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SONS OF MORPHEUS

Die 500-Euro-Taxifahrt

SONS OF MORPHEUS

Frei nach dem Motto „Zurück in die Zukunft“ zaubert das sympathische Schweizer Trio SONS OF MORPHEUS auf seinem selbstbetitelten Debüt einen innovativen, rohen Sound irgendwo zwischen einem psychedelischen Gestern und einem rockigen Heute. Gerade erst mit dem Band-Van zur Show in Köln eingetrudelt, trafen sich die Eidgenossen Lukas Kurmann (b.), Manuel Bissig (v. & g.) und Simon Gautsch (dr.) mit Rock Hard zum Plausch.

Vor SONS OF MORPHEUS wart ihr unter dem Namen Rozbub unterwegs und habt Musik mit Texten auf Schweizerdeutsch gemacht. Wie kam es zu dem Sprach- und Namenswechsel?

Lukas: »Rozbub war eigentlich Manuels Soloprojekt und Simon und ich waren sozusagen seine Band. Wir waren sehr viel unterwegs und haben irgendwann gemerkt, dass sich ein neuer Sound entwickelt hat und wir zu einer Band zusammengewachsen waren. Wir wollten unbedingt weiterhin on the road sein und das nicht nur in der Schweiz. Letztes Jahr waren wir als Rozbub einen Monat lang mit Karma To Burn auf Europatournee und haben mit Ex-Basser Rich Mullins über unsere musikalische Zukunft gesprochen. Wir kamen zu dem Ergebnis, dass man eine Band ruhig umbenennen kann, wenn sich der Sound verändert hat. Dass wir die Sprache gewechselt haben, war für uns einfach stimmiger, wenn wir in ganz Europa unterwegs sind.«

Manuel: »Schweizerdeutsch ist eben limitiert auf die Schweiz. Sich in dieser Art Musik, die wir machen, selbst Grenzen zu setzen, wäre einfach schade.«

Lukas: »Man hat uns nicht verstanden. Es war aber nicht so, als hätten die Leute sich darüber beschwert, denn ihnen gefiel die Energie hinter der Musik. Genau deswegen wollten wir die Musik dem Publikum auch textlich zugänglich machen.«

Wie kam es dazu, dass ihr euer SONS OF MORPHEUS-Debütalbum in Arizona aufgenommen habt?

Simon: »Das ging auch wieder über Rich Mullins. Er hat uns an den Producer Jim Waters vermittelt, weil er wusste, dass Jim unseren Sound genau umsetzen kann.«

Manuel: »Jims Philosophie, was die Aufnahme von Musik betrifft, passt perfekt zu uns. Das war wirklich das Beste, was wir hätten machen können. Wir waren zwei Wochen lang mit ihm in seinen Waterworks Studios. Bei Jim gibt es keinen technischen Schnickschnack, nur eine Bandmaschine. Wir haben unsere Songs also live eingespielt, um die Live-Energie auch auf Platte zu bannen.«

Lukas: »Wir waren sowieso gerade in den Staaten, denn wir haben unter anderem bei der Musik-Convention Musexpo in Hollywood gespielt. Also haben wir unsere Connection mit Rich reaktiviert und er hat uns gleich an Jim verwiesen.«

Wie hat Produzent Jim Waters, der beispielsweise schon mit Sonic Youth gearbeitet hat, die Arbeit an eurem Album denn beeinflusst?

Manuel: »Gleich zu Beginn haben wir ein bisschen gespielt und dann mit Jim besprochen, wie wir eigentlich klingen wollen und was die Idee hinter der Band ist. Wir wollten, dass Jim für diese Zeit sozusagen das vierte Bandmitglied wird und er unserem Sound auch seinen Stempel aufdrückt.«

Lukas: »Man darf sich Jims Mischprozess nicht so vorstellen, dass er ein paar Knöpfchen dreht, alles am Computer einstellt und am Ende kommt der fertige Mix raus. Es ist eine Session – da werden ein paar Einstellungen vorgenommen und dann geht’s los. Während die Bandmaschine lief, hat er den Mix mit Effekten bearbeitet. Bei ihm war es manchmal so, wie bei uns beim Aufnehmen: Er hat damit begonnen, das Band zu bearbeiten, gemerkt, dass er etwas verändern oder besser machen könnte und noch einmal von vorne angefangen.«

Manuel: »Bei unserem Song 'Psilocybin' hat er, während wir aufnahmen, die Knöpfe gedreht und sich richtig vom Lied mitreißen lassen. Das ist eine wahre Kunst und Jim lebt es voll und ganz. Er ist quasi der beste Bandmaschinen-Operator im ganzen Wilden Westen!«

Wenn ihr das Album in zwei Wochen aufgenommen habt, hattet ihr überhaupt vorher Zeit für das Songwriting?

Manuel: »Nein. Ich glaube, das waren so ungefähr zwei Monate, die wir für die Songs hatten. Das war auch das Schöne daran – wir hatten keine Ahnung, was uns erwartet. Welche Songs wollen wir aufnehmen und wie klingen die dann? Wir haben so viel Material wie möglich gesammelt und dann diesen Studio-Livemitschnitt rausgehauen. Das war wirklich spannend, da sich gewisse Songs während der Arbeit im Studio von einer ganz anderen Seite gezeigt haben. Also, es war natürlich kein Konzeptalbum, für das wir uns ein Jahr Zeit genommen haben, wir haben einfach Songs geschrieben und im Studio drauf losgespielt.«

Habt ihr denn vor, die anderen Alben auch so anzugehen?


Lukas: »Beim Songwriting haben wir jetzt noch viel mehr Input bekommen, den wir verarbeiten wollen. Dafür brauchen wir auf jeden Fall mehr Zeit. Der Aufnahmeprozess an sich allerdings war so genau richtig, daran möchten wir nichts ändern.«

Manuel: »Oft brauchen Songs, um wachsen zu können, einfach mehr Zeit, die wir uns für's nächste Album nehmen werden. Trotzdem war es für unser Debüt genau das Richtige.«

Ich finde, dass euer Album in seiner Gesamtheit und am Stück am besten funktioniert.

Manuel: »Ja, oder? Fast wie eine Liveaufnahme!«

Lukas: »Wir haben die Tracks auf jeden Fall auch bewusst so angeordnet. Es startet mit den treibenden Rock-'n'-Roll-Songs, in der Mitte des Albums kommt eine Zwischensequenz mit groovigen Stücken wie 'My Baby Likes To Boogaloo', als nächstes folgt das atmosphärische 'Tsunami' und mit dem zehnminütigen, psychedelischen 'Psilocybin' wird das Album abgerundet.«

Noch einmal zurück zu eurer Amerikareise: Wie war es denn in L.A. zu spielen?

Lukas: »Es ist einfach eine ganz andere Welt. Alleine schon im Bezug auf die Crews, die dort in den Clubs arbeiten. In der Schweiz hören wir oft Dinge wie „Ihr seid zu laut!“ oder „Das können wir so nicht machen!“ und so weiter. Das haben wir dort überhaupt nicht erlebt. Außerdem haben wir mit dem schweizerischen Technikern schon oft das Problem gehabt, dass sie ihren Job zwar gut gemacht haben, aber eigentlich keine Ahnung hatten, wie wir klingen sollen. Man merkt, dass die Musik drüben verwurzelt ist, denn jedes Mal war bei den Auftritten in L.A. gleich unser Sound da.«

Manuel: »Das war wirklich der Höhepunkt unserer jungen Bandgeschichte. Wir haben bei der Musexpo gespielt und wurden gleich zur Band der Convention gekürt. Das ist bei der Menge an Bands, die dort spielen natürlich eine große Ehre!«

Vollblutmusiker seid ihr auf jeden Fall, aber auch Vollzeit?

Manuel: »Heutzutage allein von der Musik zu leben, ist wirklich nicht einfach. Es kostet alles unglaublich viel, die Alben, die Touren...«

Lukas: »Im Moment sind wir noch im Aufbauprozess. Die Band wirft zwar schon Geld ab, aber der Gewinn wird eigentlich immer gleich wieder ausgegeben, um Promotion zu machen oder eben Touren, wie die in die USA, zu unternehmen. Wenn wir nicht auf Tour oder im Studio sind, müssen wir schauen, dass wir einen Job finden, um in dieser Zeit Geld zu verdienen. Das ist aber natürlich nicht einfach. Wir bemühen uns, unsere Jobs zu behalten, aber verständlicherweise haben die Arbeitgeber lieber jemanden, der vor Ort und verlässlich ist. Sicher arbeiten wir darauf hin, dass wir mehr Zeit und Kapazitäten der Musik widmen können. Aber hey, diese Herausforderungen gehören einfach dazu!«

Manuel: »Vielleicht gewinnen wir ja bald im Lotto oder so...«

Irgendetwas geht auf einer Tour grundsätzlich immer schief. Gab es schon Pannen?

Lukas: »Eine wortwörtliche sogar! Letztens, nach einer Show in Deutschland, musste unser Bus in die Werkstatt, da der Keilriemen gerissen war. Unsere Versicherung wollte uns dann ein Mietauto vermitteln, aber aufgrund des Bahnstreiks war kein einziger Wagen mehr verfügbar. Also schickte uns die Versicherung ein Taxi und wir fuhren von Deutschland nach Hause in die Schweiz. Letztlich standen über 500€ auf dem Taxameter, die aber zum Glück die Versicherung übernommen hat! Im Nachhinein war die Aktion eigentlich total witzig. Während wir auf das Taxi warteten, haben wir Stühle ausgepackt und ein Bier-Picknick veranstaltet. Klar, irgendwelche blöden Situation gibt es immer, aber man muss das Beste daraus machen. Das macht es eben spannend!«

Die gemeine Frage zum Schluss: Welches Album hättet ihr selber gern geschrieben beziehungsweise daran mitgearbeitet?

Lukas: »Eindeutig das „White Album“ der Beatles!«

Simon: »„10,000 Days“ von Tool oder das Debütalbum von Rage Against The Machine.«

Alle: »„Songs For The Deaf“ von Queens Of The Stone Age. Das ist einfach eine geniale Scheibe!«

Manuel: »Um ehrlich zu sein: Das Debütalbum von Tenacious D! Die Platte ist einfach geil. Als ich „Tenacious D“ zum ersten Mal gehört habe, war ich hin und weg, weil mir da bewusst geworden ist, wie viel Humor man eigentlich in klasse Songs unterbringen kann. Man merkt einfach, dass die Jungs Spaß an ihrer Musik und ihren Texten haben. Und Spaß muss immer dabei sein, es ist nicht gut, sich selbst zu ernst zu nehmen.«

 

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Pic: Silvio Zeder (Promo)