Online-MegazineInterview

HARASAI

Alles wird anders

HARASAI aus Essen sind spätestens seit dem Release ihres diesjährigen Longplayers „Psychotic Kingdom“ so etwas wie NRWs-Finest was melodischen Death Metal alter Schule in frische Form gegossen betrifft. Beim Interview mit Fronter/Texter Martin, sowie Gitarrist/Songwriter Yannick bekamen wir es mit einer auskunftsfreudigen, sozialkritischen Band der jüngeren Generation zu tun, die mit sympathischem Selbstvertrauen auch in der nächsten Zeit noch einiges zu reißen im Stande ist.

Harasai - Psychotic KingdomMartin, Yannick, Glückwunsch zu eurem zweiten Album „Psychotic Kingdom“. Es sst insgesamt ziemlich vielseitig ausgefallen. Beim Betrachten des Covers prangt euer Logo wie ein Blitz im Gewitter über einer von einem schwarzen Mond (oder einer schwarzen Sonne? - nein wir bewegen uns nicht in politisch verfänglichem Zusammenhang – ms.) verdunkelten Großstadt. Welche Vorgaben hatte euer Artworkdesigner Sebastin Wagner im Vorfeld?

Martin: »Haha, mit Sicherheit NICHT vor einer schwarzen Sonne. Es ist ein Planet, der sich im Sinkflug auf eine Megacity befindet. Darüber erkennt man ein Gesicht in den Wolken. Viel Spaß beim Suchen von Nase, Mund und Augen! Im Vorfeld der Entstehung schickte ich Sebo das Songmaterial und die Texte dazu, so dass er darauf vorbereitet war, den Vibe der Platte aufzunehmen. Ebenfalls wie das gesamte Album ist auch das Cover in einem zweijährigen work-in-progress-Verfahren entstanden, in dessen Verlauf wir uns immer wieder austauschten, so dass er das Werk nach und nach verfeinern konnte. Konkrete Vorgaben gab es allerdings nicht, da mir sehr daran gelegen war, dass mit freiem Geist etwas Eigenständiges entsteht. Ich finde, ihm ist das sehr gut gelungen und ich könnte mir kein besseres Cover für diese CD vorstellen.«

Lassen sich Rebellion und Tatendrang als Maxime des Albums betrachten?

Martin: »Damit liegst du sicherlich nicht ganz falsch. Als junge Band gehen wir einfach mit der Einstellung an die Sache, völlig ungeachtet aller Trends und Erwartungen der Szene unser Ding durchzuziehen. Wer uns schon ein bisschen länger verfolgt, weiß, dass wir da keine Kompromisse machen und uns niemals angebiedert haben. Wenn man sich viele gleichaltrige Musikerkollegen ansieht, ob jetzt aus der Coreszene oder der Retro-Ecke, ist immer wieder auffällig mit welch teils absurden Praktiken versucht wird zu punkten. Die meisten Bands haben bereits einen Business-Plan bevor sie überhaupt ein Album aufgenommen haben. Musik ist für uns einfach eine Herzensangelegenheit und ich denke, das hört man der Scheibe auch an. Sobald Musik aufhört etwas Persönliches zu sein, ist es eben einfach keine Kunst mehr, sondern nur noch plakatives Entertainment.«

Worum handelt es sich denn bei dem Aufruf „Take the weapons you got by birth“ im Opener 'Resist To Rebuild'?

Martin: »Vereinfacht ausgedrückt: „Bediene dich der größten menschlichen Waffe, deines Verstandes“. Es geht aber um viel mehr. Im Vergleich zum Tier ist der Mensch der Selbstreflexion fähig. Diese Fähigkeit wird den Heranwachsenden in der heutigen Zeit durch die Medien abtrainiert um die Entfremdung des Menschen vom Bewusstsein zu seiner Existenz immer weiter voranzutreiben. Letztlich geht es ja nur noch darum, den Bürger zum bedingungslosen Konsumenten zu erziehen. Ich finde das sehr traurig, es macht mich geradezu wütend. Der betreffende Song 'Resist To Rebuild' soll in diesem Sinne den Mut zu einem Ausbruch aus diesen Mustern vermitteln. Abseits der Indoktrination kann jeder Mensch das Schöne, Wahre und Gute in sich entdecken um so die Welt, und wenn es auch nur die eigene sein mag, in einen besseren Ort zu verwandeln.«

Wie hat es sich ergeben, dass Night-In-Gales-Gitarrist Jens Basten zu selbigem Song ein Gastsolo beigetragen hat?

Martin: »Das ist relativ einfach. Wir sind gute Freunde.«

Was hat eine noch recht junge Band wie euch dazu bewogen, mit dem zweiten Album direkt die Plattenfirma zu wechseln?

Martin: »Auch das ist relativ einfach. Unser erster Vertrag war ziemlich scheiße.«

Eine Frage die nicht ausbleiben kann: Wie sieht denn das besungene „Psychotic Kingdom“ aus? Bei Betrachtung des Titelsongs fällt jedenfalls eine politisch-endzeitliche Farbgebung auf.

Martin: »Das „Psychotic Kingdom“ ist der Ort an dem wir unsere kümmerliche Existenz eines urbanen Daseins fristen. Wir sind umgeben von sozialer Armut und unempfänglich für die Nöte und Sorgen anderer geworden. Es gibt kein Mitleid mehr in den Menschen und demzufolge auch keine wahre, selbstlose Liebe mehr. Wenn wir die Zeitungen aufschlagen, springen uns leere Worthülsen entgegen, deren Zweck es ist Mammon und Materialismus zu absoluten Werten zu erheben. Das Individuum wird dazu gezwungen sich in die emotionale Isolation zu begeben um in diesem Strudel aus Einflüssen nicht unterzugehen. Mich macht das ziemlich verrückt und es spiegelt auch die weltpolitischen Ereignisse der jüngeren Vergangenheit, wie etwa die NSA-Affäre wider. Ich kann nicht verstehen, wie es einem Großteil der Bevölkerung einfach egal sein kann, dass wir mittlerweile in einem globalen Überwachungsstaat leben. Auf 50 vereitelte Terroranschläge kommen 50 Milliarden Einnahmen, die dadurch erzielt werden, dass Konsum geschaffen und gesteuert werden kann. Wer nicht spätestens jetzt schnallt was Sache ist, hat den Knall echt nicht gehört. Gerade eine mit ideologischer Gleichschaltung zum Zwecke kapitalistischer Interessen vertraute Gesellschaft sollte ihren „Führern“ ein wenig genauer auf die Finger schauen.«



Findet demnach die 'I-conception' (so der Titel des Debutalbums – ms.) des Individuums heutzutage noch ihren Platz in seiner/ihrer Welt?

Martin: »Unser persönliches Selbstkonzept ist ein zweischneidiges Schwert. Einerseits übernehmen die Menschen Rollenbilder, die ihnen von den Medien vermittelt werden und geben alles dafür, deren Charakteristiken zu entsprechen. Andererseits schreit niemand als der moderne Digitalbürger mehr nach sogenannter Individualität und Selbstbestimmung. Die meisten Menschen sind der Meinung es genüge ein bestimmtes Getränk zu feiern, etwas bestimmtes zu rauchen oder eine angesagte Band zu hören, um den eigenen Charakter zu entdecken. Auf unserem ersten Album habe ich mich mit diesen Fragen beschäftigt, weil ich als junger Mensch, der gerade aus der Schule kam, einfach nicht wusste, wer ich bin und wohin meine Reise als Person geht. Das war eine mühseliger, Jahre andauernder Prozess, der viel Schweiß, Blut und auch Tränen gekostet hat. Erst die Überwindung des eigenen Egozentrismus und die Reise in die eigenen Abgründe zeigen dir, wer du wirklich bist und nur dann kannst du lernen deine Ziele und Träume richtig zu definieren. Gewissermaßen ist es die Abkehr vom „Was?“ hin zum „Wie?“. Um also deine Frage zu beantworten: Verdammt nochmal ja! Aber bitte richtig. Niemand wird ein besserer Mensch dadurch, überteuerte Jakob-Wolfenstein-Ausrüstung zu kaufen oder Bio-Diesel zu tanken.« 

Martin, im Booklet nennst du unter anderem Theodor W. Adorno und Tomas Lindberg (At The Gates) als Inspiration. Kannst du mehr dazu erzählen?

Martin: »Cool, dass du es dir komplett durchgelesen hast! Im Philosophie-Unterricht in der Oberstufe machte uns unser damaliger Lehrer Herr Bestek mit der „Dialektik der Aufklärung“ vertraut, in der Adorno und Horkheimer den Industrialismus des 19. Jahrhunderts als Grundbedingung für den späteren Holocaust definierten und die Wiederholung dieser Abfolge in anderem Gewand voraussagten. Bis heute beeinflusst mich dieses Buch auf allen Ebenen meines lyrischen Schaffens. Mein Schreibstil für Metaltexte wurde ganz klar von den frühen At-The-Gates-Scheiben beeinflusst. „With Fear I Kiss The Burning Darkness“ beinhaltet für mich die schönsten und zu gleich verstörendsten Metaphern, die im Death Metal je zu Papier gebracht wurden. Es gibt eben keinen anderen Sänger, der dies jemals leidenschaftlicher rüber gebracht hat als Tompa Goatspell.«

Wie sind die bisherigen Meinungen zum episch-ruhigeren Track 'The Art Of The Sun' ausgefallen, der zu großem Teil vom Cleangesang eures Bassisten Arne übernommen wird?

Martin: »In den meisten Reviews wurde dem Song eine gewisse Qualität bescheinigt, was uns wirklich sehr gefreut hat. Eine Ballade zu schreiben, bedeutete für uns eine völlig neue Herangehensweise. Nachdem ich den Text fertig hatte, trafen wir uns und sprachen den Gesang durch, um eventuelle Unwegbarkeiten auszuschließen. Wir haben dann noch bei den Proben und später im Studio ein wenig daran geschraubt bis wir zufrieden waren. Mir ist zudem sehr daran gelegen, dass sich die Stimmung der Texte auch im Gesang widerspiegelt. Ich denke wir werden diese Vermischung der Gesänge in Zukunft häufiger verwenden.«

Die Growls sind über die gesamte Spannweite des Albums vielseitiger geworden und berücksichtigen auch höhere Tonlagen mit Eigenstimme. War das geplant, oder ist es im Studio schlicht so gekommen?

Martin: »Ich würde sagen, dass es eine 50:50 Geschichte ist. Die meisten Songs waren vor den Aufnahmen bereits zu 90% arrangiert, während bei zwei Songs noch bis zuletzt sehr viel experimentiert wurde. Das waren 'The Art Of The Sun' und 'In Circles Forever', weil Arnes Part dort eine nicht unwesentliche Rolle spielt. Ich schreibe die Texte grundsätzlich zur Guitar-Pro-Midi, so dass ich bereits im Vorfeld weiß, was man umsetzen kann. Die Entscheidung welche Tonlage gerade zu welchem Part passt oder ob etwas gedoppelt werden muss, erfolgt zumeist spontan im Studio. Erst wenn man die finale Entstehung eines Tracks involviert ist, kann man entscheiden was genau der Atmosphäre zuträglich ist. Zur Zeit der Aufnahmen hörte ich zudem viel Hardcore und Cradle Of Filth, um neue Inspiration zum Ausbruch aus bekannten Strukturen zu finden.«

Yannick, du bist ja quasi der Hauptsongwriter bei Harasai und wie man lesen konnte auch ein großer Freund von Tab-Programmen wie Guitar Pro. Legst du nur die Gitarrenparts eines Songs fest, oder schreibst du auch fertige Lines für Bass und Schlagzeug?

Yannick: »Ich schreibe in der Tat auch Basslinien und Drums bei Guitar Pro auf, gelegentlich auch Ideen für Gesangslinien. Mir geht es dabei in erster Linie allerdings darum, durch die Tabulatur eine Vorstellung dafür zu bekommen, wie ein Song mit allen Instrumenten aufgenommen bzw. live gespielt klingt. Es ist zwar nur Midi, aber es hilft. Die geschriebenen Parts für die anderen Instrumente betrachte ich dabei aber nicht als festgelegt, so kommt es eben vor, dass Nico einen anderen Beat unter einem bestimmten Riff spielt, was ihm eine ganz andere Note verleiht, oder Arne diverse Bassläufe einfädelt.«

Hat sich eure Leidenschaft für Akustikgitarren in letzter Zeit verstärkt? Immerhin habt ihr eure Videoauskopplung „Three Kings“ auch in instrumentaler Unplugged-Variante eingezockt.

Yannick: »Durchaus! Ein kompositorisches Ziel für die „Psycho Kingdom“ war, im Vergleich zur „I-Conception“, mehr Akustikgitarren einzusetzen. Dazu sei allerdings gesagt, dass ich zur Zeit, als wir die „I-Conception“ geschrieben haben, auch gar keine Akustikgitarre besaß und demnach weniger akustische Elemente ins Songwriting mit einflossen. Für die Aufnahmen haben wir uns dann die Konzertgitarre meines Vaters geliehen, ein wirklich wundervolles Instrument. Die besagte Unplugged-Variante von 'Three Kings' ist jedoch völlig spontan entstanden. Wir hatten am Set nun mal Akustikgitarren und nach dem Dreh noch ein wenig Zeit, haha.«



Welche Meinung habt ihr heutzutage von den großen Vorreitern des Melodeath wie In Flames, Dark Tranquillity oder At The Gates? Setzt ihr eine musikalische Tradition fort, die sonst ausstirbt?

Martin: »Es ging uns nie darum bewusst einen bestimmten Stil blind abzukupfern. Das würde uns keinen Spaß machen. Musik muss unter genau den Umständen entstehen, die dich in deiner eigenen Lebensrealität umgeben. Aber es schmeichelt uns natürlich, wenn Leute da ein kleines Revival des ursprünglichen Melodic-Death-Sounds sehen, der ja im Übrigen auch spätestens 1999 aufhört. Die letzte wirklich innovative Scheibe war das Children-Of-Bodom-Debüt „Something Wild“, auch ein großer Einfluss für uns. Als wir die Band gründeten, war es natürlich unsere Absicht genau diesen skandinavisch beeinflussten Sound zu machen. Ohne „Clayman“ von In Flames würde wohl niemand von uns Heavy Metal hören. Ich sehe es so: Auch die von dir genannten Bands klangen niemals in irgendeiner Form ähnlich. Dieses Göteborg-Label wurde einfach nur von den Medien und der Musikindustrie bis auf den letzten Tropfen ausgequetscht. Das Ergebnis waren Bands, die wie die Kopie der Kopie der Kopie klingen. Insofern fühlen wir uns tatsächlich eher mit den alten Platten verbunden.«

Inzwischen seid ihr ganze sieben Jahre dabei und euer Debüt-Album erschien 2010. Welchen Rat könnt ihr anderen jungen Bands gegenwärtig geben, wie man sich lokal und regional Gehör verschafft und die Motivation nicht versiegt?

Yannick: »Generell sollte man erst mal alles zocken, was man so kriegt, einfach in diversen Jugendzentren in der Gegend anfragen, dort geht meistens immer irgendetwas. Sobald man sich dann in seiner Heimatstadt schon einen Namen erspielt hat, sollte man soviel es geht auswärts spielen, auch wenn mit finanziellen Verlusten zu rechnen ist, die muss man dann eben in Kauf nehmen. Gerade als Band im Ruhrpott hat man es aufgrund der Marktübersättigung im Metal schwer, und Auswärtsgigs sind ein wahrer Segen. Wenn man dann in neuen Gegenden auf ein begeistertes Publikum stößt, ist das unglaublich motivierend. Und natürlich sollte man viel schreiben und sich Geld für einen Studioaufenthalt ansparen. Man sollte jedoch nicht mit der Absicht, oder der Erwartung, sofort von einem großen Label gesignt zu werden, ein Album releasen. Das klappt nur in seltenen Fällen, und ich denke, ehrlich erspielter Erfolg ist auch langfristiger, wenn ihn dann mal hat. Immer kleine, aber stetige Schritte machen, so hält bei uns die Motivation und Leidenschaft jedenfalls bis heute noch an und ist so groß wie nie zuvor.«

Seid ihr parallel noch in andere Bands oder Projekte involviert?

Yannick: »Also ich nicht, Harasai reicht mir, haha! Wenn ich noch andere Bands hätte, könnte ich zwangsläufig einfach nicht dieselbe Energie in Harasai stecken, und weniger als 100% will ich nun mal nicht geben. Nico ist vor einiger Zeit aus seiner Zweitband Diaroe, wo er Bass spielte ausgestiegen, um sich ebenfalls mehr auf Harasai zu konzentrieren. Martin singt nebenbei noch bei der Band Absence und Arne hat noch die Rockband The Bratwurst am Start.«

Blick in die nahe Zukunft: Ein paar Livegigs stehen in den Sommermonaten noch aus. Steht dann eine Pause an, oder habt ihr bereits neue Pläne und Songs parat?

Martin: »Wir haben jetzt schon einige Sommer Open Airs abgerissen. Am 27. Juli spielen wir noch auf dem Nord Open Air in Essen zusammen mit Evocation, Suidakra, Alpha Tiger und vielen weiteren Bands. Darauf freuen wir uns ganz besonders, da es im Herzen unserer Heimatstadt ist und wir wahrscheinlich vor sehr vielen alten Freunden und Weggefährten spielen werden. Ansonsten wird gerade über eine Tour im Herbst gesprochen, wozu ich allerdings noch nicht mehr sagen kann. Neue Songideen existieren auch. Wir arbeiten im Moment am Konzept für das nächste Album und wollen nächsten Sommer erstmal eine EP in einem niederländischen Analog Studio aufnehmen. Eines ist auf jeden Fall sicher: Es wird mal wieder anders.«