmen wir ihn uns zur Brust, als unser alter Drummer Jocke wieder mit dabei war. Die neue Version ist viel langsamer und klingt für mich, als würden Sodom von Jungle Rot bestiegen.«

In Interviews erweckst du stets den Eindruck, als gäbe es für dich zwischen den ganzen Aufnahmen der letzten anderthalb Jahrzehnte keine Unterschiede: Kannst du nie Anekdoten über die Entstehung bestimmter Riffs, Melodien oder Texte erzählen?

»Ich habe schon Botschaften, aber keine Agenda, mit der ich die Hörer bedränge. Meine Musik soll in erster Linie mich selbst vergnügen, gleiches gilt für die Texte. Manchmal dringe ich bei DEMIURG und PAGANIZER tiefer vor und schreibe darüber, was in meinem Kopf geschieht, aber immer so maskiert, dass die Worte zu einem Death-Metal-Song passen. Aber ich bin kein Poet und die Musik ist mir immer wichtiger. Anekdoten? Ich hab ein bescheidenes Erinnerungsvermögen (lacht). Aber Ausgangspunkt ist meist der Song eines anderen Künstlers, der mich dazu bringt, etwas ähnliches schreiben zu wollen. Dann setze ich mich mit meiner Gitarre hin, mühe mich ab und komme am Ende immer bei etwas komplett anderem an. Das funktioniert immer. Ich kann mir beispielsweise ein neueres Tiamat-Album in ihrem sehr von Melodie und Feeling bestimmten Stil anhören und denke mir „Fuck, ich sollte auch solche Musik machen“. Also schnappe ich mir ein Bier und meine Klampfe, um zu riffen. Nach zehn Minuten hab ich meist einen brutalen Death-Metal-Song ohne Melodie. Dann bin ich wieder mal sehr frustriert und von mir selbst angepisst, dass ich so ein Fachidiot bin, aber die Songs kommen wenigstens auf eins meiner Alben und erfüllen damit ihren Zweck.«

„Into The Catacombs“ reitet lyrisch auf Lovecraft herum, bedient die „skandinavische Mythologie“-Schublade und suhlt sich dazu noch etwas in militärischem Vokabular. Was fällt dir davon beim Schreiben am leichtesten?

»Hmm, weiß ich nicht. Ich versuche zumindest, das Musik und Thema zusammenpassen. Am meisten Spaß macht es mir, mich mit den Lovecraft-Inhalten zu beschäftigen. Militärisches gefällt mir eigentlich gar nicht so, aber manchmal passen Panzer eben gut zu den musikalischen Bildern wie aktuell bei 'The Paganizer'. In der Analogie ist der PAGANIZER natürlich ein mächtiger Panzer, der vorwärts rollt. Was mir wirklich Schwierigkeiten bereitet, ist der Bezug zu historischen wie fiktionalen Figuren anderer Autoren und tatsächlich existierenden Maschinen. Dann muss man die richtige Schreibweise und einige Fakten prüfen, um nicht als ignoranter Trottel dazustehen.«

Du wirst gerne als Ziehsohn von Dan Swanö bezeichnet. Aber 'Frontier Cthulu' auf dem neuen PAGANIZER-Album klingt zum Beispiel eher nach den ersten schweren Hymnen aus dem Hause Hypocrisy.

»Ich habe diese Band immer geliebt, und somit kommen die epischen Einflüsse definitiv von Hypocrisy. Die ersten beiden Alben sind ebenfalls Klassiker, aber ich bevorzuge „The Fourth Dimension“ und „Abducted“.«

Auf eurer Split-Single mit Demonical habt ihr letztes Jahr eurem Label den Song 'The Cyclone Empire' gewidmet. Klingt nach einer innigen Liebesbeziehung zu Martin und Hage, zumal auch viele deiner anderen Bands dort untergebracht sind.

»Wenn ich wählen müsste, würde ich Martin heiraten. Er ist schließlich der Firmeninhaber und könnte mir also am meisten kaufen (lacht).«

 

Aktuelle Bands von Rogga: 

  • Paganizer
  • Demiurg
  • Revolting
  • Bone Gnawer
  • The Grotesquery
  • Swarming
  • Ribspreader
  • Bloodgut

Zum Interviewteil von Ausgabe 297 geht es hier entlang.

www.myspace.com/paganizerband