Online-MegazineInterview

LANTLÔS

Der Farbenrausch

LANTLÔS

LANTLÔS und Farben? In der Tat präsentiert sich die einstige Post-Black-Metal-Hoffnung mit dem vierten Album musikalisch weit von den ersten Releases entfernt, was laut Kreativkopf Markus in der natürlichen, menschlichen Entwicklung begründet liegt. Wir besuchten ihn im bandeigenen Studio in Rheda und durchleuchteten die Entstehung des warmen und tiefenentspannt-rauschhaften „Melting Sun“.

Markus, allgemein vorweg: Wo liegen für dich selbst denn die wesentlichen Unterschiede zwischen LANTLÔS 2011 und 2014?

»Ich finde, dass das im Kern schon was anderes ist, aber so von der Vorgehensweise her habe ich da nichts anders gemacht als sonst. Nur die Sachen, die mich im Leben beschäftigen und bewegen, haben sich stark verändert, was sich auch in den Songs widerspiegelt. Ein Unterschied ist, dass bei Melting Sun auch mein Drummer, Felix, mitgewirkt hat. Besonders bei der Produktion war er eine große Hilfe und hat das ganze Album mit einer kleinen Melodie hier, einer anderen Idee da und der Soundgestaltung mit geprägt.«

Du bist positiver geworden.

»Ja, zum Glück. Sehr viele meinen, es sei düster und das finde ich überhaupt nicht. Vielleicht ein bisschen weird an manchen Stellen, aber wenn die Leute mir sagen, was für ein hammer-düsteres Album „Melting Sun“ wäre, frage ich mich, was die da gehört haben? (lacht)«

Den Vorgänger „Agape“ hast du als ziemlich finster bezeichnet und das ist jetzt fast drei Jahre her. Man macht als Hörer oft den Fehler, das Releasedatum einer Platte mit dem aktuellen Stand des Musikers gleichzusetzen.

»Das stimmt. Aber es war bei mir auch immer so, dass ich schon das nächste Album fertig hatte, als das davor erschienen ist. Das ist ziemlich scheiße, weil du dann schon ein ganz anderer Typ bist, dich mit anderen Dingen auseinandersetzt und die Sachen beim Release einfach nicht mehr aktuell für dich sind.«

Wie hat sich die Sache mit Low City Rain (Markus' 80er Wave-Sideproject, ms) denn bei dir ausgewirkt?

»Hm, die Low-City-Rain-Phase war eine mega-komische Zeit bei mir. Ich hatte ein Mädchen kennengelernt, in das ich mich ein bisschen verguckt habe. Das gab einfach neue Impulse. Außerdem habe ich die ganze Zeit New Wave, Cold Wave und so 'nen Kram gehört und tierisch Bock, so was selbst zu machen. Was man gern hört, will man auch selbst machen, so ist das eben immer. Auf LANTLÔS hatte das eigentlich keinen Einfluss, weil die „Melting Sun“ vor Low City Rain entstanden ist. Auch wieder so 'ne Release-Sache.«

Du hast mittlerweile den ganzen Gesang allein übernommen.

»Also Gesang hat viel mit Scham zu tun. Also nicht das französische „Charme“ (lacht), sondern das Deutsche. Man muss sich einfach trauen. Ich mache fast alles alleine und nehme andauernd Musik auf und man fängt irgendwann an herumzuprobieren. Wenn man sich dann sicherer fühlt, zeigt man es seinen Kumpels, die einem dann Ratschläge geben und so weiter. Im Bezug auf „Melting Sun“ wollte ich auch gern alles in meiner Hand haben, das ist mein Album. Zwar sind das schon Lead-Vocals, aber der Gesang bestimmt nicht die Songs, weil ich eben Instrumentalist bin und finde, dass Musik oft keinen Gesang braucht. Früher habe ich Lyrics und Gesang immer als notwendiges Übel angesehen, darum ist auf den Alben auch nie soviel Gesang drauf gewesen.«

Ist der Ausstieg von Alcest-Fronter Neige im Nachhinein eine wichtige Emanzipationsmöglichkeit für dich gewesen und damit aus einer bestimmten Subszene rauszukommen?

»Auf jeden Fall. Ich wollte die Sache gern allein weitermachen. Ansonsten sind wir halt ziemlich ähnliche Typen und haben fast dieselbe Vita und dieselben Ansichten. Nur sucht er eben mehr das Reine in seinem Leben und ich versuche eher Abstand von allem zu nehmen und bin der, der mehr auf Noisiges und Krach steht, das ist der Unterschied. Ich hatte früher ja dieses Derealisations-Ding und er kannte das halt auch. Vorher hatte ich noch nie einen Menschen getroffen, der das auch so kannte. Wir konnten unsere Sätze vervollständigen. Und deshalb haben wir auch Musik zusammen gemacht. Ich bin in der Zeit davor von Arzt zu Arzt gerannt und keiner konnte mir dabei helfen, bis ich auf einmal diese Dudes aus Frankreich getroffen habe, die das so präzise formulieren konnten. Daher kam diese spezielle Beziehung zwischen uns zustanden und darum ist unsere Musik auch ähnlich.«

Das Derealisations-Problem ist inzwischen kein Thema mehr?

»Nee, das ist zum Glück vorüber.«

Die ursprüngliche Grundinspiration muss sich dementsprechend auch verändert haben.

»Naja nicht unbedingt. Ich versuche immer zu kanalisieren, was mich bewegt. Am liebsten würde ich einen Stempel nehmen und auf einen bestimmten Lebensabschnitt drücken, was ich dann eben durch die Musik versuche. Einfach dieser Wunsch es festzuhalten und es teilen zu können, das hat sich überhaupt nicht verändert. Nach wie vor sitze ich hier mit demselben Ansporn, derselben Meditation auf das was ich machen will, wenn man das so sagen kann. Ich steigere mich da unheimlich rein, in das, was in mir vorgeht und daraus entsteht irgendwann ein Song. Nur das, was mich bewegt, hat sich verändert.«

Lass uns im Detail näher an „Melting Sun“ heranrücken. Die Platte ist in sechs Kapitel mit ziemlich abstrakten Untertiteln eingeteilt. Magst du vielleicht ein bisschen was dazu erklären, was man unter 'Azure Chimes', 'Cherry Quartz', 'Aquamarine Towers' oder 'Jade Fields' verstehen soll?

»(Überlegt) Ähm, das sind einfach Worte, die Impulse geben sollen, genau wie die Texte. Den zweiten Track habe ich zum Beispiel über einen bestimmten Platz geschrieben. Da wachsen Kirschbäume und das hat mich beeindruckt. Und dann das „Quartz“, weil sich das für mich erdig anhört. Insgesamt drückt das für mich was aus, das ich nicht greifen kann und was nicht mit Verstand, sondern einfach aus dem Bauch heraus entstanden ist.
Die Songs haben auch alle Farben für mich, denen ich Wörter zugeordnet habe, die ich passend fand.«

Du bist aber kein Synästhetiker (Mensch, der Töne optisch als Farben wahrnimmt, ms), oder?

»Nee, Töne sind Töne für mich, das entsteht eben alles ohne Einsatz von Verstand.«

Das Album schließt mit 'Melting Sun VI – Golden Mind', ein Titel der noch am ehesten diesseitiger,  greifbarer wirkt, auch wenn es im Text um Erinnerungen geht. Ein nostalgischer Song, oder?

»Ja, cool, dass du das geschnallt hast, das haben auch nur sehr wenig Leute gemerkt. Es geht eben um Kindheit, um reines Empfinden. Um das Aufnehmen von Sinnen und diese als so groß zu empfinden. Dieses intensive Erleben stellt man irgendwann ab, weil es das Leben mit sich bringt. Und ich bin jemand, der das nicht abstellen will. Deshalb ist das eine Auseinandersetzung damit und der Weg, da wieder hinzufinden.«

Damit sind wir schon mehr beim Thema „Inhalte“ gelandet, als ich geplant hatte. Die Themen auf der „Agape“ waren ja schon originell aber trotzdem lebensnah. Jetzt ist alles viel mehr schwelgerisch, verhallt und surreal. So als ob reale Geschichten von einer Art Traumblase umhüllt sind, aber die Bodenhaftung nicht total verschwunden ist.

»Du hast das Album schon ziemlich gut verstanden. So ist es eben, wie ich mein Leben empfinde. Ich bin in einer Blase, weil ich immer dicht bin. Und das nicht unbedingt immer selbstgewählt, sondern auch von einer Veranlagung her, von der ich nicht wirklich weiß, wo sie herkommt. Das Ganze geht nur um Gefühle, die ich hatte und zu Papier bringe. Was in den Texten steht ist schon fiktiv, aber es sind alles Metaphern für das, was bei mir passiert.«

Dieses Rauschgefühl, was du immer als zentral gesehen hast, ist noch stärker geworden, findest du nicht?

»Offensichtlich, oder? Am besten hört man das Album dicht in der Sonne auf der Wiese, wobei betrunken sein sicher das falsche Dichtsein wäre, weil die Musik halt nicht abgeht.«

Die grauen Themen sind verschwunden und die deutschen Texte seit Längerem ja auch schon. Hast du gar nichts mehr anzuklagen, wie noch zu Debüt-Zeiten? Die Sprachsamples, die auf den ersten beiden Platten vorkamen, hatten ja auch eine ganz andere Aussage.

»Ich war damals total selbstmitleidig, das ist der Grund. Weil mir Sachen nicht gepasst haben, habe ich die Fehler bei anderen Leuten gesucht, dabei ist man immer selbst dafür verantwortlich wie es einem geht, wie man Dinge sieht, wie man das Leben erlebt. Und das habe ich irgendwann kapiert, dass man selbst das Problem ist und sich ändern muss. Klar geht das nicht einfach so auf Abruf, aber man kann daran arbeiten. Früher habe ich das nicht getan und war einfach nicht weit genug, um zu blicken, wie man sich richtig verhält und mit Dingen klarkommt. Und das war der Knackpunkt bei den alten LANTLÔS-Sachen. Besonders das erste Album war auch sehr klagend gegenüber der Gesellschaft, dass die Leute ihre Augen nicht aufmachen. Aber damit habe ich gelernt umzugehen.«

Heutzutage schreibst du alle Lyrics auf englisch, weil du dadurch mehr Abstand zur Wortwahl der Muttersprache hast und man sich damit vielleicht mehr zu sagen traut? Oder auch einfach, weil englisch sich cooler anhört?

»Das ist das Ding. Deutsch klingt schnell studentisch, überintellektuell, elitär; und das bin ich nicht. Von daher wollte ich das relativ früh auch nicht mehr. Der Sound von der „.neon“ ist im Vergleich zu der ersten auch nicht deutsch, finde ich. Das Alte hört sich nach Nagelfar an, nach alten deutschen Black-Metal-Sachen. Es war für mich einfach klar, dass es danach anders wird, weil mir das, was dem Deutschen eben anhaftet, dieses Gedicht-mäßige, zu viel war.«

Zur „Melting Sun“ soll, wie du jetzt auf der Facebook-Seite geschrieben hast, auch eine DVD rauskommen. Wieso erscheint die erst zusammen mit dem Album, wenn du durch die darauf enthaltenden Hintergrundinfos auch Interviews ersetzen könntest? Kurz: warum ist die DVD interessant?

»Weil du eben alles siehst. Wir haben das hier im Studio gefilmt und dokumentiert, wie wir das Album aufgenommen haben und ich erzähle einige Sachen dazu, wie ich das Album sehe, zu welcher Zeit das entstanden ist. Musik habe ich auch noch extra für die DVD geschrieben. Man hätte das auch vorab so als Studio-Tagebuch bei Youtube machen können, aber das ist eigentlich nebensächlich für mich, wann genau das veröffentlicht wird. Wenn man keine Budgets hat, muss man die Bearbeitung, das Zusammenschneiden und die ganze Scheiße, die dazu gehört, eben selber machen.«

Kommen wir mal zur musikalisch-technischen Seite. Hat sich deine Art, Gitarre zu spielen weiter verändert? Die tiefe Stimmung ist auf 'Melting Sun' sehr präsent und die Akkorde wirken sehr Dur-lastig, dazu Melodien mit großen, konsonanten Intervallen.

»Mich bocken einfach diese Major7-Akkorde total an. Die „Melting Sun“ basiert fast nur auf solchen Akkorden. Mit denen habe ich irgendwann angefangen zu experimentieren, also nicht von der theoretischen Seite, sondern vom Gefühl her. Bei manchen Akkorden ist es auch praktisch, wenn man lange Finger hat und mehr ausprobieren kann. Neuerdings spiele ich auch mit Oktaver, wodurch dem Grundton noch eine tiefere Oktave untergemischt wird. Klingt wie eine Bohrinsel, die brennt. (lacht)
Demnächst möchte ich mir eine Achtsaitige zulegen, bei der ich den Effekt nicht mehr brauche.«

Du spielst gerne Bendings, oder?

»Ja, mache ich doch die ganze Zeit (grinst). Alles auf dem Album ist so, dass man nicht so genau weiß, was es sein soll. Ob Moll oder Dur oder auch das Ziehen der Töne. Slide-Gitarre ist zum Beispiel auch drauf.«

Durch dieses Omnipräsente, Rauschhafte und Flächige ist es nicht leicht, einzelne Parts des Albums hervorzuheben. Bei 'Melting Sun IV – Jade Fields' ist bei mir direkt dieser groovige Teil in der Mitte hängengeblieben. Kommt bei solchen Riffs deine Vorliebe für Bands wie die Deftones durch?

»Klar, auf jeden Fall. Das Riffs besteht auch nur aus vier Tönen mit Hammer-Ons und dann eben mit ein, zwei anderen Tönen gelayert. Die Produktion spielt eine große Rolle.«

Um diese Rundumschau „Melting Sun“ zu Ende zu führen, habe ich jetzt noch ein paar Fragen zu der ganzen Optik, die vor allem im Bezug auf das Artbook wirklich sehenswert ist. Nun war auf allen Covern bisher immer ein Mensch zu sehen, nun sind die Silhouetten von damals biologisch korrekten Umrissen gewichen. Wie siehst du das denn?

»Das ist mir echt so noch nie aufgefallen. Ist mir gerade auch schlagartig bewusst geworden, aber ich weiß spontan echt nicht, was ich jetzt dazu sagen kann.«

Wie bist du denn auf deinen neuen Illustrator Pascal Hauer gekommen?

»Ich kenne den über einen Kumpel von ganz früher, der mir über eine weitere Person den Pascal empfohlen hat, und dass ich mich mal mit dem unterhalten soll. Zunächst hat er dann dieses bläuliche „Agape“-Shirtmotiv gemalt, was ich total geil fand. Und dann haben wir uns in der Zeit, wo ich in Zeltingen bei Prophecy gearbeitet habe, mal auf einer Party persönlich getroffen und uns sofort gut verstanden. Zum neuen Album habe ich ihm die Musik und die Texte gegeben und sonst nichts weiter an Vorgaben gemacht. Die Songnamen standen zu der Zeit auch noch nicht fest, nur der Albumtitel. Insgesamt hat es über ein Jahr gedauert bis das Artbook fertig war.«

Zu guter Letzt: Wie waren die ersten Live-Erfahrungen mit LANTLÔS und wirst du mit „Melting Sun“ wieder auf die Bühne gehen? Bisher gab es ja nur sehr wenig Auftritte.

»Konzerte zu spielen, ist für mich nicht so einfach. Ich mag das nicht so sehr und bin nicht so gern im Zentrum der Aufmerksamkeit. Ich bin sehr gestresst, wenn solche Gigs anstehen. Die anderen Leute stehen zwar mit mir auf der Bühne, aber jeder weiß, dass die ganze Musik nur von mir ist, was dann in so einer Situation ein komisches Gefühl ist. Wir haben erst drei oder vier Konzerte gespielt und da standen jedes mal hunderte Leute vor der Bühne und da kam ich mir immer sehr wie ins kalte Wasser geworfen vor. Trotzdem wollen wir dieses Jahr Gas geben, und ich sehe die anstehenden Gigs als Herausforderung und Möglichkeit, mich weiter zu entwickeln. Und selbstverständlich bin ich froh über die Möglichkeiten, live zu spielen. 2014 wird unser Jahr und ich freue mich darauf, mit meiner Band in die Welt zu ziehen.«

Musikalisch passt ihr inzwischen sicher eher zu Bands aus dem Rock-, Doom-, Stoner-Bereich.

»Ja richtig, in diese Richtung wollen wir zur Zeit auch bewusst mehr gehen. Das ist auch absolut nicht wertend von mir gemeint, dass es in den alten Kontext nicht mehr passt. Wir fühlen uns da einfach nicht mehr zu Hause. Ich glaube, die Leute auf vielen Black-Metal-Events sind anders drauf als wir. Die wollen auch anderen Input haben und ich kann das verstehen, wenn man uns dann als Fremdkörper empfinden würde. Die Organisation für die Konzerte habe ich bisher immer selbst gemacht, inzwischen haben wir einen Booker aus Spanien, der ganz cool ist.«

Alles klar, dann viel Erfolg auch in diesem Sinne und besten Dank für das Interview!

 

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