Online-MegazineInterview

DEATHRONATION

Ein Brückenschlag über die Jahrtausende

DEATHRONATION

DEATHRONATION aus Nürnberg sind für aufmerksame Beobachter des Death-Metal-Undergrounds schon länger keine Unbekannten mehr. Zwar hat die seit zehn Jahren aktive Truppe erst zwei Demos auf dem Zähler, ist aber dafür live umso aktiver gewesen. Und nun ist ja auch endlich das ziemlich überzeugend geratene Debütalbum „Hallow The Dead“ erschienen, zu dem wir Sänger und Gitarrist Stiff Old gerne gratulieren.

Stiff, eure Band existiert bereits seit 2004, und davor wart ihr auch schon alle in diversen Gruppen aktiv, zum Beispiel bei den Black-Metallern Darkness Is My Pride, die 1996 ein Demo veröffentlichten. Erzähl uns doch etwas über euren Background und wie es dann zur Gründung von DEATHRONATION kam.

»Alle Bandmitglieder sind seit den frühen neunziger Jahren in Sachen Metal schwer unterwegs. Ich habe damals mit Freeze begonnen, Musik zu machen. Nach erstem Herumdilettieren ging aus den Proben die heute noch aktive Thrashband Repent hervor. Ich selbst hatte mich da schon anderer Musik zugewandt, denn mit der zweiten Black-Metal-Welle war etwas sehr Obskures im Gange, das schnell alle Aufmerksamkeit fesselte. Es begann eine sehr prägende Zeit, in der Kontakte in alle Welt gepflegt und unzählige Demokassetten mit präparierten Briefmarken um den Globus geschickt wurden. Mit Darkness Is My Pride waren wir mittendrin dabei und hatten zum damaligen Zeitpunkt auch eines der besseren Demos aus deutschen Landen abgeliefert, bis die Band dann – stilecht – aufgrund des konsequent durchgezogenen elitär-individualistischen Gebarens an den Egos zerbrach. Es folgten weitere Jahre in verschiedenen Bands, wo ich auch mit Muerte (b.) erstmals zusammenspielte. Doch gemessen an meinen Erwartungen der frühen neunziger Jahre, war der Black Metal irgendwann nur noch schwer zu ertragen, und es war Zeit, der Sache den Rücken zu kehren. Ich habe mich wieder auf die Brutalität der alten Death-Metal-Scheiben besonnen und angefangen, in entsprechenden Bands zu spielen. Anfang 2004 war es dann soweit, ich probte ein paar Mal mit Goathammer (g.) und dem ersten DEATHRONATION-Drummer. Es hat alles noch seine Reifezeit gebraucht, aber die Saat von damals ist heute in Form von „Hallow The Dead“ aufgegangen.«

Es ist zu beobachten, dass viele Death-Metal-Bands wieder dazu neigen, ihre Musik sowie das Artwork und die Live-Performance als Gesamtkunstwerk zu betrachten, das mit der gebotenen Ernsthaftigkeit vertreten wird. Ist das die Gegenbewegung zu einer alles ironisierenden Hipster-Kultur oder eher das Erbe der zweiten Black-Metal-Welle minus deren ideologische Verbohrtheit und politische Verirrungen?

»Ich denke, diese neue „Ganzheitlichkeit“ resultiert aus dem Wunsch, etwas zu schaffen, das über die Musik alleine hinausgeht und der ganzen Angelegenheit mehr Tiefe gibt. Diese Komponente hat im Black Metal immer schon eine größere Rolle als im Death Metal gespielt. So gesehen würde ich das als Einfluss aus dem Black Metal verorten, wobei man das sicher nicht pauschal sagen kann.«

Was sind deiner Meinung nach die wesentlichen Unterschiede zwischen der Death-Metal- und der Black-Metal-Szene?

»Wir kennen beide Szenen gut, bewegen uns aber auf jeden Fall lieber im Death-Metal-Umfeld. Der Umgang ist dort in der Regel kollegialer und mit weniger elitärem Gehabe verbunden. Im Black Metal gehört bei vielen die Kultivierung der eigenen sozialen Inkompetenz zur „Trueness“. Das nervt schon seit den neunziger Jahren, aber so ist das halt, wenn Kleingeister den Übermenschen in sich entdecken. Ein weiterer Unterschied ist auch die Politisierung des Black Metal. Eine Entwicklung, die dem Death Metal erspart geblieben ist. Ursprünglich ging es um Rebellion, Satanismus, Individualismus, Kampf gegen das Christentum etc. – Politik, Rassismus und andere Krankheiten dieser Art waren damals Randerscheinungen, die sich erst nach und nach breitgemacht haben. Das haben viele der heutigen Black-Metaller völlig aus den Augen verloren.«

Euer Death Metal bedient sich bei allen Schulen und ist weder eindeutig amerikanisch noch skandinavisch geprägt. In meiner Rezension von „Hallow The Dead“ habe ich versucht, euren Stil in der Nähe von Repugnant, Excoriate und Tribulation zu verorten. Wo siehst du selbst eure Haupteinflüsse?

»Eher bei den amerikanischen bzw. den frühen Neunziger-Bands. Deicide, Death, Morbid Angel, Immolation, Gorguts, Sadistic Intent sind Acts, die wir alle zuerst, also viel länger hörten als die schwedischen Bands. Wir lassen uns aber von vielen Gruppen und Stilen inspirieren, von daher ist eine eindeutige Zuordnung nicht so einfach.«

Womit beschäftigt ihr euch in euren Texten? Songtitel wie ´Deathchant Assyria´, ´Ghostwipper´ oder ´Age Of Whoros´ machen auf jeden Fall Lust, das Booklet in die Hand zu nehmen.

»Die Auseinandersetzung mit Tod und Vergänglichkeit ist der rote Faden, der sich durch das Konzept von DEATHRONATION zieht. Entsprechend geht es in den Texten in narrativer Form um verschiedenste Aspekte und Perspektiven zu diesem Themenkreis. ´Deathchant Assyria´ beispielsweise ist nicht nur ein Abgesang auf ein untergegangenes Reich des alten Orients, sondern auch eine Anspielung auf den Bibel-Babel-Diskurs des frühen 20. Jahrhunderts. Ein kleiner Brückenschlag über die Jahrtausende mit theologischem und letztlich auch gesellschaftlichem Bezug.«

Ihr wart letztes Jahr mit Obliteration und Degial auf Europatour. Rentiert sich so eine Tour finanziell, oder betrachtet man das eher als eine Art Urlaub, bei dem man auch mal drauflegt?

»Die von Kill-Town Booking organisierte Tour war eine sehr intensive Zeit, die klargemacht hat, dass der Underground lebt. Einige sehr gut besuchte Shows haben dafür gesorgt, dass die weniger frequentierten Abende finanziell ausgeglichen werden konnten. Gage blieb da nicht übrig, aber darum geht es auch gar nicht. Es geht darum, mit 15 Verrückten quer durch Europa zu fahren und jeden Abend an einem anderen Ort zu spielen, egal ob vor 20 oder 200 Leuten. Draufgezahlt haben wir am Ende nicht. Viel wichtiger ist aber die Tatsache, dass das Ganze überhaupt funktioniert hat. Zu diesem Zeitpunkt hatten wir weder ein Label noch ein Album in der Hinterhand und waren im Prinzip auf uns alleine gestellt. Die Band ist eine kostspielige und sehr zeitintensive Angelegenheit. Reich werden wir dann im nächsten Leben.«


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