Online-MegazineInterview

BOSS KELOID

»Echt, fett und zugleich transparent.«

BOSS KELOID

BOSS KELOID aus Englands hohem Norden haben mit „The Calming Influence Of Teeth“ ein Debütalbum abgeschossen, das zum Gebrauch von Superlativen animiert. Nicht viele Combos können von sich behaupten, unter zehn Songs zehn Volltreffer zu landen, in einer Zeit der Bandschwemme stilistisch von Beginn an einzigartig zu sein und an jeder Position auch für sich genommen unverwechselbare Stilisten in ihren Reihen zu haben. Gitarrist und Vordenker Paul Swarbrick erklärt uns, was man in Wigan ins Trinkwasser tut.

Paul, deine Band hat mich schwer beeindruckt. Aber kennen dürfte euch in Deutschland so gut wie niemand, daher erzähle uns doch bitte zuerst einmal, wer ihr seid und wie ihr alle in dieser Band gelandet seid!

»Wir kommen aus Wigan im Nordwesten Englands und haben 2010 – noch in einer anderen Besetzung – angefangen zu jammen. Das war im Proberaum von Alex Hurst (v.), der uns hörte und am nächsten Tag sofort dabei war. Ende 2010 kam dann mit Liam Pendlebury-Green (b.) und Stephen Arands (dr.) eine neue Rhythmussektion und das heutige Line-up war geboren. Wir wussten sofort, dass Stephen perfekt sein würde, um unseren Sound weiter zu entwickeln. Wir hatten auch diverse Anfragen von Interessenten für einen Job als zweiter Gitarrist, aber wir haben entschieden, es bei schlanken vier Leuten zu belassen.«
 
Ihr seid offensichtlich sehr fähige Musiker, die ihr Instrument nicht erst seit gestern spielen. Unter anderem sieht man in euren Studioreport, dass euer Sänger ebenfalls ein hervorragender Gitarrist ist. Muss man weitere Betätigungsfelder von euch kennen?

»Alex spielt und singt noch in zwei weiteren Bands, The Hicks und Lost Dogs. Liam war schon in diversen Bands wie Bleed The Skyline oder Saints And Numbers und spielt derzeit bei einem Pop-Punk-Trio namens Stuck Between Stories. Stephens vorherige Band Mercian Project spielten eine sehr eigenständige Variante von Prog Rock, derzeit bereitet er sein Multi-Instrumenal-Solo-Projekt vor. Alex und Stephen können ebenfalls auf hohem Niveau Bass und Schlagzeug spielen. Für mich ist BOSS KELOID die erste „richtige“ Band, ich bereite aber gerade mit Alex ein Projekt mit Namen Bruiser Adams vor. Er spielt dort Schlagzeug und ich riffe.«

Donnerwetter, das klingt wie eine Zusammenrottung von musikalisch Hochbegabten. Dennoch ist da vermutlich nichts dabei, wovon ihr leben könnt, oder?

»Nein, wir haben alle normale Jobs. Stephen arbeitet in einer Bank, Alex betreibt Proberäume, Liam ist im öffentlichen Dienst. Ich bin Architekt. Alle Zeit, die dann noch übrig bleibt, wird aber der Musik gewidmet.«

Ein Keloid ist eine Wucherung von Narbengewebe und damit nicht unbedingt eine erstrebenswerte Sache. Wie kommt man auf so einen Namen und welche Bedeutung hat er für euch?

»Er hat keine tiefere Bedeutung, er passt einfach nur zu unseren düsteren Themen und ist einem Iron-Monkey-Song entliehen.«

Was sind denn so eure Themen? Die Texte sind nicht abgedruckt, aber die Unterteilung der Platte in die Kapitel „Lechuguilla” und „Phoenix” sowie die Songtitel lassen eine gewisse Bedeutungsschwere vermuten.

»Wir drucken die Texte nicht ab, weil wir Spielraum für persönliche Interpretation lassen wollen. Aber generell spielt Surrealismus eine große Rolle in der Band. Alex' Texte sind oft derartige Umsetzungen alltäglicher Wahrnehmungen, von persönlichen Erlebnissen bis zu gesellschaftlichen Betrachtungen. Seine Songtitel habe aber oft gar nichts mit den Texten zu tun.«

Auch nach mittlerweile monatelanger Heavy Rotation fällt mir noch immer nicht ein, wie man euch treffend kategorisieren oder mit anderen Bands vergleichen kann. Was sind eure Einflüsse, worauf beruft ihr euch?

»Oh, da sind wir wirklich sehr unterschiedlich. Stephen haut sich den ganzen Tag Prog, Jazz und Fusion rein, Alex' Gesangshelden sind Mike Patton (Faith No More), Neil Fallon (Clutch) oder Al Cisneros (Sleep). Er mag den experimentellen Aspekt und sieht seine Stimme grundsätzlich eher als viertes Instrument denn als „Vorturner“ vor der Musik. Liam mag am liebsten diesen poppigen Punk oder Sachen wie Everytime I Die, während ich auf Zeug wie Keelhaul, Botch, Burnt By The Sun, Pig Destroyer, Neurosis oder Kyuss stehe.«

Oha, da hat euer Bassist aber einen schweren Stand. Seine Vorlieben sind die einzigen, die sich bei euch so gar nicht niederschlagen.

»Stimmt, wir haben aber keinen Plan, wenn wir komponieren. Wenn wir zu neuen Songs jammen, flutscht einfach alles immer an seinen Platz – das läuft bei uns ziemlich reibungslos.«

Wie habt ihr eigentlich diesen Sound hinbekommen? Es passiert in Zeiten, in denen auf den meisten Platten nur noch Imitationen von Musikinstrumenten zu hören sind, nicht oft, dass man eine derart ehrliche, knochentrockene, aber mörderfette Wand um die Lauschlappen bekommt.

»Vielen Dank, es ist sehr befriedigend für mich, dass du das sagst. Wir haben lange daran geknobelt. Ein großes Lob gebührt Mark Wainwright, der die Platte aufgenommen, gemischt und gemastert hat. Glücklicherweise waren wir uns alle einig, dass wir natürlich klingen wollten, ohne dass dabei Zwischentöne und Details verloren gehen. Alles sollte so echt, fett und zugleich transparent wie möglich sein. Mark war dabei eine große Hilfe und wenn es nach uns geht, nehmen wir die nächste Scheibe mit Sicherheit wieder bei ihm auf.«

Wo wir gerade dabei sind: Du hast mir bereits erzählt, dass ihr schon Songs für den Nachfolger schreibt. Wie wird das Resultat klingen? Seid ihr in Sachen Kontinuität eher Voivod oder Bolt Thrower?

»Wir haben sechs Songs, die schon weit entwickelt sind und bereits Texte und Titel besitzen. Wir werden unseren Pfad nicht völlig verlassen, aber es fühlt sich im Moment so an, als wären die neuen Stücke experimenteller und hätten einen größeren Prog-Einfluss, allerdings ohne dass wir an Härte nachlassen würden. Wir wollen heavier, aber auch fordernder werden und experimentieren beispielsweise mit verschiedenen Tunings oder einer größeren Spanne an Klangfarben in Alex' Stimme. Dennoch sollen die Songs schlüssiger klingen. Wir würden gern einen ähnlich großen Sprung hinlegen wie von unserer ersten EP zu „The Calming Influence Of Teeth“.«

Das wäre dann an Intensität und Wucht überhaupt nicht mehr auszuhalten, da kriegt man ja fast Angst. Und die Suche nach einem Deal dürfte diese Aussicht auch nicht einfacher machen oder? Ihr klingt jetzt schon völlig anders als alle kommerziell erfolgreichen Schablonen.

»Darum haben wir uns noch gar nicht gekümmert und es ist auch kein Fokusthema. Klar hätten wir gern ein Label, mit dem man vertrauensvoll zusammenarbeiten kann und das und bei der Promotion unterstützt. Aber im Kern wollen wir uns darauf konzentrieren, die beste Musik abzuliefern, die uns möglich ist und die wir selber mögen. Wenn wir damit auch noch das Interesse der Leute erwecken, ist das ein Bonus.«

Bei all dem Aufwand, den ihr in die Band steckt, habt ihr aber doch bestimmt Live-Pläne? Alles an euch klingt zu professionell, um lediglich als Wochenend-Meeting unter Kumpels gedacht zu sein.

»Durch unsere Verpflichtungen im richtigen Leben ist es nicht ganz einfach, Zeit für Konzerte aufzubringen, geschweige denn für eine Tour. Wir haben neulich als Support von Soulfly in Manchester gespielt und waren auch das erste Mal in London – das war natürlich toll. Derzeit konzentrieren wir uns aber auf die neue Scheibe. Dennoch, so langsam werden die Angebote zahlreicher und besser und eine UK/Europa-Tour spukt selbstverständlich in unseren Köpfen herum.«

Wir sind sehr gespannt und freuen uns schon, so richtig was vor den Keks zu kriegen – auf Platte und vielleicht auch mal live an unseren Gestaden. Die letzten Worte gehören dir, Paul. Hab ich was vergessen?

»Ich freue mich, dass unser Album bei euch so gut ankommt und bedanke mich für die Aufmerksamkeit, die ihr uns widmet! Es würde mich sehr freuen, mal in Deutschland zu spielen und zusammen ein Bier zu heben!«

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http://bosskeloid.bandcamp.com/