Online-MegazineInterview

LUNAR AURORA

Begriffliche Zerreißprobe

LUNAR AURORA

Eine der wichtigsten und beständigsten deutschen Black-Metal-Bands ist nach einigen Jahren Ruhepause wieder aktiv. Whyrhd und insbesondere Aran, der für „Hoagascht“ alle Instrumente eingespielt hat, äußern sich zur Wiederauferstehung von LUNAR AURORA als Duo. Neben dem neuen Album – endlich auch wieder als LP – ist zudem die Wiederveröffentlichung von „Of Stargates And Bloodstained Celestial Spheres“(1999) via Cold Dimensions anvisiert.

Eure Auszeit nach der Veröffentlichung von „Andacht“ war weniger Luxus denn dringend benötigte Therapie für einen kreativen Burnout, oder? Was hat eine weitere Beteiligung von Sindar vereitelt?

Whyrhd: »Im Gegenteil, wir leisten uns einfach den Luxus. Zum einen gibt es neben der Musik Interessen, denen wir nachgehen, zum anderen sehe ich es als wichtig an, von Zeit zu Zeit einmal die Musik ruhen lassen und einen Schritt zurück zu treten, zu reflektieren. Sindar widmet sich mittlerweile neben seinen Hobbys vor allem seiner Familie. Ihm geht es gut damit und so soll es sein. Das Thema Konzerte hat sich für LUNAR AURORA gänzlich erledigt, wir haben nicht die Zeit, den Nerv und vor allem keine Lust, neue Mitglieder zu suchen und anzulernen. Die jetzige Konstellation ist sehr gut.«

Musikalisch bleibt ihr eurer Handschrift sehr treu: wo andere Musiker versuchen, einzelne Instrumente im Song deutlich herauszuarbeiten, verwischt ihr die Spuren und Konturen. Ist es sehr harte Arbeit im Mix, eben diese amorphe Gestalt zu erreichen?

Aran: »Nein, es ist eher harte Arbeit, die „amorphe Gestalt“ nicht zu deutlich werden zu lassen.«

Aktuell wurde wieder ein Drumcomputer genutzt: Aus Mangel an einer Alternative aus Fleisch und Blut, oder gezielt wegen der Klangästhetik?

Aran: »Ja, es ist ein Drumcomputer. Du kannst jetzt nichts dafür, dass ich diese Frage zu „Hoagascht“ inzwischen schon zig mal bekommen habe, aber mich ranzt das Thema langsam an. Gerade im "ultra-truen" Black-Metal-Bereich liegen einem Leute damit echt nervig in den Ohren. Hätten wir einen fiktiven Schlagzeuger namentlich im Album erwähnt, hätte vermutlich nur ein geübtes Ohr den Unterschied erkannt. Zum Teil klingen echte Schlagzeuger aufgrund des Triggerns schon künstlicher, als andersrum. Aber um deine Frage schnell zu beantworten: Wir hatten zur Entstehungszeit von „Hoagascht“ eine größere räumliche Trennung untereinander und einfach keine Möglichkeit, zusätzliche Musiker anzulernen.«

Whyrhd, Du konzentrierst dich nur noch auf den Gesang – vermisst du es nicht, ein Instrument zu spielen? „Andacht“ war diesbezüglich mit den cleanen Parts und dem „Mönchsgesang“ breiter aufgestellt.

Whyrhd: »Ich spiele ja Instrumente, deshalb vermisse ich nichts. Es war nur aufgrund der räumlichen Distanz der beste Weg, dass Aran alle Instrumente auf „Hoagascht“ eingespielt hat. Es hat bei uns noch nie eine wirkliche Rolle gespielt, wer auf einem Album was gespielt hat. Wenn einer eine Idee hat, nimmt er sich das Instrument, spielt ein und wenn es gut klingt, wird es so gelassen. Wie Aran schon gesagt hat, wir probieren einfach aus, konstruieren nicht.«

„Hoagascht“ ist auch Hinsichtlich der Instrumentierung reduzierter: Keine extremen Uptempo-Passagen, keine Clean- oder Akustikgitarren. Warum ist es musikalisch so ein vergleichsweise meditatives, in sich ruhendes Album?

Aran: »Ein Album entsteht, wie es entstehen will. Die Qualität eines Lebensabschnittes spiegelt sich dadurch ganz von alleine in der Musik wider. „Hoagascht“ ist so geworden, weil wir einfach so gefühlt haben. Frage einen Maler abstrakter Bilder, warum er gerade in diesen Farbeimer gelangt hat und nicht in den daneben...«

Würden sich die Betrachtungen von 'Sterna', 'Beagliachda' und 'Wedaleichtn' auch in „Zyklus“ einpassen lassen, ergänzen sie jenes Album?

Aran: » Diese Lieder sollen „Zyklus“ nicht ergänzen. „Zyklus“ steht hier thematisch nicht in Bezug.«

Euer Verständnis von Folklore unterscheidet sich sicher stark von dem, was sonst so im mehrfach von LUNAR AURORA frequentierten Helion-Studio dazu fabriziert wird, Stichwort Equilibrium.  

Aran: »Es gibt aber durchaus gute Folkmusik und ernste Texte. Wir haben das auf unsere Weise gemacht und es ist doch irgendwie bezeichnend, dass dieses Thema überhaupt ein Thema wird, allein indem man in seinem Heimatdialekt singt. Sollte das nicht eine Selbstverständlichkeit sein können, ohne Fragen aufzuwerfen?!«

Gibt es folkloristische einheimische Musik (nicht zu verwechseln mit der Deppertenparade in der volkstümlichen Verdummungsmusik von Rundfunk und Fernsehen), die ihr respektiert? Sturmpercht (die sich auch dem 'Håbergoaß' gewidmet haben) oder vielleicht Hubert von Goisern? Die Parallele zwischen seinem ‚Brenna tuat’s guat’ und der Gesellschafts-/Kapitalismuskritik von Wilde in „Das Gespenst von Canterville“ ist durchaus vorhanden...

Aran: » Eine nette Brücke, die Du da schlägst. Sturmpercht kenne ich nicht und Hubert von Goisern ist mir zu pathetisch und zu kitschig.«

Kennst ihr die gleichnamige freitags ausgestrahlte „Hoagascht“ Sendung im österreichischen Sender Servus-TV?

Aran: »Nein, war mir bisher unbekannt. Wie es scheint, wird hier der Begriff „Hoagascht“ aber schon zur Zerreißprobe.«

Der deutschen Sprache wird gerne ihr harter Klang nachgesagt (auch eurerseits in alten Interviews) – aber wie singbar ist denn dieser oberbayerische Dialekt? Gibt es Parallelen zwischen euren Songs/Texten und Gstanzeln? Oder verkörpert ihr vielmehr mit der dunklen Aura das Gegenteil dieses eher fröhlichen Spottens?

Aran: »Der oberbayrische Dialekt ist sehr gut singbar und artikuliert sich hervorragend in dieser Art von Musik. Zumal wir im Alltag eh mit Dialekt sprechen. Mal mehr, mal weniger... Je nach dem, mit wem. Parallelen zu Gstanzeln gibt es bei „Hoagascht“ nur in der Form der Komposition. Es gibt zum Teil sehr klare Unterteilungen in Strophe und Refrain. Das ist bei Gstanzeln ja bis zum Äußersten getrennt. Auch unsere Lieder bedienen sich auf „Hoagascht“ absichtlich einer sehr einfachen Konstruktion.«

Wie steht es um die Weitergabe dieser Tradition innerhalb der Familien/Schulen? Steht der Dialekt unmittelbar vor dem Aussterben?

Aran: »Sprache ist immer etwas Lebendiges. Darum kann ich mir nicht vorstellen, dass der bayrische Dialekt ganz verschwinden wird. Er wird sich vielleicht wandeln und in 500 Jahren anders klingen als heute, aber Dialekt wird schon bleiben. In den Großstädten findet man ihn nicht mehr häufig, aber im Hinterland schon noch sehr. Ob der Dialekt einen speziellen Namen hat oder wo er seine Anfänge hat und wie er sich entwickelt hat, kann ich wirklich nicht sagen. Wir haben keine Sprachwissenschaft betrieben, sondern wir haben einfach so geschrieben und gesungen, wie wir es aus unserem Leben kennen. Zum Teil gibt es in unserer Gegend zwischen zwei benachbarten Landkreisen schon Unterschiede im Dialekt. Daran sieht man, wie fließend Sprache ist.«

Es handelt es sich um den selben Dialekt, wie auf der Split mit Paysage D’Hiver. Habt ihr einen Ansprechpartner, der euch bei Formulierungsfragen - Wortwahl, Grammatik - zur Seite stand?

Aran: »Für das Lied auf der Split habe ich mich von den Biermösl Blosn inspirieren lassen. Wobei diese wiederum von einem alten Volkslied abgekupfert haben. Die textliche Urquelle von dem Lied auf der Split liegt also schon viel weiter zurück, weit hinter Biermösl Blosn und LUNAR AURORA. Aber für die Lieder auf der „Hoagascht“ gab es keine andere Quelle als uns selbst. Wir schrieben, wie uns der Schnabel gewachsen ist. Es gab anschließend schon jemanden, der über die Schreibweise drüber geschaut hat, aber im Grunde war es vorher schon okay und musste nicht groß geändert werden. Es ging dabei eher um die Schreibweise, als um die Sprechweise. Dialekt zu sprechen und zu schreiben sind zwei paar Schuhe.«

Gibt es seitens der Kulturträger Interesse an eurer Arbeit? Würde es euch erfreuen, wenn ihr über den Black-Metal-Hörerkreis hinaus wahrgenommen und respektiert würdet? Wie steht ihr dazu, das Metal an Universitäten zum Forschungsobjekt wird und auch immer mehr in den normalen Mainstream eindringt (durch Spiegel-Online-Rezensionen nur als ein Beispiel), einfach weil er eine so lange und weit verästelte Geschichte hat und eben nicht mehr nur von Jugendlichen gehört und gespielt wird?

Aran: »Inwiefern Kulturträger an unserer Musik Interesse hätten und was sie für uns tun würden, kann ich echt nicht sagen. Schon gar nicht, ob wir das dann annehmen. Dass wir aber über den BM-Hörerkreis hinaus wahr- und ernstgenommen werden, ist schon heute der Fall. Ich habe damit kein Problem. Auch nicht damit, dass dieses Musikgenre in andere Medien vordringt. Genau genommen interessiert es mich nicht. Das ist der Hauptgrund, warum ich kein Problem damit habe.«

Wie passt das Coverfoto zum Kontext? Der Albumtitel hätte doch eher eine vom Fantasy-Aspekt bereinigte Szene wie bei Blind Guardians „Somewhere Far Beyond“ heraufbeschworen: Eine musikalische Zusammenkunft an heimischen Instrumenten, statt dieses einsame, kalte Motiv. Habt ihr eine besondere Beziehung zu dem abgebildeten Heustadel?

Aran: »Nicht zu diesem Schuppen im Speziellen, aber in unserer Gegend stehen diese Konstrukte haufenweise herum. In Mittel- oder Norddeutschland sind solche Schuppen nicht weit verbreitet. Wir haben schon als Kinder oft darin gespielt. Im Heu und zwischen den Feldgeräten. Das Cover mit dem Schuppen und den Bergen habe ich 1:1 von einem Foto abgezeichnet, welches in unserer Heimatgegend geschossen wurde. Es zeigt eine real existierende Alpenkette (Wendelstein, etc...) und einen Schuppen, der auch genau dort in dieser Art steht. Somit ist das Cover eine gemalte Wiedergabe unserer realen Gegend. Nicht mehr, nicht weniger.«

 

Zum Interviewteil von Ausgabe 299 geht es hier entlang!

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