Online-MegazineInterview

SCOTT STAPP

Auf die gerade Bahn

SCOTT STAPP

Charts-Erfolge, volle Hallen und den Rausch des Ruhms hat Scott Stapp genauso erlebt wie Suchtprobleme, Depressionen und Todessehnsucht. Mit seinem neuen Solo-Album „Proof Of Life“ kämpft sich der Musiker zurück auf die gerade Bahn. Uns verrät der Sänger neben Details und Hintergründen zur aktuellen Platte, was ihn aufrichtet und ermutigt, nach vorn zu blicken.

Scott, du bist gerade mit „Proof Of Life“ auf Tour, deinem ersten Solo-Album seit 2005. Wie kam die lange Pause zustande?

»Nachdem ich mit „The Great Divide“ 2006 auf Tour war, arbeitete ich am Nachfolge-Album. 2008 taten sich Creed wieder zusammen, und wir schrieben und nahmen unser viertes Album „Full Circle“ auf, dann gingen wir damit 2012 auf Welttournee. Während dieser Zeit schrieb ich auch mein erstes Buch „Sinner's Creed“. Ich war also sehr beschäftigt mit all den anderen Projekten. Rückblickend bin ich sogar froh über die Verzögerung, denn die Erfahrungen, die Reife und das Leben, das ich zwischen 2005 und 2013 gelebt habe, machten es mir erst möglich, „Proof Of Life“ zu schreiben. Ich hätte diese Platte niemals zu irgendeinem anderen Zeitpunkt meines Lebens schreiben können. «

Inwiefern unterscheidet sich dein Solo-Album von der Musik, die du mit Creed aufgenommen hast?

»Ich bin als Künstler und Songschreiber definitiv gewachsen. In Sachen Leidenschaft und der emotionalen Reise der Musik ist das mein Stil, der mich stets verfolgt, egal, unter welchem Banner ich gerade etwas kreiere. Einer der größten Unterschiede ist, dass ich mir selbst keine Grenzen setzen muss. Ich bin weder akustisch noch stilistisch eingeschränkt und muss keine Kompromisse mit meinen Bandkollegen eingehen. Ich habe alle Freiheiten, neue Dinge zu erforschen und auszuprobieren.«

Du hast im Vorfeld angekündigt, dass du auf Tour jeden einzelnen Song von „Proof Of Life“ spielen wirst. Gibt es Songs, die dir persönlich besonders am Herzen liegen?

»Im Moment spiele ich jeden Abend neun bis zehn Songs von „Proof Of Life“. Ich habe eine wirklich starke Verbindung zu jedem Stück auf der Platte, also könnte ich mir nicht nur einen bestimmten herauspicken.«

„Proof Of Life“ ist ein sehr persönliches Album, besonders, was die Texte angeht. Hilft dir das Songwriting dabei, persönliche Erfahrungen zu verarbeiten?

»Ja, absolut. Songs zu schreiben hilft mir dabei, im Leben weiterzukommen. Es hilft mir dabei, mit meinem Unterbewusstsein in Kontakt zu treten, mit meinen tief verborgenen Gedanken und Gefühlen. Beim Songwriting entdecke ich meine echte Wahrheit und lerne mehr über meinen Seelenzustand. Für mich ist das eine Therapie. Ich wüsste nicht, was ich ohne das Songschreiben überhaupt tun sollte. Das ist meine Verbindung zu Gott und meinem Inneren.«

Würdest du sagen, dass dein Album eine musikalische Ergänzung oder ein Gegenstück zu deiner Autobiografie „Sinner's Creed“ ist?

»Ja, es ist der Soundtrack, die Lösung und das letzte Kapitel - alles in einem.«

Wieso hast du deine Lebensgeschichte – besonders die dunklen Seiten wie Abhängigkeit, Depressionen und Suizidgedanken – der breiten Öffentlichkeit dargelegt? War es nicht schwer für dich, diese Erfahrungen wieder aufleben zu lassen?

»Das war ein absolut notwendiger Prozess, damit ich als Mensch wachsen, mit bestimmten Abschnitten meiner Vergangenheit Frieden schließen und so etwas wie Vergebung entdecken kann. Und damit ich beginnen kann, das notwendige Fundament zu legen, meine inneren Dämonen zu bekämpfen und zu besiegen. Es hat mich dazu befähigt, das Durcheinander in meinem Leben in eine Botschaft zu verwandeln und Dingen, die scheinbar sinnlos waren, einen wirklichen Zweck zu geben. Es war eine Verwandlung.«

Du hast unter anderem offenbart, dass du versucht hast, dich umzubringen. Zum Glück schlugen diese Versuche fehl. Glaubst du, dass du aus einem bestimmten Grund verschont wurdest? Was hat dir die Lebensfreude zurückgegeben?

»Endlich zu lernen, was Liebe wirklich bedeutet, mit meiner Frau Jaclyn. Ihre Liebe hat mich gerettet und mir alle positiven Seiten meines Lebens geschenkt. Sie war das Licht, das mich aus der Dunkelheit geholt hat. Ihre Liebe hat mich getragen, bis ich wieder einen Sinn im Leben gesehen habe. Ich konnte keine Freude ohne Grund empfinden, und Jaclyn hat mich geleitet, damit ich sie wiederfinde.«

Was tust du, um düstere Gedanken und Rückfälle zu bekämpfen?

»Ich versuche, mich darauf zu konzentrieren mein Leben immer einen Tag nach dem anderen zu leben. Jeder Tag ist ein Kampf, wenn du ein Alkoholiker und Abhängiger bist. Das wichtigste und notwendigste Element, damit ich diesen täglichen Kampf gewinnen kann, ist mein geistiger Zustand. Ich werde diese zu 100 Prozent fatale Krankheit niemals allein besiegen können. Ich habe ein Unterstützungssystem, und ich muss mich jeden Tag auf meine Genesung konzentrieren, und anderen, die in der gleichen Situation stecken, dabei helfen, das ebenfalls zu tun. Ein Ausrutscher, und es könnte mein letzter gewesen sein. Dann bin ich tot.«

Auch wenn du im Leben bereits viele harte Zeiten durchstehen musstest, bist du ein gläubiger Christ, was sich auch in deinen Songtexten zeigt. Hast du jemals an deinem Glauben gezweifelt, als es dir schlecht ging?

»Es gab Zeiten, da hatte ich das Gefühl, dass Gott mir den Rücken zugedreht hat. Aber schließlich wurde mir klar, dass ich es war, der sich von Gott abgewandt hatte. Alles, was ich tun musste, war, mich umzudrehen. Gott war immer da und wird es auch immer sein. Gott ist die Liebe, immer. Es gibt nichts, was wir tun können, um uns von dieser Liebe loszulösen. Wir müssen sie nur annehmen. Also: Nein, ich habe nie das Vertrauen in Gott verloren. Ich verlor den Glauben an mich und dachte, dass es Gott genauso gegangen sein muss, aber ich lag falsch. Es war die ganze Zeit mein eigenes Problem.«

Was entgegnest du Menschen, die denken, dass Rockmusik das Werk des Teufels ist?

»Ich habe das Gefühl, dass ihnen einfach das Verständnis fehlt, und dass sie mit einer Meinung leben, die auf einem realitätsfernen und von Menschen gemachten Dogma der Kirche basiert. Die Bibel lehrt uns, dass wir Gott mit fröhlichen Klängen loben sollen, und dass wir Lieder für unseren himmlischen Vater singen sollen. Ich denke, jede andere Einstellung ist vollkommen wirklichkeitsfern und stimmt nicht mit Gottes Wort überein. Wenn jemand keine Rockmusik mag, gut, dann hat er dieses Recht natürlich. Aber dies das Werk des Teufels zu nennen, ist einfach ignorant.«

Wie wurde dein Song 'Jesus Is A Rockstar' von der christlichen Seite und der Seite der Rockmusik und -Medien aufgenommen?

»Er wurde sehr gut aufgenommen, und bisher ist mir noch keine Kritik zu Ohren gekommen.«

Einen anderen Songs namens 'Break Out' hast du gemeinsam mit deinem Sohn Jagger geschrieben. War das eine seltsame Erfahrung für dich?

»Nein, ganz und gar nicht. Jagger hat einen tollen Refrain geschrieben, und als Vater war es fantastisch, durch die Musik meinem Sohn näher zu kommen. Ich hoffe, dass wir noch öfter gemeinsam etwas schreiben werden.«

Es gibt noch ein weiteres Familienmitglied, das zu „Proof Of Life“ etwas beigetragen hat: dein Neffe John Paul Nesheiwat spielt auf der Scheibe Gitarre. Stärkt die Musik deine Beziehung zu deiner Familie, oder ist es eher andersherum?

»Die Musik bringt uns definitiv zusammen, Das ist eine Leidenschaft, die wir als Familie alle teilen und genießen.«

Nach dem US-Teil deiner Tour kommst du nun im April nach Europa. Bist du nervös, wie das Publikum dich hier empfangen wird? Oder freust du dich einfach nur auf die Shows?

»Ich bin sehr aufgeregt und freue mich darauf, nach Europa zu kommen. Es ist schon eine ganze Weile her, dass ich das letzte Mal hier war, und meine Fans haben mich wissen lassen, wie sehr sie sich darauf freuen. Ich glaube, dass es auf der Bühne wirklich knistern wird.«

Danke, dass du dir Zeit genommen hast und viel Erfolg mit der Tour!

 

 

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