Online-MegazineInterview

SHINING

Gratwanderungen

SHINING (NOR)

Fünf Jahre ist es her, dass die Norweger SHINING mit ihrem Album „Blackjazz“ in der Progressive-Metal-Szene und darüber hinaus für Furore gesorgt haben. Die ewig währenden Verwechslungen mit Niklas Kvarforth’s Suizid-Kommando blieben, Black Metal-Elemente findet man auf „The International Blackjazz Society“ kaum wieder. Wir sprachen mit Bandkopf Jørgen Munkeby über die Entwicklung der Band und das Videoexperiment zum Track 'Last Day' an der Trolltunga-Klippe.

Jørgen, bei eurer sonstigen Wahl der Ästhetik, hätte man keinen Videoclip in den rauen Bergen Norwegens erwartet. Wie waren die Erfahrungen, die nicht auf der Kamera zu sehen sind? Allein die Anreise mit Equipment muss abenteuerlich sein.

»Nun, es war nicht nur ein Videodreh, wie das Immortal früher gemacht und vor dem Hintergrund der Berge für eine Kamera gepost haben (lacht). Es war als vollwertiges Konzert geplant, sodass wir neben den Instrumenten auch alle Kabel, Pedalboards, die Backline und einen Drumriser mitbringen mussten, damit das Schlagzeug nicht einfach von der Klippe fällt. Dazu kamen eine PA-Anlage, ein Stromgenerator und diverses Backup-Equipment. Wir hatten eine sehr detaillierte Liste der Sachen, die wir mitbringen mussten. Das ging bis zu exakten Vorgaben der Case-Maße, um sicherzustellen, dass sie in den Helikopter passen. Wir haben am Tag zuvor noch ein Festival in Belgien gespielt, waren also die ganze Nacht mit dem Flugzeug und im Auto unterwegs, um von Amsterdam nach Bergen zu kommen und dann noch weitere Stunden bis zum Startplatz des Hubschraubers. Als wir ankamen, konnten wir direkt mit dem Verkabeln und dem Soundcheck anfangen. Das Publikum hatte in der Zwischenzeit eine fünfstündige Bergwanderung auf sich genommen, um das Konzert zu sehen.«

Woher wusstet ihr, dass es physikalisch sicher war, eine Show mit lauten, weit gestreuten Frequenzen auf einem in die Luft ragenden Felsen zu spielen?

»Ich habe mir im Vorfeld viele Gedanken über die Sicherheit gemacht. Niemand hat vorher ein Konzert dort gespielt und bei unserer lauten Musik mit vielen tiefen Frequenzen ist das schon ein Risiko. Außerdem wollten wir alle fit sein, so dass wir keine Probleme mit der dünnen Höhenluft kriegen und uns auf der Klippe schwummerig wird. Man wird in dieser Kulisse auch schnell abgelenkt. Das Publikum saß vor uns auf einem Felsen, hinter uns ging es 700 Meter den Berg runter und beim ersten Song flog ein Helikopter über unseren Köpfen, aus dem gefilmt wurde und Leute Paragliding-Sprünge gemacht haben, das war echt verrückt (lacht). Das schwierigste für mich war aber, am Anfang den Schritt auf die Klippe zu wagen. Wenn du spielst, denkst du nicht mehr so viel drüber nach, aber vorher spielt die Angst schon eine Rolle.«

Sind die Leute im „Behind The Scenes“-Video alles Fans, die mitgekommen sind?

»Einige Leute aus Bergen sind dabei gewesen, die auch an die Umgebung gewöhnt sind. Aber es gab auch SHINING-Fans die extra aus Australien angereist sind. Die Trolltunga-Klippe ist in den letzten Jahren touristisch immer bekannter geworden.«

Nach diesem Einstieg zu eurem 'Last Day'-Video-Experiment würde ich gern mehr über die Musik an sich mit dir sprechen. Ihr seid alle ausgebildete Hochschulmusiker, richtig?

»Universität oder Konservatorien, genau. Zu Beginn waren wir alle von der Musik-Akademie in Oslo, aber das Line-up hat sich im Laufe der Jahre ja verändert. Mittlerweile bin ich der einzige, der von dieser Schule kommt, die anderen waren aber bei anderen entsprechenden Instituten.«

Wie stark ist SHININGs Musik demnach von klassischer Musiktheorie beeinflusst? Es gibt ja immer das Risiko, zu technisch-verkopft an die Sache ranzugehen.

»Du hast recht, das kann wirklich ein Problem sein. Ich denke, dass unsere Musik immer weniger nerdig wird. Besonders zwischen 2005 und 2010 haben wir ziemlich intellektuelle Sachen gemacht. Mit „Blackjazz“ wurde es viel emotionaler und bodenständiger. Ich habe so viel Zeit damit verbracht, Musiktheorie zu lernen, dass ich zunehmend mehr Spaß an direkteren Songs habe. Musik befindet sich immer auf einer Skala zwischen der technisch-analytischen und der emotionalen Seite. Moderne Komponisten wie zum Beispiel Schönberg und Webern haben sich mit der seriellen Musik sehr auf die theoretische Seite konzentriert. Die Popmusik der Gegenwart besitzt immer weniger intellektuellen Anspruch und steht auf der entgegengesetzten Seite dieser Skala. SHINING bewegen sich in ihrem Rahmen auch stets weiter weg von zu starrer Verkopftheit.«

Findest du es wichtig, Musikhören (wieder) zu einer bewussten Beschäftigung, statt Zeitvertreib und Hintergrundbeschallung zu machen? Ihr spielt große Festivals und füllt Hallen mit einem nicht diatonischen, dissonanten Sound.

»Hm, ich denke unser Projekt verpackt komplexere Strukturen in einem zugänglicheren Format. Wir haben eine Mischung, welche die Leute zuvor noch nicht gehört haben. Wir wollen es wie gesagt aber nicht schräger machen, als es muss. Vernünftige Songstrukturen sind auch uns wichtig, wenn wir ein neues Album schreiben. Wenn du dann noch interessante Videos machst und die Pressefotos gut sind, interessieren sich auch Menschen für ungewöhnliche Sounds, welche das sonst nicht hören würden.«

Gibt es denn noch Musiker aus der Pionierzeit des Jazz, die dich bis heute inspirieren? Der Song 'House of Worship' erinnert auffällig daran.

»Ja, 'House of Worship' hat diesen Part am Ende, wo nur Drums und Saxofon spielen und ist durchaus ein Tribut an den Free Jazz der alten Schule. John Coltrane brachte 1967 ein Album namens „Interstellar Space“ raus, auf dem auch nur Drums und Saxofon zu hören sind. In seiner früheren Karriere hat er auch viel mit Elvin Jones zusammengearbeitet (Interessierte hören beim John Coltrane Quartett rein, das zwischen 1959 und 1965 bestand – mes). Andere Songs von uns sind zumindest an der Oberfläche weiter von klassischer Jazz-Musik entfernt. Im Hintergrund hat mich diese Musik aber so weit geprägt, dass es meine Art Songs zu schreiben immer beeinflusst. Wie du schon sagtest, kommen dabei oft nicht-diatonische Akkorde und chromatische Melodieverläufe vor.«

Heutzutage spielt auch Industrial und Stoner Rock eine immer größere Rolle in eurem Sound. Ursprüngliche Black-Metal-Elemente sind nicht mehr vorhanden.

»Davon gab es auf „Blackjazz“ mehr zu finden, ja. Die Produktion der letzten Alben klang auch immer Industrial-artig, aber mittlerweile findet man die Industrial-Riffs eher in der Art der Kompositionen wieder. Bei dem was mich inspiriert, mache ich mir keine Gedanken über Genres. Das ändert sich sowieso jedes Jahr wieder von Neuem.«

Hast du dich mit Besuchern eurer Konzerte schon darüber unterhalten, wie sie auf euch aufmerksam geworden sind?

»Bei Gigs kommen wir da in der Regel nicht zu, aber ich habe die Frage schon mal auf unserer Facebook-Seite gestellt. Dabei stellte sich heraus, dass uns die meisten Leute online kennengelernt haben. Meistens begann es mit einem Youtube-Video, woraufhin sie sich mehr mit unserer Musik beschäftigt haben und schließlich auf ein Konzert gegangen sind. Außerdem sind viele durch den Titel und das Cover-Artwork von „Blackjazz“ neugierig geworden. Seit 2013 touren wir auch viel mehr, wie zum Beispiel im letzten Jahr mit Devin Townsend und spielen nicht nur Festivals, was uns auch neue Fans beschert.«

Was hältst du von Devin Townsend und seinem musikalischen Universum?

»Also ich hatte anfänglich zwar von Strapping Young Lad gehört, kannte aber nicht viel davon. 2011 haben wir dann zum ersten Mal mit Devin gespielt. Seitdem ist er ein guter Freund von mir. Ich mag ihn als Person und Musiker sehr gern. Wir teilen ein vielseitiges Musikinteresse und unsere Musik bewegt sich jeweils auf dem Grat zwischen eigenwilligen Klängen und Mainstream. Wir sind nicht The Dillinger Escape Plan, aber auch nicht wie Nickelback.«

Was kannst du über den musikalischen Hintergrund deiner Bandkollegen erzählen? Euer Keyboarder bringt zum Beispiel viel Elektronisches bei SHINING ein.

»Sie kommen alle aus verschiedenen Richtungen. Unser Drummer Tobias war zum Beispiel bei Leprous, die auch Ihsahns Live-Band waren. Er hat viel Black Metal gemacht, aber steht auch auf die Sachen von Frank Zappa. Er ist erst 25 und wird wirklich immer besser. Unser Keyboarder war früher mehr ein Rock'n'Roll-Hammond-Orgel-Fan, er hat sich aber schnell bei uns eingearbeitet. Unser zweiter Gitarrist spielt mit diversen Pop-Künstlern in Norwegen und hatte vor SHINING wenig mit Jazz zu tun. Und unser Bassist ist noch sehr frisch dabei, Trolltunga war seine dritte Show. Er war an der selben Hochschule wie unser Keyboarder und ist ansonsten eher Richtung Goth-Metal unterwegs. Die Grundlagen fürs Songwriting liegen in der Regel bei mir, aber im Detail beteiligt sich jeder der anderen, wenn es an die Aufnahmen geht.«

Wie du schon sagtest, hat „Blackjazz“ eine große Rolle beim Fortschreiten eurer Karriere eingenommen. Nun gibt es neben dem aktuellen Album auch eine Homepage zur „International Blackjazz Society“. Eine ironische Anspielung auf konspirative Geheimgesellschaften?

»Es ist eigentlich Ernst und Witz zugleich. Es ist ein Platz geworden, wo Menschen zusammenkommen können um sich gegenseitig auszutauschen. Zum Beispiel gibt es eine Woche vor dem Release des Albums eine Pre-Listening-Party in Frankreich. Leute aus der ganzen Welt kommunizieren auf der Seite miteinander, machen ihre eigenen T-Shirts oder Patches. Das Image als Geheimgesellschaft war zu Beginn als Joke gemeint, aber es hat sich tatsächlich zu einer Plattform entwickelt, die auch genutzt wird. Vielleicht finden sich so auch andere Musiker, die Blackjazz spielen (lacht).«

Hast du unter deinen eigenen Instrumenten Gesang, Gitarre und Saxofon eins, das du selbst am liebsten spielst?

»Ich habe in der Vergangenheit viele Instrumente gespielt, aber Saxofon habe ich mein Leben lang am meisten geübt und es ist das Instrument, das ich technisch am besten beherrsche. An der Gitarre mag ich die rhythmischen Riffs und Spiel mit verschiedenen Pedal-Effekten und beim Gesang kann man durch Texte seinen Emotionen Ausdruck verleihen, was mir sehr wichtig ist.«

Der einzige Text, der zum Zeitpunkt unseres Interviews öffentlich zugängig ist, stammt vom Track 'The Last Stand'. Ich interpretiere darin die Perspektive einer isolierten Person, die bewusst nicht Teil einer bestimmten Gesellschaftsordnung sein will. Bedauerst du manchmal, dass die Hörer sich bei SHINING vielleicht zu stark auf den Sound und nicht den Inhalt der Texte konzentrieren?

»Das kann schon sein, dass die Leute das tun, ich frage meist nicht nach, aus welchem Grund sie unsere Musik mögen oder nicht. Das ist von Land zu Land auch unterschiedlich. In Finnland oder Deutschland schenkt man den Lyrics weniger Aufmerksamkeit als in den USA, wo die gesamte Musikkultur von urbaner Musik wie R'n'B und Hip Hop geprägt ist, in der es primär um Worte geht.

Ich denke deine Interpretation passt gut. Ein Wunsch, sich nicht so zu verhalten und fühlen wie jeder andere Mensch, sich nicht zur Anpassung gezwungen zu fühlen und damit glücklich zu sein.«

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