Online-MegazineInterview

GOREMENT

Handfeste Identitätskrise

GOREMENT

Die Doppel-CD „Within The Shadows Of Darkness“ mit dem kompletten Vermächtnis von GOREMENT muss jedem Schwedentodfanatiker die Freudentränen in die Augen treiben. Gitarrist Patrik Fernlund begibt sich auf eine Zeitreise.

Ärgert ihr euch, dass ihr „The Ending Quest“ 1994 nicht in der bewährten Union mit Dan Swanö im heimischen Schweden aufgenommen habt?

»Wir wussten über die Delta-Studios in Norddeutschland, dass Accept hier ihre ersten beiden Alben aufgenommen hatten. Klar war es cool, in diesen geschichtsträchtigen Räumen aufzunehmen, aber wir mussten uns ständig mit dem Produzenten herumärgern, und dachten deswegen kaum daran. Es war die Idee des Labels, dort aufzunehmen. Sie lehnten unseren Vorschlag, wieder ins Gory- bzw. Unisound zu gehen, ab. Ich würde nicht behaupten, dass wir Dan in Grund und Boden kritisiert haben, aber wir waren eben nicht hundertprozentig mit dem Sound der Demos und Singles zufrieden. Andererseits fanden die Aufnahmen jeweils an einem einzigen Tag statt, da können andere kaum einen halbwegs anständigen Sound zaubern. Dan hat sich wirklich den Arsch aufgerissen. Ich bin mir nicht sicher, was er aus „The Ending Quest“ produktionstechnisch hätte herausholen können, aber es wäre auf jeden Fall interessant gewesen. Wie auch immer: Als wir nach elf Tagen harter Arbeit die Delta-Studios verließen, waren wir ziemlich angetan vom Ergebnis. Das Album klang düster und unheimlich, was zu unseren Kompositionen passte. Was Dans Remastering des Katalogs für „Within The Shadows Of Darkness“ betrifft, fällt es mir schwer, die Verbesserungen zu benennen: Es klingt alles klarer und detaillierter, hat einfach mehr Power. Am meisten merkt man den Unterschied beim „Human Relic“-Demo. Es tönt jetzt so massiv und direkt. Kaum zu glauben, dass das nur eine Demoaufnahme mit einem Vierspurrekorder von 1991 ist.«

Seid ihr Dan nach den frühen Aufnahmen noch mal begegnet?

»Nein. Auch bei ihm waren wir damals wegen der extrem kurzen Studiozeiten sehr fokussiert und hatten wenig Ablenkung. Als wir „Human Relic“ aufnahmen, war es für jeden von uns der erste Studiobesuch überhaupt. Wir waren höllisch nervös, aber Dan brach direkt das Eis, indem er uns ein Intro vorspielte, welches er für uns geschrieben und eingespielt hatte. Das nenne ich Berufung und Leidenschaft, Hut ab, Mr. Swanö! Als der Zähler am Aufnahmegerät am Ende von „Human Relic“ genau bei 666 Stand, war das auch ein denkwürdiger Moment. Evil, nicht wahr? Oder als Jimmy die größte Pizza verdrückte, die ich je gesehen habe – unmittelbar vor den Gesangsausnahmen für „Obsequies...“. Er hat das durchgezogen, sah allerdings auch ganz schön fertig aus. Dans Diskographie ist überwältigend - und man darf dabei nie das grandiose „Moontower“ vergessen, eins meiner Top 10 Alben aller Zeiten.«

Pluto von Poserslaughter war etwas enttäuscht von „Into Shadows“, weil er sich mehr in Richtung Grind entwickelte. Welche Bands inspirierten euch zu den Experimenten mit Flüstergesang, cleanen Gitarren und Keyboards ab da? Tiamat, Cemetary, oder Darkified?

»Tiamats „The Astral Sleep“ und „Clouds“ hatten großen Einfluss. Gerade auf mich, aber es war auf der Single ja nur ein Song, wo wir uns diesbezüglich gehen ließen. Diese lieblichen Klanglandschaften waren neu für uns. ´The Memorial´ war hingegen eher epischer Death Metal mit vielen klassischen Genreeinflüssen und auch grindigen Parts. Vielleicht klang es nicht so blutig und eitrig, wie die früheren Aufnahmen. Mir gefällt aber die Entwicklung immer noch, die dann im nächsten, logischen Schrit zu „The Ending Quest“ führte.«

In den „Darkness Of The Dead“-Liner-Notes hast du vor beinahe zehn Jahren geschrieben, dass ihr Ideen bezüglich Frauengesang und Orchestermusikern für das Album aufgegeben hattet. Wärt ihr sonst Therion zuvorgekommen?

»Nein, das hätte man kaum miteinander vergleichen können. Der Keyboardteil von ´Into Shadows` wurde von Dan Swanö beigesteuert, weswegen er wohl diesen klassischen Touch hatte. Er hatte die Idee, während wir die Urversion für die Single bei ihm aufnahmen und es passte perfekt. Als Band hatten wir definitiv weder die Ideen, noch das Können und Wissen, um ansatzweise das zu leisten, was Therion später kreiert haben. Bei ‚Sea Of Silence’ wollten wir eine Sängerin nutzen, haben das Arrangement aber durch Keyboards und Flüstern ersetzt. Die Ursprungsidee hätte den Song sicher auf ein neues Level gehoben. Ich würde die alten Songs nicht mehr neu aufnehmen wollen, sie klingen für mich in den Originalfassungen zeitlos. Man würde nur ihren Spirit zerstören.«

Wann habt ihr mitbekommen, dass ihr nicht nur bei „Human Relic“ Konkurrenten um euer Artwork hattet, sondern auch bei „Obsequies...“? Das Nosferatu-Gesicht haben nach euch auch die englischen Morbid Symphony für ihre „Permanence In Dark Earth“-Single genutzt.

»Beim Debüt-Tape hatten wir einfach Pech: Morbid Angels „Blessed Are The Sick“ kam zwei Wochen später heraus, als unser Artwork in Druck ging. Wir wussten, dass Hexenhaus das Gemälde bereits genutzt hatten, und verwendeten daher nur einen kleinen Ausschnitt. Dazu sah unser Logo noch dem von Gorefest etwas zu ähnlich, was schon sehr ärgerlich war. Morbid Symphony und ihre Single kannte ich bis jetzt gar nicht. Nach unserem „Human Relic“-Einstand hätten wir sie aber nur schwerlich an den Pranger stellen können. Wenn man übrigens ganz pingelig sein will, war es kein Nosferatu-Bild, sondern aus „Der Exorzist“. Aber die Ähnlichkeit ist da schon verblüffend.«

Wann hast du mitbekommen, dass GOREMENT posthum eine Kultband geworden sind?

»Das war vor acht oder neun Jahren, als „The Ending Quest“ bei Ebay schon für 45 Dollar wegging (heute ein Schnäppchen – btj). Zu der Zeit sprachen mich immer mehr Leute auf Restbestände der alten Veröffentlichungen und weitere Aufnahmen an. Sie schwärmten von dem Eindruck, den „The Ending Quest“ hinterlassen hat. Das war eine tolle Erfahrung. Ich habe von allen unseren Veröffentlichungen ein Original behalten, auch von der „Pain Unlimited Vol. 1 „ Compilation von Crypta. Altes Merchandise liegt bei mir aber nicht mehr herum.«

Hast du eine Ahnung, wer hinter der kürzlich aufgelegten Vinyledition „Repulsive Putrid Demos“ steckt?

»Ich habe den Typen kontaktiert, Roberto Guinez Campos aus Chile. Der beschuldigt das Label Hell’s Headbangers, seine Sachen zu bootleggen. Die Amis wiederum verwiesen auf eine dritte Person. Es ergibt keinen Sinn, da tiefer graben zu wollen. Ob ich eine Kopie davon für 30 bis 40 Euro gekauft habe? Im Leben nicht! Das Vinyl sieht scheiße aus, das Line-up ist falsch geschrieben – wahrscheinlich klingt es auch kacke. Es ist schon eher ein Kompliment, wenn jemand die bescheidenen Veröffentlichungen einer seit beinahe 20 Jahren aufgelösten Band schwarz presst. Andererseits ärgert es mich schon, wenn die Fans mit minderer Qualität und völlig überzogenen Preisen über den Tisch gezogen werden.«

War die „Darkness Of The Dead“-Compilation von Album, Singles und Demos denn eine von allen ehemaligen Bandmitgliedern abgesegnete Entscheidung?

»Es waren nicht alle in die Entstehung eingebunden, aber sie wussten davon. Als es 2004 zur Veröffentlichung kam, trafen wir uns alle in einer Bar und hatten einen tollen Abend. Die meisten hatten sich viele Jahre nicht gesehen, und seither sind die Bande wieder enger. Eine Reunion ist aber nicht ansatzweise absehbar. Den meisten fehlt einfach der Enthusiasmus, für eine Show oder mehr zu proben. Eine Mehrheit der ex-Mitglieder diskutiert aber die Möglichkeit, zwei oder drei neue Songs aufzunehmen. Ob das dann aber ohne die komplette Belegschaft unter dem Namen GOREMENT läuft, steht in den Sternen. Wir arbeiten daran. Mehr kann ich derzeit nicht sagen. Auf einem Hobby-Level bin ich die ganzen Jahre weiterhin Musiker geblieben. Derzeit spiele ich in einer 70er Jahre Heavy Rock-Band Namens Dukes Of Grit, von der es zwei Demos gibt. Matthias ist Drummer einer lokalen Coverband.«

Das von Century Media gehobene „Promo 95“-Material ist nicht das einzige unveröffentlichte?

»Nein, als Robin Bergh 1995 zu uns stieß, flutschte es nur so aus uns heraus, wir hatten viele gute Ideen und Songs in Arbeit. Das Problem war nur, dass sie sich stilistisch sehr stark voneinander unterschieden. Wir waren eine Band mit einer handfesten Identitätskrise. Das Promotape sollte uns helfen, unsere neue Ausrichtung zu finden. Ich höre heute immer noch klassischen Death Metal von Autopsy, Vader, Paradise Lost und Bolt Thrower und stehe auf Opeth. Aber ich teste kaum jüngere Death-Metal-Bands an. Was ich diesbezüglich gehört habe, klang mir meist zu seelenlos. Jetzt klinge ich wie ein alter Sack, oder? Sorry, es gibt sicherlich viele gute neue Bands. Keep up the spirit!«

Welche Zeitgenossen von euch hätten es ebenfalls verdient gehabt, langlebiger und erfolgreicher zu sein?

»Die schwedischen Crematory, Darkified und Crypt Of Kerberos kommen mir sofort in den Sinn. Dazu noch Carbonized, Exhumed, Nirvana 2002 und Dawn.«

Eine erlesene Mischung! Wen habt ihr neben Carcass und Pungent Stench damals noch gecovert?

»Die besagten Songs haben wir nur bei unserer Live-Feuertaufe im Programm gehabt. Wir spielten danach nur eigene Songs, abgesehen von diesem Scheiß-Gig mit Disfear in einem Punkschuppen außerhalb von Stockholm. Da buhlten wir mit ´Party And Fight For Your Right?` von den Filthy Christians um die Gunst der Anwesenden. Das war eins von gerade einmal vier Stücken an dem Abend, wir waren völlig fehl am Platz.«

Manche Altfans finden auch das neue Artwork von Within The Shadows Of Darkness“ fehl am Platz.

»Das war die Idee von Century Media, in Kooperation mit uns. Philipp Schulte schlug das Gemälde vor, und wir waren sofort begeistert. Es ist dramatisch, brutal, schön und furchteinflößend – genau so wie unsere Musik damals. Die Titelidee stammt von Jimmy, aus den Skizzen einiger neuer Texte. Klassischer GOREMENT-Stil.«

 

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