Online-MegazineInterview

GENTRIFICATION

Interview mit der Demoband 05/2014

Berlin ist nicht gerade bekannt für eine große Metalszene, doch unsere aktuelle Demoband des Monats zeigt, dass gerade diese Großstadt viel Inspiration bieten kann: GENTRIFICATION hauen ihren Hörern nicht nur starke Riffs um die Ohren, sondern haben auch noch jede Menge zu sagen. Was genau, das verraten uns Sängerin Lena und Schlagzeuger Michael.

Grüße in die Hauptstadt und Gratulation zum Titel Demoband des Monats. Was war euer erste Gedanke, als euch diese Nachricht erreicht hat?

Michael: »Abgefahren, ich musste die Mail erst zwei mal lesen, bis ich es kapiert hatte. Für uns als Independent-Band ist das natürlich eine Riesennummer.«

Lena: »Wooohooo. Freuen uns mächtig drüber, na klar!«

Mein erster Gedanke beim Hören eurer Musik entsprach zunächst Verwunderung. Ihr selbst seht euch irgendwo zwischen den Schubladen Death- und Thrash-Metal, doch gerade von Letzterem finde ich ziemlich wenig in euren Songs. Dafür entdecke ich umso mehr Elemente aus dem Metalcore. Wo seht ihr euch nun also musikalisch und was sind eure Einflüsse?

Lena: »Welche Einflüsse im Vordergrund stehen, scheint von Person zu Person verschieden. Für mich ist Death/Thrash die Basis, die mit 'ner Prise Core nach Belieben nachgewürzt wird. Aber im Grunde braucht es diese Begriffe nur zur ersten Orientierung. Wenn man rein gehört hat, ist die Schublade auch schon weniger wichtig – man mag es oder eben nicht.«

Waren es musikalische Vorbilder, die euch 2008 dazu bewegt haben GENTRIFICATION zu gründen, oder welche Intention steckt dahinter?

Michael: »Ich hatte in Sachen Band zuvor berufsbedingt einige Jahre pausieren müssen, dann aber gemerkt, dass mir das total gefehlt hat. Und nach meinem Umzug nach Berlin war der Zeitpunkt gekommen, das zu ändern. Musikalische Vorbilder – oder vielleicht besser Einflüsse – sind für mich eher Klassiker wie At The Gates, Illdisposed, Cannibal Corpse, aber auch modernere Sachen wie etwa Heaven Shall Burn.«

Nun, fünf Jahre später, präsentiert ihr euer Debüt „Deviance“ - bereits im letzten Jahr habt ihr allerdings schon die EP „Part Of The Process“ veröffentlicht. Welche Fortschritte habt ihr mit dem Debüt gemacht und war es ein harter Weg bis dorthin? Gibt es noch andere wichtige Stationen, die euch zu dem gemacht haben, was ihr jetzt seid?

Lena: »Zwischen Demo und Album liegt auf jeden Fall ein Wechsel an der Gitarre. Robert stieß neu zu uns und Rick übernahm das Zepter von Mark. Das Debüt zeugt sicherlich von seiner Entwicklung. Vor allem denke ich aber, haben wir menschlich einfach gut zusammengefunden und sind als Team so produktiv wie nie zuvor. Wir brennen für die Sache, und ich glaube diesen Enthusiasmus hört man auf „Deviance“.«




GENTRIFICATION ist ja kein typischer Bandname für eine Metalband und hat zudem eine politische Bedeutung. Gentrification (Gentrifizierung) bezeichnet prinzipiell den sozialen Wandel eines Stadtteils sowie die damit einhergehende Aufwertung dessen. Wie kommt es, dass euch das Thema so wichtig ist, so dass ihr eure Band danach benannt habt?

Michael: »Gentrification ist im Kern natürlich das, was du beschreibst. Als ich nach Berlin gezogen bin, waren die Spannungen und die Auswirkungen davon deutlich zu spüren. Hinzu kam, dass man als „Zugezogener“ plötzlich Teil des Prozesses war. Auch die anderen damaligen Bandmitglieder wohnten in den einschlägigen „Szenevierteln“. Das hat uns nicht losgelassen. Wir wollten uns mit den Entwicklungen einfach inhaltlich auseinandersetzen.«

Eure politischen Ambitionen scheinen sich auch in euren Lyrics wiederzufinden. Was sind denn die zentralen Themen in euren Texten? Und welche Rolle spielen sie im Gesamtkonzept von GENTRIFICATION?

Lena: »Das sind sozialkritische Themen, angefangen mit dem Song 'Part of the Process', der unserer EP den Titel gab und unser Statement zu Gentrifizierung darstellt. Bis aktuell zum NSA-Abhörskandal in 'Modern Tyranny' oder der Thematisierung der Ausbeutung von sogenannten Dritte-Welt-Ländern in 'First World Collapse'. Auch wenn man den Wandel eines Stadtteils nicht aufhalten kann, so kann man aber die Veränderung mitgestalten – und darauf könnte man das grundlegende Konzept von Gentrification herunterbrechen.«

Warum seid ihr denn beispielsweise keine Punkband geworden? Ich meine, in diesem Genre sind politische Themen ja die zentralen Hauptbestandteile, während Metal – gerade zur Zeit seiner Entstehung innerhalb der Arbeiterklasse– bekannt dafür war, Themen wie Politik, Religion und Co. eher außen vor zu lassen. Das Gemeinschaftsgefühl entstand hier durch die Vorliebe für die gleiche Musik und der Flucht aus dem Alltag, unabhängig vom persönlichen Glauben und der politischen Orientierung. Warum also habt ihr Metal als euer Sprachrohr gewählt? 


Denkt ihr denn, dass man heutzutage die Menschen noch mit Musik erreichen und gar zum Nachdenken bringen kann, oder frisst die Masse blind alles, was man ihr zuwirft? Und überlässt der Einzelne das Denken lieber „den anderen“?

Lena: »Metal ist für uns ja niemals Mittel zum Zweck! Ich für meinen Teil möchte das Denken lieber nicht „den anderen“ überlassen.«

Michael: »Es stimmt, dass im Punk eine politische Haltung viel verbreiteter ist, doch auch im Metal finden sich aktuell viele Beispiele für politisch engagierte Bands. Davon abgesehen möchte man sein musikalisches Schaffen aber keiner Genre-diktierten Haltung unterordnen. Oder besser: Musik und Inhalt ergänzen sich bei uns eher, als dass sie sich gegenseitig beeinflussen würden.«

Wie steht es um euch, wie wird es weitergehen mit GENTRIFICATION? Habt ihr eine Tour zum Album geplant?

Lena: »Keine Tour leider, unsere Gigs sind bisher noch echte Raritäten. In den kommenden Monaten machen wir erst einmal Berlin unsicher: Etwa am 17. Mai zusammen mit Vargrimm und Nebelland im Werk9. Außerdem sind auch für den Juni zwei Gigs geplant, unter anderem in der Berliner Metalkneipe Blackland. Wir sind natürlich auf der Suche nach weiteren Gigs, wer also noch einen Slot zu füllen hat: HIER!«

Gibt es ein Motto, dem ihr als Band stets treu bleiben wollt, oder Worte, die euch auf der Zunge brennen und dringend an unsere Leser gebracht werden müssen?

Michael: »Hört nicht auf, den Underground zu supporten, denn hier engagieren sich die Bands und Veranstalter mit viel Herzblut und Hingabe. Geht zu lokalen Konzerten kleiner Bands und schaut musikalisch über den Tellerrand, es gibt unter dem Radar der Major-Labels viel Interessantes zu entdecken!«



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