Online-MegazineInterview

HAMFERD

Hoch die Hörner!

HAMFERD

Die Färöer sind ein musikbegeistertes Volk im wilden Atlantik. Vor der Erschließung durch die kommerzielle Luftfahrt und motorisierte Schiffsverkehr lebten die Menschen dort weitgehend isoliert in der kargen und doch wunderschönen Landschaft. Die Doom-Deather HAMFERD sind Kosmopoliten und stolze Inselbewohner zugleich, wie Gitarrist Theodor Kapnas in der Online-Ergänzung zum Interview aus Rock Hard Vol. 321 erklärt.

Theodor, welche musikalischen Trends haben zuletzt bei euch das Geschehen bestimmt? Sind eure einheimischen Musiker dagegen weitgehend resistent?

»Die hiesige Musikszene ist sehr vielschichtig. Es gibt eine starke Country-Fraktion um einige Künstler und Produzenten herum. Unsere Indie-Szene wagt auch Schritte auf den internationalen Markt, darunter Sänger wie Marius und Benjamin. Zudem gibt es einige wirkliche gute Pop-Singer/Songgwriter, zum Beispiel Eivør und Teitur. Dazu kommt natürlich die offensichtlich starke Metal-Szene mit Týr, Sic, uns und einigen mehr. Was die weltweiten Trend betrifft, gibt es wenige kommerzielle Künstler, die unsere Inseln anvisieren. Einige Country-Stars verkaufen Tausende von CDs, aber das ist nicht mein Ding, in der Szene kenne ich mich nicht aus. Die wenigsten Bands lassen sich von den Trends verbiegen; das ist das wirklich Schöne hier, die Originalität. Man hört normalerweise direkt, ob eine Band aus Schweden, Finnland, Deutschland oder den USA stammt. Das ist sicher meist unbewusst, aber es lässt sich gar nicht vermeiden, dass man von seinem Umfeld und der Gesellschaft, in der man lebt, beeinflusst wird. Die Färöer Inseln sind ein einzigartiger Ort und das färbt auf die Musik hier ab. Wahrscheinlich würden wir auch so klingen, wenn wir gemeinsam umziehen würden, da wir alle hier aufwuchsen.«

Gibt es denn Pläne, der Band zuliebe zumindest temporär umzusiedeln – vielleicht zu eurem Drummer Remi nach Dänemark?

»Wer weiß? Ich wäre offen dafür und die andere sicher auch. Da ich mein ganzes Leben viel gereist bin, liebe ich es, andere Kulturen und Landschaften zu erleben. Die Färöer sind nicht der einzige schöne Fleck auf der Erde und ich halte nichts davon, sich stur zu limitieren. Aber momentan bin ich hier absolut glücklich.«

Das Inseleigene Label Tutl schert sich nicht im Geringsten um Genregrenzen. Kristian Blak muss ein sehr offener Musikfreund sein, was so gar nicht zum elitären Duktus passt, den einige Jazzmusiker sonst pflegen.

»Er ist tatsächlich das komplette Gegenteil von abgehoben und snobistisch. Ich kenne ihn wirklich gut, wir haben die letzten vier oder fünf Jahre sehr intensiv miteinander für HAMFERD gearbeitet. Ohne ihn und Tutl würde ich nicht gerade dieses Interview führen. Seien Arbeit und das Label sind der Grund für die starke einheimische Musikszene in all ihren Facetten. Wir sind sehr dankbar dafür, dass sie eine fantastische Plattform bieten, hier Musik zu veröffentlichen und aufzuführen. Auf den Färöern kursiert der alte Witz, dass Bob Dylan weltweit nur der Künstler mit den zweitmeisten Aufnahmen ist – niemand kommt an Kristian heran. Er war an über 100 Alben beteiligt, die ein enorm großes Spektrum abdecken. Diejenigen, die ich davon kenne, sind sehr experimentell.«

Ist der Tutl-Plattenladen der einzige auf den Inseln?

»Dort werden vor allem die eigenen Produktionen verkauft, es gibt nur wenige Importe. Dazu kommen einige weitere Läden, die immer noch Alben verkaufen, aber das Angebot wird zunehmend magerer. Das sind wohl die Zeichen der Zeit. Leider gibt es hier auch keine konkrete Metal-Bar, aber eine Gemeinschaft namens Upp Við Hornunum, was so viel wie „Hoch die Hörner“ bedeutet. Sie arrangieren hin und wieder Metal-Abende in einer Bar namens Sirkus.«

Wie viele Einheiten muss man absetzen, um an die Spitze der nationalen Charts zu gelangen?

»Es gibt gar keine offiziellen Charts. Bestseller-Alben verkaufen mehrere tausend Einheiten, die größten Klassiker mehr als 10.000, was angesichts unserer geringen Größe verrückt ist. Die meisten hiesigen Künstler lassen 500 bis 1000 Exemplare pressen.«

Erinnerst du dich noch an deine erste Metal-CD?

»Und ob, das war „The X-Factor“ von Iron Maiden, mein erstes Vinyl war ihr selbstbetiteltes Debüt, mein erstes VHS-Tape „Live After Death“ und die erste offizielle Kassette in meinem Besitz „A Real Live One“. Man kann also sagen, dass ich mit Iron Maiden aufgewachsen bin.«

Ist „Evst“ nur ein Großreinemachen, eine Zusammenstellung von altem Material seit der EP, bevor ihr dann bei Nuclear Blast loslegt?

»Wir haben den Vertrag abgelehnt. Als wir letztes Jahr den Wacken Metal Battle gewonnen haben und er uns angeboten wurde, waren die Arrangements mit Tutl bereits in einem sehr fortgeschrittenen Stadium. Natürlich haben wir uns die Entscheidung nicht leicht gemacht, weil Nuclear Blast eine sehr prestigeträchtige Firma sind, aber unsere Zusammenarbeit mit Tutl war vom ersten Tag an fantastisch. Da sie uns ebenfalls eine internationale Veröffentlichung zusichern konnten, entschieden wir uns für ein Fortführen der Kooperation. Ohne Tutl wären wir nie dorthin gekommen und somit wollten wir auch etwas zurückgeben.«

Der Titel „Evst“ bedeutet so viel wie „der/die/das Höchste“ und man denkt automatisch an den Mount Everest.

»Es ist weder eine konkrete geographische Referenz, noch auf irgendein ultimatives Ziel bezogen. Der Titel kann auch mit „final“ oder „der Letzte“ übersetzt werden. Die Dualität darin fasziniert uns, sie kann zwei miteinander konkurrierende Ideen oder Gefühle umfassen. Die Story spielt in den Bergen, was den „höchsten“ Part einnimmt, aber sie folgt der Hauptfigur in ihr unabwendbares Dahinscheiden, was die Bedeutung „final“ beinhaltet.«

Die Dame, die in 'Sinnisloysi' singt, ist nicht eure ehemalige Bassistin, oder?

»Haha, nein, das ist nicht Tinna, sondern Eivør Pálsdóttir, eine unglaubliche Künstlerin. Sie ist der talentierteste Mensch mit dem ich je zusammen gearbeitet habe und wir fühlen uns privilegiert, dass wir diese Chance hatten.«

Die ruhigen akustischen Parts erinnern an das Bathory-Epos „Twilight Of The Gods“.

»Cool – ich habe viel von dem Album gehört, kenne  es aber gar nicht. John hat die meisten Songs der EP geschrieben, ich viel vom neuen Material. Auf dem hiesigen Hoyma-Festival hatten wir kürzlich noch eine Unplugged-Show, mit nur zwei Akustikgitarren und Klargesang, was eine neue Erfahrung war und nicht mit allen Songs funktionieren würde.«

Würdet ihr eure EP „Vilst Er Siðsta Fed“ gerne noch einmal überarbeiten? Eine Vinylfassung wäre toll- oder eine Doppel-CD mit Original und Neueinspielung.

»Wir sind immer noch stolz darauf, würden aber sicher auch einiges ändern, wenn wir die Kompositionen noch einmal für ein Album einspielen würden. Damals waren wir noch sehr jung. Es gab Gedanken zu einigen Remakes, aber momentan möchte ich keine Zeit dahinein investieren. Wir wollen die Entwicklung der Band vorantreiben und nicht zu sehr in der Vergangenheit verhaftet bleiben.«

Ist Tórshavn das Zentrum der ganzen färöer Metal-Gemeinde?

»Die meisten Bands hier proben im selben Gebäude. Wir teilten uns einen Raum mit The Apocryphal Order, die aber derzeit inaktiv sind. Synarchy proben direkt nebenan, Earth Divide am Ende des Flurs. Sic probten auch hier. Es ist eine enge Gemeinschaft, die von starken Freundschaften geprägt ist. Das hat auch die ausländischen Juroren beim Metal Battle sehr beeindruckt. Außerhalb gibt es aber auch Bands auf Eysturoy, wie Runavik und Toftir. Mit Asyllex und Incurse kommen zudem zwei coole Thrash-Bands aus Suðuroy.«

Eure durch reichlich Wasser getrennten Nachbarn sind Schotten, Isländer und Norweger. Habt ihr zu dortigen Bands Kontakte?

»Leider nicht zu schottischen und norwegischen Metallern, aber durch die Ferðin Til Heljar-Touren in den letzten drei Jahre gibt es viel Austausch mit der isländischen Szene. Ausgangspunkt war eine Tour von Skálmöld und uns hier wie dort. Synarchy und Monumentum haben danach etwas ähnliches organisiert und im letzten Sommer schließlich Earth Divide und Angist. Uns verbindet auch eine ähnliche Geschichte und ein kulturelles Erbe.«

Wer wäre ein Kandidat für eine gemeinsame Split-Single – Sólstafir?

»Das wäre cool! Seit wir zweimal auf Island das Eistnaflug-Festival mit ihnen gespielt haben, kennen wir uns recht gut. Im Oktober besuchten sie uns dann hier und traten bei unserem Veröffentlichungs-Gig auf. Beide Bands bauen jeweils auf individuelle Art bei Shows eine dichte Atmosphäre auf. Dummerweise spielten wir direkt nach ihnen und konnten das Konzert so nicht komplett genießen.«

Apropos genießen: Wer keinen Fisch mag, ist auf den Faröern geliefert, oder?

»Mir fällt kein einziger hiesiger Vegetarier ein. Hier gedeiht nicht viel, also leben die Menschen seit jeher von Fisch und Fleisch. Der Fleischkonsum ist mittlerweile höher, es ginge also zur Not ohne Fisch. Meine heimischen Lieblingsgerichte sind Lammbraten aus dem Ofen oder frische Venusmuscheln. Frischer oder getrockneter Fisch sind aber auch klasse. Ich persönlich bin kein großer Fan von vergorenem Fleisch, aber die meisten hier lieben es.«

Auf der EP habt ihr einen Bibelpsalm interpretiert und ihr seid auch in der Havna Kirkja aufgetreten, ohne gläubig zu sein.

»Wer hier lebt, kann nicht verhindern, vom Christentum umgeben zu sein. Im Kirchenchor hat aber meines Wissens nach keiner von uns gesungen. Wir sind sehr von der dunklen Seite der hiesigen Geschichte inspiriert und davon, wie die Menschen im Alltag mit Verlusten umgingen. Im Guten wie im Schlechten hat die Kirche dabei einen großen Stellenwert eingenommen. Als meine Familie hierhin zog, lachten die anderen Schulkinder meinen Bruder und mich aus, weil wir nicht an Gott glaubten. Aber das hat sich geändert, die Gesellschaft ist auch in diesen Fragen offener  geworden. Mein Vater ist Grieche, meine Mutter Dänin und ich lebte die ersten neun Jahre in Belgien. Remi lebte als Halbdäne lange dort und wohnt auch jetzt wieder in Dänemark. Wir sind also nicht allesamt hier geboren. Aber wir wuchsen alle als Teenager hier auf und fühlen uns den Färöern sehr verbunden.«

 

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