Online-MegazineInterview

FIBEL

Interview mit der Demo-/Eigenproduktionsband 04/18

FIBEL

Daniel Brühl ist Gitarrist, Sänger, Hauptkomponist und Texter des saarländischen Trios FIBEL, das mit seinem deutschsprachigen Alternative Prog vom Fleck weg nicht nur als professionelle Band überzeugt, sondern auch eine ganze eigene Nische besetzt. Im Interview mit ihm erfahren wir mehr zu ihrem Debüt „Sturm & Strömung“, das in Rock Hard Vol. 371 zum Tipp des Monats unter den Eigenproduktionen gekürt wurde.

Für diejenigen, die es nicht wissen: Ihr seid aus der Prog-Band The Told hervorgegangen und habt recht lange für "Sturm und Strömung" gebraucht. Könntet ihr den Weg bis hierher zusammenfassen?

»Als sich jene Band auflöste, entschlossen Thomas und ich, etwas Neues zu machen. Dazu mussten wir aber erst mal einen Schlagzeuger finden, der nicht nur Bock auf Prog, sondern auch technisch etwas drauf hat. Nach unserer ersten gemeinsamen Probe mit André war alles klar, also machten wir uns gleich ans Schreiben. Die Fertigstellung des Albums dauerte ungefähr drei Jahre. Wir haben uns absichtlich Zeit gelassen, um so lange zu feilen, bis wir wirklich zufrieden waren. Aufgenommen und abgemischt wurde dann im Laufe des letzten Jahres.«

Was hat zu der Entscheidung geführt, die deutsche Sprache zu verwenden, und wie lautete der Vorsatz für Fibels Stil im Verhältnis zu
eurer vorigen Band?

»Es gibt viele deutsche Bands, die sich der englischen Sprache bedienen – vielleicht weil sie glauben, es müsse einfach so sein, aber solche Tendenzen sind ein gutes Zeichen dafür, besser das Gegenteil zu tun. Davon abgesehen stelle ich mir die Bedingung, mit einem Lied etwas auszusagen, und bin davon überzeugt, dass sich die Muttersprache dafür am besten eignet. Ansonsten nahmen wir uns eigentlich nur vor, dass die Musik progressiv werden sollte, aber reduziert aufs Wesentliche in einer Dreierbesetzung.«

Macht man sich beim Texten in der eigenen Muttersprache doppelt so viele Gedanken wie im Falle von englischen Texten?

»Zumindest sollte man das, denn es gibt kein Netz und keinen doppelten Boden. Man braucht nicht zu hoffen, dass der Hörer gelassen über dieses oder jenes hinwegsieht, so wie es bei fremdsprachlichen Songtexten sicherlich häufiger der Fall ist. Ich sehe das allerdings positiv, weil man nämlich nicht so leicht davon kommt.«

Rührt der Bandname FIBEL von dem Umstand her, dass ihr das Deutsche benutzt? Ich denke an Grundschul-Lesefibeln, also quasi den Ursprung der eigenen Fähigkeit, sich sprachlich auszudrücken.

»Es gibt Fibeln für alles Mögliche. Ihre Funktion als Nachschlagewerk ist jedoch stets die gleiche. Ganz generell handelt es sich um Ideenquellen, die zumindest Denkanstöße geben. Mehr soll es aber auch gar nicht sein.«

Zieht sich ein thematischer roter Faden durch die Songs des Albums? Warum der Titel „Sturm & Strömung“?

»Es gibt wiederkehrende und sich weiterentwickelnde Motive, auch in den Texten, also ja: Wir haben einen roten Faden eingewoben, der sich mal mehr, mal weniger offensichtlich durch alle Nummern zieht, um dann im Titelsong zu enden. Der war das letzte Stück, das wir geschrieben haben.«

'Klügelei' setzt sich mit Nachdenklichkeit und Trugschlüssen auseinander, denen der Mensch oft auf den Leim geht.

»Das ist die eine Seite der Medaille. Auf der anderen stehen die Folgen von ergebnislosem Nachdenken. Der Mensch sucht bekanntlich gerne nach irgendeinem Sinn. Allerdings vergisst er dabei genauso gerne, dass sich hinter manchem schlicht nichts weiter verbirgt. Dennoch ergibt sich aus jeder Antwort, jedem Darum, wieder eine Frage, ein Warum. Bevor man sich versieht, ist man gefangen in einer niemals enden wollenden Kette aus Fragen, auf die es keine Antwort gibt. In dem Zustand ist man anfällig für Hirngespinste sämtlicher Couleur, dumme bis düstere Gedanken, die nur darauf warten, den Geist einzunehmen.«

'Narrenschau' lässt gesellschaftskritische Untertöne anklingen und greift auch wieder den Begriff „Klügelei“ auf.

»Die Kritik ist nicht unbedingt gegen eine bestimmte Gruppe von Menschen gerichtet, obwohl es sicherlich genügend passende gäbe. Wir sollten uns alle angesprochen fühlen und fragen, inwiefern wir ihr denn standhalten. Auf der Welt wimmelt es vor Nachahmern und Mitläufern, die bloß Vorgekautes wiedergeben und verworrene „Klügelei“ für Lebensweisheiten halten. „Aber nicht mit mir!“ wird deklariert, gefolgt von der Behauptung, man sei ein Nonkonformist, würde nicht mit dem Strom schwimmen, von wegen Freigeist und Unabhängigkeit. Solchen Typen sollte man selbst nicht auch noch hinterherlaufen.«

Warum ist der Song zweigeteilt?

»Im Laufe seiner Entwicklung kamen viele verschiedene Riffs zustande und der Song drohte, ein wenig unförmig zu werden. Thomas hatte dann die Idee, besser zwei Lieder daraus zu machen. Dadurch bot sich die Möglichkeit, erst im zweiten Teil die eigentliche Kritik zu formulieren und den ersten Teil relativ unberührt zu erhalten.«

Der Text von 'Moment' klingt für mich sehr nach Weltflucht und Selbstbetrug, macht aber wie die Musik selbst ebenfalls eine merkliche Entwicklung durch; worauf wollt ihr damit hinaus?

»Wenn man der Welt entflohen ist, findet man nur schwer wieder auf den Boden der Tatsachen zurück. Man ist abgehoben und hat sich von anderen Menschen entfremdet. Die Traumwelt, die man sich schafft, ist besser als die wirkliche, die gleichwohl hin und wieder anklopft. Das Leben lässig an sich vorbeiziehen zu lassen ist Selbstbetrug; man geht besser mal zur Tür und öffnet.«

Das kurze 'Defibrillator' ist ein recht verspieltes Instrumental; inwieweit legt ihr Wert darauf, dass eure Musik virtuos angelegt ist?

»Ich würde unsere Musik nicht virtuos nennen, da gibt es weitaus spektakulärere Kaliber. Wir spielen aber gern komplexere Melodien, verbunden mit etwas ungewöhnlicheren Rhythmen bzw. ungeraden Takten, was ja auch einen Teil von progressiver Musik ausmacht.«

Zum Titelsong; wie geht ihr beim Komponieren eines zehnminütigen Stückes vor? War das Ding von vornherein solange geplant? Inwiefern bringt es die Kernaussage des Albums auf den Punkt, falls es eine gibt?

»Wir planen für einen Song nicht notwendigerweise irgendeine Länge ein. Man hat im Voraus vielleicht grundsätzliche Vorstellungen davon, was alles hineingehört, aber der zeitliche Faktor ist eher nebensächlich. Viel wichtiger ist, dass alles zusammenpasst. Wir mussten auch berücksichtigen, dass 'Sturm & Strömung' seine Funktionen als Titelsong erfüllen sollte. Es fasst das Album in gewisser Weise zusammen. Im instrumentalen Mittelteil verschmelzen etwa verschiedene Melodien und Riffs aus allen Liedern. So etwas gehört dann zu den Dingen, die man vorher einplant und mit einem gewissen Maß an Bastelarbeit verbindet. Das Stück diente zudem als letztes Puzzlestück, mit dem sich das Gesamtbild vervollständigen ließ. Vor dem Hintergrund der unterschiedlichen Motive des Albums – also übermäßiger Nachdenklichkeit, daraus folgenden Trugschlüssen, Weltflucht und der Gefahr, in der Vergangenheit zu versinken – richtet man den Blick vielleicht etwas positiver nach vorn.«

Mit welchen Schwierigkeiten kämpft man als Band mit einem Nischensound, wenn man auf breiterer Ebene wahrgenommen werden will?

»Einen Nischensound massentauglich zu machen würde bedeuten, das Ganze soweit zu verdünnen, dass es viele Geschmäcker trifft. Dadurch wäre es aber kein Nischensound mehr. Glücklicherweise ist die Lage aber nur selten tatsächlich so düster, wie man sie sich ausmalt. Es gibt genügend Menschen, die Musik aus irgendeiner Nische genießen, und das sogar freiwillig. Das sind natürlich vergleichsweise wenige, können aber für Nischenverhältnisse trotzdem viele sein. Ungeachtet dessen steht ein Ziel über allen anderen: Man muss die Musik machen, die man gerne spielt. Die Hoffnung, dass es jemand anderem gefällt, kommt danach. Was den Zusammenhang zur saarländische Musikszene anbelangt, muss ich widersprechen. Das Saarland ist vielleicht nicht gerade als sprudelnder Musikquell bekannt und klein; entsprechend klein ist auch seine Musikszene, aber das soll kein Vorwurf sein. Wir selbst erleben speziell die Rock- und Metal-Szene als quicklebendig. Sie ist sicherlich etwas intimer, deswegen jedoch auch freundschaftlicher. Man kennt sich und spielt öfters zusammen. Der entscheidende Punkt ist, dass dabei oft mehrere Richtungen zusammenkommen, und das kann gerade für Bands mit Nischensound nichts Schlechtes sein.«

Haben sich Fibel schon bei Plattenfirmen beworben? Ist es überhaupt euer Ziel, in dieser Hinsicht „professionell“ zu werden?

»Nein, bisher haben wir das nicht wirklich in Erwägung gezogen, was selbstverständlich nicht heißen soll, dass wir die Zusammenarbeit mit einem Label völlig ausschließen.«

Welche Erfahrungen habt ihr als „Laien“ in puncto Musikbusiness mit den Verbreitungsmöglichkeiten eurer Arbeit bisher gemacht? Immerhin seid ihr auf diversen Streaming-Plattformen und den Social-Media-Kanälen präsent …

»Heutzutage ist es sicherlich ein gutes Stück leichter als früher. Auf den besagten Plattformen lässt sich Musik mit vergleichbar wenig Aufwand veröffentlichen, und das sogar weltweit. Der ganze Produktions- und Verbreitungsapparat vergangener Tage ist nicht mehr unbedingt dazwischengeschaltet bzw. auf ein Minimum geschrumpft. Social Media hat neben allem Negativen den Vorteil, dass man die Leute direkt erreichen kann. Das alles ermöglicht, unser Album als kostenlosen Download anzubieten. Auch wenn das nicht unbedingt den Gepflogenheiten des Musikbusiness entspricht, halten wir es für wichtig, unsere Musik so vielen Leuten wie möglich zugänglich machen.«

Die offensichtliche letzte Dreierfrage: Was steht als nächstes an, welche Ziele habt ihr langfristig, und wohin möchten sich FIBEL entwickeln?

»Spielen, spielen, spielen. Wir wollen auf die Bühne, auf sämtliche Bühnen, und unsere Musik in die Welt tragen. Das ist das Ziel auf kurze und lange Sicht. Zur Frage, wie sich FIBEL entwickeln will, lässt sich sagen, dass wir einfach weitermachen, und deswegen steht auch schon Album Nummer zwei an. Wer weiß? In drei, vier kurzen Jährchen könnte es ja bereits fertig sein …«

www.facebook.com/fibel.band

 

 
 

Diese Seite verwendet Cookies. Erfahrt in unserer Datenschutzerklärung mehr darüber, wie wir Cookies einsetzen und wie Ihr Eure Einstellungen ändern und Cookies deaktivieren könnt. Darüber hinaus verwenden wir Cookies Dritter für die Einbindung audiovisueller Inhalte durch Youtube, Spotify und Soundcloud. Dem könnt ihr hier zustimmen oder dies ablehnen. Datenschutzerklärung ansehen