Zwei Leseproben aus dem Roman „Durchgerockt“ von Sören Nolte, einer Story über ein wild-verkrachtes Festivalwochenende.

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Nach einer halben Stunde mussten wir von der Autobahn abfahren. Das Festivalgelände befand sich auf einem ausrangierten Militärflughafen in der Nähe des Dorfes Torfbach. Der nächstgrößere Ort war Wiesenheim, nach dem wir uns jetzt orientierten. Die Anfahrt führte uns für die letzten dreißig bis vierzig Kilometer über Landstraßen.

„Nicht, dass wir uns noch mal verfahren“, meinte Matthias von der Rückbank.
„Ich schlafe ja nicht, ich fahre“, antwortete ich. „Und Thomas sieht auch so aus, als sei er wach.“ Ich blickte hinüber zu ihm. Er hatte die Karte im Blick und nickte mir beruhigend zu. Es konnte also nichts mehr passieren.
  Nach einiger Zeit wurde die Karte sogar überflüssig: Eifrige Helfer der Festival-Organisation hatten an jeder Kreuzung Schilder aufgehängt, die uns jetzt zuverlässig den Weg wiesen. Auf der Straße waren jetzt praktisch ausschließlich Autos unterwegs, die deutlich erkennbar auf dem Weg zum Dangerbird-Festival waren. Manche Reisende hatten den Schriftzug sogar auf die Heckscheibe oder an die Türen gemalt. Auf der entgegenkommenden Spur fuhren hingegen so gut wie gar keine Autos – abgesehen von einigen Streifenwagen der örtlichen Polizei, die die ordnungsgemäße Anreise der Festivalbesucher überwachte.

Doch plötzlich war Schluss. Der Wagen vor uns stoppte. Und so weit der Blick nach vorne reichte, ließ sich nichts als eine stehende Blechlawine erkennen, die sich durch die Landschaft schlängelte. Wo sie endete, konnte man nicht erkennen.

„Jetzt noch Stau?“, wunderte sich Thomas.

„Ist normal“, erklärte Matthias. „Die Autos stauen sich zurück vom Eingang. Da kann man nichts machen. Nur warten. Und natürlich Bier trinken.”
  Mit diesen Worten zog er eine der Dosen von der Palette auf seinen Knien und riss sie auf.

„Igitt, das ist doch warm“, sagte Anna.

„Macht nichts, ich habe Durst.“

„Gib mir auch eins!“, drehte sich Thomas zu ihm um und bekam ebenfalls eine Dose gereicht. „Schließlich sind wir ja jetzt wohl endlich angekommen!“

„Ach egal“, änderte Anna spontan ihre Meinung. „Dann nehme ich jetzt auch eins. Wird ja eh nicht richtig kühl übers Wochenende.“

Eigentlich saß ich ja noch am Steuer. Aber andererseits war bis zum endgültigen Ziel auf dem Festivalgelände auch maximal Stop-and-go-Verkehr möglich. Zumindest ein Bier würde ich auch trinken können, dachte ich, trotz der patrouillierenden Polizei. Wir stießen über der Handbremse an, Bier schäumte aus den Dosen und tropfte auf die Mittelkonsole. Aber das war jetzt auch egal. Um uns herum sah man in den anderen Autos Leute, die es ganz ähnlich machten wie wir. Andere ließen ihre Autos mit weit geöffneten Türen langsam vorwärts rollen und unterhielten sich und ihre Umgebung mit Musik aus der Anlage. Manche waren auch ausgestiegen und liefen neben den Wagen her, nach einer langen Anreise zweifellos eine angenehme Abwechslung. Teilweise wurden sogar die Motoren ausgeschaltet und das Auto per Hand vorwärts geschoben, wenn es denn ein Stückchen weiterging. Mit unserem launigen Anlasser wollten wir das allerdings lieber nicht riskieren.

Es dauerte mehr als eine dreiviertel Stunde, bis wir schließlich das Ende der Schlange sehen konnten. Vorne befand sich ein Tor, durch das jedes Auto langsam fahren musste. In Schrittgeschwindigkeit näherten wir uns. Als wir das Tor passierten, warf ein Ordner kurz einen Blick in den Innenraum des Autos und checkte, dass wir in Besitz von vier gültigen Eintrittskarten waren. Dann wies er uns den Weg zum Parkplatz und wünschte noch viel Spaß.

Kurze Zeit später erreichen wir den Campingplatz. Abermals passierten wir einen Kontrollpunkt, an dem wir unsere Eintrittskarten vorzeigen mussten und wo auch unser Gepäck nach verbotenen Gegenständen durchsucht wurde. Neben den Ordnern hatte sich bereits eine ganze Batterie an Glasflaschen angesammelt, die sie bei den Besuchern gefunden und eingezogen hatten: Von Wein und Sekt bis hin zu Ketschupflaschen war beinahe alles vertreten.

Dann betraten wir das Campingareal. Ich ließ den Blick schweifen. Überall sah man wirres Gewusel, Zelte wurden aufgebaut, Menschen lachten und riefen sich kaum hörbare Sätze zu. So weit das Auge reichte, reihte sich in wilder Unordnung Zelt an Zelt. Lediglich ein paar mit weiß-rotem Absperrband freigehaltene Wege ließen sich erkennen, die wie Schneisen zwischen dem Wald aus Zeltplanen lagen. Hier und da hatten die Camper Fahnen gehisst, die nun im Wind flatterten. In der Luft lag der Geruch von Grillanzündern und Holzkohle.

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Als ich einige Stunden später wieder aufwachte, regnete es noch immer. Die Tropfen fielen klackend und regelmäßig auf die Zeltplane. Es schüttete zwar nicht mehr ganz so wie in der Nacht, aber dem Gewitter schien ein ausdauerndes Regengebiet gefolgt zu sein. Im Zelt war es saunagleich schwül; ich schwitzte obwohl ich nicht einmal im Schlafsack lag.

Ich ließ die Augen geschlossen und versuchte, mich ein wenig zu orientieren. Mein Kopf lag hart auf meiner linken Hand. Meine rechte Hand lag weich auf etwas Rundem. Ich prüfte mit leichtem Druck den Widerstand, verlagerte die Hand ein wenig und erspürte eine sanfte Furche. Meine Hand lag zweifellos auf einem Hintern. Thomas, dachte ich entsetzt und wollte die Hand zurückziehen. Doch dann fiel mir auf, dass dieses Hinterteil für das von Thomas ganz eindeutig viel zu klein war. Ich spürte einen Anflug von Freude in mir aufsteigen. Christina. Hatte es doch noch geklappt? Aber wie war es dazu gekommen? Was hatte sich abgespielt? Und wie? Offenbar hatten sich einige Lücken in meiner Erinnerung aufgetan. Ein leichtes Ziehen im Kopf, das einen unvermeidlichen Kater ankündigte, bestätigte die naheliegende Vermutung nach dem Grund für den Gedächtnisverlust. Was hatte sich zwischen den beiden Zelten im Regen noch abgespielt?

Langsam öffnete ich die Augen, folgte mit dem Blick meinem Arm – und entdeckte einen weißen Slip mit rosafarbenem Bündchen, der sich dort angenehm über straffe Rundungen spannte. Meine Hand lag nicht auf Christinas Po, sondern auf Annas. Scheiße, dachte ich.

Ich musste mir jetzt schnell über die Situation klar werden, ganz egal, wie es überhaupt dazu gekommen war.

Offensichtlich hatte ich zumindest meine Boxershorts an, wenn auch nichts anderes. Das Tragen von Unterwäsche wertete ich zunächst mal als beruhigendes Zeichen. Anna lag neben mir ebenfalls auf dem Schlafsack statt darin, was bei der Schwüle durchaus verständlich war. Jetzt fiel mir auf, dass die Planen des Außenzeltes rot waren. Wir befanden uns also in Annas Zelt und ich mich dementsprechend an Matthias’ Platz. Aber wo war der? Die Angelegenheit war äußerst seltsam und gab durchaus Anlass zur Sorge. Langsam zog ich meine Hand weg.

Die Bewegung wurde von Anna mit einem missbilligenden Geräusch quittiert. Sie regte sich und drehte sich auf den Rücken. Ich hielt den Atem an und wagte nicht, mich zu rühren. Mein Blick ruhte noch immer dort, wo sich eben noch meine Hand befunden hatte. Aber durch ihre Drehung schaute ich nun nicht mehr schräg auf ihren Hintern – sondern direkt auf ihren mit engem Stoff verdeckten V.I.P.-Bereich. Der obere Saum des Höschens bildete knapp über der Scham eine waagerechte Linie; und was darunter lag, ließ sich mehr als deutlich erahnen. Christina war urplötzlich vergessen …

Mehr in „Durchgerockt“, erschienen im Schardt-Verlag, 10 Euro.

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