Online-MegazineInterview

ALCEST

Angst vor Stimmverlust

ALCEST

Im Interviewabschnitt der Printausgabe (RH # 300) stand die lyrische und musikalische Identität von ALCEST und ihrem Drittwerk „Ley Voyages de l’Âme“ im Mittelpunkt. Da es sich in erster Linie um ein Einmannprojekt mit festem Drummer und Gastmusikern handelt, ist der biographische Hintergrund von Bandgründer und –lenker Neige von besonderer Bedeutung.

Neige, du hast 22 Jahre nahe der einstigen Papststadt Avignon in Südfrankreich gelebt. Folgte deinem Umzug in den Moloch Paris nicht ein Kulturschock?

»Die Großstadt hat viele Vorteile: Es gibt viele Kunstausstellungen und Museen, tolle Restaurants und man kann seine Freunde treffen. Es ist eine sehr aktive Stadt. Aber natürlich misse ich die ländliche Gegend, aus der ich stamme – hier gibt es kaum einen Flecken Natur, abgesehen von einigen Parks. Wahrscheinlich müsste ich dem Trubel mal wieder für einen Monat den Rücken kehren, um neue Inspirationen zu bekommen.«

Wozu angesichts der anstehenden einmonatigen US-Tour erst mal keine Zeit bleibt.

»Ich bin ursprünglich umgezogen, um am Pariser Konservatorium klassische Gitarre zu studieren. Viele Freunde hatten diesen Schritt schon vorher unternommen, ich war einige Jahre recht isoliert in der Heimat, zumal ich keinen Führerschein besitze. Es war an der Zeit für einen Wechsel. Allerdings habe ich das Studium abbrechen müssen, weil ich mit 24 für die Wiederholung einer bestimmten Prüfung zu alt gewesen bin. Ein dummer alter Paragraph, der seit Jahrhunderten in der Prüfungsordnung verankert ist... Die Strukturen hier sind noch sehr konservativ, Metal und Rock finden nur auf Privatschulen und –universitäten statt. Auf staatlichen Institutionen zählt nur klassische Musik, mit Abstrichen vielleicht noch Jazz und Flamenco.«

In einer großartigen Blues-Coverversion bekunden Whitesnake „there ain’t no love in the heart of the city“. Haben sie recht?

»Es kommt darauf an, was sie unter Liebe verstehen. Die Stadt erzählt ständig neue Geschichten, weil hier einfach viel mehr zwischenmenschliche Interaktion besteht. Hier kann alles passieren.«

Der Videoclip zum ersten Albumsong 'Autre Temps' bezieht seine Unschuld gerade aus der überwältigenden Berg- und Waldlandschaft, aber auch von der Familie, die dort zu sehen ist. Sind die beiden Kinder Geschwister, oder stehen sie für eine junge pre-sexuelle Liebe?

»Das ist völlig offen. Sie wirken wie ein ganz junges Paar, so wie man es von den ersten Banden kennt, die man in der frühen Schulzeit zum anderen Geschlecht knüpft. Tatsächlich sind die vier Schauspieler im richtigen Leben eine Familie. Die Geschichte bleibt offen, sie kann vom Wandel der Zeit handeln, für manche repräsentiert sie den Tod, für andere eine Art von Himmel.«

ALCEST repräsentieren deine ureigene Welt. Hättest du gedacht, dass für diese verträumte Musik eine derart immense internationale Live-Nachfrage besteht?

»Absolut nicht, weil ich davon ausgegangen bin, dass Konzertgänger in erster Linie Spaß haben wollen. ALCEST ist alles andere, als Rock 'n' Roll, davon tragen wir nicht ein lausiges Prozent in uns. Die letzten vier Jahre war ich kaum länger als einen Monat daheim. Es ist unglaublich, welche Städte wir besucht haben: Hongkong, Sydney, Los Angeles, Moskau. Wir hatten bereits fünf größere Tourneen und es gab nie größere Probleme, auch wenn wir uns charakterlich sehr voneinander unterscheiden. Die anderen feiern schon gerne, aber ich gebe mich völlig dem Rhythmus meiner inneren Welt hin.«

Drummer Winterhalter und die Session-Musiker interpretieren eben nur deine Werke – so wie es dir bei Lantlôs geht. Würdest du bei einer hypothetischen Tour von ihnen anders aufgelegt sein?

»Oh ja, das wäre ein Traum! Allerdings fürchte ich auf Tour ständig, meine Stimme zu verlieren. Als mit das während eines US-Konzerts mit ALCEST passiert ist, was es einer der schlimmsten Momente in meinem Leben, weil ich so hilflos war. Schlafmangel, Alkohol und Tabakqualm können Faktoren sein. Auch wenn Lantlôs nicht meine Band sind, wäre ich sehr vorsichtig. Aber bei Les Discrets spiele ich nur den Bass, da kann ich erstmalig das Touren genießen.«

Das Cover der limitierten „Autre Temps“-Single zeigt eine weiße Figur, die an die rudimentären Personen auf den letzten Lantlôs-Alben erinnert.

»Das ist purer Zufall, zumal die Artworks von unterschiedlichen Künstlern stammen.«

Haben dich die Reisen und dein Umzug politisiert?

»Paris ist auf Hochglanz poliert, so dass man dort die Probleme des Landes teilweise gar nicht mitbekommt. Allerdings sind es manchmal nur wenige Meter, die einen modischen und modernen Stadtteil von einem trennen, in dem Armut herrscht. Ich interessiere mich für soziale Zusammenhänge, und versuche, auf Tour nicht den Bezug zur Realität zu verlieren. Aber Politik und Wirtschaft sind glücklicherweise nicht mein Job.«

Haben die Reisen mit der Band z.B. dein Interesse an der chinesischen Kultur geweckt?

»Vorher hatte mich eher Japan gereizt, aber wir haben China mit 12 Konzerten wirklich intensiv bereist. Es war überwältigend, diese Kultur kennen zu lernen, in der alles anders ist: Das Essen, das Verhalten der Menschen, die Landschaften und Städte. Früher hat mich das Reisen nie gereizt, aber das Leben mich verändert und ich genieße es.«

Musstet ihr eure Texte vor ab einer Behörde vorlegen und wurdet ihr ermahnt, zwischen den Songs keine politischen Botschaften zu verbreiten?

»Dafür war das Ganze zu undergroundig, wir wurden diesbezüglich nicht durchleuchtet oder gewarnt. Zudem spielen wir keine brutale Musik und verfolgen als Künstler keinerlei politische Ambitionen.«

Ebenso wie du betont Nightwish-Boss Tuomas Holopainen in Interviews immer wieder, dass seine Kindheitserinnerungen die besten seines Lebens sind und er sie mit der Musik lebendig erhalten bzw. freilegen will. Findest du künstlerische Parallelen zwischen euch?

»Nightwish? Das ist nicht die Art von Musik, die ich schätze.«

Da du von der Musik und insbesondere ALCEST lebst, tangieren dich Fragen zum Urheberrecht und zu Produktpiraterie mehr als eine Undergroundband, die ihre 500 Vinylexemplare pressen lässt.

»Ich habe diese Debatten über Acta nicht im Detail verfolgt, aber für mich hat es nichts mit Freiheit zu tun, sich meine Alben ohne zu bezahlen herunterzuladen. Wer wie die Piratenpartei gegen Copyrights eintritt, hat keinen blassen Schimmer davon, wie Alben aufgenommen werden. Man investiert und opfert viel. Egal, ob man wie wir in ein richtiges Studio geht oder daheim im Abstellraum aufnimmt. Kunst sollte nicht gratis sein.«

Hacker haben bereits 2011 das digitale Archiv von Sony Records geplündert. Was würden sie auf deinem Rechner finden?

»Keinen einzigen bislang unbekannten Song, weil ich nicht auf meinem PC aufnehme. Ich habe ein altes Achtspurgerät dafür, bislang war ich technologisch also sehr old school. Ich trage meine Musik in meinem Kopf.«

 

Zum Interviewteil von Ausgabe 300 geht es hier entlang.

Ein weiteres online-exklusives Interview mit Alcest findet ihr hier.

Ein aktuelles Live-Review gibt es hier zu lesen.

www.alcest-music.com
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