Online-MegazineInterview

UGLY KID JOE

Hässlich aus Tradition

UGLY KID JOE

Mit ihrem Cover von 'Cats In The Cradle' und Arschtritt-Songs wie 'Everything About You' brachten es die amerikanischen Rotzlöffel UGLY KID JOE Anfang der 1990er zu einigem Ruhm und Erfolg. 1996 erfolgte die Trennung – und 19 Jahre später eine Wiedervereinigung. Mit „Uglier Than They Used Ta Be“ steht nun ein neues Album in den Startlöchern. Und dabei geht es den inzwischen eher gesetzten Rockern definitiv eher um Nostalgie als Geld, erzählt uns Gitarrist Klaus Eichstadt, als wir ihn bei den Proben in Los Angeles anrufen.

Klaus begrüßt mich bereits auf Deutsch, fragt wie es mir geht – und ist für den spontanen Vorschlag das ganze Interview auf Deutsch zu führen, sofort zu haben: »Ja, warum eigentlich nicht, das wäre nett!«. Hier also das tatsächlich nur leicht begradigte Ergebnis der netten halbstündigen Plauderei:

Ihr bereitet euch gerade auf eure Tour in Großbritannien vor. Außer der „Stairway To Hell“-EP habt ihr seit der Trennung ja von eurem alten Material gelebt. Wollt ihr nach 19 Jahren Pause an damals anknüpfen – oder fangen UGLY KID JOE mit dem neuen Album auch quasi neu an?

»Ich würde sagen: Wir knüpfen an damals an. Wir wissen ja, dass uns die meisten Leute aus den früheren Jahren kennen. Wir wissen, dass es die größte Zeit der Band war, wollen uns nicht davon trennen – und sollen es ja auch nicht. Wir wollen als Fans auch die alten Sachen der Bands hören, die wir mögen. Und es ist immer noch spaßig, das alte Material zu spielen. Wir wollen also nicht neu anfangen sondern weitermachen, aber dabei natürlich im Endeffekt auch mal neue Lieder entwickeln und spielen.«


Weitermachen bedeutet im besten Fall mit den Originalmitgliedern. Ich erinnere mich, dass euer Schlagzeuger Shannon Larkin (u.a. auch Godsmack) bei eurem ersten neuen Konzert in Köln nicht dabei war. Ich schätze das Schlimmste daran, heutzutage Teil von UGLY KID JOE zu sein, ist die Abstimmung der Terminkalender – immerhin seid ihr inzwischen alle auch in andere Musikprojekte involviert. Funktioniert das überhaupt?


»Oh ja ja, haha, absolut! Was wir gemacht haben, ist Folgendes: Wir haben jetzt sieben Leute in der Band. Dave (Fortman, Gitarrist) und Shannon haben ganz am Anfang gesagt: Wir können nicht touren, nur ins Studio gehen. Shannon ist zweimal mit uns getourt – aber eigentlich geht es nicht. Sie haben beide gesagt, dass sie für eine Woche können, aber für alle längeren Touren oder die großen Tourneen generell müssten wir jemand anderen finden. So kamen wir auf Sonny Mayo, einen guten Freund von Shannon, der eigentlich in der Gruppe Snot (90er Hardcore-/Nu-Metal-Band - ln) aus Santa Barbara war. Er ist der Ersatz für Dave (Fortman). Und Zac Morris ist ein Junge, den wir vor einigen Jahren hier in Los Angeles gefunden haben. Für die neue Platte sind wir alle sieben nach Louisiana geflogen und haben auf dem Album gespielt, auch Sonny und Zac. Deshalb ist es irgendwie wie eine Familie, weißt du? Aber die tourende Band wird tatsächlich immer aus Whitfield (Crane, Sänger), Cordell (Crocket, Bass), Sonny, Zac und mir bestehen.«

Ihr habt euer Album über Crowdfunding finanziert und 188 Prozent der erwünschten Summe dadurch erreicht. Wie habt ihr den Prozess erlebt?


»Dieses Mal hat sich unser britischer Co-Manager darum gekümmert. Er sagte schon seit Jahren zu uns: „Hey Jungs, ihr solltet ein neues Album machen!“ Gavin hat ziemlich viel Erfahrung mit dem Pledge-System beim Crowdfunding, also haben wir gesagt: „Okay, wir machen es, wenn du dich kümmerst!“ Wir hatten es einmal vorher selbst für ein Musikvideo probiert und da haben wir festgestellt, dass es ziemlich schwierig ist. Wir mussten all die Platten und Gegenstände an die Leute senden, waren aber auf Tour. Ich kann ja nicht in irgendeinem Hotelzimmer sitzen und Sachen in alle Welt verschicken! Dieses Mal haben wir als Band gesagt: „Okay, ihr nehmt eure Prozente von dem Crowdfunding, aber stellt sicher, dass alle Unterstützer ihre Sachen fristgerecht zugesandt bekommen!“ Gavin hat dann zugestimmt, dass er sich darum kümmert. Im Prinzip muss man wie eine kleine Firma agieren, was den Versand betrifft. Diesmal lief es gut, letztes Mal... Nicht ganz so sehr.«

Einige der Musiker, die ich damals gesprochen habe, als ich einen Artikel über Crowdfunding für Rock Hard geschrieben habe, waren ziemlich ausgebrannt und überfordert und sprachen definitiv eher von einem „Einmal und nie wieder“-Erlebnis.

»(Lacht) Oh ja, gerade gestern hat Whit uns bei den Proben erzählt, wie viele Meet & Greets wir als Konsequenz der Crowdfunding-Kampagne jetzt haben. Die jetzige Tour wird nicht so lang, aber ich kann mir absolut vorstellen, dass das bei längeren Touren ermüdend werden kann. Das bedeutet eben, dass man jede Nacht vor oder nach dem Konzert gut drauf sein und die Leute bespaßen muss. Im Grunde ist das aber natürlich leicht – man muss es eben auch als Teil des Jobs sehen. Wenn es eine gute Venue ist, muss man eben mehr eine Party daraus machen – es ist aber auch oft eine Frage der Atmosphäre, die in den Clubs herrscht. Wenn die Atmosphäre gut ist, ist alles super, wenn nicht, dann wird es ungemütlich für alle – dann stehen wir in einer Ecke, die Fans in einer anderen und alle sind unbeholfen. Aber grundsätzlich sind viele von den Pledges eben für solche Treffen – die Fans wollen sie, warum also nicht?«

Gute Atmosphäre herrschte scheinbar in den Balance Studios eures Gitarristen Dave Fortman. Euer Sänger Whitfield Crane sprach in Interviews von viel „Liebe“ im Raum, aber daraus allein entsteht keine Platte. Du hattest schon erzählt, dass ihr zu siebt nach Louisiana geflogen seid – wie habt ihr das Material dann entwickelt? Habt ihr gejammt?

»Wir haben nicht gejammt, wir haben einfach für alle Flugtickets gekauft, sind nach Louisiana geflogen und haben für drei Wochen das Studio belegt – davon acht oder neun Tage im großen Studio mit Schlagzeug. Dort haben wir uns gegenseitig unsere Ideen gezeigt: „Was für ein Lied hast du, welches hast du?“ - „Schau ich habe auch eins, probier mal das, oder hier ist ein Riff, wie ist es damit?“ So in der Art (lacht). Wir haben alles durchprobiert und am Ende kamen etwa dreizehn oder vierzehn Lieder dabei heraus, die wir aufnehmen wollten. Die haben wir dann über die folgenden Tage nacheinander ausprobiert. So kamen die neun Lieder des neuen Albums zustande.«

Das klingt nach einer organisch-produktiven Herangehensweise.


»Das war es. Wir haben lange Stunden im Studio verbracht und auch keinen Tag Pause gemacht, denn wir wussten, dass wir das Studio ja nur für drei Wochen haben. Aber es hat uns viel Spaß bereitet, denn wir sind alle ziemlich gute Freunde. Wir waren nicht so gestresst, das meint Whit wohl mit 'viel Liebe'. Wir können einander jetzt sagen: "Dein Lied, ich mag es nicht" (lacht). Und das ist okay, dann geht man zum nächsten über. Es ist nicht das Ende der Welt, wenn jemand ein Lied nicht mag.«

Ich bin ein wenig über den Titel gestolpert. Warum „ta“ nicht „to“?


»Es ist amerikanischer Slang. Die EP „As Ugly As They Wanna Be“ damals hatte ja „wanna“ im Titel. Es war eigentlich die Idee von unserem Cover-Künstler, Daniel Mercer, den Namen und das Artwork an die EP von damals anzulehnen. Er hat es quasi als Hommage konzipiert, deshalb mit dem Slang 'ta'. Er ist jünger als wir, er weiß solche Sachen also besser (lacht).«

Wie du gerade schon angemerkt hast, ist das neue Album eine Hommage an eure erste EP „As Ugly As They Wanna Be“ - vom Cover bis zum Songwriting. Das ist ziemlich 1991 – glaubt ihr, dass dieses Konzept angesichts des heutigen Musikmarktes in den USA überhaupt eine Chance hat?


»Ich würde sagen: Es macht uns keine Sorgen, wir kümmern uns nicht wirklich darum. Wir schreiben die Lieder nicht, um ins Radio zu kommen, sondern um die besten Lieder zu produzieren, die wir auf Platte kriegen konnten. Wir hatten keine Erwartungen in Bezug auf Plattenverkäufe, jetzt sehen wir, was passiert.«

Aber um da mal ganz pragmatisch nachzuhaken: Rechnet sich das denn? Von irgendwas müsst ihr ja leben.


»Okay, ich kann dir klar sagen: Wir leben nicht davon (lacht). Wir haben alle andere Dinge, die uns finanzieren. Das Coole ist aber, dass wir das Crowdfunding gemacht haben, was uns das Geld zur Verfügung gestellt hat, um das Album überhaupt zu machen. Jetzt wissen wir überhaupt nicht was passiert – ob wir viel verkaufen oder nichts, wir denken ja immer wir verkaufen nichts. Aber es wäre natürlich schön, was zu verkaufen (schmunzelt). Auf Tour machen wir ein bisschen Geld, vor allem macht uns das Ganze aber viel Spaß. Und, ganz ehrlich, ich kenne es ja von mir selbst; die einzige Platte, die ich in den letzten zehn Jahren gekauft habe, war AC/DCs „Black Ice“, denn die gab es nicht auf iTunes – ich musste sie also für 16 Dollar kaufen (lacht). Für Musiker machen diese Crowdfunding-Sachen deshalb aber Sinn – weil der Markt so am Boden ist, geben dir die Plattenfirmen kein Geld mehr, außer du bist ein echter großer Star. Uns würde niemals jemand Geld geben, um eine Platte zu machen oder wenn ja, dann nicht viel.«

Schon euer Bandname, UGLY KID JOE , war damals als Provokation intendiert und auch auf eurem neuen Album ist diese Attitüde immer noch spürbar. Wie geht es dir heute, wenn du dir die neuen Generationen junger amerikanischer Musiker anschaust, die auf ihre ganze eigene Art provokant auftreten?


»Es muss so sein. Die jungen Künstler müssen Grenzen ausloten, damit man auch mal neue Sachen zu hören bekommt. Manchmal wird es ein bisschen blöd, wie bei Miley Cyrus. Ich meine, ihre Musik ist gut, ich höre sie im Autoradio oder wo auch immer – sicher nicht zu Hause. Wir waren damals ja auch so jung wie die Künstler heute, ich verstehe es also genau. Wenn man jung ist, will man eben einen bleibenden Eindruck hinterlassen und provozieren. Selbst die erfolgreichen Leute müssen alle paar Jahre etwas Neues machen, damit sie nicht langweilig werden. Manchmal machen sie blöde Sachen wie Kanye West oder Miley Cyrus, aber am Ende steht eben doch immer das neue Video oder der neue Song. Wir waren manchmal auch ziemlich blöd, haben dann irgendein Dingsbums (ja, Originalzitat an dieser Stelle. Für mehr Dingsbums im Alltag! – ln) gemacht und danach gesagt 'Oh Scheiße, hätten wir das mal bleiben lassen'. Das Beste daran ist aber, dass solche Sachen immer noch passieren und Musik nicht total langweilig geworden ist.«


 


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