Online-MegazineInterview

ALCEST

Französisch klingt bescheuert

Alcest

Emotionaler Anspruch oder Esoterik-Quatsch? Stilistische Erlösung oder zahnloser Schmuse-“Black“-Metal? An den Franzosen ALCEST werden sich mit steigender Popularität die Geister scheiden. Wir sprachen mit Mastermind Neige über das persönliche Konzept seiner Musik und dass Szene-Konventionen oft künstlerisch einengen können.

Neige, da einige unserer Leser vielleicht nicht vertraut mit eurer Musik sind, kannst du das musikalische und inhaltliche Konzept von ALCEST in ein paar Worten erklären?

»Also, ALCEST haben im Jahr 2000 als traditionelle Black-Metal-Band begonnen. Damals war ich 15 Jahre alt. Danach habe ich mich entschieden, den Musikstil zu verändern, um etwas mehr Persönliches zu thematisieren. Ich wollte die Band einsetzen, um über Erfahrungen zu sprechen, die ich als Kind hatte. Das waren einige sehr seltsame, esoterisch wirkenden Erfahrungen. Bilder von einer Welt, die sich sozusagen jenseits von unserer Realität befindet, die schwer zu beschreiben sind. Seitdem ist die gesamte Musik von ALCEST von diesen Erfahrungen inspiriert. Und es ist mein einziges Ziel das in musikalischer Form auszudrücken. Selbstverständlich gibt es Leute, die das für mysteriös oder schwachsinnig halten.«

Alcest - Les Voyages De L'ame„Les Voyages De L'ame“ ist wie eine Vereinigung der Vorgängeralben „Souvenirs D'un Autre Monde“ und „Ecailles De Lune“. Hast du die perfeke Mischung aus Black Metal und den harmonischen, ruhigen Anteilen gefunden?

»Nein, eigentlich beschwere ich mich ständig über alles. Ich kenne keinen Musiker, der sagt, er sei hundertprozentig zufrieden. Aber im Grunde bin ich im Augenblick schon zufrieden, denn es waren Tonnen an Arbeit. Es ist bislang wohl das komplexeste und erwachsenste ALCEST-Album und eine schöne Zusammenfassung davon, was ich vorher gemacht habe. Es markiert aber auch das Ende eines Abschnitts für mich.«

Hast du ein bestimmtes Prinzip, wenn du Songs für ALCEST schreibst?

»Ich weiß nicht (lacht). Das ist unterschiedlich, manchmal kann ich keine Inspiration aus meinen Erinnerungen ziehen, weil ich im Erwachsenenalter manche Bilder vergessen habe und einiges verschwimmt. Manchmal sitze ich einfach vor dem Fernseher und spiele Gitarre und habe dann eine Idee. Es gibt keine Regeln in meinem Songwriting. Das ideale Umfeld ist, wenn ich allein zuhause bin und keine anderen Musiker um mich herum sind.«

Ich finde deinen Gesangsstil ziemlich einmalig, sowohl die cleanen Vocals, als auch die Screams. Gibt es bestimmte Vorbilder, die Einfluss auf deinen Gesang hatten?

»Haha, ja zur Zeit hab ich einen Lieblingssänger. Brendan Perry von Dead Can Dance. Aber da gibt es keine Ähnlichkeiten, er hat eine ganz andere Stimme als ich. Ich konzentriere mich nicht allzu sehr auf Sänger oder Gitarristen, sondern auf die Bands im Ganzen.«

Gibt es einen normalen Proberaum oder machst du daheim und im Studio alles allein?

»Ja, wir haben einen Proberaum im Dorf meines Schlagzeugers. Wir fahren dann mit dem Zug von Paris zu ihm, wo wir in einem ziemlich coolen, großen Haus spielen können. Wenn ich neue Sachen komponiert habe, setzen wir uns zu zweit an die Drum-Parts und vor Touren proben wir zu viert mit unseren Live-Musikern.«

Während der letzten Jahre sind ALCEST eine Art Pionierband geworden, was die Verbindung von Black Metal und sehr getragenen, emotionalen Sounds angeht. Überrascht dich diese Entwicklung?

»Vor zehn Jahren, als ich angefangen habe an unserer ersten EP „Le Secret“ zu arbeiten, war ich weit davon entfernt mir vorzustellen, dass es mal so viele Leute gibt, welche unsere Musik mögen. Inzwischen sagen mir Leute häufiger, die Musik hätte ihr Leben verändert, ihnen in schwierigen Lebensphasen geholfen oder sie motiviert, selber eine Band zu gründen. Und das ist das Schönste, was ich jemals zu hören oder lesen bekam. Es berührt und ehrt mich sehr. Aber es ist auch ein bisschen komisch, weil diese Dinge früher mein Geheimnis, quasi meine eigene kleine Welt waren und nun wissen andere Menschen davon.«

Mit „Les Voyages De L'ame“ werdet ihr momentan international bekannt und seid auch in Magazinen vertreten, die primär nichts mit Musik zu tun haben. Freut dich das, oder ist es dir plötzlich zu viel Promo-Arbeit?

»Erfolg oder Geld haben mich nie so sehr interessiert, sondern ausschließlich, diese Welt zu zeigen, die es wert ist, dass man von ihr erzählt. Und ich würde gern von diesen Metal-Konzepten wegkommen. Ich habe früher in ein paar Black-Metal-Bands gespielt, aber ALCEST hat für mich nichts mit Metal zu tun. Klar, wir haben ein paar Stilelemente wie schnelle Drums und verzerrte Gitarren, aber das sind nur ganz normale Ausdrucksmittel, die für mich nichts mit dem Klischee von Black Metal zu tun haben. Viele Leute, die sonst nichts mit Metal am Hut haben, können sich also auch für diese Musik interessieren. Und ich mag es, wenn wir auch in nicht Metal-typischen Magazinen und Webzines stattfinden, weil die Leute uns nicht im Zusammenhang mit Metal beurteilen.«

Französischer Black Metal genießt in der Szene einen besonderen Ruf. Fühlst du dich mit der Szene verbunden?

»Ich glaube, es ist eine sehr gute Szene, aber ich habe damit nichts zu tun. Ich habe Respekt vor vielen französischen Black-Metal-Bands, aber fühle mich ihnen nicht verbunden. Dass ich in solchen Bands gespielt habe, ist inzwischen lange her. Und leider wirst du immer mit Metal in Verbindung gesetzt, wenn du deine Karriere mit Metal begonnen hast.«

Kannst du von der Musik allein leben, oder hast du einen regulären Job?

»Ich lebe natürlich nicht nur für die Musik, aber in den letzten zwei Jahren habe ich das Risiko auf mich genommen, einfach nur Musik zu machen. Ich lebe nicht wie ein Prinz, davon ist das weit entfernt, aber ich möchte während meines ganzen Lebens gern Musik machen.«

Zur Single „Autre Temps“ gibt es auch einen Clip. Wie sollte man die Bilder interpretieren?

»Ja, ich kann versuchen es zu erklären, aber da gibt es natürlich verschiedene Interpretationen. Die Lyrics erzählen vom Vergehen der Zeit und der Tatsache, dass wir nicht für immer in dieser Welt verbleiben werden. Aber wir versuchen, das Beste aus unserer Zeit zu machen. Das Leben, die Natur, Jahreszeiten, Tag und Nacht, alles ist ein Kreislauf. Was den Text betrifft, es endet mit „you and me will be gone“, was aber nicht heißen soll, dass damit alles vorbei ist. Ein Leben kann sozusagen nach dem anderen kommen. „Gone“ muss also nicht zwingend „tot“ bedeuten. Der Titel bedeutet 'Other Time' oder 'Another Time'. Man kann es als etwas ewig währendes sehen, so was wie eine Idee der Abwesenheit von Zeit. Ich bin sehr zufrieden mit dem Video, da wir sehr wenig Geld zur Verfügung hatten und es waren sehr talentierte Leute dabei, die ihr Bestes gegeben haben, um das Video umzusetzen.«

Lass uns mal über das Album-Artwork sprechen. Symbolisiert das Cover etwas bestimmtes? Mich erinnert das und deine neuesten Promo-Fotos immer an Pfauenfedern.

»Die Pfauenfedern sind mittlerweile ein Teil der Alcest-Ästhetik geworden. Es hat etwas Elegantes an sich und es passt meiner Ansicht nach gut zur Musik. Was ich versuche zu beschreiben, sind Farben, die hier nicht existieren und die Pfauenfedern haben auch etwas andersweltliches an sich. Musik, Lyrics und Artwork gehen alle in dieselbe Richtung. Und das Cover stellt eine Art Tor in diese andere Welt dar. In diesem Tor sieht man Licht, das aus einer traumartigen Dimension scheint.«

Wie wichtig ist es, dass du die Texte in deiner Muttersprache schreibst? Immerhin habt ihr ja auch einige englische Songtitel.

»Die einzelnen Titel habe ich nur auf englisch benannt, weil es sich auf französisch bescheuert anhörte. In letzter Zeit gefallen mir englische Titel sehr gut, auch wenn die Texte nach wie vor auf französisch sind. Wenn die Leute die Texte verstehen möchten, gibt es genug Übersetzungen im Internet und wir haben diesmal auch offizielle Übersetzungen veröffentlicht. Ich sehe keinen Grund, warum ich auf englisch singen sollte.«

Wie stellst du dir ALCESTs musikalische Zukunft vor? Du hattest mal gesagt, dass du dir vorstellen kannst, dich komplett vom Metal weg zu bewegen.

»Ja, das wird darauf hinauslaufen, denke ich. Ich habe diese ganzen Vergleiche satt. Die Black-Metal-Anteile in ALCEST waren immer da, weil Metal schon ein großer Einfluss für mich ist und ich bisher nie das Risko eingegangen bin, mich mehr davon zu entfernen. Und dieses Risiko will ich demnächst mal auf mich nehmen. Kann sein, dass es mir nicht gefällt, aber versuchen möchte ich es. Ich denke nicht, dass die Verzerrungen komplett verschwinden, aber vielleicht wird es folkiger und keltischer in den Melodien und sich auf cleane Vocals beschränken.«

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