Online-MegazineInterview

DER WEG EINER FREIHEIT

Der ursprüngliche, reine Geist

DER WEG EINER FREIHEIT

Wie bei vielen einheimischen Black-Metal-Bands der musikalischen Oberklasse polarisieren auch die deutschen Texte von DER WEG EINER FREIHEIT. Bassist/Gitarrist Nikitia Kamprad juckt es nicht, dass sich in manchen Foren auch über das zweite Album „Unstille“ das Maul zerrissen werden wird.

Der Titel „Unstille“ impliziert nicht automatisch Lärm, Krach, Chaos und Aufruhr. Schließlich ist Stille absolut, jeder kleine Laut kann sie durchbrechen. War diese feine Abstufung beim Festlegen des Titels von Bedeutung?

»Bei dem Titel liegt die Betonung in erster Linie auf dem Lauten, Unruhigen, Stürmischen, was meiner Meinung nach den Charakter des Album hauptsächlich prägt. Aber Du hast Recht, wenn du bei dem Titel auch an Stille und Ruhe denkst. Das Wort vereint zwei Extreme in sich und genau dies wollten wir auch musikalisch auf dem Album ausdehnen. Sprich die Bandbreite zwischen laut und leise, ruhig und aggressiv erweitern. Bestes Beispiel wäre hier der Song 'Vergängnis'. Auch im Artwork findet sich dieser Kontrast wieder: das Zeichen in der Mitte als meteorologisches Symbol für Unwetter mit Sandsturm, was ein sehr lautes Szenario darstellt, eingebettet in einem gegliedertem Gesteck aus Pflanzen, was Ruhe und Ordnung ausstrahlen soll.«

Habt Ihr Euch damit abgefunden, als die Tocotronic oder Blumfeld des Black Metal betrachtet zu werden – die irgendwie unrockbaren intellektuellen Schnösel? Diese Abwehr aus manchen Szenekreisen (vulgo: Internetforen) verwundert, da doch gerade im Black Metal, wie er in den 1990ern erneut aufkam, beide Extreme vorhanden waren: primitivste Phrasendrescherei nach altem Venom-Augenmaß und intelligente Texte und Aussagen nach Mercyful Fate/King Diamond-Vorbild.

»Ich kann Texten im Allgemeinen nicht so viel abverlangen wie der Musik an sich, weshalb ich mir die Lyrics einer Band nicht so oft ansehe. Ich wüsste daher nicht, über was die 90er-Jahre-Black-Metal-Band X auf Album Y singt, genauso bei aktuelleren Bands, auch wenn ich deren Musik vielleicht gut kenne. Beim Songwriting kommt alles so wie es eben kommt und ich bin gar nicht darauf aus, es in eine bestimmte Richtung zu lenken. Wenn mir das Endprodukt zusagt und auch meine Kollegen zustimmen, dann ist ein neuer Song geschaffen, ansonsten wird er eben umgeschrieben oder verworfen. Einen bestimmten Einfluss, von dem ich sagen würde „so wollen wir klingen“, gibt es nicht. Ich verstehe nicht ganz, warum von vielen immer eine Verbindung zum traditionellem Black Metal gesucht wird, während genau diese von bestimmten Personen auf Teufel komm raus verneint wird. Langsam nervt das ewige Rumgetue natürlich schon, da es ja jetzt schon über ein paar Jahre so geht, jeder seine eigenen Interessen und Vorlieben hat, aber nur ganz selten ein gemeinsamer Nenner gefunden wird.«

Eure letzte EP erinnert der Dynamik wegen an die frühen Sun Of The Sleepless: Nordische Raserei trifft auf schwere Riffs wie auch regelrecht meditative Stimmungen.

»Sun Of The Sleepless war zwar kein direkter Einfluss auf unsere Musik, aber ich schätze die Musik sehr und höre sie gerne. Auch Empyrium haben ein paar Songs, die unter die Haut gehen und eine unglaubliche Atmosphäre erzeugen.«

Ist  Eure Tendenz zum schwedischen – ergo melodischeren, verspielten – Black Metal intendiert oder Zufall?

»Dissection war mit Sicherheit ein großer Einfluss auf unsere Musik, auch wenn ich sie erst seit wenigen Jahren intensiver höre als früher noch. Außerdem sind nach wie vor Dark Funeral oder Marduk hoch im Rennen und werden immer wieder gern gehört.«

'Lichtmensch' hat dagegen einen schön verworrenen Mayhem-Auftakt – gerade die sich verschiebenden Riffs bis zum ersten Gesangseinsatz. Der Titel klingt als Wort zunächst positiv, das Ende des Textes allerdings erinnert an die Tragik von Ikarus.

»Interessant, dass Du die Ikarus-Geschichte auf den Song anwendest, aber als Vorlage diente diese nicht. Ein Lichtmensch beschreibt die Kehrseite eines Menschen, der sein gesamtes Leben nur auf dekadente, destruktive, „unmenschliche“ Weise geführt hat und sich dessen erst bewusst wird, wenn es zu spät ist – kurz vor dem Tod. Die leere Menschenhülle verkommt und es bleibt der Lichtmensch, man könnte auch sagen der ursprüngliche, reine Geist bzw. spirituell gesehen seine Seele, übrig. Jeder Mensch ist auf irgendeine Weise dem Tode geweiht, wenn auch auf die natürliche Art. Wichtiger ist aber, was in der Zeit vor dem Ende passiert bzw. was man aus seinem Leben macht.«

Identifizieren sich Hörer aus dem Ausland lieber mit tiefgründiger Lyrik, die mit der Musik atmosphärisch Hand in Hand geht, oder mit einem Party-Image?

»Im nicht-deutschsprachigen Raum ist es natürlich eher schwierig, Texte zu vermitteln, die das Publikum nicht auf Anhieb verstehen kann. Dann hat man es als Partyband natürlich etwas einfacher, da so etwas doch schneller bei den Leuten zieht. Den alternativen und viel wichtigeren Weg sehe ich aber darin, eine Verbindung durch die reine Musik zu schaffen und es gibt in der Tat viele Bands, die dazu im Stande sind.«

Das blau-transparente Vinyl mitsamt Bonus-Single ist auf nur 250 Einheiten limitiert. Wollt Ihr Vinyl-Junkies belohnen?

»Die Auflagen sind eigentlich gleich geblieben, es gab in der ersten Pressung immer 500 Stück – nur die Aufteilung ist etwas anders. Vorher gab es eine 100/400er Auflage, wobei die 100er Edition meistens schon innerhalb weniger Tage vergriffen war. Dieses Mal gab es eben eine auf 250 Stück limitierte Auflage inkl. Bonus 7“ und eine normale, weiße Vinyl-Version, die ggf. auch nachgepresst wird.«

Werden 'Wacht' und 'In die Weiten' auf alle Ewigkeit exklusiv bleiben?

»Exklusiv werden die beiden Bonustracks in dem Sinne schon nicht bleiben, da sie in Kürze sicherlich auf Youtube und Co. landen. Dass sie noch mal auf eine zukünftige Veröffentlichung kommen, glaube ich eher nicht. Zumindest ist da nichts geplant.«

Was hast Du Dir zuletzt für die eigene Sammlung gegönnt?

»Mein letzter Einkauf waren die sogenannten „Living Room Songs“ von Ólafur Arnalds und die neue Membaris im netten Digibook.«

Was haltet Ihr von Neueinspielungen oder einem Re-Release des Frostgrim-Materials?

»Frostgrim war damals das Baby unseres Sängers Tobias – er war Bandkopf und Songwriter und war auch für die Texte verantwortlich. Ich stieß erst im letzten halben Lebensjahr zur Band und steuerte nur ein bis zwei Riffs für einen Song bei, aus dem später 'Ewigkeit', der Opener auf unserem Debüt, entstanden ist. Musikalisch und lyrisch muss man die beiden Bands daher schon trennen, da zwei unterschiedliche Köpfe dahinter stecken. Auch wenn sich beides natürlich im melodischen Black Metal bewegt.«

„Unstille“ war eine Woche vor der Veröffentlichung als kompletter Online-Stream greifbar. Welche Erfahrungen habt Ihr damit gemacht?

»Wir haben schon bei „Agonie“ einen Full-Stream laufen lassen. Auch dieses Mal hat es sich bewährt und das Feedback war durchweg äußerst positiv. Mittlerweile kann man solch einen Stream zwar recht einfach „rippen“, wodurch man das Album ein paar Tage später schon komplett runterladen konnte, aber damit haben wir eigentlich weniger Probleme. Einen abrupten Absturz bei den Verkaufszahlen konnten wir nicht feststellen, eher im Gegenteil – ich denke, wir haben damit die Leute, die vielleicht noch gezweifelt haben, überzeugen können. An sich finde ich die elektronische Vermarktung von Musik eine gute Sache, nur darauf konzentrieren würde ich mich nicht, da ich selbst immer noch viel mehr Wert auf einen physischen Tonträger lege. Wenn ich eine persönliche Bindung an ein Album oder auch nur einen Song spüre, möchte ich auch etwas von der Band oder dem Künstler in der Hand haben, Dateien sind dafür kein Ersatz. Und eine ansprechende Verpackung macht ein Album da natürlich noch etwas schöner.«

Kreator-Fronter Mille Petrozza ist voll des Lobes über Euch. War er eher als Charakterkopf oder als Musiker und Texter ein Vorbild in Euren Jugendjahren? Eine besondere Thrash-Affinität ist den bisherigen Songs nicht anzumerken.

»Ich persönlich kenne nicht viel von Kreator, aber unsere beiden Tobiasse (Gesang/Schlagzeug) haben unter anderem mit der Musik von Mille und Co. das Gitarrenspielen angefangen und vor allem „Extreme Aggression“ ziemlich abgefeiert. Thrash habe ich früher viel gehört, mittlerweile kann ich eher weniger damit anfangen.«

Würzburg entwickelt sich mit der Posthalle immer mehr zum Metal-Epizentrum mit vielen unterschiedlichen Gigs und Festivals – das KIT hatte dort vorbeigeschaut, das Hammer Of Doom und Metal Assault (vorher Thrash Assault) fanden eine Heimat, nun kommt auch der Way Of Darkness-Nachfolger Hell Inside dazu. Wird die Studentenstadt dem auch mit ihren eigenen Bands gerecht?

»Wir leben sehr gerne in Würzburg. Der Kern der Band, sprich Tobias (Gesang) und ich sind dort auch geboren. Im Moment sind weder wir, noch unsere drei Kollegen aus dem Schwarzwald (Tobias – Drums, Sascha – Live-Gitarre, Giuliano – Live-Bass) Studenten. Aber die Vermutung liegt natürlich nahe, da der Studentenanteil in Würzburg gemessen an der Einwohnerzahl sehr hoch ist. Es gibt ein paar Würzburger Bands, denen man durchaus Potential zusprechen kann. Das ist musikalisch aber komplett gemischt, viel Metal gibt es hier nicht. Ich bin mal gespannt, was aus dem Hell Inside Festival wird, das Billing liest sich schon ganz gut. Jedoch gibt es auch im Underground ein paar sehr coole Locations und Konzerte, die einen Besuch allemal wert sind.

 

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Den ergänzenden Interviewteil aus Ausgabe 304 findet ihr hier.

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