Online-MegazineInterview

EVERGREY

Hoch hinaus

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Mit „Hymns For The Broken“ ist EVERGREY ein beachtliches Comeback in vielerlei Hinsicht gelungen: Die Schweden holten nach dem Beinahe-Aus ihre früheren Mitglieder Jonas Ekdahl (dr.) und Henrik Danhage (g.) wieder an Bord und zimmerten ein Scheibchen zusammen, dass es nicht nur auf den sechsten Platz in unserem Soudcheck, sondern auch in die internationalen Charts geschafft hat. Tom S. Englund (v./g.) und Johan Nieman (b.) sprechen ergänzend zum Interview in Rock Hard Vol. 330 mit uns über menschliche Abgründe und schwindelnde Höhen.

Ihr hättet die Band vor ein paar Jahren beinahe zu Grabe getragen. Was war der Wendepunkt, an dem du deine Meinung geändert hast?

Tom: »Unser damaliger Drummer Hannes Van Dahl bekam das Angebot, bei Sabaton zu trommeln und nahm es an. Allerdings hatten wir keine Lust, uns einen neuen Drummer zu suchen, weil das so ätzend und pathetisch und langweilig ist (lacht). Wenn wir also weitermachen sollten, dann wollten wir es mit den Jungs tun, die vorher schon in der Band waren.«

Haben eure wieder dazugestoßenen Bandkollegen zum Songwriting des neuen Albums beigetragen?

Tom: »Ja, Jonas hat sogar rund 60 Prozent der Grundgerüste für die Songs geschrieben. Alle haben sehr viel zur Platte beigetragen. Das ist zu 100 Prozent das Werk der ganzen Band. Wir haben diese Scheibe Stück für Stück gemeinsam zusammengesetzt, und wir sind uns alle einig, dass dies die beste Art ist, ein Album zu machen. Es ist toll, dass die Jungs wieder da sind, wir haben sie vermisst. Auch als sie nicht in der Band spielten, waren wir weiterhin Freunde. Genau deshalb sind sie ja damals auch gegangen, damit wir nicht irgendwann zu Feinden werden. Es ist richtig schön, den Journalisten, die behaupteten, dass wir damals großen Streit hatten, sagen zu können, dass es so einen Streit niemals gab. Wir waren einander nur über, und das war seinerzeit der beste Weg, damit umzugehen. Wie du siehst, hat das gut funktioniert, sonst wären wir heute nicht hier.«

Neben vielen typischen EVERGREY-Trademarks finden sich auf der Scheibe auch neue, moderne Elemente – zum Beispiel bei 'A New Dawn' oder 'Barricades'. War das eine gewollte Entwicklung, oder passierte das eher unbewusst durch äußere Einflüsse wie etwa euren aktuellen Musikgeschmack?

Johan: »Ich denke nicht, dass das eine absichtliche Entwicklung war. Wir hatten sehr viel Material für das Album zusammengetragen und entschieden dann gemeinsam, welche Songs wir für die Scheibe nehmen und welche nicht. Was du nun hörst, ist das Ergebnis dieses Auswahlprozesses.«

Tom: »Das Problem, das wir hatten, war tatsächlich, dass es dieses Mal so viel Songmaterial gab. Wir hatten um die 25 Tracks übrig! Als die Jungs wieder zur Band stießen, explodierte die Inspiration bei uns geradezu. Wir könnten noch vor Ablauf des Jahres ein weiteres Album mit diesem Material veröffentlichen, wenn wir es drauf anlegen würden. Natürlich machen wir das nicht, aber möglich wäre es (lacht)!«

Sind die Texte von „Hymns For The Broken“, die sich mit Höhen und Tiefen, menschlichen Schwächen und Veränderung beschäftigen, in gewisser Hinsicht von euren persönlichen Erfahrungen geprägt?

Tom: »In jeder Hinsicht! Es waren sechs harte Jahre. Es ist immer eine Achterbahnfahrt, ein Musiker zu sein, und manchmal widerspricht das Leben sich selbst. Ich fragte mich, ob ich der bin, der ich sein wollte, und tue das heute noch manchmal. Diese Reise geht immer weiter, und ich versuche, das beste aus dem Trip zu machen.«

Das Artwork der Scheibe sieht ziemlich nach Revolution und auch ein wenig nach kommunistischer Propaganda aus.

Tom: »Der revolutionäre Charakter ist natürlich beabsichtigt, aber die Platte ist in keinerlei Hinsicht politisch und wir wollen auch nicht den Kommunismus propagieren. Aber schon allein, dass sich die Leute damit beschäftigen und uns danach fragen, ist ein Erfolg. Unser Plattenlabel hatte anfangs auch Bedenken, dass das Cover-Artwork zu sehr nach Kommunismus aussieht, aber im Rock 'n' Roll geht es nicht darum, allen und jedem zu gefallen. Auf keinen Fall sind wir aber Pro-Putin oder etwas in der Art (lacht)!«

Das Video zu 'King Of Errors' wurde teilweise auf dem Eriksberg-Kran in Göteborg gedreht, der über 84 Meter hoch ist. Hattet ihr da nicht ein bisschen Muffensausen?

Tom (nickt frenetisch und hält sich die Hände vors Gesicht): » Oh ja, habe ich immer noch, wenn ich dran denke. Ich kam da hoch und dachte nur: „Oh mein Gott, oh mein Gott, ich muss mich hinsetzen! Wir werden alle sterben!“«

Johan: »Ungefähr alle fünf Minuten drehten wir durch und bekamen Schnappatmung, wenn wir runterguckten.«

Tom: »Er war auch noch verdammt windig da oben und wir hatten Angst, dass es uns von den Socken pustet!«

Johan: »Wenn dieser Wind dich da oben fast umbläst und du um ein Haar das Gleichgewicht verlierst, dann wird dir plötzlich innerhalb einer Hundertstelsekunde klar, dass du jeden Moment beinahe 100 Meter in die Tiefe stürzen könntest (schaudert). Das ist eine Erfahrung, die dich sehr demütig werden lässt.«

Es lief aber alles nach Plan, hoffe ich?

Tom: »Ja, es ging alles gut. Bis auf das kleine Problem, dass die Bassdrum nicht in den Fahrstuhl passte und unser armer Techniker sie fast 90 Meter die Treppen hochtragen musste, stell dir das mal vor (lacht)!«

www.facebook.com/Evergrey
http://www.evergrey.net/

 

 

Pic: Patric Ullaeus (Promo)