Online-MegazineInterview

DEVIN TOWNSEND

»Jede Entscheidung hat Auswirkungen«

DEVIN TOWNSEND

Der große Erfolg von Devin Townsends Crowdfunding-Kampagne kommt nicht von ungefähr. Der kanadische Musiker steckt viel Arbeit in die Geldsammel-Aktion für CASUALTIES OF COOL. Warum zahlt sein Label eigentlich nicht einfach?

Devin, kannst du mir erklären, wie es genau dazu kam, dass du eine Crowdfunding-Kampagne über Pledgemusic für „Casualties Of Cool“ ins Leben gerufen hast?

»Ich hatte mir diese ganze Funding-Sache längere Zeit aus der Distanz angeschaut und gesehen wie einige große Acts, wie Björk, ihr Ziel verfehlten, während D.I.Y.-Gruppen wie Ginger Wildheart Erfolg hatten. Ich dachte zu Beginn, es ginge um Spenden statt um Gegenleistungen für die Unterstützung. Ich glaube, dass das eine häufige Fehlannahme ist und der Grund, warum einige Künstler besser damit klarkommen als andere. Erst als ich darin ein Businessmodell gesehen habe, habe ich beschlossen es zu probieren.«

Stimmt es, dass dein Label InsideOut nicht mehr als ein Album pro Jahr veröffentlichen wollte?

»Um das richtig zu stellen: Ich habe ein eigenes Independent-Label, HevyDevy Records, das an InsideOut lizensiert. Die wiederum waren eine große Unterstützung. Es ist allerdings so: Die Industrie verändert sich und sieht sich zu starken Budgetlimitierungen gegenüber, um in viele Projekte zu investieren. Es macht also total Sinn, dass sie jedem Künstler nicht mehr als ein Album pro Jahr ermöglichen können.«

Wie hast du dich gefühlt, als InsideOut dir die Veröffentlichung von „Casualties Of Cool“ verweigert hat?

»Es war absolut in Ordnung. Sie sind Freunde und ich verstehe es. Und seien wir ehrlich... ich bin auch ein verwirrenender Künstler für den Verkauf und die Vermarktung, da ich so oft die Gangart wechsle. Ich bin ihnen sehr dankbar für das, was sie für meine Arbeit leisten. Die Crowdfunding-Kampagne ist eine Nebenbeschäftigung zu der Beziehung, die ich mit ihnen habe, keinesfalls eine bockige Reaktion darauf.«

 

Stimmt es, das du nun CASUALTIES OF COOL, „Z2“ und ein Akustikalbum produzierst und den Rest spendest? Warum behältst du nicht etwas für dich?

»Die Welt, die ich mir kreiert habe, ist teuer. Ich bezahle viele Leute, einschließlich mich selbst. Das „Z2“-Projekt beinhaltet ein Doppelalbum, Videos, eine Dokumentation, eine wirklich aufwendige und teure Puppenshow, eine Graphic Novel und wortwörtlich zwei Dutzend Extratracks, alle mit Orchester, Chören und eine extensiven neuen Bühnenshow. Für CASUALTIES OF COOL haben wir aus eigener Tasche gezahlt, sobald das also entschädigt ist, werden wir zwei sehr teure Videos sowie ein einmaliges Konzert finanzieren, die viel mehr kosten werden als sie einbringen. Ich würde gerne etwas Geld dabei verdienen, weiß aber nicht ob es diesmal möglich ist. Das ist aber in Ordnung, denn in diesem Lebensabschnitt ist es mir wichtig meine nichtkommerziellen Bemühungen gut über die Bühne zu bringen. Fünf Prozent der endgültigen Einnahmen gehen außerdem an drei verschiedene Obdachlosenheime und Tierheime für misshandelte Tiere.«

Was waren deine ersten Gedanken, als sich abzeichnete, dass die Pledgemusic-Kampagne so erfolgreich werden würde?

»Es macht demütig und erschreckt etwas. Ich habe den Großteil meiner Karriere bewusst nicht wahrgenommen, dass andere Leute an ihr teilhaben. Tatsächlich macht das kreative Freiheit einfacher. Eine solch konkrete Situation zu haben, in der das Publikum in deine Wahrnehmung und den Prozess gedrängt wird, hat mich aufgerüttelt in Bezug auf die Auswirkungen meiner Arbeit, meine Verpflichtungen und Erwartungen. Im Endeffekt wurde das Szenario zu einem Erwachsenwerden und ich fühle mich jetzt zuversichtlicher als ich jemals für möglich gehalten hätte.«

Was hat dich das Crowdfunding gelehrt?

»Jede Entscheidung hat Auswirkungen.«

Würdest du sagen, dass Crowdfunding Prostitution gegenüber vielen statt wenigen (nämlich der Musikindustrie) ist?

» Es kommt darauf an, was du damit tust. Wenn du das Geld für Unsinn ausgibst, ja, dann ist es totale Prostitution. Wenn du mit dem Geld aber etwas vertiefen kannst, an das Leute eine emotionale Bindung haben, dann gewinnen alle. Abgesehen davon weiß ich aber nicht, ob ich ab jetzt so weitermachen wollen würde. Das wird die Zeit zeigen.
Als Randbemerkung möchte ich aber sagen, dass ich hoffe, dass jeder, der dies hier liest, versteht wie viel Glück ich habe. Ich wertschätze diese ganze Sache vom Grunde meines Herzens und nehme sie sehr ernst.«

 

http://www.pledgemusic.com/projects/casualties-of-cool

http://www.hevydevy.com/

https://www.facebook.com/dvntownsend

 

Pics: Rebecca Blisset (Promo)