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SMALLTAPE

Interview mit der Demo-Eigenproduktionsband 09/17

SMALLTAPE

Mit „The Ocean“ hat der Wahlberliner, Musiker und diplomierte Tonmeister Philipp Nespital unter dem Namen SMALLTAPE ein völlig für sich stehendes Ausnahmewerk veröffentlicht. Auf dem Nachfolger seines 2011er-Debüts „Circles“ verknüpft Nespital wie selbstverständlich Prog mit Art Rock, Jazz, Chören und ruhigen Singer-Songwriter-Passagen. Eine sich auf homogene Weise fügende bombastische Kombination, die den Titel "Tipp des Monats" unter den Eigenproduktionen in Rock Hard Vol. 364 völlig zu Recht einfährt. Im Interview lässt uns das Multitalent hinter die Kulissen von SMALLTAPE blicken.

Philipp, dein zweites Album "The Ocean" weist eine breit gefächerte stilistische Vielfalt auf. Wie würdest du selbst deinen Stil beschreiben?

»Ich mag das ja eigentlich gar nicht, wenn Künstler und Musiker immer so herumeiern, wenn es um ihren Stil geht. Eigentlich muss man die Sache einfach beim Namen nennen können, finde es in meinem Fall aber wirklich schwierig. Sagen wir es mal so: Eigentlich ist es progressiv, nur dass ich den Begriff "progressiv" weniger als Schublade oder als Stil verwende. Ich sehe in ihm die vielen Möglichkeiten Musik zu machen, die frei von Grenzen ist. Wenn der Song funktioniert und es gut klingt, kann man in alle Richtungen gehen. Meine Musik ist nicht zu hundert Prozent Jazz, Prog oder Art Rock, sondern progressiv im weitesten Sinne.«

Spiegelt sich diese musikalische Offenheit auch im Albumtitel wider?

»Gute Frage. Nein, eigentlich nicht. Es stand keine Doppeldeutigkeit als Intention hinter diesem Titel. Ich mache mir dabei gar keine so großen Gedanken, welche Stile es sind. Es ist natürlich mein Kosmos, in dem ich mich musikalisch bewege und der sich für mich gut anfühlt. Ich denke dabei aber nicht über Genres nach. Dementsprechend funktioniert „The Ocean“ wirklich nur als Konzepttitel und ist weniger auf Stilrichtungen zu beziehen.«

Welches Konzept steht hinter „The Ocean“?



»Allgemein geht es um Selbstfindung und die Frage, ob man als Mensch immer weiß, dass das, was man gerade macht, das Richtige ist. Ist das wirklich das, was ich will, was ich bin und was ich sein möchte? Oder ist es nur die Erfüllung eines bestimmten Zwecks von Außen? Diese Suche nach dem Sinn, wo man hingehört, ist eine sehr schwierige Suche, wie ich finde. Sie ist geheimnisvoll, aber auch furchteinflößend. Im Mittelpunkt steht die Metapher des Ozeans, auf den sich die Menschen begeben, um nach der Wahrheit zu tauchen. Dabei wissen sie aber nicht genau, was dort passieren wird.«

Wie läuft der Songfindungsprozess, das Komponieren, bei dir ab?

Er lacht: »Ich brauche viel Zeit, viel zu viel Zeit. Der kreative Prozess ist bei mir aber wahrscheinlich ein ganz normaler, dieses Schaffen, dieses Konzentriert-sein. Wenn es dann um die Umsetzung geht, arbeite ich an meinem Layout, schreibe Noten und erstelle Strukturen. Es gibt ein paar witzige Zettel von mir, auf denen ich mich vor allem mit der musikalischen Themenverarbeitung auf dem Album beschäftige. Also damit, welches Thema wie und wo auftauchen soll. Das sieht total chaotisch und nerdig aus. Dabei mache ich mir aber gewisse Pläne, um gerade bei einem so großen Album den Überblick zu behalten. Grundsätzlich ist es bei mir aber eine Kombination aus im Kopf arbeiten, aufschreiben, Layouts einspielen, damit herumexperimentieren, sich manchmal auch einfach nur treiben lassen und darauf warten, was kommt. Gerade wenn Gastmusiker dabei sind, muss man sehr offen sein und alles aufsaugen, was sie einem an Input geben. Das ist unglaublich erfrischend.«

Du bist diplomierter Tonmeister, gehst du den Entstehungsprozess eines Albums anders an als „normale“ Musiker?

»Puh, das ist natürlich schwierig, weil ich die andere Seite so gut nicht kenne und schon immer alles so mache, wie ich es eben mache. Ich glaube der Unterschied ist, dass du mehr loslässt, wenn du dich als Band ins Studio begibst. Du kannst die Verantwortung an Tonmeister, Tonigenieure und Produzenten vor Ort abgeben. In meinem Fall war ich Toningenieur und Produzent gleichzeitig. Das Gute daran ist, dass du viel unter Kontrolle hast und die Vision in deinem Kopf so durchziehen kannst, wie du es willst. Dass ich außerdem Tonmeister bin, ist natürlich von Vorteil und schön, weil ich den Mix selbst übernehmen kann. In der Regel spiele ich auch alles ein, was auf einem Album von mir zu hören ist. Bei „The Ocean“ hatte ich jetzt zusätzlich noch ein Streichquartett dabei. Außerdem ist ein großartiger Saxophonist auf der Platte zu hören, der deutlicher den Jazz-Aspekt hervorhebt, ein befreundeter Gitarrist von mir, der ein zwei Gitarrensoli eingespielt hat und zwei Bassisten.«

Wie hast du besagte Gastmusiker gefunden? Wählst du nach bestimmten Kriterien aus?

»Ich glaube nicht, dass ich eine Anzeige schalten würde, um nach Musikern zu suchen. Ich bin eher ein Mensch, der auf Chemie setzt. Mir ist es erstmal egal, wie schnell und wie gut die Leute spielen können, das muss im Studio einfach funktionieren. Die Musiker auf „The Ocean“ sind alles Leute, die ich über Umwege beim Musikmachen kennengelernt habe und die jetzt zu meinem Freundeskreis gehören.«

Mit Freunden lässt sich Musik auch mit Sicherheit leichter auf die Bühne bringen.

»Ja, auf jeden Fall. Das machen wir auch schon. In den letzten Jahren habe ich nach und nach damit angefangen, meine Musik mit vorsichtigen kleinen Schritten auf die Bühne zu bringen. Auch wenn ich natürlich großen Respekt davor habe, nicht dass man dann vor der Bühne merkt: „Oh Junge, das hättest du mal lieber im Studio gelassen.“ Nach und nach hat sich jetzt aber über ein Duo, ein Trio und ein Quartett eine Band mit einer relativ festen Besetzung entwickelt, mit der ich die Songs auch live spiele. Das Album ist draußen und wir bekommen ein starkes Feedback. Das wollen wir jetzt natürlich weiterführen und in nächster Zeit wesentlich mehr spielen.«



Bekommst du oft zu hören, dass deine Musik Bilder im Kopf erzeugt?

»Ja, das wurde mir schon öfters gesagt. Das finde ich gut, ich komme nämlich ursprünglich aus dem Kinobereich und habe an einer Filmuniversität gelernt. Ich bin auch, was meine Tonmeisterfähigkeiten angeht, wirklich eher in dem Bereich geeicht, Soundtracks zu schreiben. Beim Mischen und Arbeiten an den Songs spielt der Sound und die Atmosphäre eine ziemlich große Rolle. Wenn dann am Ende dabei herauskommt, dass die Hörer es als Kino für die Ohren empfinden, ist das natürlich fantastisch. Das ist ein schönes Kompliment! Ich persönlich möchte auch Musik nicht immer nur nebenbei hören, sondern Kopfhörer aufsetzen und wortwörtlich abtauchen können.«

Wie unterscheidet sich deine Arbeit im Film- und Musikgeschäft?

»Die Musik war gewissermaßen immer die zweite Seite von mir, daher fahre ich in dieser Hinsicht zweigleisig und versuche beides harmonisch miteinander in Einklang zu bringen. Im Filmbereich ist es wesentlich mehr Teamarbeit und man muss sich natürlich auch nach dem Bild richten, das hinter all dem steht. Beim Musikmachen habe ich absolute Freiheiten. Sounddesign oder Musik hat für mich beides etwas mit dem Hörvorgang und dem Bild zu tun, das ich im Kopf habe und umsetzen möchte. Das klingt jetzt etwas esoterisch (lacht). Beim Sounddesign zum Beispiel ist der Prozess für mich sehr ähnlich zur Musik. Dafür muss ich auch nicht irgendwie umswitchen, ich bin einfach ich, so wie ich arbeite. Es sind meistens nur die Umstände und Begebenheiten, die das Ganze verändern.«

Auf deiner Homepage betonst du, dass deine Eltern immer ein wichtiger Bestandteil deines musikalischen Werdegangs waren. Sind sie also gewissermaßen auch für SMALLTAPE mitverantwortlich?

»Das würde ich auf jeden Fall so sagen. Ich wurde in letzter Zeit öfters danach gefragt, wie ich denn zu dieser Art von Musik gekommen bin, in der natürlich auch einige ältere Einflüsse stecken. Als Antwort kann ich dafür eigentlich immer nur meine Eltern anführen, die schlicht und einfach einen guten Musikgeschmack hatten und durch die ich früh ein Instrument lernen konnte. Klar, kotzt man als Kind ab, wenn man Klavierunterricht nehmen muss. Aber im Nachhinein betrachtet bin ich so dankbar dafür, dass sie diesen Grundbaustein für mich gesetzt haben, um überhaupt musikalisch loslegen zu können. Wenn das nicht passiert wäre, würde es SMALLTAPE auch nicht geben. SMALLTAPE, das bin ich. Das ist mein Soloprojekt, das ist zu hundert Prozent Philipp Nespital.«

Zum Bandnamen SMALLTAPE: Was bedeutet dir dieser Begriff?

»Tja, das ist witzig... Bandnamen... irgendwann einmal aus einer Laune heraus geboren und für immer eine Marke. Ich weiß, dass ich das Bild dieser kleinen Kassette damals beim Debüt „Circles“ ganz cool fand. Das war so mein kleines Projekt, mein persönliches Mixtape, das ich aus eigenen Songs zusammengestellt habe. Ich bin noch die Generation Kassette und der Typ, der weiß, wie man das Problem Bandsalat mit einem Filzstift lösen kann. Auch wenn die Kassette mittlerweile sowas von tot ist, ist sie meine Generation. Eine größere Bedeutung steckt aber nicht dahinter. Im Endeffekt ist SMALLTAPE nur ein Name, den ich schön fand und der schließlich geblieben ist.«

Du lebst in Berlin. Findet man das Lebensgefühl und die Kulturvielfalt der Stadt in deiner Musik wieder?

»Bei SMALLTAPE spürt man die Stadt nicht direkt, weil ich mein Projekt persönlich sehr naturverbunden und erdig ansehe. Berlin, oder generell große Städte, sind aber Orte großer Integration. Es gibt so viele verschiedene Konzerte die man besuchen kann und so viele unterschiedlichen Kulturen. Die Musiker, die ich hier kennengelernt habe, allen voran meine Band, sind total international. Der Saxophonist kommt aus Schweden, der Drummer aus Österreich, der Gitarrist aus Italien und eine Bassistin ist Halb-Belgierin. Ich genieße es, dass Berlin überhaupt keine Grenzen setzt.«

 

 

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