Online-MegazineInterview

HALESTORM

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HALESTORM

Eine Musikkarriere erfordert vor allem Durchhaltevermögen, das weiß der ambitionierte Nachwuchskünstler spätestens seit „The Story Of Anvil“. Können schadet allerdings auch nicht. Gut, dass HALESTORM beides mitbringen. Die Fanbase ist treu und wächst, selbst wenn man zwischendurch versehentlich Axl Rose verärgert. Wir trafen Fronterin Lzzy Hale auf der Tour mit Alter Bridge in Düsseldorf.

Lzzy, Myles Kennedy hatte die Idee euch mit seiner Band Alter Bridge auf Tour zu nehmen. Wie kam es dazu?

»Wir kennen uns jetzt seit einigen Jahren, haben allerdings noch nie gemeinsam getourt. Wir durften im letzten Jahr viel auf Tour sein und viele tolle Menschen kennen lernen – und Myles ist definitiv einer der coolsten. An den ersten Tagen der Tour saßen wir zusammen und sagten „Verdammt, wir sollten was zusammen singen!“. Zu seinem Set gehört der Akustik-Song 'Watch Over You', den ich nun jeden Abend mit ihm singen darf. Ich war beim ersten Mal ziemlich nervös, denn Myles ist großartig. Er singt einfach jede Nacht herausragend gut und ich dachte mir nur: „Versau das jetzt nicht!“. Es ist in jedem Fall eine wundervolle Sachen mit Menschen auf Tour zu sein, die man liebt und respektiert.«

Und woher kanntest du Myles?

»Wir wussten schon eine Weile von der Existenz des jeweils anderen, aber zum ersten Mal getroffen haben wir uns, als er mit Slash auf Tour war. Slash hat mich auf die Bühne geholt, damit ich mit ihnen 'Out To Get Me' singe. Da haben wir angefangen miteinander abzuhängen. Zum ersten Mal Singen gehört habe ich ihn aber bei Rock im Park, wo er ebenfalls mit Slash aufgetreten ist. Wir sind wegen irgendeiner Pressegeschichte an der Bühne vorbeigelaufen und ich dachte nur: „Wer zur Hölle ist der Typ? Der singt sich da oben ja den Arsch ab!“ - und das meine ich genau so; da ist wortwörtlich kein Hintern mehr da! (lacht laut auf) Nein, aber im Ernst: es ist wirklich toll sich die Bühne mit einem derart talentierten Musiker zu teilen. Wir sehen Alter Bridge jeden Abend da oben und sagen uns immer: „Verdammt, wir müssen mehr üben!“«

Das ist eine exzellente Überleitung zu meiner nächsten Frage. Als ihr letztes Mal in Deutschland wart, habt ihr eine unglaubliche Liveperformance hingelegt. Besonders dein Solopart hat mich beeindruckt, ich hätte vom Hören des Albums nicht vermutet, dass deine Stimme so vielschichtig ist. Nun habt ihr einen Grammy gewonnen und dein Bruder und Schlagzeuger Arejay auch noch einen Golden Gods Award.

»Dankeschön. Und ja, ich bin echt stolz auf ihn!«

...um das in eine Frage zu gießen: Wie entwickelt ihr euch zur Zeit weiter?

»Wir lernen sehr viel voneinander. Wir haben angefangen neue Songs zu komponieren, und planen Das kommende Album etwas anders zu gestalten. Du hast nämlich mit einer Feststellung sehr Recht – wir haben die letzten beiden Alben mit demselben Team, denselben Leuten produziert. Da ist dieses Schema aus dem wir nicht herauskommen und fast jede Nacht erzählt mir jemand: „Wow, ich mag euer Album, aber live seid ihr verdammt gut!“ Oder sogar: „Ich wusste gar nicht, dass du tatsächlich singen kannst oder, dass dein Bruder tatsächlich so gut Schlagzeug spielt“. Wir versuchen dieser Repräsentation auf dem nächsten Album näher zu kommen. Aber um deine Frage zu beantworten: Wir versuchen immer Neues zu lernen und uns zu verbessern, denn das ist der einzige Weg sich vorwärts zu bewegen. Ich glaube auch, dass wir niemals an den Punkt kommen werden, an dem wir zufrieden sind. Das ist gut, aber auch unglaublich frustrierend. Du bist an einen Punkt, an dem du denkst: „Wow, ich bin so ein Badass!“ Und dann marschierst du auf die Bühne und verspielst dich. Oder du gehst auf Tour mit jemandem wie Alter Bridge und gehst dann bedröppelt zurück an deine Gitarre und (imitiert eine Tonleiter und lacht dann).«

Wir sprechen gleich über das Album, bleiben aber noch kurz bei euren bisherigen Erfolgen. Nach dem Grammy seid ihr ziemlich in die Schusslinie geraten. Hat euch das beeinflusst?

»Überhaupt nicht. Nicht einmal das positive Endergebnis der Grammys hat uns total beeinflusst. Wir waren uns sicher, dass irgendeines unserer Idole den Grammy bekommen würde – Anthrax oder Iron Maiden. Als wir gewonnen haben, war das ein ziemlicher Schock für uns. Wir haben dann untereinander gesagt: „Okay, das ist unser persönlicher Meilenstein.“ Ob das nun professionell etwas bedeutet, kümmert uns ehrlich gesagt nicht so sehr. Wir haben auch keine Zeit uns darauf auszuruhen. Und um all die Leute zu verteidigen, die uns in Beschuss genommen haben: es ist tatsächlich nicht deren Schuld. Es ist nicht fair die beiden Genre Metal und Hard Rock in einer Kategorie zusammenzufassen. Wir waren der einzige Hard-Rock-Act und haben dann auch noch gewonnen. Die Leute in der Metal-Community haben in dem Jahr keine Chance bekommen. Jetzt haben wir den Grammy eben, tragen ihn aber auch nicht vor uns her. Wir haben zueinander gesagt: „Wir sind seit zehn Jahren eine Band, wir arbeiten hart und nun schaut, was wir erreicht haben.“«

Ich glaube, es ist auch grundsätzlich schwer Metalheads zufriedenzustellen, wenn es um den Grammy geht.

»Im selben Kontext kann man sagen, es ist auch unmöglich allen zu gefallen. Egal, ob du ein Album machst, auf Tour gehst oder beschließt dich als Zombie zu verkleiden, was auch immer deine Entscheidung als Künstler – und das Wort hasse ich sowieso – sein soll, du musst dazu stehen. Du musst sagen: das ist passiert oder dafür haben wir uns entschieden. Und, um es mal salopp zu formulieren: Scheiß auf alle anderen. Nichts, was jemand anderes sagt, zählt etwas – egal ob es positiv oder negativ ist – solang du Spaß an dem hast, was du tust und hart arbeitest. Am Ende des Tages sprechen wir als Band eigentlich immer nur darüber, wie viel Spaß wir gemeinsam haben.«

Kommen wir mal zu eurem aktuellen Release, der Cover-EP „ReAnimate 2.0.“. Wie kam es dazu?

»Wir haben einen Großteil davon während der Grammy-Woche aufgenommen. Überall um uns herum lauerte die Verführung – wir waren auf viel zu vielen Partys um im Studio konstruktiv zu sein. Es war leider die einzige Zeit, die uns zur Verfügung stand, um die Songs aufzunehmen. Solche EPs sind vor allem Selbstzweck, weil sie spaßig sind. In unserer Situation kannst du nicht einfach aus dem Tourzyklus aussteigen und eine Produktion einlegen. Wir haben das letzte Album jetzt für fast drei Jahre betourt. Wenn wir unsere Songs live spielen, hat das zwar immer noch eine gewisse Magie, aber manchmal will man ein bisschen neuen Schwung in die Sache bringen. Dafür machen wir so etwas gerne. Es war ein harter Auswahlprozess, denn wir hatten so viele gute Songs aus denen wir aussuchen konnten. Da sind die, die dir am Herzen liegen und andere, bei denen du denkst „Wow, das Genre haben wir noch nie gespielt. Lass uns das probieren!“«

'Get Lucky' von Daft Punk, beispielsweise...

»Exakt! HALESTORM machen jetzt einen auf Disko (lacht). Oft gehen wir an so etwas heran und haben keine Idee, was dabei herauskommt. Wir sitzen nur da und klimpern herum und kurz vor der Deadline kommt dann ein Geistesblitz.«

Gab es Songs, die ihr covern wolltet, aber aus rechtlichen Gründen nicht konntet?

»Das einzige rechtliche Problem, das wir hatten, war genaugenommen kein rechtliches, sondern schlichtes Kommunikationsversagen. Die erste Version der EP enthielt ein Cover des Guns-N'-Roses-Songs 'Out To Get Me'. Wir hatten bei ihrem Label nachgefragt und alle sagten ja, vergaßen aber es Axl Rose zu erzählen. Axl hat es später herausgefunden, als die EP schon veröffentlicht war und sagte schlicht: Nö. Wir mussten den Song also wieder runternehmen. Das war aber tatsächlich das einzige Mal. Die Mehrheit der Leute, die wir gefragt haben, haben sich ehrlich gefreut, dass jemand ihren Song covert. Bezüglich der Auswahl denkt man hinterher immer: Oh, den Song hätten wir auch noch nehmen sollen. Ich bin zum Beispiel ein großer Cinderella-Fan. Wir haben auch ein bisschen was von Jeff Buckley [US-amerikanischer Singer-Songwriter] aufgenommen. Es wird also vermutlich nochmal eine Cover-EP geben. «

Ich habe ohnehin das Gefühl, dass in den USA häufiger gecovert wird.

»Das kann sehr gut sein. Besonders wenn du dich in einer Szene hocharbeitest, benutzt du es als Werkzeug. Wir haben früher ein 60:40-Verhältnis zwischen unseren eigenen Songs und Cover-Tracks gehabt. Wir haben immer ein eigenes Set gespielt und dann aber einen Song eingeworfen, den jeder kannte, um zu zeigen: „Hey, ihr könntet uns mögen!“ Und dann wirfst du einen eigenen Song hinterher, nach dem Motto: "Hier, wie wär es, du magst den direkt auch? "Wenn du glücklich genug bist es als eigenständige Band zu schaffen, willst du manchmal zu diesen Zeiten zurückgehen und einfach etwas Spaß haben. Ich denke da sind wir gerade.«

Du sagtest, dass ihr im Januar und Februar das neue Album schreibt und produziert. Wie viel Material ist schon fertig, worum wird es gehen? Wird es metallischer?

»Wir wollen auf dem dritten Album definitiv nicht softer werden. Mir scheint jeder macht das und die Leute erwarten, dass man sich etwas entspannt. Ich glaube nicht, dass wir als Band in diesem Stadium sind. Mit all den Veränderungen und den Erlebnissen der letzten zwei Jahre haben wir wirklich viel, worüber wir schreiben können – es gab so viele Versuchungen, so viel Freiheit, so viele Chancen. Es wird also vermutlich ein aggressiveres Album als die davor. Und wie gesagt, musikalisch wollen wir uns dem annähern, was Leute live von uns hören. Kein Livealbum, aber etwas Organischeres. Gerade in den letzten Tagen haben wir entschieden: „Lasst uns nicht die große, glänzende Wall of Sound auffahren, an die sich jeder in den letzten Jahren so gewöhnt hat, lasst es uns auf die Basis reduzieren und den Leuten einfach mit guter Musik die Schuhe ausziehen!“ Mit dem letzten Album haben wir uns zwar etabliert, aber jetzt müssen wir darüber hinwegkommen. Zurzeit haben wir eine Menge Songideen, über die ich mich echt freue. Wir waren über 300 Tage auf Tour, konnten also keine Demos aufnehmen. Alles ist nur provisorisch auf unseren Handys und Computern gespeichert – hier ein Riff, da ein Akkord, dort eine Zeile. Es ist schlichtweg Chaos. Wir werden also etwas Zeit brauchen uns zu organisieren.«

Was machst du als erstes, wenn du von einer langen Tour heimkommst?

»(lacht) Schlafen. Meist kommen wir nach einer langen Fahrt heim und der Bus setzt uns alle ab. Und bevor ich auspacke, gehe ich einfach direkt ins Bett. Ich hole Schlaf nach, bevor ich aufstehe, auspacke und Alltägliches erledige. Was ich zu Hause wirklich gerne tue, ist mit den Jungs Bier trinken zu gehen. Wegen unseres Tourplans habe ich Partys und Alkoholkonsum extrem zurückgefahren. Du kannst heute einfach kein Rockstar-Leben mehr führen, wenn du das Glück hast erfolgreich zu sein, zumindest kann ich das nicht. Ich rufe also die Jungs an, wir gehen in eine unserer Lieblingsbars, hören Musik und trinken was. Nach Hause kommen ist seltsam nach langen Touren. Die Straße ist unser Zuhause und unser richtiges Zuhause ist dann wie Urlaub. Du machst nicht viel Konstruktives. Immerhin bin ich vor kurzem nach Nashville gezogen und habe nun ein kleines Studio in meinem Zuhause. Jetzt kann ich meine Ideen direkt aufnehmen, wenn ich daheim bin.«

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Fotos: Promo