Online-MegazineInterview

CODE ORANGE

Hungriger Panther ohne Regeln

CODE ORANGE

Gerade noch haben CODE ORANGE mit ihrem Hardcore-Metal-Potpourri in der Hamburger Barclaycard Arena viele der wartenden System-Of-A-Down-Fans begeistert, einige andere sichtlich irritiert. Kein Wunder: ihr aktuelles, drittes Album „Forever“ strotzt vor Eigenwillen und Experimentierfreude. Während nun der Headliner seine Fans in nostalgische Sphären bringt, gibt CODE ORANGE-Sänger und Schlagzeuger Jami Morgan Einblick ins Konzept der ambitionierten Truppe.

Jami, eure Show ist wirklich energisch. Selbst auf einer großen Arena-Bühne kommt rüber, dass ihr mit Leidenschaft dabei seid.


»Danke. Wir haben alle sehr viel Energie und versuchen, den Raum auf der Bühne auszufüllen. Es ist doch so: Bei ihnen (bewegt den Kopf Richtung Tür, hinter der gerade ca. 15.000 Leute lauthals bei System Of A Down mitsingen) kennt das Publikum einfach alle Songs. Wir hingegen fangen jedes Mal von neuem an.«

In den vergangenen Monaten habt ihr auch mit anderen großen Bands wie Gojira, Deftones, Anthrax und Killswitch Engage gespielt. Habt ihr eine Traumband, mit der ihr gern mal die Bühne teilen würdet?

»Ja, ich würde gern mal für Nine Inch Nails eröffnen. Das ist eine meiner Lieblingsbands. Wir haben bereits mit vielen unserer Lieblingsbands aus dem Hardcore-Bereich gespielt. Ich hätte es auch in Zukunft gern so gemischt: Support für größere Bands, eigene Gigs, Hardcore-Shows und Festivals. Ich glaube, unser Ziel ist, so vielseitig zu sein, dass wir unsere Songs in jeder Situation spielen können.«

Eure Vielfältigkeit hat auch die Kritiker überrascht. Denn euer neues Album „Forever“ passt nicht in den Rahmen, den viele erwartet haben – gerade nach eurem Wechsel vom Hardcore-Label Deathwish Inc. zu Roadrunner Records.

»Ich glaube, es gibt einfach keinen Rahmen für uns. Wir mögen so etwas nicht, wir hören keine Musik, die nach diesem Schema entsteht, und würden niemals ein Album so verwässern. Wir machen einfach unser eigenes Ding: Gesangsparts und verrückten Kram hatten wir immer schon, seit unseren Demos. Um bei dem, was wir spielen wollen oder wie weit wir es treiben, setzen wir uns einfach keine Grenzen. Es muss uns einfach alle total anfixen.«

„Keine Regeln“ ist ja auch euer Motto.

»Es ist eine einfache Art, Leuten von Anfang an klar zu machen, um was es einem geht. Das Mantra stand auf der Innenseite unseres letzten Albums. Es bedeutet, dass es für uns keinen Standard gibt, wie wir arbeiten oder welche Songs wir machen.«

Wie ist es dazu gekommen, dass euer neues Album ein noch breiteres musikalisches Spektrum hat und zum Beispiel Industrial- oder elektronische Elemente auffährt?

»Im Grunde hatten wir schon Baby-Versionen davon in alten Songs. Aber wir werden immer besser und lernen, unsere Nische zu finden. Ich möchte, dass die Leute irgendwann sagen: „Das klingt nach CODE ORANGE.“ Vom Gefühl her eifern viele Bands einfach nur anderen nach. Auch wir haben viele Einflüsse. Aber wir versuchen, diese nicht zu kopieren, sondern ein bisschen von hier, ein bisschen von dort zu nehmen und daraus unseren Sound zu machen. Und natürlich sind wir auch von Heavy-Bands beeinflusst, die unterschiedliche Elemente verwenden, wie Godflesh oder Fear Factory.«

Eure Alben, Videos und Shows wirken sehr rund. Habt ihr beim Songwriting schon dieses Gesamtkonzept im Hinterkopf?

»Absolut! Wir haben noch nie individuell einen Song nur für sich geschrieben, sondern immer das Konzept für ein ganzes Album im Kopf. Und dann setzen wir all die Puzzleteile zusammen, sodass es am Ende kompakt ist und sich wie ein Fluss anfühlt.«

Man merkt es auch in eurer Setlist – eure Show war wie aus einem Guss.

»Besonders, wenn man für ein Publikum spielt, das einen nicht kennt, oder das es nicht groß kratzt, dass du gerade da oben bist: Dann muss man einfach mit dem ganzen Paket auffahren und ihnen keine Gelegenheit geben, an etwas anderes zu denken. Wir geben ihnen keine Pausen und machen unsere Show zu einem Gesamtkunstwerk. Ein bisschen sprechen wir zwar, aber wir scherzen nicht zwischen den Songs herum. Es ist ein ernstes Geschäft. Unsere Musik ist aggressive Musik – und genau so muss es auf der Bühne auch sein.«

Die Kombination aus Bandname und Albumtitel auf eurem neuem Cover liest sich „Code Orange Forever“. Das ist ein recht großes Statement für eine so junge Band. Ihr wollt also am Ball bleiben.

»Ich fand, das passt ganz gut. Auf einer anderen Ebene geht es thematisch auch darum, das Leben zu verarbeiten. Um Dinge, die mir passiert sind, Dinge aus unserem Leben als Band. Wir sind Freunde seit wir 13 Jahre alt sind. Es wurden nicht einfach irgendwelche Leute zusammengewürfelt, die sich sonst nicht sehen. Wir sehen uns quasi 24 Stunden am Tag – ich wohne sogar mit zweien zusammen. Und wir sind hungrig!«

Ihr habt CODE ORANGE vor neun Jahren gegründet. Wie hat sich die Band seitdem verändert?

»Sehr! Zu Beginn waren wir Kids, die Punk-Musik, ein bisschen Hardcore und ein bisschen von allem gespielt haben. Wenn man älter wird, findet man heraus, was man machen möchte. Wir haben von Anfang an den gleichen Namen gehabt, den wir nur ein wenig verändert haben, als es an der Zeit war (bis 2014 hieß die Band Code Orange Kids – ir). Ich habe das Gefühl, dass andere Musiker erst in mehreren Bands spielen müssen, um an diesen Punkt zu kommen. Für uns hat es so funktioniert: Wir haben eine klare Vision, was wir tun wollen.«

Auf vielen Fotos, zum Beispiel auf eurer Website seid ihr noch zu viert – mittlerweile ist aber eine fünfte Person hinzugekommen. Wie kam’s dazu?

»Wir sind alle zusammen mit Dom (Landolina, g. – ir) aufgewachsen und auf die gleiche Schule gegangen. Er ging aufs College, aber wir spielten noch zusammen in einer anderen Band (Adventures – ir). Dom wollte zu der Zeit sowieso ein anderes Leben als das, was er hatte. Er ist ständig mit uns auf Tour gekommen – als Gitarren-Tech oder einfach nur, um zu helfen. Es hat dann allerdings einige Monate gedauert, ihn musikalisch auf Kurs zu bekommen. Ich habe es ihm sehr schwer gemacht und gesagt: „Hör zu, Bro: Wenn das nicht gut läuft, bist du nicht in der Band. Das ist unser Leben und wir haben hart dafür gearbeitet. Du warst nicht die ganze Zeit dabei. Entweder du holst auf oder du schaffst es nicht.“ Er hat also seinen 12-Stunden-Job tagsüber geschmissen und die ganze Nacht geübt. Und er hat tatsächlich aufgeholt. Ich lebe mit ihm und Joe (Goldman, b. – ir) zusammen. Wir richten uns so ein, dass es passt: Während der Tour zum Album „I Am King“ stand Reba (Meyers, voc/g – ir) zum Beispiel auf der Bühne mehr im Mittelpunkt und Joe mehr am Rand. Dann haben wir unser Format geändert und jetzt ist unser Gitarrist zum Keyboarder geworden (gemeint ist Eric Balderose – ir).«

Klingt irgendwie sehr spontan.

»Ja, aber alles ist kalkuliert. Wir arbeiten sehr hart an so etwas und überlassen es nicht dem Zufall. Alle um mich herum, auch das Label, hatten Bedenken, ob wir mit ihm an Bord so bleiben können, wie wir sind. Ich meinte nur: „Ich weiß es! Es wird großartig werden mit ihm.“ Vorher konnten wir den Raum nicht so richtig füllen. Jetzt beherrschen wir die ganze Bühne und alle gehen steil.«

Du hast bereits angedeutet, dass euer neues Album viele Emotionen in sich trägt. Wo kommen die her?

»Bei unserer Band geht es darum, im Kopf damit klar zu kommen, was andere denken, wer du bist, und so zu werden, wie du gern sein möchtest. Unser erstes Album handelte davon, Vertrauen in sich selbst zu finden. Wir mussten selbst auch dieses Vertrauen finden, denn wir waren immer die Fremden und haben nie irgendwo reingepasst. Aber eigentlich geht es bei uns nicht um ein bestimmtes Thema, sondern mehr um Gefühle. Das neue Album ist sehr kalt. Es ist emotional, aber gleichzeitig auch emotionslos. Es ist kalt, wo es kalt sein muss – zumindest fühlt es sich für mich so an. Wenn ich dann auf der Bühne bin, bin ich in meiner eigenen Welt – es ist mir egal, was alle anderen machen.«

Interessant ist in dem Zusammenhang, dass ihr am Ende eures Videos zu „Forever“ die Cover-Figur des Albums „I Am King“ umbringt.

»Wir haben eine Geschichte, die sich durch unsere Videos zieht. Ich wollte damit zeigen, dass das nächste Kapitel anbricht. Das heißt nicht, dass wir unsere Vergangenheit streichen wollen. Dieses Album ist unser Jetzt – darum geht es.«

Der letzte Song auf „Forever“ namens „dream2“ bricht mitten in der Textzeile ab. Es hinterlässt das Gefühl, mehr zu wollen – oder zumindest eine Auflösung der Spannung.

»Eigentlich ist der Track davor, „Hurt Goes On“, schon eine Auflösung und dieser Song im Anschluss eher wie ein luzider Traum. Der Schnitt bringt den Neuanfang – du wachst auf. Ich gehe das sehr cineastisch an: Bereits bevor das Album geplant war und noch bevor die Songs geschrieben waren, wusste ich, wie die Songs sein sollten und mit welcher Emotion wir enden wollten. Die letzte Zeile lautet „I just can’t relate. ...“. Dieser Song ist ein kurzer Nachgedanke, ein – nicht Prolog... Wie heißt das Wort...«

Epilog?

»Genau, Epilog. Außerdem lässt es die Leute sich unwohl fühlen. Es macht dich verrückt und du fragst dich: Hab ich etwas verpasst?«

Ich finde, das Ende passt gut zum Titel des Albums. Man möchte, dass es weitergeht.

»Diese krassen Schnitte haben wir schon häufiger gemacht, zum Beispiel auf unserem ersten Album und auch auf „I Am King“. Ich bat Kurt Ballou (Produzent und Gitarrist bei Converge – ir) im Studio, den Song abzuschneiden. Er ließ dabei aber das weiße Rauschen stehen. Also bat ich ihn, jedes bisschen Rauschen auf jedem Track rauszuschneiden. Es nimmt dir die Luft – und das ist ein Thema, mit dem wir auf dem Album spielen.«

Euer Logo zeigt einen Panther. Welche Charakteristika dieses Tieres siehst du in deiner Band?

»Es ist natürlich aggressiv und kann überall herumschleichen. Genau wie wir: wir passen zu Hardcore, wir passen zu Metal und reißen alles nieder, was uns im Weg steht. Ich finde, das passt perfekt. Diese Band ist ein Tier – und wenn ich auf der Bühne stehe, fühle ich mich auch wie ein verdammtes Tier.«

 

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