Online-MegazineInterview

BANNKREIS

Impressionismus pur

BANNKREIS

"Ich habe alles schon erlebt, ich bin abgebrüht", sagt Subway To Sally-Frontmann Eric Fish über sich selbst. Doch auch für einen alten Hasen kann eine einzige Begegnung noch einmal alles verändern. Nachdem er 2012 die junge Sängerin Johanna Krins kennenlernt, entsteht nur kurz darauf BANNKREIS. Erics STS-Kollegen Bodenski, Ingo Hampf und Simon Michael Schmitt komplettieren die frische Band, die ihre Musik selbst als "Epic Folk Rock" bezeichnet und sofort für große Festivals wie das Summer Breeze oder Wacken gebucht wird. In einem gemütlichen Café inmitten des hektischen Alltags in Bayerns Landeshauptstadt München treffen wir das Frontduo Johanna Krins und Eric Fish. Die beiden gewähren uns eine umfangreiche Einführung in ihren vom Irish Folk geprägten Kosmos, in dem Melancholie eine ebenso große Rolle spielt, wie der Maler Caspar David Friedrich.

Eric, was ist das für ein Gefühl, das erste Album deiner neuen Band in den Händen zu halten?

Eric: »Ich bin ein sehr emotionaler Mensch, für mich ist das immer wie die Geburt eines Kindes. Es ist eine überschäumende Freude, denn alles, was man die letzten drei Jahre erdacht und erarbeitet hat, ist jetzt in dieses kleine Quadrat gebannt. Das ist etwas Großartiges und ich bin dem Schicksal wirklich dankbar dafür, dass mir diese Möglichkeit immer wieder gegeben wird. Im Fall von BANNKREIS ist es nochmal emotionaler. Wir haben das aus einer Situation heraus begonnen, in der keine Not bestand, irgendetwas Neues aus dem Boden stampfen zu müssen. Ich bin aber eben auch schicksalsgläubig und schicksalshörig, kann also sagen, dass ich Begegnungen, die einfach so passieren und auf etwas hinzuweisen scheinen, auch als Ausrufezeichen und Richtungspfeil nehme. So einen Moment hatte ich, als ich Johanna getroffen habe. Alles, was daraus geworden ist, macht mich unglaublich stolz. Ich bin jetzt schon maximal happy, mit diesem kleinen Quadrat namens "Sakrament".«

Fangen wir am Anfang an: Wie habt ihr euch kennengelernt und wie ist daraus schließlich BANNKREIS entstanden?

Johanna: »Soll ich?«

Eric: »Du kannst machen, ja.«

Johanna: »Wir haben uns über Erics Soloprojekt kennengelernt. Er bringt ja zwischen seinen regulären Platten CDs raus, die von bestimmten Musikrichtungen inspiriert sind. Das war eine Tour zu speziell irischer Musik. An diesem Abend habe ich zum ersten Mal den Song 'Paddy's Lamentation' gehört, das ist ein irisches Traditional. In dem Moment ist irgendetwas mit mir passiert. Der Song ist die Grundlage für 'Lebewohl', die deutsche Adaption. Er hat uns gezeigt, dass unsere Stimmen zusammen etwas auslösen. Er war ausschlaggebend für das komplette Projekt.«

Eric: »Du hast ganz schön viel weggelassen jetzt. Das ergänze ich einfach mal: Nach der ersten Begegnung an diesem Abend hat sie mich einfach angequatscht. Oder ich sie, ich weiß es nicht mehr. Ab da haben sich unsere Wege auch immer wieder gekreuzt. Wir haben gerade auf Grundlage dieses Liedes relativ oft zusammen auf der Bühne gestanden und diese Magie gespürt. Daraus erwuchs dann aus einer... ich nenne es immer gerne "Null-kreativ-Phase" von mir quasi eine Rettungsaktion für mich selbst. Wenn ich mich gerade nicht in der Lage fühle, ein Lied zu schreiben, dann bin ich nicht zufrieden. Dann verbringe ich den Tag mit anderen Dingen, mache aber nicht, zu was ich mich eigentlich berufen fühle. In so einer Phase habe ich ganz pragmatisch damit begonnen, American-Folk-Songs zu schreiben. Diese Lieder habe ich eigentlich für Johanna komponiert. Am Ende waren zwölf Stücke fertig und ich bin damit einfach losgelaufen, zu Plattenfirmen, und hab gesagt: 'Hier, das ist der neue Shit!' Am Ende war Universal, beziehungsweise Airforce1, die Firma, die am meisten Enthusiasmus gezeigt hat und gleichzeitig so engagiert war, dass damit auch eine Vision verbunden war. Nämlich: Diesen Kernsong, 'Paddy's Lamentation', auf Deutsch zu machen. Infolgedessen haben wir die Entscheidung getroffen, erstens das komplette Projekt auf deutsche Beine zu stellen und zweitens nicht mit einer zusammengecasteten Band zu arbeiten, sondern mit Musikern, die ich persönlich sehr gut kenne und die diesem Projekt ein absolut festes Fundament geben können. Es wird sich jeder vorstellen können, dass das keine einfache Entscheidung war, wieder Leute ins Boot zu holen, mit denen man schon 25 Jahre zusammengearbeitet hat. Ich habe darüber lange nachgedacht, auch zusammen mit Johanna. Jetzt, drei Jahre später und mit der ersten Platte vor mir, muss ich einfach sagen, es war die richtige Entscheidung! Du hast plötzlich wieder die Möglichkeit, alle Potenziale zu nutzen, ohne in diesem selbstgeschaffenen Klischeeschatten von Subway To Sally arbeiten zu müssen. Trotzdem: Subway, und das möchte ich betonen, wird nicht darunter leiden!«

Den ersten gemeinsamen Auftritt von BANNKREIS habt ihr vor zweihundert geladenen Gästen in Berlin gefeiert. Was war das für ein Gefühl?

Eric: »Der Moment, das erste Mal da zu stehen und das Wirklichkeit werden zu lassen, was wir aufgenommen haben... Das hat so viel Spaß gemacht, offensichtlich auch den Leuten. Das waren alles geladene Gäste, Familie und Journalisten, die auch nicht im Verdacht stehen, Klatschvolk zu sein. Sie haben gejubelt und da haben wir gespürt, dass es funktioniert. Ich bin auch so stolz auf Johanna... ich bin ein alter Hase, ich habe alles schon erlebt, ich bin abgebrüht. Das kann man aber von ihr nicht behaupten.«

Johanna: »Das sagt er jetzt, um zu vertuschen, dass er auch aufgeregt war. (lacht)«

Eric: »Ich war aufgeregt!«

Johanna: »Ja, das waren wir wirklich alle, aber im positiven Sinn. Ich bin auch sehr erleichtert, weil unsere Spielfreude die Menge offenbar angesteckt hat.«

Eric: »Soll ich dir mal was sagen? Über Emotionen, unsere Emotionen, haben wir gesprochen. Dass wir beide oft sogar ein bisschen überemotionalisiert sind. Aber das ist für Frontleute ganz in Ordnung, finde ich. An diesem Tag habe ich aber noch in ganz anderen Augen Tränen gesehen und das war ziemlich cool. Dass auch die ganz abgebrühten Mitglieder dieser Band bewegt waren.«

Im Sommer spielt ihr in Wacken. Ein steiler Aufstieg, würde ich sagen.

Eric: »Das ist natürlich ein riesiger Vertrauensvorschuss. Mir fällt keine Band ein, die es noch gar nicht gibt und die schon für Summer Breeze, Wacken, etc. gebucht worden ist. Dazwischen spielen wir noch solche Sachen wie das Fest an der Jade in Wilhelmshaven und die Kieler Woche. Da müssen wir schon abliefern und zwar auf ganz verschiedene Art und Weise. Ich habe da jetzt schon so viel Bock darauf, ich kann kaum noch still sitzen. Zuerst die Platte rausbringen, dann Festivals spielen und im Oktober gehen wir auf Tour. Und zwar in exklusive Locations, in Theater und in Kirchen. Wir werden das ausverkaufen, das kann ich dir jetzt schon sagen.«

Von der "Geschichte alter Musik" und der "fast in Vergessenheit geratenen Kunst der Lyrik" ist im Presseschreiben die Rede. Was bedeuten euch diese Geschichten und warum erzählt ihr sie?

Johanna: »Bodenski kann das einfach, er hat einen sehr eigenen prägnanten Stil und ist verantwortlich für diesen lyrischen Charakter in unserer Musik. Er schreibt Texte, die Geschichten erzählen, auf unterschiedlichsten Ebenen. Da ist dunkle Romantik drin, aber meinetwegen auch an der ein oder anderen Stelle Gesellschaftskritik. Dann aber sehr vielschichtig verpackt.«

Eric: »Ich male inzwischen sehr gerne. Viele fragen mich, wie ich das auch noch schaffe, aber das ist einfach ein wunderbarer Ausgleich. Bei dieser Gelegenheit bin ich beim Malen auf einen Vergleich gekommen, der es ziemlich gut trifft, wie ich finde: Rammstein ist Kubismus. Kandinsky, vielleicht auch Gerhard Richter. Im Vergleich dazu sind BANNKREIS Caspar David Friedrich. Impressionismus pur! In die Welt schauen, dem Regen und dem Wind lauschen können, daraus Melodien und Geschichten weben und genau so abbilden. Stell dir einfach vor, du stehst vor einem Bild von Gerhard Richter oder Caspar David Friedrich. Das sind zwei völlig verschiedene Herangehensweisen, etwas mitzuteilen. Wir sind Caspar David Friedrich.«

Wart ihr alle zusammen am Songwriting beteiligt?

Eric: »Mehr oder weniger. Es gibt ganz verschiedene Herangehensweisen. Da sind Songs dabei, die auf die berühmte beste Art entstanden sind, wozu zum Beispiel 'Sakrament' zählt. Der Titel, der der Platte auch ihren Namen gab und den Ingo in einem Moment der Ruhe und der Stille kreiiert hat. Er erzählt immer wieder gerne, dass er in einer sternenklaren Nacht im Freien stand und in den Himmel schaute. Tausend Sterne sind bei dir, du bist nicht allein. Und er schreibt die Musik dazu. So etwas ist ein Geschenk. Das fliegt dir zu und dann ist es da. Andere Songs sind erarbeitet, auch viel in Gemeinschaftsarbeit. Wieder andere sind sogar von einer anderen Instanz noch initialisiert worden. Wir haben dafür mit einem Thinktank in Flensburg zusammengearbeitet, das Elephant Studio. Dort haben wir auch mit denen zusammen Songs kreiiert, die dann, das kann man ruhig so sagen, ein bisschen mehr deren Handschrift tragen. Dieser neue Input tat zumindest uns alten Hasen ziemlich gut. Aber das Rock Hard steht auf Geschichten! Erzähl mal die, wie einer der besten Songs auf dem Album entstanden ist.«

Johanna: »Welchen meinst du? Doch ich weiß es, du meinst...«

Eric: »Psst, nicht sagen! Den Titel darfst du nicht sagen, aber wie der entstanden ist, schon.«

Johanna: »Ich weiß doch nicht, welchen du meinst!«

Eric: »Ach was! Du weißt genau, was ich meine. Wir schreiben jetzt mal einen richtig beschissenen Kacksong!«

Johanna: »Ah, genau! Also es war so: Gegen Ende der Songwriting-Session hatten wir an einem Abend schon ein paar Bierchen drin und dachten uns: 'Was machen wir mit dem angebrochenen Abend? Ach, jetzt ist es auch schon egal, schreiben wir doch mal einen richtigen Scheißsong, einen richtigen Billigsong' (kollektives Gelächter). Daraufhin hatte Simon Michael diese Idee mit der Hookline und Bodenski stand am Mikro und hat irgendwie den Text eingesungen. Ich hab ihn dann weggeschubst und selbst weitergesungen, weil es nicht mehr zu ertragen war (lacht). Irgendwann kam unser Produzent rein und sagte: 'Hey, das ist doch irgendwie geil. Da muss noch so ein Didgeridoo-artiger Gesang dazu.' Dann wurde noch am Text rumgebastelt und schließlich gemeinschaftlich entschieden, dass das doch irgendwie ein Song ist, der auch zu Santiano passt. Ist doch eigentlich eine Santiano-Nummer, da könnte man was zusammen machen.«

Eric: » Tja, nun weiß jeder, welcher Song gemeint ist, (den Song 'Doch ich weiß es' haben BANNKREIS zusammen mit den befreundeten Santiano eingespielt, sb) der wäre fast eine Single geworden, ja! (lacht) So kann's auch gehen. Aber das sei allen Jungmusikern in's Stammbuch geschrieben: Vier Bier sind keine Grundbedingung für die Tatsache, dass man einen guten Song abliefert. Im Gegenteil. Aber das hier war in dem Moment ein Glücksfall.«

Na, Spaß hattet ihr offensichtlich. Trotzdem habe ich das Gefühl, dass "Sakrament" von einer gewissen Melancholie umweht wird.

Eric: »Da haben wir es wieder, Caspar David Friedrich. Das sind wir Deutschen, das ist, was wir sein wollen. Vielleicht ein neues Sprachrohr oder eine neue musikalische Bewusstseinsfindung unserer Kultur. Man ist heutzutage ja schon rechts, wenn man nur "Deutsch" sagt. Das darf nicht sein, wir haben keine verdammte Zeit zu verlieren, unsere Sprache und unsere Geschichte zu retten.«

Johanna: »Wir haben ja auch genug zu sagen. Es gibt genügend Musiker, die über alltägliche 08/15-Themen singen oder schreiben, und das gar nicht mal so gut (lacht).«

Eric: »Wir sind beide Menschen, die sich weigern würden, Scheiße zu singen. Wenn wir sagen, dass wir emotional sind, dann sind wir vor allem aber auch in der Lage, melancholisch zu sein. Es gibt nicht DIE überlieferte Volksmusik in unserem Land. Die gibt es in Frankreich, in Irland, in Skandinavien, in Polen, in Tschechien. Warum? Weil sich alle Kriege in diesen letzten sechs Jahrhunderten bei uns abgespielt haben. Weil wir immer einen Grund hatten, melancholisch zu sein. Natürlich tragen wir auch Schuld, das will ich überhaupt nicht herunterspielen. Aber mir geht es eher darum, wo die authentische Musik dieses Volkes ist. Wo ist sie? Es gibt sie eigentlich nicht. Gibt es noch ein paar überlieferte Lieder aus dem 30-jährigen Krieg? Wenn die nicht melancholisch sind, dann weiß ich nicht, was Melancholie ist. Da geht es immer um Schlaflieder, die dem Kind vorgesungen werden, wo davon die Rede ist, dass der Vater tot ist. Das ist deutsche Musikkultur. Das steckt in unseren Genen, in unseren Knochen.«

Ihr habt BANNKREIS nach dem gleichnamigen STS-Album aus dem Jahr 1997 benannt. Warum ausgerechnet dieser Name?

Eric: »Ich finde, das soll die Johanna beantworten.«

Johanna: »Kurz und prägnant: Das ist einfach ein starkes Wort... Es ist eigentlich gar nicht so toll, dass ich das jetzt beantworte, weil ihr habt ja das Album geschrieben und ihm diesen Namen gegeben. Ihr wart damals überzeugt von diesem Wort und heute eben auch. Es sind verschiedene Namen und Ideen in den Ring geworfen worden, darunter auch von STS-Alben. Einfach unter dem Aspekt, dass man doch augenzwinkernderweise ein bisschen die Brücke zu Subway To Sally und auch zur Vorgeschichte der neuen Band schlagen könnte. "Bannkreis" war einfach das Wort, das am meisten ausgelöst hat und sehr vielschichtig gedeutet werden kann. Im Endeffekt sind wir einfach ein Kreis aus Musikern, die andere in ihren Bann ziehen wollen.«

Eric: (Applaudiert) »Perfekt, genau so aufschreiben! (lacht)«

 
 

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