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ELDORADO

Interview mit der Demo-/Eigenproduktionsband 05/15

ELDORADO

ELDORADO sind schon lange nicht mehr grün hinter den Ohren, und trotzdem segelt das spanische Hard-Rock-Flaggschiff noch immer unter eigener Flagge. Das vierte Album „Babylonia Haze“ finanzierte man durch Crowdfunding, statt über ein Label. Aus Überzeugung – wie uns die Band, die jüngst zum „Tipp des Monats“ in Rock Hard Vol. 336 gekürt wurde, im Interview erklärt.

Wie steht es um den spanischen Hard Rock dieser Tage?

Cesar Sanchez: »Ich liebe diese Frage, denn sie erinnert mich an eine kürzlich vorgefallene Anekdote. We waren mit Extreme in Spanien auf Tour – in den großen Clubs in Madrid, Barcelona und Bilbao. Nach dem ersten Konzert in Barcelona kam Nuno [Bettencourt, Extreme-Gitarrist – ln] in unseren Dressingroom und sagte, wir hätten ihn total von den Socken gehauen. Dann stellte er dieselbe Frage. Ihm war klar, dass die großen internationalen Bands immer ein großes Publikum haben, wollte aber wissen, wie es für die lokalen Bands läuft. Ich habe geantwortet, dass Spanien keine Classic- oder Hard-Rock-Tradition hat und die Szene sich erst entwickeln muss. Da musste er lächeln und sagte „Das ist eure Aufgabe, ihr könnt das schaffen!”. Daran arbeiten wir, obwohl es nicht unser Hauptziel ist. Wir denken, dass Musik Leute verbindet, egal wo sie sind – etwas, das wir bei unseren Shows innerhalb und außerhalb der Grenzen Spaniens sehen.«

Apropos Touranekdote: Wie läuft die Tour für das neue Album?

Jesus Trujillo: »Großartig! Gerade sind wir in Deutschland und werden jetzt einen Monat auf Tour verbringen und „Babylonia Haze” in sechs verschiedenen Ländern spielen. Das ist für uns das Beste am Rock 'n' Roll: Reisen und Musik mit Leuten teilen. Wir haben derzeit sieben Shows absolviert und es könnte nicht besser laufen. Die Leute singen die Songs mit und gehen total ab. Gäbe es eine bessere Art als solch eine tolle Energie um in den Rest der Tour zu starten?«

Kommen wir doch direkt mal zum Album, das ihr betourt. Im Promozettel steht, dass die Platte von euren unermüdlichen Touren beeinflusst ist. Wie läuft solch ein Tourtag für euch ab?

Andres Duende: »Zusammen genommen besteht er aus harter Arbeit, langen Trips von Ort zu Ort, dem Installieren der Backline, den Soundchecks und schließlich dem belohnenden Teil: dem Konzert und den Gesprächen mit den Fans hinterher. Um das alles zu schaffen, musst du fit sein. Es erfordert ziemlich viel Energie, die Tage sind lang und wir kriegen wenig Schlaf. Rund um diese Tage hast du allerdings viele magische Momente, tausende von Anekdoten, viele verschiedene Gefühle, die dich überkommen, und wundervolle Dinge, die passieren. Du siehst viele Orte, Länder und tolle Leute. Wir leben unseren Traum mit jedem Arbeitsschritt. Wir fühlen uns geehrt, dass wir in der Lage sind das alles zu tun und das bestimmt unseren Alltag.«

Was inspiriert euch dieser Tage? Manchmal klingt die Platte nach modernen Einflüssen à la Wolfmother, dann wieder schlagen eure 70er-Wurzeln hörbar durch. Woraus baut ihr den Sound, den ihr als „New Vintage Rock” bezeichnet?

Cesar Sanchez: »Wir sind beinharte Musikfans. Ich persönlich liebe es, neue Bands zu entdecken, und versuche mir alles anzuhören, was ich in die Hände kriege. Momentan gibt es einige echt interessante Bands, wie Wolfmother, die dieses beeindruckende Debütalbum rausgebracht haben. Rival Sons haben auch tolle Songs, oder Graveyard, die diesen düsteren Sound haben. Aber auch ähnliche bluesig-psychedelische Bands.

In den 60er und 70er Jahren wurde weniger Musik aufgenommen, die die große Masse erreicht hat. Heutzutage wird wahnsinnig viel Musik aufgenommen aber paradoxerweise erreicht man weniger Leute als damals. Es ist schwierig sich durch diese ganze Musik zu navigieren und die Sachen zu finden, die man mag und ihnen dann auch die Aufmerksamkeit zukommen zu lassen, die sie verdienen.
Darum ist meine Playlist, obwohl ich versuche bei modernen Bands auf dem aktuellen Stand zu bleiben, dominiert von Bands aus den 60er und 70er Jahren.«

Einige Bands sind dazu in der Lage, andere lehnen das Komponieren auf Tour komplett ab. Habt ihr auf Tour auch geschrieben, oder kam es dazu erst im Studio in Madrid gemeinsam mit Richard Chycki [u.a. Aerosmith, Rush – ln]?

Jesus Trujillo: »Ja, wir schreiben immer Musik, die ganze Zeit. Die Songs kommen überall aus dem Nichts – in einem Hotelzimmer, beim Soundcheck, im Studio. Es sind seltsame Träume, Stimmen in deinem Kopf, gelagert in einem Aufzug eines Gebäudes, das in Flammen steht. Die Songs haben die Kontrolle, wir gar keine. Sie nutzen uns.

Der Prozess „Babylonia Haze” zu produzieren war derselbe, mit dem wir auch alle vorherigen Alben aufgenommen haben. Wir setzen verschiedene Ideen zusammen und dann jammen wir, lassen es fließen und versuchen nichts zu erzwingen. Wir bemühen uns ohne vorgefasste Meinung zu spielen und uns von den Ideen leiten zu lassen. Sobald wir 20 oder 30 Songs haben, treffen wir eine Auswahl dessen, was wir für am ertragreichsten halten. Die haben wir dann Richard gegeben und er hat uns seine Vision geschildert. Die ist sehr wichtig, denn er blickt von außen auf den Kompositionsprozess.«

Kommen wir zu der Frage, die Journalisten und vermutlich auch viele Fans am meisten umtreibt: Mit eurem letzten Album habt ihr die spanischen Independent Music Awards gewonnen, euch gibt es schon eine ganze Weile, und doch habt ihr „Babylonia Haze” wieder in Eigenregie veröffentlicht. Woran liegt's? Eine bewusste Entscheidung, weil die Angebote nicht gut genug sind oder hat immer noch kein Label Interesse gezeigt?

Cesar Sanchez: »Auf einem Label zu sein, ist heute keine Voraussetzung mehr um Alben aufzunehmen und deine Musik zu veröffentlichen. In unserem Fall haben wir eine gute Fanbase, die uns hilft.
Bei einem Label zu unterschreiben, ist eine Entscheidung, die man mit Hinblick auf eine langfristige Zusammenarbeit treffen sollte. Bevor wir diesen Schritt angehen, wollen wir ein Zuhause finden, in dem wir uns wohlfühlen und Potential sehen uns zu entwickeln. Solange wir nicht den richtigen Partner dafür finden, bleiben wir lieber unabhängig. Wir hatten einige Angebote dieses Album zu veröffentlichen, aber sie haben nichts auf den Tisch legen können, dass einen echten Unterschied für uns gemacht hätte. Wir haben uns also entschieden es lieber auf unsere Art zu handhaben.
Wir erleben ja die Reaktionen der Leute, die unsere Musik hören – ob auf Platte oder live. Und wir wollen das richtige Label finden, dass uns die beste Abdeckung ermöglicht, denn wir wissen, dass die Reaktion der Leute überwältigend sein wird.«



Ihr habt das Album über Crowdfunding finanziert. Woher kam die Idee, und ist das für euch ein Modell für die Zukunft?

Andres Duende: »Wir werden es damit versuchen, so lange es geht, ja. Crowdfunding war uns eine unentbehrliche Hilfe und hat uns unseren Fans sehr nahe gebracht. Die Leute glauben an dich und bringen sich in deinem Projekt ein, ohne vorher eine einzige Note gehört zu haben. Das ist eine große Verantwortung und du arbeitest deshalb noch viel intensiver an einem Album. Es sorgt auch für eine spezielle Bindung zu unseren Fans. Es fühlt sich mehr denn je an, als wären ELDORADO eine große Familie. Die Idee entstand während des Vorgängeralbums „Antigravity Sound Machine”, das wir auch schon auf die Art finanziert hatten. Abgeschaut hatten wir uns das aus anderen Ländern. In Spanien war es damals nicht üblich und kam etwas überraschend für die Leute. Aber es hat sich gut entwickelt und das hat uns Kraft gegeben. Wir wissen jetzt, dass es viele Leute gibt, die uns vertrauen und die sich mit unserer Musik identifizieren.«

Auf eurer Homepage gebt ihr euch sehr mysteriös bezüglich des Datums und sogar der Uhrzeit der Veröffentlichung eures Albums.

Jesus Trujillo: »Ich treffe nie eine wichtige Entscheidung, ohne die Sterne zu befragen. Jeder Moment hat Einfluss auf die Planeten. Das Datum und die Uhrzeit waren günstig, die Energien passend. Die Planeten sind die großen Götter, die in die Geschicke der Menschheit eingreifen. Ich bin mit dem Bewusstsein aufgewachsen, dass es mehr gibt als das Auge sehen kann. Familienerziehung.«

Stichwort: mysteriöse Kräfte: Woher stammt der Titel „Babylonia Haze”? Er hat nicht zufällig zu tun mit dem intergalaktischen Gras aus dem Online-Rollenspiel „Classic Space Adventures”?

Jesus Trujillo: »Intergalaktisches Gras? Wow, das klingt gut... Darum ging es nicht, obwohl das echt interessant klingt! Eigentlich geht es um Energien und die Negativität um uns. Es geht um die Macht der Zerstörung und des Aufbaus in dieser Zivilisation, die wir Babylonia nennen – ein Begriff, der spanisch und englisch vermischt. Um Nutzen und Ausnutzen von Macht geht es auf dem Album.«

Man kann das Album auf Spotify und Bandcamp hören. Ist das heute eine Lösung für euch, um Geld mit eurer Musik zu genieren? Oder, um es mal präziser zu machen: womit verdient ihr euer Geld? Touren? Nebenjobs?

Cesar Sanchez: »Bandcamp ist vor allem ein toller Onlineshop mit fantastischer Reichweite und hat für uns bisher gut funktioniert. Spotify gibt uns ökonomisch gesprochen nichts relevantes zurück. Aber als Independent-Band hast du dieser Tage keine andere Chance, da einfach viele Leute Musik nur noch über Spotify hören.

Unsere Fans haben sich umfassend daran beteiligt die Albumaufnahmen möglich zu machen. Ein großer Berg aus kleinen Sandkörnern quasi. Wir haben wirklich Glück so loyale und tolle Fans zu haben. Um unsere Rechnungen zu bezahlen, ist das Touren ein wichtiger Baustein – vor allem auch die Merch- und CD-Verkäufe auf Tour. Wir ergänzen das mit anderen Jobs aus Rock-DJ und Musiklehrer.«
 
Warum gibt es zwei Versionen des Albums? Die englische „Babylonia Haze” und die spanische „Karma Generator” mit unterschiedlichem Artwork und teilweise offensichtlich abweichenden Texten. Gehörte das zum Deal bei der Crowdfunding-Kampagne oder dient es dazu eine größere Fanbase in Südamerika aufzubauen?

Cesar Sanchez: »In zwei Sprachen zu veröffentlichen, erhöht die Reichweite der Band enorm, denn wir können dadurch lateinamerikanische Fans in ihrer Muttersprache ebenso erreichen wie den Rest der Welt.«

Andres Duende: »Wir können uns glücklich schätzen, dass wir die Möglichkeit hatten das Album in zwei Sprachen aufzunehmen. Es gibt große Unterschiede zwischen den Texten, sie sind nicht nur Übersetzungen. Sie drücken verschiedene Perspektiven auf das und Bilder des selben Themas aus. In dieser Art verändern sich die Songs und die Alben. Mit Kunst ist es ähnlich. Wir versuchen, die Energie dieser Zwillingsalben visuell einzufangen. Jesus fühlt sich wohl damit, in zwei Sprachen zu singen und zu schreiben. Außerdem ist es definitiv einfacher eine Verbindung zur eigenen Sprache aufzubauen und das spanische Publikum favorisiert ohnehin Songs auf Spanisch.«

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