Online-MegazineInterview

JÖRG LITGES

„Ich will das Licht und die Dunkelheit in Allianz miteinander bringen.“

Jörg Litges

Interview mit Jörg Litges (vom 23.1.2015)

Am 26. Februar verstarb überraschend der weit über den Ruhrpott hinaus bekannte Metal-Fotograf Jörg Litges kurz vor seinem 50. Geburtstag. Der Tod seiner Mutter und gesundheitliche Probleme setzten ihm in den letzten Monaten immer mehr zu. Er war eines der Ruhrpott-Metal-Originale, nun knipst, rockt und trinkt er in höheren Sphären.

Stundenlange Diskussionen über Metal (O-Ton Jörg: „Der neue Maiden-Sänger ist kacke." - „Neuer Sänger?" - „Ja, dieser Dickinson.") waren mit ihm Programm. Für Lesungen organisierte er spontan ganze und halbe Bands wie Kreator, Darkness und die Knappen als Gäste. Wir kannten niemanden, Jörg kannte sie alle und er musste nur fragen, dann waren sie dabei. Das letzte Mal, dass wir ihn sahen, war bei unserem Interview im Café Nord in Essen für ein Buchprojekt. Wir verabschieden uns von einem beliebten und geschätzten Szene-Original, das bei aller Professionalität vor allem eines war: ein menschlicher und liebenswerter Typ.

Jörg, du wohnst schon dein ganzes Leben lang in Essen. Wie bist du in die Metal-Szene gekommen?  

»Ja, hier geboren, hier gemacht, nicht mehr weggekommen. In die Metal-Szene bin ich mehr oder weniger durch "Dynasty" von Kiss reingerutscht. 'I Was Made for Lovin’ You' kannte natürlich jeder und jeder kaufte die Single, aber ich sogar das ganze Album (lacht). Und dann fuhr ich zur Show nach Düsseldorf - mit Papa zusammen, der wollte mich nicht alleine gehen lassen. Kiss hatten eine kleine Vorband aus England dabei, die kannte keiner, nämlich Iron Maiden mit Paul Di‘Anno. Das war der Tag, da ist es bei mir passiert. Jetzt war Heavy Metal mein Leben. Aber als ich in der Ausbildung war, fehlte die Kohle und man musste gucken, wo man bleibt. Schön mit Bierchen im Bus ging es z.B. ins Old Amerika in Essen, so lernten sich Metaller kennen. Auch Leute wie Mille von Kreator, die damals noch nicht so bekannt waren. Meiner Meinung nach hat die deutsche Heavy-Szene erst aus dem Ruhrpott ihren Schub bekommen.«

Du betreibst erfolgreich deinen Foto-Blog „Laut und in Farbe“.

»Seit ungefähr fünf Jahren bin ich mit der Seite unterwegs, mache aber seit Anfang der 2000er Konzertfotos - vom Schlagermetal bis zu extremen Sachen habe ich keine Berührungsängste. Bei mir ergab sich alles im Rahmen der digitalen Fotografie, als Onliner bekam man plötzlich eine Akkreditierung. Inzwischen sprechen mich auch Bands an und ich helfe ihnen gerne. Es ist ein tolles Gefühl, dass www.lautundinfarbe.de so bekannt ist, und bringt mir Aufträge bei Napalm Records, für Booklets, das Rock Hard, den Metal Hammer und Online-Magazine ein. Auf dem Rock Hard Festival z.B. fotografiere ich immer sehr gerne, Dynamo war ebenfalls ein Highlight. Und was das Nord mit seinem Open Air aufbaut, ist schon ganz groß.«

Durch deine Fotos bekommst du einen kleinen Einblick hinter die Kulissen des Musikbusiness. Wie hat sich deine Wahrnehmung dadurch verändert?

»Wenn du das erste Mal Backstage kommst, denkst du: "Boah, so ist das hier". Doch eigentlich sitzen die Jungs da, trinken ihr Bier, essen ihr Abendbrot und gehen anschließend auf die Bühne. Es hört sich blöd an, aber sie machen nur ihre Jobs. Bei dem Tour-Pensum, das einige Bands hinlegen, müssen sie ganz schön professionell sein. Ich bin oft Backstage, muss aber alle enttäuschen: Drogenexzesse und Stripperinnen habe ich noch nicht gesehen (lacht).«

Es gab Zeiten, da hat man dich drei, vier Mal die Woche auf einem Konzert gesehen. Ist das die pure Begeisterung?

»Bei mir ist es wirklich die Begeisterung, wenn ich drei, vier Tage keinen Metal habe, werde ich nervös. Nur wenn es gesundheitlich nicht so gut geht, müssen Abstriche gemacht werden. Grundsätzlich hole ich mir aus den Shows jede Menge Kraft.«

Lass uns mal konkret zur Fotografen-Szene im Ruhrgebiet kommen. In den Achtzigern war es so, dass es einige wenige Konzertveranstalter gab, ein paar Magazine wie das Rock Hard gründeten sich ebenso wie z.B. das Plattenlabel Century Media aus Dortmund, ansonsten haben die Fans ganz viel selbst organisiert und die Szene zusammengebracht. Heute ist es bemerkenswert, wie die Fotografen im Ruhrgebiet ein solches Netzwerk aufgebaut haben. Wie kommt man als junger Fotograf dort hinein?

»In analogen Zeiten gab es keine Chance, bei den Printmedien unterzukommen, erst durch das Internet kam die Möglichkeit für uns. Heute mache ich am PC alles selber, arbeite mit Lightroom, kann flexibel reagieren und stelle die ersten Bilder nachts online. Du musst dich aber immer durch Qualität auszeichnen. Als gelernter Fotograf bekommst du ohnehin Magenschmerzen, wenn du um deine Akkreditierung gekämpft hast, eine Ausrüstung für zwei-, dreitausend Euro mitschleppst und dann steht einer mit einem Handy im Fotograben. Du musst dich mit deiner Kamera intensiv auseinandersetzen. Jeder sollte ein Grundwissen mitbringen und nicht alles auf Automatik stellen. Wenn ich junge Fotografen sehe, die mit ihrer Kamera gar nicht klar kommen, ist das interessant. Und dann fragt dich einer von ihnen: "Hör mal, was mache ich falsch"? Dann sage ich: "Grundsätzlich erst mal alles..." (lacht). Jedem Nachwuchsknipser rate ich: Geh auf so viele Konzerte, wie du kannst, probiere aus, finde den Fehler und versuche, daraus zu lernen. Ich bin jemand, der den ganzen Abend vor einem Foto sitzt und denkt: Ach Mensch, du hättest so schön sein können. Mit meinen Fotos will ich das Licht und die Dunkelheit in Allianz miteinander bringen.«