Online-MegazineInterview

JEN MAJURA

Interview mit der Demo-/Eigenproduktionsband 12/15

JEN MAJURA

Im Leben von JEN MAJURA kommt keine Langeweile auf. Wenn sie nicht gerade mit Knorkator und seit neuestem mit Evanescence auf der Bühne steht, betreibt die Gitarristin noch eine Musikschule im sauerländischen Brilon oder schreibt ein selbstbetiteltes Soloalbum. Letzteres hat es bei uns zum "Tipp des Monats" in der Kategorie Demos/Eigenproduktionen in Rock Hard Vol. 343 gebracht, weshalb wir bei der bestens gelaunten Exil-Stuttgarterin durchgeklingelt haben, um mit ihr neben der Scheibe auch über Popmusik, Evanescence und ihre Zukunftspläne zu sprechen.

Hallo Jen! Erstmal herzlichen Glückwunsch zum "Tipp des Monats"! Wie viele Stunden hat ein Tag im Leben von Jen Majura?

»Ähh... 27. (lacht)«

Das dürfte wohl hinkommen. Ich meine, so viele Projekte wie du hast, muss das ja so sein.

»(Lacht:) Ja. Der Chef von meiner Mutter hatte damals so einen tollen Satz, den habe ich übernommen: Der Tag hat 24 Stunden, und wenn der Tag nicht reicht, dann nehmen wir noch die Nacht zum Arbeiten. Funktioniert! Es wird mir auf jeden Fall nicht langweilig.«

Wie kam es zum Engagement bei Evanescence?

»Im Sommer habe ich einige Festivals gespielt, und dort habe ich mich mit Alex Skolnick (Testament-Gitarrist) unterhalten und ihm auch meine Solo-CD gegeben. Es begab sich dann so Mitte Juli, dass er mir schrieb: „Jen, ein paar Freunde von mir werden dich unter Umständen kontaktieren. Wenn sie dies tun, dann ist das etwas, zu dem du „ja" sagen solltest. Ich kann noch nicht mehr verraten...“ Es war also alles ganz geheimnisvoll. Am 23. Juli kam dann eine Mail vom Management von Evanescence mit der Anfrage, ob ich Interesse hätte, die vier Shows im November zu spielen. Am nächsten Abend habe ich dann aber auch schon etwa eine Stunde mit Sängerin Amy Lee telefoniert. Da haben wir festgestellt, dass wir uns total gut verstehen und voll auf einer Wellenlänge sind. Drei Tage später saß ich dann im Flieger nach New York. Es war eine ziemlich spontane Geschichte, und offiziell war auch noch nichts, ich habe also „Sightseeing“ gemacht – für drei Tage (lacht). Wir haben die Zeit dann miteinander verbracht und in einem Vintage-Gitarren-Laden in New York zusammen Musik gemacht. Da ist dann der Funke so richtig übergesprungen, und sie sagte irgendwann „Jen! You're in the band!“. Mit der Info bin ich dann wieder zurückgeflogen und einen Tag später nach Schweden auf einen Gitarrenworkshop gefahren, wo ich eine Woche mit dreißig Gitarristen in einer Hütte im Wald gesessen habe. Aber mein Kopf war natürlich ganz woanders. Am 7. August wurde das dann offiziell gemacht und seitdem explodiert mein Leben. Ich gucke jeden Morgen in den Spiegel, schüttele den Kopf und denke „Das kann doch nicht wahr sein“. (lacht)«

Bei Evanescence stellt sich die Frage noch nicht, aber wie bist du in den Songwritingprozess bei deinen anderen Projekten involviert?

»Kurz und schmerzlos: Gar nicht. (lacht)«

Das bezieht sich natürlich auf dein Soloalbum, weil sich die Frage schon stellt, warum du dir bei all den Projekten noch eine Solokarriere ans Bein bindest.

»Mein Soloalbum war eine Geschichte, die ich in erster Linie für mich selbst gemacht habe. Ich muss einfach manchmal einen Song über eine Sache schreiben, um damit abzuschließen und ein neues Kapitel aufzuschlagen. Das klingt zwar ein bisschen komisch, aber für mich ist das schon fast eine therapeutische Maßnahme gewesen. Ich glaube, ich habe mich schon 2012 hingesetzt und wollte so lange schreiben, bis ich zwölf gute Songs habe. Aber wie das halt bei uns Musikern so ist, schreibst du einen Song und denkst „Das ist der beste Song, den ich jemals geschrieben habe!“, am nächsten Morgen wachst du dann aber auf und denkst „Boah, das kann ich besser“. Nachdem ich dann ein halbes Jahr auf diese Art geschrieben habe, hatte ich fünfzig Songs. Ich wusste, wenn ich so weitermache, habe ich irgendwann 500 Songs, aber immer noch kein Album (lacht). Ich habe dann erstmal Pause gemacht und drei Monate gar nicht mehr in meine eigene Musik reingehört. Anschließend habe ich mich hingesetzt und mir dann aus den fertigen Songs zwölf rausgepickt, die es aufs Album geschafft haben.«

Wer spielt denn auf der Platte alles? Hast du die Instrumente alle selbst eingespielt?

»Die ersten Demos habe ich damals alle selbst eingespielt, aber im Studio habe ich dann doch gesagt, dass ich gerne fähigere Musiker an den anderen Instrumenten haben würde. Ich habe alle Rhythmusgitarren selbst eingespielt, die meisten Soli kommen von Dennis Hormes, der auch mitproduziert hat. Am Bass war größtenteils Tina Pfeiffer (ex-Black Thunder Ladies, mab) und am Schlagzeug ist Thomas Brucke, ein lieber Freund und Kollege von mir, der jetzt auch bei Lichtgestalt spielt. Dazu kommen dann natürlich zahlreiche Gastmusiker, unter anderem hat Frank Itt (spielte u.a. bei den Ärzten und ist Dozent an der Popakademie in Mannheim, mab) bei einer Nummer den Bass eingespielt. Das hat mich sehr stolz und glücklich gemacht. Ebenfalls am Bass war Jens-Ulrich Handreka, der auch in meiner Dozentenband mitspielt (Doz of Hell, mab) und an der Gitarre habe ich Gastsoli von Tobias Kersting von Orden Ogan, Marco Wriedt von 21Octayne und Manni Schmidt, der jetzt bei Refuge spielt. Hmm, ich glaub das war's.«

Ist nicht Stumpen von Knorkator auch mit dabei?

»Ach ja, richtig! Hast du die Guest-Vocals gefunden?«

Das Rülpsen am Ende von 'You Kill My Appetite'?

»Ja (lacht)! Richtig, Stumpen hat mir zahlreiche Rülpser zukommen lassen, damit er auch Guestvocals auf dem Album hat (lacht). Ach ja, und bei 'Jaded' gibt's noch ein Geigensolo, dass hat mein ehemaliger Geigenlehrer (Klaus Markwart, mb) eingespielt. Die ganze Platte ist einfach ein schönes Werk mit Freunden, und so sollte es auch sein. Ich hatte keinen Bock auf das Namedropping und darauf, mir einfach mit viel Geld irgendeinen großen Musiker zu kaufen, so dass meine Platte was ganz besonderes wird. Ich wollte einfach die Songs, die mir wichtig sind, zusammen mit Leuten aufnehmen, die mir auch wichtig sind.«

Beim Hören der Platte ist mir aufgefallen, dass das Ganze sehr groovig ist und einen ordentlichen Funk-Vibe hat.

»Ja, genauso siehts aus! Das war meine Intention bei der Platte. Musikalisch komme ich ja eigentlich aus der Funk-Rock-Ecke, ich bin zum Beispiel mit Extreme und Nuno Bettencourt groß geworden. Das ist der Mann meines Lebens, ich würde ihn sofort heiraten!«

Ich schreibe das rein, vielleicht ergibt sich ja was.

»Kannst du gerne machen, vielleicht liest er das (lacht). Nuno Bettencourt ist der Grund, warum ich Gitarre spiele! Der Kerl ist einfach unfassbar gut. Der kann zwar auch shreddern, hat aber auch viele perkussive, groovige und funkige Sachen in seinem Spiel und das fand ich von Kind auf schon immer grandios, genauso wie Mother's Finest. Die "Black Radio Won't Play This Record'' ist zum Beispiel super. Ich war damals auf einer Mini-Tour durch die Schweiz, Österreich und Italien mit TM Stevens. Er nennt seine Musik ja „Heavy Metal Funk“, da habe ich auch sehr viel gelernt. Und dieser Grundeinfluss erweitert sich gerade, zum Beispiel durch Freak Kitchen, kennst du die?«

Seit letzter Woche, denn wenn man nach dir im Internet sucht...

»...Findet man ganz viel Freak Kitchen, ich weiß (lacht). Ich promote die Jungs auch weltweit in jedem Interview, weil ich sie grandios finde! Sie sind tolle Musiker und ganz liebe Freunde von mir und deshalb spielen wir auch mit den Doz Of Hell drei Songs von ihnen.«

Um wieder auf deine Solo-Scheibe zurückzukommen: Während des Hörens dachte ich, dass ungefähr so die Red Hot Chili Peppers klingen würden, wenn sie mehr Metal in ihren Sound packen.

»Als ich mir die fertige Scheibe angehört habe, habe ich mich auch gefragt, wie man diese Musik jetzt beschreiben kann. Es ist schon schwierig, weil man entweder sagen kann „Es ist wie Machine Head mit Mädchengesang und mehr sechzehntel-Groove“ oder aber „Es ist wie Lady Gaga mit E-Gitarre drin“. Es geht irgendwie von beiden Seiten, und das finde ich ziemlich cool. Ich habe halt für die Platte kein Label, dass heißt es gab keinen, der mir vorgeschrieben hat, wie es klingen muss. Ich höre einfach so viel verschiedene Musik, und das hört man den Songs an. Generell bin ich sehr stolz darauf, dass die Platte sehr dynamisch geworden ist. Es gab auch durchaus ein paar Dispute im Studio, wo mir alle den Vogel gezeigt haben. Zum Beispiel bei 'Live In Hell' gibt es eine Stelle, in der ich nur Bass und eine Jimi-Hendrix-Strat haben wollte. Und da sind logischerweise alle angekommen und haben gesagt: „Aber da muss doch ein Groove drunter!“ Und da hab ich mich durchgesetzt, und ich denke, dass der Song letztendlich deshalb so dynamisch geworden ist. Ich mag es einfach wenn die Lieder anfangen zu leben. Das ist auch etwas, dass ich an der heutigen Popmusik so vermisse. Die ist einfach nur dumpfe Beschallung für Schafe. Das sind vier Akkorde und es wird entweder viel gemacht und lautgedreht – das ist der Chorus – oder ruhiger und das ist dann die Strophe. Beim Songwriting bin ich tief in den 80ern, ich finde es muss eine Bridge geben und ich möchte mein Gitarrensolo (lacht). Wobei meine Platte schon auch Pop-Anleihen hat. Bei der ein oder anderen Linie dachte ich auch, dass das jetzt auch Katy Perry oder Rihanna singen könnte, aber dann kommt wieder die fette E-Gitarre rein und ich bin ganz beruhigt (lacht).«

Das empfinde ich zum Beispiel bei 'Hide From The World', der wohl der Ohrwurm-Song des Albums ist.

»Findest du? Mir wurde gesagt, das 'Jaded' der Ohrwurm ist, genauso wie bei dem Opener 'And Then You Call'. Wobei in 'Hide From The World' im Hintergrund wahnsinnig viele Synthies sind, die aber gar nicht so auffallen, weil ja Gott sei Dank eine E-Gitarre davor ist. Vom Aufbau her ist die Nummer auch mein Festival-Song. Der sollte einfach so klingen, wie es aussieht, wenn 20.000 Menschen dazu mitklatschen.«

Umso lustiger, dass die Nummer dann 'Hide From The World' heißt.

»Der Song handelt von einer Person, die mit der Welt und der Brutalität der Menschen heutzutage nicht klarkommt und sich am liebsten immer verkriecht.«

Wo wir gerade bei Songbedeutungen sind: Wer ist denn 'Mr. Pity Ploy'?

»Das ist ein Geschäftspartner, mit dem ich mal zu tun hatte. Ich habe mal mit einer Firma zusammengearbeitet, und ich habe sie aufgrund dieser Person verlassen, weil er von sich dachte, er sei die letzte Cola in der Wüste. Deshalb bin ich dann auch von dieser Firma weggegangen, weil ich diesen 'Mr. Pity Ploy' nicht mehr ertragen konnte. Im Prinzip handelt der Song davon, dass es immer wieder Menschen gibt, die sich für unglaublich toll halten und gar nicht merken, wie sie sich selbst zum Deppen machen.«

Wie sehen denn deine nächsten Pläne aus, gerade im Solo-Bereich?

»Das ist schön, dass du das fragst, denn es stehen tatsächlich Pläne an. Die Doz Of Hell sind aus unserem jährlichen Weihnachtsvorspiel entstanden, bei dem unsere Schüler für Lehrer und Eltern verschiedene Songs zum Besten geben. Da merkt man auch, dass ich da meine Finger mit im Spiel habe, denn die stehen auf der Bühne und spielen Motörhead, Mötley Crüe oder Kiss. Jedenfalls haben wir gesagt, wenn die Kids für uns spielen, dann können wir als Dozenten ja auch mal für sie spielen. Die Grundidee war dann natürlich, dass wir als „Lehrer-Band“ nicht die Standards runterspielen, sondern tatsächlich auch komplizierten Kram. Das Ganze entwickelte sich dann über das letzte Jahr, wo wir hier auch auf der Hausmesse (der Music World Brilon, zu dem die Schule gehört, mab) gespielt haben. Meine nächster Plan ist eben, dass wir meine Songs mit dieser Band auf die Bühne bringen. Damit spielen wir in so kleinen, urigen Kneipen hier in der Umgebung. Ich mag so was total! Bei großen Festivals hast du halt ein Meer an Menschen, und plötzlich stehst du dann im Sauerland auf einer kleinen Holzbühne in einem Laden mit hundert Zuschauern. Es ist höchst amüsant und bereitet uns viel Freude, weil wir neben meinen Nummern auch Songs covern, an die sich sonst keiner herantraut, weil die meisten Musiker sagen: „Aber das kann man doch nicht live spielen!“. Für die Gitarrero-Fraktion haben wir Songs von Steve Vai oder Paul Gilbert, auch The Winery Dogs oder Mother's Finest haben wir im Programm, also Zeug, bei dem sich die meisten die Finger brechen, und wir haben einfach gesagt: Gut, wir machen das. Deshalb üben wir jetzt auch wie die Wahnsinnigen (lacht). Ich bin eigentlich eher so ein Probemuffel, so nach dem Motto „Kurz vorm Soundcheck mal anspielen, dann passt das“, aber mit der Truppe haben wir jetzt fünf Tage komplett geprobt und so langsam nimmt es Form an. Ich möchte mit denen 2016 auf jeden Fall mehr spielen.«

Das wäre dann auch die nächste Frage gewesen: Gibt's dann eine Tour?

»Als erstes spielen wir mal hier in der Umgebung, sprich Sauerland, Münsterland und im Pott und dann gucken wir mal weiter. Also eine Tour können wir uns momentan noch nicht leisten, weil das einfach zu teuer ist.«


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