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BÖHSE ONKELZ

»Das Leben ist ein Geschenk Gottes«

BÖHSE ONKELZ

Interview mit Kevin Russell

Kevin Russell sprüht vor Energie, als wir uns mit ihm zum Gespräch zusammensetzen. Der 50-jährige Frontmann war nie eine Kreativkraft bei den ONKELZ, in Interviews meist nicht besonders ergiebig und letztendlich auch aus Sicht seiner Kollegen das schwärzeste Schaf einer ohnehin nicht gerade als Saubermänner verschrienen Gruppe. Daher ist es umso cooler, dass er wie ausgewechselt wirkt und seine Quasi-Wiedergeburt absolut authentisch erscheint.

Kevin, ich nehme an, dass dir nach den erfolgreichen Reunionshows ein Stein vom Herzen gefallen ist.

»Ich bin total erleichtert. Ich hatte ja schon mit meiner eigenen neuen Band Veritas Maximus elf Konzerte gespielt, auf denen ich mich warmgegroovt habe. Aber das hier waren jetzt die ersten Gigs mit den ONKELZ. Mit Veritas Maximus hatte ich sehr gute Audienzen von 2.500 bis 4.500 Leuten. Da kriegt man bereits ein Gefühl für die Sache, was mir auch in puncto ONKELZ einiges von der Vorbereitungslast genommen hat. Trotzdem waren die neun Wochen Proben mit den ONKELZ geil. Und die beiden Auftritte natürlich erst recht. Dass man nach neun Jahren von den Leuten noch so angenommen wird und solch eine Begeisterung entsteht, war phänomenal, einfach wahnsinnig. Das hatte einen anderen Charakter, einen anderen Wert als die Lausitzshows. Damals waren alle traurig und in Abschiedsstimmung. Wir hatten trotzdem viel Spaß, aber es waren ganz andere Emotionen als jetzt.«

(...) Über deine Performance auf dem Lausitzring ist viel geredet worden. Der Rest der Band fand dich damals anscheinend nicht so dolle.

»Ich war nicht in der Verfassung wie jetzt. Ich hätte mir gewünscht, schon auf der Tour davor (er meint die „La Ultima“-Rundreise 2004 - jj) einen anderen Menschen zu präsentieren. Jetzt lebe ich endlich drogenfrei, um zu spüren, was ich die ganze Zeit missbraucht habe: das Leben. Diese Botschaft möchte ich gern weitergeben. Deshalb habe ich auch die Ansage auf der Bühne gemacht (Kevin forderte das Publikum auf, keine Drogen zu nehmen - jj). Das habe ich einfach aus dem Stegreif getan. Es war eine rein emotionale Geschichte. Ich sehe es inzwischen als Aufgabe, eine Botschaft zu vermitteln. Ich bin der Meinung, dass mir ein göttliches Wesen ein Leben geschenkt hat, dem ich viel zu oft in den Arsch getreten habe. Ich bin sieben- oder achtmal dem Tod von der Klinge gesprungen. Jetzt kann ich endlich sagen, dass ich wirklich clean bin. Ich nehme auch keine Ersatzdrogen, seit drei Monaten nicht mal mehr 'ne Kopfschmerztablette. Quatsch! Seit drei Jahren! Schreib das bloß richtig (lacht)! Hin und wieder trinke ich gern ein Bierchen, aber das ist kein Saufen mehr, sondern halt ein Bierchen.«

(...) Du hast Silvester 2009 einen verheerenden Unfall gebaut, zwei Menschen schwer verletzt und bist dafür im Knast gelandet. Du hast danach gesagt, dass du deine Schuld wiedergutmachen willst. Wie soll das gehen? Glaubst du, dass du jemals einen Punkt erreichen kannst, an dem du dir sicher bist, genug getan zu haben, um diese Geschehnisse hinter dich zu bringen?

»Das ist äußerst schwer zu beantworten. Die Sache ist ein Damoklesschwert. Glaub es mir oder nicht, aber schon nach einem Monat im Knast in Hünfeld habe ich mit dem dortigen Sozialarbeiter besprochen, dass ich mich persönlich mit den Opfern und ihren Familien treffen will, mich mit ihnen aussprechen möchte, das Bedürfnis habe, mich zu entschuldigen. Ich wollte klipp und klar sagen, dass ich ein Arschloch gewesen bin. Das wurde mir von der Anstaltsleitung absichtlich verweigert, obwohl ich zunächst das Okay bekommen hatte. Nach knapp sechs Monaten Haft kam ich in Therapie. Sofort hat mich ein „Bild“-Reporter mit einem Teleobjektiv geknipst. Am nächsten Tag stand in der Zeitung, dass ich in einer wunderschönen Einrichtung leben würde, es mir gutgehe, ich telefonieren könne, Sport treiben würde und so weiter. Was für ein Scheiß! Das stimmte gar nicht. Es wurde so hingestellt, als ob ich nie etwas unternommen hätte. Aber was hätte ich denn tun können? Ich habe auch in Briefen versucht, dass Bekannte und Freunde etwas machen, aber wie hätte das vonstattengehen sollen? Es gab keine Chance. Und später hatte ich ebenfalls keine Möglichkeit mehr. Denn plötzlich bekam ich eine Privatklage von einem der Opfer, und mein Anwalt hat mir geraten, zunächst gar nichts mehr zu sagen, also dieses typische Advokatengerede. Aber es liegt mir immer noch am Herzen, und der Tag wird kommen, an dem ich die Gelegenheit ergreifen werde. Ich bin ein sehr schicksalsgläubiger Mensch. Es wird definitiv passieren. Ich muss noch einiges in Ordnung bringen. Es wird in direktem Kontakt zu einer Aussprache mit den Opfern kommen. Das bedeutet mir wirklich viel. Ich möchte allerdings auch sagen, dass einige Dinge nicht stimmen, die berichtet werden. Es ist zum Beispiel nicht wahr, dass ich von der Unfallstelle einfach abgehauen wäre, ohne zu gucken, was passiert ist. Ich habe sehr wohl gesehen, dass das eine Opfer dem anderen geholfen hat. Das Auto hat gebrannt, aber beide waren draußen. Ich war allerdings total im Wahn und wollte tatsächlich über einen Acker abhauen.«

Das komplette Interview mit Kevin Russell findet ihr in unserem 16-seitigen BÖHSE ONKELZ-Special in Rock Hard Vol. 327.

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Pic: Hans-Martin Issler

AbfahrplanDie nächsten Konzerte

BÖHSE ONKELZ + SLAYER + FIVE FINGER DEATH PUNCH + ANTHRAX + SUICIDAL TENDENCIES + HATEBREED + PAPA ROACH + TOXPACK + COCKNEY REJECTS16.06.2017
bis
17.06.2017
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