Online-MegazineInterview

WARDRUNA

Dock keine Götterdämmerung!

WARDRUNA

Einar Selvik spricht über sein vielschichtiges und viel beachtetes Projekt WARDRUNA, über die Anfänge des Black Metal, bezeichnet sich selbst als „History-Nerd“ und erzählt, wieso er nicht so gerne auf der Bühne steht, wie er Musik kreiert und warum er sich im Winter in einen eisigen Fluss setzt oder leicht bekleidet die schneebedeckten Berge Norwegens besteigt.

Einar, euer aktuelles Album “ Ragnarok” mit dem ihr gerade auf Tour seid, ist das Ende der Runen-Trilogie. Du hast dieses Album aber nicht nur als Ende, sondern auch als Anfang bezeichnet. Wie meinst du das?

»Die Bezeichnung Ragnarok (Die Sage von Geschichte und Untergang der Götter) ist in der christlichen Terminologie anders besetzt, als es in meinem Verständnis der Fall ist und stiftet Verwirrung, weil sie immer noch häufig und fehlerhaft mit Götterdämmerung übersetzt wird. Der altnordischen Mythologie nach heißt Ragnarok aber Schicksal der Götter. Meiner Empfindung nach bildet dies ein zirkuläres Denken ab, und nicht wie in der christlichen Tradition ein lineares Denken. Ich sehe mein gesamtes Werk (Ragnarok inbegriffen) als Kreis und somit immer gleichzeitig als Anfang und als Ende. Viele Menschen haben von diesem Album erwartet, dass es sehr düster und destruktiv wird, aber ich finde das nicht besonders interessant. Ragnarok startet zwar mit dem Ende, geht dann aber ziemlich schnell zu einem Neuanfang über. Der Fokus bei dieser Arbeit liegt nicht auf Zerstörung und Krieg, sondern auf dem, was sich wieder aus der Asche erhebt.«



Könnten WARDRUNA auch als Botschafter des altnordischen Kulturerbes verstanden werden? Wenn sogar die norwegischen Regierung euch gefragt hat, ein Stück basierend auf der nordischen Historie, zu verfassen...

»In erster Linie, tue ich das, was ich tue, weil ich es mag, und nicht, um jemandem zu Gefallen, einen Zweck zu erfüllen oder zu predigen. WARDRUNA ist ein Projekt, in dem es vor allem um die Kommunikation der Historie geht. Dafür bekommen wir natürlich Aufmerksamkeit, weil die Leute merken, dass wir unseren Anspruch an die Geschichte und das Material auf der es basiert oder den Umgang mit unseren Instrumenten sehr ernst nehmen. Aber wir machen Musik, die relevant für ein zeitgenössisches Publikum, für den heutigen Menschen ist.«

Was ist das für ein Gefühl, diese traditionellen Instrumente in einem ganz anderen Kontext zu benutzen und somit etwas völlig neues mit ihnen zu schaffen? Bekommt ihr dafür auch Kritik?

»Nicht, das ich wüsste (lacht). Nur, wenn Leute denken würden, dass wir Wikinger-Musik machen. Aber dann hätten die Menschen einfach nur nicht verstanden, worum es WARDRUNA geht. Wir wollen die historischen Instrumente nutzen, auch die alten Ideen und Konzepte, um damit etwas Neues zu kreieren und nicht einfach etwas Vergangenes nachahmen. Natürlich bringen die Instrumente, die wir benutzen, auch ihre Einschränkungen bzw. Besonderheiten mit, in der Hinsicht, was wir mit ihnen tun und hervorbringen können und was nicht. Anders verhält es sich mit der Musik, die ich für die Serie “Vikings” geschrieben habe und schreibe. Da versuche ich schon, authentische Musik der Zeit zu schreiben, die dort abgebildet wird. In meinen Soloprojekten verfolge ich noch einmal andere Spuren der Authentizität, wenn ich beispielsweise altnordische Poesie performe.«



Wie passt diese Faszination für Vergangenes in eine moderne technisierte Gesellschaft?

»Ich denke, dass vieles davon gut zusammen passt. Andererseits sind manche Dinge auch völlig egal geworden. Deine Wurzeln zum Beispiel sind überhaupt nicht mehr relevant nur, weil es deine  Wurzeln sind. Es gibt aber Aspekte, die vielleicht in unserer heutigen Gesellschaft immer wichtiger werden, weil wir es mehr brauchen. Wie unsere Beziehungen zur Natur, zu anderen Menschen und zu etwas, das größer ist als du selbst. Darum geht es viel in meiner Musik, um diese Verbundenheit und das ist vielleicht auch der Grund, warum viele Menschen darauf so stark reagieren. Sie können daran anknüpfen, die Musik erlaubt es ihnen, sich zu erinnern.«

Die Musik von WARDRUNA lässt sich kaum mit der anderer Künstler vergleichen, sie hat etwas wildes, ungezähmtes und melancholisches. Sie muss sich dem Zuhörer erst erschließen. Warum glaubst du, seid ihr so erfolgreich?

»Ich denke, diese Themen, die alten Gedanken und die Natur selbst sind universell und vor allem grenzenlos. Sie sind unabhängig von dem sozialen oder kulturellen Background oder Alter. Es ist wichtig, und ich glaube, die Menschen haben ein starkes Bedürfnis, sich daran wieder zu erinnern und anzuknüpfen. Auch wenn ich es in dieses nordische und altnordische Gewand hülle, sind das einfach universelle Themen, die die Menschen berühren.«

Denkst du, das Publikum sucht in der Kunst oder besonders in der Musik nicht nur nach purem Entertainment sondern will auch intellektuell gefordert werden?

»Ja. Ich denke, vor allem Menschen die WARDRUNA hören, tun dies aus ganz unterschiedlichen Gründen. Manche aus religiösen, spirituellen - andere aus emotionalen Gründen oder einfach weil sie die Musik mögen. Sie können bei uns anknüpfen. Mit geht es darum, mit meiner Musik einen neutralen vielleicht sogar heiligen Ort zu schaffen, den viele Menschen aus unserer heutigen Gesellschaft vermissen, egal ob sie aus der christlichen, muslimischen oder mehr spirituellen Tradition kommen. Ich denke, die Menschen haben ein großes Verlangen danach, sich zu erinnern, dass sie Teil eines Größeren, eines Ganzen sind, und mit dem Ort auf dem wir leben verbunden sind.«

Ich habe gelesen, dass du dich extremen Situationen aussetzt, um deine Musik zu schreiben. (z.B. dich im Winter in einen eisigen Fluss setzt, oder kaum bekleidet einen verschneiten Berg besteigst). Ist es für deinen kreativen Prozess notwendig, dich diesen Grenzerfahrungen auszusetzen?

»Das hängt davon ab, was der Song braucht oder in dem Fall, die zu interpretierende Rune, um die es in dem Song gerade geht. Alle unsere bisherigen Alben basieren ja auf den verschiedenen Runen und dem Versuch, sie zu interpretieren. Deshalb verlangen sie auch alle etwas anderes, um sich ihnen zu nähern. Das kann ein besonderer Ort sein, an dem wir aufnehmen oder ein relevantes Geräusch, Instrument oder Material, das wir benutzen. Die Runen zu erfassen, kann auch ein emotionaler Prozess sein und einem viel abverlangen. Das gehört aber alles zu dem kreativen Konzept, das hinter jedem Album steht. Es ist Musik, die mehr ist als nur Musik, Weltmusik. Es geht und ging schon immer darum, was dahinter steht, an Bedeutung, Spirit oder Magie. Ich denke auch in den frühen Anfängen des Black Metal ging es genau darum. Nicht um Technik, nicht wie schnell du ein Riff spielen konntest oder wie gut deine Gitarre klang. Das war alles zweitrangig. Sondern es ging um das, was dahinter ist, wie die Atmosphäre, die Bedeutung, den Geist, der die Musik erfüllt hat. Das sieht man heute weniger.«  

Welche Musik oder Künstler beeinflussen und inspirieren dich?

»Uh (lacht). Das ist keine einfache Frage, die ich so spezifisch gar nicht beantworten kann. Seitdem ich selbst viel Musik mache, also eigentlich seit zehn Jahren, höre ich ziemlich wenig Musik. Manchmal denke ich, meine Ohren haben keine freie Kapazität mehr und können nichts mehr aufnehmen. Aber wenn ich Musik höre, kann es alles sein, von traditioneller Musik, Weltmusik, Klassik, Pop oder Metal. Das Genre ist egal, Hauptsache es hat etwas, das mir gefällt. Alles beeinflusst uns irgendwie. Es gibt einige Passagen in meiner Musik, die mich an Musik aus meiner Kindheit erinnern.«  

Einen Teil der traditionellen Instrumente hast du selbst gebaut sowie dir das Spielen auf ihnen beigebracht. Hattest du dabei Hilfe? Wie hast du dich vorbereitet?

»Als ich angefangen habe, mich damit zu beschäftigen und WARDRUNA gegründet habe, gab es nicht viele Menschen, die mit historischen Instrumenten gearbeitet oder sich dafür interessiert haben. Das ist erst in den letzten fünf bis sechs Jahren explodiert. Also musste ich selber experimentieren. Ich bin in Museen gegangen und  habe alles darüber gelesen, was es gab. Ich habe mich viel mit älteren Menschen getroffen, die sich damit auskannten. Wenn ich Zeit habe, probiere ich immer noch, Instrumente zu bauen, wie Knochenflöten, Trommeln, Hörner von Ziegen oder Kühen etc. Da war eine Menge Ausprobieren, Scheitern und Weiterprobieren nötig. Das hat viel Zeit gekostet.«

Wir haben vorhin schon über deine Faszination für die nordische und altnordische Kultur gesprochen. Zu diesen Themen gibst du auch Workshops. Wie können wir uns das vorstellen? Was möchtest du den Menschen dort vermitteln?

»Ich habe über die Jahre viele verschiedene Dinge gemacht. Z.B. esoterisches Training und über die verschiedenen Aspekte nordischer Magie gesprochen. Ich habe mich diesen Themen aber mehr mit einem praktischen Ansatz angenähert. Zurzeit halte ich viele Vorträge zur altnordischen Historie, insbesondere über meinen eigenen Zugang zur historischen Musik, die Instrumente, die ich benutze, als auch eine Variation an Themen der altnordische Geschichte oder die verschiedenen esoterischen Traditionen, die uns erhalten sind. Das Material ist teilweise sehr fragmentarisch überliefert, also müssen wir auch über unseren eigene Zugangsweise sprechen. Es ist eine Mischung aus dem historischen Material und meinen eigenen Gedanken und Erfahrungen in diesem Bereich. Mich interessiert das seit zwanzig Jahren und man könnte mich als eine Art „History-Nerd“ bezeichnen. In diesem Sommer habe ich z.B. an der Oxford-University einen Vortrag gehalten und mich mit den führenden Experten für nordische Poesie ausgetauscht.«

Du klingst wie eine sehr beschäftigte Person. Kannst du es überhaupt genießen, auf Tour zu sein?

»Haha, ja, das bin ich. Aber zum Glück mag ich meinen Job. Auf Tour zu sein, verlangt mir aber auch viel ab, weil meine Musik sehr persönlich ist, muss ich körperlich und geistig anwesend sein. Ich kann keine halben Sachen abliefern. Ich versuche, es mehr und mehr zu genießen, auf der Bühne zu stehen. Zu performen ist nicht das, was ich am liebsten tue. Am meisten liegt es mir, Musik zu kreieren und zu schreiben. Trotzdem ist es eine wundervolle Sache, Konzerte zu spielen.«

Du trittst zurzeit auch viel mit deinen Soloprojekten, z.B. am 21. Dezember im Wikingerschiffsmuseum in Oslo auf. Was ist an diesen Auftritten anders als an denen mit WARDRUNA?

»Es ist ein ganz anderes Gefühl, alleine zu spielen. Es ist intimer und man ist viel  verletzlicher. Ich mag beides, obwohl es sich komplett anders anfühlt. Ich muss mich sehr konzentrieren auf das, was ich tue.«  


Hast du noch ein paar abschließende Worte für die Leserschaft?

(Er lacht:) »Nein, besser nicht. Ich weiß immer nicht, was ich abschließend Kluges sagen soll. Also lasse ich das lieber.«

 

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