Online-MegazineInterview

MR. BIG

Geschichtsstunde

MR. BIG

Ihr Album „... The Stories We Could Tell“ spielten MR. BIG mit einem lachenden und einem weinenden Auge ein: So groß die Freude über die neue Scheibe war, so groß war auch die Erschütterung über die Parkinson-Diagnose Pat Torpeys (dr.). Ergänzend zum Interview in Rock Hard Vol. 330 zeigt sich Sänger Eric Martin trotzdem zuversichtlich, verrät die Gemeinsamkeiten zwischen Wacken und seiner Hochzeit und gibt einen kleinen Ausblick auf die zweite MR. BIG-Generation.

Vom aktuellen Album der US-Rocker kann Martin gar nicht genug schwärmen:

»Ich bin unglaublich glücklich mit der neuen Platte, denn das war das erste Mal seit langer Zeit, dass ich so viel an einem Album gemacht habe. Normalerweise schreiben Billy, Pat und Paul die Musik, und ich steuere dann die Lyrics und die Melodien bei, aber meist bin ich der Letzte, der ins Spiel kommt. Ich singe meine Parts ein und all das, doch dieses Mal habe ich die Platte beinahe schon co-produziert, sehr viele Songs arrangiert und die Terminpläne aller anderen miteinander koordiniert. Ich mailte und telefonierte mit jedem der anderen Jungs und schrieb die Tracks quasi übers Telefon. Das war harte Arbeit, aber mit dem Ergebnis bin ich mehr als zufrieden.«

Bekommst du manchmal Ohrwürmer von deinen eigenen Songs?

»Oh mein Gott, diese ganze Platte! Ich habe die meisten Songs zwar geschrieben, aber dann gab ich sie Paul Gilbert und er verlieh dem Ganzen noch den magischen letzten Schliff. Der Song 'Fragile' ist von mir, aber jedes Mal, wenn ich ihn anhöre, haut der Refrain mich um. Es ist wirklich faszinierend... (Er fängt an, den Refrain zu singen). Jedes Mal, wenn ich das höre, denke ich: „Verdammt nochmal, ich kriege diese Nummer nicht mehr aus dem Kopf (lacht)!“ Das ist zwar eher eine Bluesrock-Platte, aber sie hat auch etwas poppiges. Wenn ich „Pop“ sage, meine ich damit nicht so etwas wie One Direction, sondern melodiöse, eingängige Refrains mit tollen Hooklines. Mir gefällt die Richtung dieses Albums unheimlich gut, genauso wie die Melodien. Die ersten fünf Songs haben sich in meinem Gehirn festgefressen.«

Produziert hat „... The Stories We Could Tell“ Pat Regan, der schon vor 15 Jahren eure Scheibe „Get Over It“ in trockene Tücher brachte. Wie unterscheidet sich deiner Meinung nach Pats Arbeit von Kevin Shirleys Arbeit (Produzent des Vorgängeralbums „What If...“ - am)?

»Kevin Shirley ist eher ein Live-Produzent. Er hat einen tollen, fantastischen Job gemacht. Pat Regan ist ebenfalls ein versierter Toningenieur, aber vor allem ist er ein Freund, dem wir blind vertrauen. Kevin Shirley ist für uns inzwischen auch ein Freund, aber Pat war schon die letzten 15 bis 20 Jahre mit uns befreundet. Er selbst spielt Keyboard und hat einen feinen Sinn für Melodien und Arrangements. Und er ist nicht der fünfte Beatle, was ich wirklich hasse. Oh Mann, wie ich das hasse! Wir sind vier total eigensinnige Musiker, und dann noch ein fünfter Typ, der ebenfalls seine eigene Meinung einbringen will? Das kann ich nicht ausstehen. Pat ist wie ein Geist. Er flüstert dir ins Ohr: „Das ist wirklich gut.“ Er ist nicht dieser typische „Wäre das nicht besser?“-Typ. Er verleiht den Stücken den letzten Schliff und bringt sie zum glitzern. Ich weiß, das klingt sehr metaphorisch, aber schließlich sprichst du hier mit einem Songschreiber (lacht).«

Das Album habt ihr in gerade einmal vier Wochen aufgenommen, richtig?

»Jein. Wir haben zwar die Gitarren, den Bass und den Gesang in vier bis fünf Wochen im Studio aufgenommen, aber der ganze Prozess dauerte vier Monate, nein eigentlich sogar ein ganzes Jahr. Die Drums einzuspielen, brauchte sehr viel Zeit wegen Pat Torpeys Krankheit. Ich versuche mal, dich in die Szene hineinzuversetzen: Wir sind in Pats Haus, in dem auch sein Studio ist. Wir, das sind ich, Pat Torpey und Pat Reagan. Ich spielte Akustikgitarre und wir nahmen Demos von allen Songs auf, die wir geschrieben hatten. Das waren ungefähr 15 Songs, von denen es 13 auf die Platte schafften. Zwei schafften es nicht, weil sie grottenschlecht waren (lacht). Mehr oder weniger alle Drumparts, die Pat Torpey bei diesen Treffen eintrommelte, landeten auch auf der Scheibe. Es dauerte Monate, das zu planen und hinzukriegen, und die Studio-Zeit für die anderen dauerte dann noch vier Wochen. Wieso die Eile? Weil wir alle noch andere Feuer im Eisen, andere Projekte hatten. Als wir es endlich alle schafften, uns zusammenzufinden, blieb uns nur ein kleines Zeitfenster. Aber wir sind alle Profis und wissen, wie man eine Platte aufnimmt. Wir verloren keine Zeit für winzige Detailveränderungen. Der erste Eindruck zählte: „Das gefällt mir, so wird es aufgenommen.“«

Paul Gilbert (g.) ist vor Kurzem zum ersten Mal Vater geworden.

»Oh ja! Sein Söhnchen heißt Marlon, und ich freue mich total für sie alle. Ich kann es kaum glauben, dass er ein Bild von sich und dem Baby online gestellt hat, aber er ist frisch gebackener Daddy und irre glücklich! Pat Torpey hat einen Sohn namens Patrick, ich habe meine beiden Söhne Dylan und Jacob, und jetzt ist Marlon dazugekommen. Das ist wie die neue MR. BIG-Generation! Die können ihre eigene Band aufmachen. Wäre das nicht klasse?«

Da wir gerade von Premieren sprechen: Ich habe dich im Sommer mit Tobias Sammets Avantasia in Wacken gesehen. Das war das erste Mal, das du auf diesem Festival gespielt hast. Macht dich so etwas noch nervös, oder zuckst du bei solchen Shows kaum noch mit der müden Wimper?

»Oh Mann! Nervös ist wohl kaum das richtige Wort dafür! Ich war nicht nervös, ich war wie in Trance. Ich war wie erstarrt. Als das Intro eingespielt wurde und Tobi seinen kleinen weißen Hut aufsetzte, war das für die anderen einer von vielen Auftritten, aber für mich nicht. Ich schoss mit meinem Smartphone ein Foto von der riesigen Menschenmenge und machte mir vor Aufregung fast in die Hose: Da waren mehr als 90.000 Menschen! Ich war wie betäubt, aber irgendwie habe ich es trotzdem gut über die Bühne bekommen. Ich dachte: „Was ist das Schlimmste, das passieren könnte?“ Ich hätte von der Bühne fallen oder meine Texte vergessen können, aber nichts von alldem passierte. Ich war ja im vergangenen Jahr schon fünf Monate mit Avantasia auf Tour, das war wie eine gigantische Übung für Wacken. Und dann war es so schnell wieder vorbei – es war genau wie meine Hochzeit (lacht). MR. BIG wurden erst vor Kurzem gefragt, ob wir in Wacken spielen wollen, und ich hoffe, dass das klappt. Das wäre der Hammer!«





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