Online-MegazineInterview

HATE ETERNAL

Curry im Death Metal

Erik Rutan ist seit Jahren eine Konstante im Death Metal und hat auf dem großartigen Album „Domination“ von Morbid Angel die Axt geschwungen. Seit 1997 ist er mit seiner Band HATE ETERNAL unterwegs und bläst mit der Band regelmäßig seine Interpretation von kompromisslosen, extremen und technischen Death Metal in die Welt hinaus. Zur Veröffentlichung des neuen Albums „Phoenix Amongst The Ashes“ haben wir ihn in Essen kurz vor seinem Auftritt getroffen.

Erik, du hast mit HATE ETERNAL gerade ein neues Album veröffentlicht. Welcher Gedanke geht dir als erstes durch den Kopf, wenn du an das Album denkst?

»Übereingekommene Glückseligkeit (lächelt). Das Album bietet die beste Produktion, die ich je mit HATE ETERNAL hatte: Ich kann das Album anhören, ohne mich über Sound oder Songs zu ärgern. Natürlich gibt es wieder manche Dinge, die ich gerne anders gemacht hätte, aber im Großen und Ganzen war ich noch nie mit einem HATE ETERNAL-Album so zufrieden, wie mit diesem hier. Übereingekommene Glückseligkeit, eben (grinst).«

Du hast das Album erneut selbst produziert. Siehst du dich heutzutage eher als Musiker oder als Produzent? Und du darfst nicht „Beides“ sagen.

»Oh, das ist schwer. Vom Sternzeichen her bin ich Zwilling, demnach habe ich also zwei Persönlichkeiten. Und... Sorry, aber ich muss dir einfach sagen, ich bin beides. Hmm... Am meisten liebe ich Musik komponieren und Musik spielen. Also bin ich wohl doch zuerst ein Musiker.«

Du produzierst nicht nur Death Metal-Alben, sondern Musik aus allen
Stilrichtungen.

»Korrekt. Letztes Jahr habe ich mit den Mountain Goats eine Indie-Rockband aufgenommen und jetzt mit Madball und Agnostic Front zwei legendäre Hardcore-Bands. Ich bin in New Jersey groß geworden und in New York zur Schule gegangen, bin also direkt mit Hardcore aufgewachsen. Früher war es normal, dass man Hardcore und Metal gehört hat. Heute ist alles so zersplittert, dass sich sogar die einzelnen Untergruppierungen gegenseitig angreifen.«

Das Line-up des Albums besteht neben dir noch aus Jade Simonetto (Schlagzeug) und JJ Hrubovcak (Bass). Spielen die beiden nun exklusiv für HATE ETERNAL?

»Ja, beide spielen nur bei uns. Sie können aber in anderen Projekten spielen, wenn sie wollen. Ich habe mittlerweile über 60 Alben produziert und mache ständig irgendetwas, da werde ich den beiden nicht verbieten, in einem anderen Projekt zu spielen.«

Könnte diese Besetzung die Besetzung der nächsten Alben sein?

»Wir verstehen uns alle drei persönlich und musikalisch sehr gut, daher hoffe ich, dass das Line-up so bestehen bleiben kann. Aber manchmal muss man im Leben schwierige Entscheidungen treffen oder seinem Herzen folgen. So ist es mit mir und HATE ETERNAL. Ich meine, seien wir ehrlich: Möchte ich erfolgreich sein und viel Geld verdienen? Natürlich! Wer will das nicht?! Ich denke aber, dass HATE ETERNAL heutzutage sehr wichtig für den Death Metal sind. Jede Band, die heute noch Death Metal spielt, ist wirklich essenziell für das Genre.«

Wirklich? Jede Band?

»Morbid Angel, Cannibal Corpse, Deicide, Suffocation, Nile, HATE ETERNAL, Origin, Vital Remains, all diese Bands halten den Death Metal am Leben. Wenn eine davon nicht mehr da ist, dann fehlt etwas. Die Zukunft wird zeigen, ob wir wichtig waren. Ich hoffe, dass – wenn ich meine Karriere irgendwann beende – die Leute zurückdenken und sagen, dass Erik Rutan ein wichtiger Teil des Death Metal war. Die Dinge, die ich erreicht habe, bedeuten mir etwas.«

Deine Songs haben ein hohes, technisches Niveau. Obwohl du in den letzten Jahren auf fast jedem Album eine andere Besetzung hattest, findest du doch immer wieder relativ leicht neue Leute, die deine Songs spielen können. Wie findest du sie?

»Wer Death Metal hört, der kennt Morbid Angel und HATE ETERNAL, der hat den Namen Erik Rutan schon mal gehört. Und ich habe nie mit einem durchschnittlichen Musiker zusammen gespielt, sondern immer nur mit Top-Musikern. Wenn man mit den besten Musikern spielt, dann zieht man automatisch die besten Musiker an. Das ist wie im Leben. In der ersten Hälfte meines Lebens war ich allem gegenüber total negativ eingestellt. Als ich die Musik für mich entdeckt habe, konnte ich all die Negativität dadurch kanalisieren und ein bedeutend positiverer Mensch werden. Und ich glaube daran, dass, wenn man diese Positivität aufrecht erhält, das Leben automatisch positiver wird. Die meisten Menschen wissen das nicht, aber erst im Laufe der letzten Jahre bin ich einigermaßen selbstsicher geworden. Wenn ich früher auf der Bühne ein Solo verkackt habe, habe ich mir den ganzen Rest des Abends Vorwürfe gemacht. Irgendwann ist mir bewusst geworden, dass ich die Dinge einfach positiver sehen sollte und seitdem geht es mir bedeutend besser. Wenn man dieses positive Gefühl nach außen ausstrahlt, zieht man automatisch andere positive Menschen an.«

Du hast die negative Zeit in deinem Leben also durch Musik überwinden können?

»Absolut. Ich wuchs in einem ziemlich schlechten Umfeld auf und erlebte bereits zu Hause viel Gewalt, wodurch ich selber zu einer gewalttätigen Person wurde. Dann habe ich die Gitarre entdeckt und konnte darüber meine ganze Negativität ausleben. Deswegen ist HATE ETERNAL so echt, genau das spiegelt mich wieder. Was mich sogar selbst ein wenig ängstigt, aber es ist die Wahrheit.
Ich habe nun aber eine wundervolle Beziehung mit einer sehr positiven Frau, die sehr intelligent ist, hart arbeitet und mit mir auf einer Ebene ist. Das hilft mir enorm.«

Welchen Job hat deine Frau?

»Sie hat ein Bestattungsunternehmen. In ihrem Job sieht sie die schlimmsten Dinge, die man sich vorstellen kann und im Vergleich dazu sehen alle meine Probleme sehr klein aus. Weißt du, wenn sie zu Eltern gehen muss, deren Kinder gerade gestorben sind: Dieser Schmerz und diese Situation sind bei weitem gravierender als wenn ich mich auf der Bühne verspiele. Sie ist einfach eine unglaublich tolle Frau und mit ihr zusammen zu sein erdet mich komplett.«

Gibt es eine Art Blaupause beim Songwriting oder entstehen die Songs quasi von alleine?

»Die Songs entstehen organisch. Wenn ich Musik schreibe sitze ich einfach mit meiner Gitarre auf der Couch und spiele und manchmal entsteht dabei etwas, das wirklich cool ist. Das behalte ich dann und das ist oft der Anfang eines Songs. Mit diesem Album wollte ich zwei Dinge erreichen: das bestproduzierte Album aufnehmen, das ich bis jetzt gemacht habe und musikalisch das Beste aus uns herausholen. Wenn ich jetzt zurückschaue und das Album betrachte, dann bin ich diesen beiden Dingen sehr nahe gekommen, meiner Meinung nach.«

Und dennoch hat das neue Album bei uns nicht so ein gutes Review bekommen…

»Was? Tatsächlich?«

Ja. Es hat 7 von 10 Punkten bekommen.

»Wow… Nur sieben. Das ist hart.«

Im Review wurde angesprochen, dass das Album mit einem brutalen Soundinferno beginnt und dieses bis zum Ende durchzieht, so dass es kaum Verschnaufpausen für den Hörer gibt.

»Meiner Meinung nach ist das komplett falsch. 'The Fire Of Resurrection' ist schon fast ein doomiger Song, ohne Blastbeat. 'Hatesworn' könnte auf einem Morbid Angel-Album stehen. 'Haunting Abound' und 'Phoenix Amongst The Ashes' sind beides komplett melodiöse Songs. Wenn ihr das über „King Of All Kings“ gesagt hättet, hätte ich dem sofort zugestimmt. Aber „Phoenix Amongst The Ashes“… Ich bin wirklich überrascht, dass du das sagst. Auf unseren vorigen Alben gab es keinen Song ohne Blastbeat, auf dem neuen Album gibt es davon sogar drei Stück. Ich denke, die 7 sollte wenigstens eine 8,5 sein (grinst).«

Würdet ihr je etwas langsamer spielen, um damit vielleicht eine größere Käuferschicht anzusprechen?

»Das habe ich eigentlich gerade mit dem neuen Album getan (grinst)! Ich finde, auf dem Album sind heavy und melodische Songs. Wer das Review geschrieben hat, scheint das nicht so zu sehen und für ihn müssen sich die Songs wohl immer noch nach „King Of All Kings“ anhören. Vielleicht ist seine Auffassung auch nur eine andere als meine. Es gibt da kein richtig oder falsch, es ist eine Meinung. Euer Schreiber fand die Scheibe offensichtlich nur okay. Sieben heißt für mich, das Album ist nur Durchschnitt.«

Bei uns endet Durchschnitt mit 6 und mit 7 beginnt bereits "gut" (ich zwinkere Erik zu).

»Okay, dann bin ich glücklich und zufrieden, solange ich nur etwas über dem Durchschnitt bin (Erik lacht und reicht mir die Hand als Versöhnungsgeste).«

Ich habe mir das komplette Album angehört und meiner Meinung nach stimmt es, dass auf dem Album Songs sind, die definitiv heavy oder gar groovy sind…

»Korrekt!«

…aber die Bassdrum…

»Stimmt!«

…die Bassdrum bollert das ganze Album über jenseits der 200bpm-Grenze, selbst wenn der Song an sich und die Gitarrenarbeit eher ruhig und langsam sind.

»Verdammt, damit hast du völlig Recht! Vielleicht hat dies zu dem Eindruck geführt, dass jeder Song schnell ist. Das ist ein absolut gerechtfertigtes und gutes Argument. Ich habe das noch nie so gesehen, aber jetzt wo du es sagst, kann ich es absolut nachvollziehen. Es stimmt, dass wir auf jedem Song eine rasend schnelle Bassdrum haben, aber genau so will ich es haben. Aber jeder hat seine Auffassung und seine eigene Meinung. Ich meine, hätte ich mir eine 9 von 10 im Rock Hard gewünscht? Natürlich! (grinst) Ich bin beim nächsten Album mit einer 8 zufrieden (lacht). Nein, ich bin mit einer 7 zufrieden. Eine 7 ist immer noch besser als eine 5. Oder eine 3. Du weißt, immer positiv denken (zwinkert).«

Möchtest du unseren Lesern noch etwas mit auf den Weg geben?

»Wenn man mich früher zum Inder zum Essen eingeladen hat, bin ich nie mitgegangen, weil ich immer dachte, dass ich Curry hasse und Curry furchtbar eklig schmeckt. Irgendwann bin ich aber meiner Freundin zuliebe doch mit zum Inder gegangen und hatte natürlich Curry im Essen. Ich habe es probiert und: Es schmeckte großartig. Seitdem gehe ich total oft indisch essen, denn mittlerweile liebe ich Curry. Und so sollen die Leute an HATE ETERNAL herangehen. Wir sind das Curry des Death Metal.«


Hier geht's zum Live-Review aus Essen.