Online-MegazineInterview

DIABLO BLVD

Evolution statt Revolution

DIABLO BLVD

Nach ihrem Plattendeal mit Nuclear Blast und der damit einhergehenden Veröffentlichung des dritten Langspielers „Follow The Deadlights“ im Jahr 2014, ging es für die Belgier von DIABLO BLVD bergauf. Mit ihrem vierten Album „Zero Hour“ läuten die stilistisch eher schwer einzuordnenden Metaller um den Sänger und Comedian Alex Agnew mal eben den Untergang der Menschheit ein und lassen darauf ebenso ambitionierte wie unkonventionelle Klänge sprechen. Im Skype-Interview nimmt sich der überaus gesprächige Frontmann Zeit für ausführliche Analysen des neuen Albums und offenbart uns einige interessante Anekdoten zur aktuellen Weltpolitik, der nächsten Evolutionsstufe des Menschen und seinem Heimatland Belgien.

Alex, ihr werdet diesen Oktober eure erste Headlinertour in Europa spielen. Wie fühlst du dich, wenn du daran denkst?

»Das wird wirklich aufregend! Wir machen das zum ersten Mal und es ist natürlich etwas komplett anderes, als wenn du eine andere Band auf Tour begleitest und vor deren Publikum auftrittst. Jetzt werden wir nur für unsere Fans spielen und es werden deutlich weniger Menschen sein, als wenn wir für Machine Head oder Life Of Agony eröffnen würden. Das muss aber jede Band einmal erleben. Man kann nicht immer nur als Support für andere auftreten, irgendwann musst du auf dich alleine gestellt dort hinausgehen, selbst wenn du nur vor zehn Leuten spielst. Genau das ist der Plan für die kommende Tour, wir wollen uns unser eigenes Publikum aufbauen. Das ist sowieso längst überfällig.«

Am 22. September erscheint mit „Zero Hour“ bereits euer viertes Studioalbum. Ihr habt mehr als zwei Jahre daran gearbeitet, wie ist der Entstehungsprozess abgelaufen?

»An sich konnten wir die Arbeit am Album innerhalb eines Jahres abschließen. Mit den Aufnahmen sind wir im September letzten Jahres fertiggeworden. Ursprünglich hätte es im Februar erscheinen sollen, es kam aber zu einigen Verzögerungen. Die haben wir dann genutzt, um gewisse Dinge nochmal aufzupolieren und Kleinigkeiten an der Produktion zu verändern. Das war eine sehr intensive Erfahrung. Wir waren vier Tage die Woche in unserem Proberaum und im Studio, haben mit der Vorproduktion begonnen und Songs geschrieben. Wieder und wieder haben wir sie uns angehört und uns dabei gedacht: Das ist Müll! Das funktioniert so nicht! Dieser Teil ist beschissen! Es war also ein wirklich langer Prozess und eine harte Zeit, die wir hinter uns gebracht haben. Wir hatten uns von unserem ursprünglichen Leadgitarristen Dave getrennt und mit einer Menge persönlicher Probleme innerhalb der Band zu kämpfen. Inmitten dieser düsteren Zeit war es dann also Zeit für ein neues Album und es war offensichtlich, dass es sehr düster und nicht sonderlich optimistisch werden würde.«

Wäre mir fast nicht aufgefallen...

»(Lacht) Oh, das ist gut! Nicht dass du sagst: „Nö, ich finde das Ding klingt total optimistisch und gibt mir ein positives Gefühl.“ Jedes Mal wenn wir mit den Arbeiten an einem neuen Album beginnen, hören wir uns den Vorgänger noch einmal an und picken uns die Sachen heraus, von denen wir denken, dass wir sich richtig gemacht haben. Ich erinnere mich an ein Gespräch mit einem Kerl namens Markus, der bei unserem Label Nuclear Blast arbeitet. Aus irgendeinem Grund heißt jeder der dort arbeitet Markus, es gibt ungefähr vierzig mit diesem Namen (lacht). Er war wirklich cool und sagte zu uns: „Weißt du, was mir an „Follow The Deadlights“ so gut gefallen hat? Die Tatsache, dass ihr darauf Achtziger-Jahre-Rock mit New Wave mischt.“ Und das stimmt tatsächlich! Das ist die Musik, mit der ich in den Achtzigern aufgewachsen bin und die ich als Kind immer gehört habe. Ich werde dieses Jahr 45, ob du es glaubst oder nicht! Gerade New Wave und Punk haben mich damals überhaupt erst zum Heavy Metal geführt. Diese Inspiration musste ich in unsere Musik integrieren. Auch meine Texte sind auf „Zero Hour“ um einiges sozialkritischer, als auf unseren vorherigen Alben. Ich bin ja als Comedian in Belgien vor allem dafür berühmt, dass ich zu allem eine klare Meinung habe. Und die bringe ich eben auch in meiner Musik unter. Ich schreibe über das, worüber ich auch auf der Bühne reden würde.«

Euer Labelinfo besagt, dass ihr zusammen mit eurem Produzenten Dag Taeldeman euren Sound für „Zero Hour“ überarbeitet habt. Ist damit besagte düstere Grundausrichtung gemeint?

»Wir hatten uns ohnehin schon dafür entschieden, unseren Sound zu ändern. Für unsere ersten drei Alben hatten wir den selben Produzenten, den wir sehr gut kannten und der seine Arbeit grundsätzlich auch gut gemacht hat. Aber immer wenn wir ins Studio gegangen sind, hatten wir schon alle Songs geschrieben, also erledigte er hauptsächlich die technische Arbeit. Natürlich hat auch er seine Meinung abgegeben, viel mehr konnte er schlussendlich aber nicht machen. Diesmal haben wir also mit Dag zusammengearbeitet, ein sehr interessanter Mensch und außerdem wirklich guter Gitarrist und Sänger. Besonders gefallen hat uns an ihm aber, dass er nicht aus der Welt des Heavy Metal kommt und eine frische Sichtweise auf alles hatte. Er hat sich unsere Songs angehört und uns gesagt, was funktioniert und was nicht, wusste dabei aber genau, was wir wollten. Er hat auch dafür gesorgt, dass wir fokussiert bleiben. Dieser eine Typ, der die Musik nicht schreibt, sondern sie sich anhört und auch Ideen aus eigener Banderfahrung miteinbringt. Das war eine wirkliche coole Sache, die wir gebraucht haben!«



Dafür erinnert mich euer Sound stellenweise an die alten Danzig und Type O Negative.

»Siehst du das? (hält stolz ein Type-O-Negative-Tattoo auf seinem Oberarm in die Kamera) Ich bin ein riesiger Fan von Type O Negative und auch von Danzig! Alle meine Lieblingsbands, egal ob Killing Joke, Nine Inch Nails oder sogar Metallica, alle diese Typen haben eines gemeinsam: Sie wissen, wie man Songs schreibt. Peter Steele zum Beispiel konnte zwölfminütige Popsongs schreiben und sie anschließend mit harten Gitarren unterlegen. Jesus! Der Kerl kann verdammt nochmal gut komponieren! Mit DIABLO BLVD versuchen wir auch immer, erst einen Song zu schreiben und ihn danach mit der nötigen Härte zu unterlegen. Das dürfte uns heutzutage auch um einiges einzigartiger machen, wir wollen origineller und weniger wie alle anderen klingen. Du kannst DIABLO BLVD nicht wirklich mit einer anderen Band vergleichen.«

Auf eurer Homepage ist der Satz „Humanity's time is over, Zero Hour is here“ zu lesen. Was ist für dich die „Stunde Null“?

»Das klingt erstmal natürlich nach: „Wir werden alle sterben und das ist das Ende!“ Vielleicht wäre genau das auch das Beste, ich weiß es nicht. Ich bin auf jeden Fall kein großer Fan der Menschheit, wir haben unsere Zeit eigentlich schon aufgebraucht. Das soll aber nicht heißen, dass alle Menschen aufhören sollten zu existieren, sondern es Zeit für eine Weiterentwicklung ist. Es ist offensichtlich, dass wir einige unglaubliche Dinge erreicht haben, so weit wie Wissenschaft und Medizin mittlerweile sind. Wir haben aber auch immer neue unfassbare Möglichkeiten gefunden, uns gegenseitig umzubringen. Das ist auf eine lächerliche Art und Weise erstaunlich. Dabei kommt es mir so vor, als hätten wir die wirklich wichtigen Dinge nicht gelernt, nämlich miteinander auszukommen und unseren Planeten nicht komplett zu zerstören. Was wir brauchen, ist ein höheres Bewusstsein. Darüber habe ich hauptsächlich nachgedacht, als ich eine meiner Comedy-Shows und zeitgleich auch die Lyrics für das neue Album geschrieben habe. „Zero Hour“ beschreibt den exakten Moment, bevor ein großer Wandel, ein wichtiges Ereignis eintrifft. Wir leben in einer wirklich interessanten und spannenden Zeit, in der die Menschen Veränderung wählen. Das muss nicht immer zwingend gut sein. Nimm den Brexit, die Hälfte der Briten hatte überhaupt keine Ahnung, warum sie die EU überhaupt verlassen wollte. Jetzt merken sie wahrscheinlich: „Shit! Das könnte die blödeste Entscheidung gewesen sein, die wir jemals getroffen haben.“ Das gleiche gilt für die Leute, die Donald Trump gewählt haben. Wenn meine Lyrics auf diesem Album also irgendetwas aussagen, dann ist es kein Aufruf zur Revolution, sondern zur Evolution.«

Würdest du sagen, dass es für einen Musiker heutzutage fast schon eine Pflicht ist, globale politische Themen anzusprechen?

»Ich weiß nicht genau... das wäre ein bisschen anmaßend. Wie Trent Reznor einmal gesagt hat: "Kunst ist Widerstand". Ich habe ihm das immer geglaubt. Als Comedian bin ich sehr sozialkritisch und habe einiges zu sagen, zum Beispiel zu unserer eigenen Regierung hier in Belgien... Belgien ist sowieso eines der seltsamsten Länder auf diesem Planeten. Wir haben ungefähr sieben Regierungen, haben keine Ahnung was sie machen, zahlen ihnen aber eine Menge Geld. Wir sind auch das Land, das länger überhaupt ohne eine Regierung ausgekommen ist als irgendein Land zuvor. Das hat ca. zwei Jahre gedauert und ist niemandem von uns aufgefallen! Wir haben keine Regierung? Egal, das Leben geht weiter... (lacht) Das ist die Frage, ist es deine Pflicht als Band, darüber zu schreiben? Ich finde es wichtig, dass zumindest eine Handvoll Bands die Zeiten dokumentieren, in denen wir leben. Das macht sie gewissermaßen zeitlos. Wenn die Menschen einmal fragen wie das Jahr 2017 war, dann könnte die Antwort lauten: „Hey, DIABLO haben damals ein Album herausgebracht, das ziemlich aktuell war.“«

Eure Musik ist eher schwer einzuordnen und auch nicht allzu leicht zugänglich. Wollt ihr eure Hörer gewissermaßen dazu bewegen, sich Zeit für Musik und Metal zu nehmen?

»(Begeistert) Yeah! Das ist heutzutage ziemlich schwierig geworden. In Belgien zum Beispiel ist Dance, Alternative-Pop und Hip Hop sehr beliebt und dominiert die großen Festivals. Metalbands sollten wieder mehr in kleinen Clubs spielen und die Leute dort überzeugen, die nach einer Alternative suchen. Wie damals in meiner Kindheit, wenn wir uns den Auftritt einer Hardcore- oder Punk-Band in irgendeinem kellerartigen Club angesehen haben. Wir hatten Angst vor ihnen, weil diese Typen verdammt übel ausgesehen haben. Es gab uns aber auch das großartige Gefühl, Teil von etwas zu sein, das nicht für jeden gemacht ist. Und vielleicht ist genau das der rechtmäßige Platz für diese Art von Musik. Ich glaube aber auch, dass es immer Leute geben wird, die sich die Zeit nehmen und für die Musik mehr ist, als nur eine augenblickliche Befriedigung. Die meisten Bands schreiben Songs und spielen sie live, weil sie es lieben. Es gibt keinen anderen Grund. Sie werden nicht reich davon, machen keine Millionen damit. Auch DIABLO BLVD spielen nicht vor einem Millionenpublikum. Dafür geben wir den Leuten die es haben wollen, ein Album das es wert ist, gehört zu werden und eine Show die es wert ist, gesehen zu werden.«

 

www.diabloblvd.be

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